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15.5.58

Gigi (Vincente Minnelli, 1958)

Gigi

Paris um 1900: Gigi (Leslie Caron), ein knuspriger Backfisch, wird, der familiären Tradition folgend, zur Luxuskokotte herangebildet; am Ende triumphiert die wahre Liebe über die Ware Liebe. Die dünne Story aus der Abenddämmerung der Belle Époque liefert dem Hollywood des ausgehenden golden age noch einmal den Vorwand, die große Illusionsmaschine anzuwerfen. Vincente Minnelli zeigt sich dabei weniger an seinen Figuren, ihren Hoffnungen und Zweifeln, ihrer Melancholie und Leidenschaft interessiert, als am Eintauchen in die Magie des Kinos selbst. »Gigi« schwelgt in Cecil Beatons opulenter Neuerschaffung von Interieurs und Kostümen der Jahrhundertwende, in den musikalischen Kreationen von Lerner und Loewe, in der Beschwörung von zweckfreier Schönheit und zeitloser Heiterkeit. Freilich sind auch die Zeichen von Ermüdung am Ende der Ära nicht zu übersehen: die Inszenierung bleibt weitgehend statisch, sie gleicht weniger einem schäumenden Fluß von Bewegung denn einer Abfolge von exquisiten Illustrationen. Das Lächeln scheint immer wieder zu gefrieren, ganz so, als würde der kühle Hauch des Abschieds durch das Luftschloß wehen. Maurice Chevalier singt und spielt einen vitalen Lustgreis (»Thank heaven for little girls!«), Louis Jourdan einen gelangweilten Lebemann (»It’s a bore!«), Hermione Gingold eine zielbewußte Matriarchin (»Gigi, you are absurd! / Now not another word!«).

R Vincente Minnelli B Alan Jay Lerner V Colette K Joseph Ruttenberg M Frederick Loewe A Cecil Beaton S Adrienne Fazan P Arthur Freed D Leslie Caron, Maurice Chevalier, Louis Jourdan, Hermione Gingold, Eva Gabor | USA | 115 min | 1:2,35 | f | 15. Mai 1958

20.1.54

Le blé en herbe (Claude Autant-Lara, 1954)

Erwachende Herzen

Es beginnt wie ein munterer Ferienfilm à la Jacques Tati: Ein sommerlicher Strand. Familien (die Garderobe verrät, daß »Le blé en herbe« in den 1920er Jahren spielt) sitzen in der Sonne. Kleine Waisenmädchen marschieren unter der Fuchtel gestrenger Erzieherinnen zum jährlichen Badespaß. Ein Strandkino wird (von Louis de Funès!) aufgebaut. Plötzlich zieht ein Sturm herauf. Hüte wirbeln durch die Luft. Drachen machen sich selbständig. Die Kinoleinwand bricht über dem Piano zusammen. Wellen schlagen hoch. Ein junger Mann kentert mit seinem Ruderboot, ruft panisch um Hilfe, säuft fast ab, kann sich gerade noch (splitterfasernackt) ans Ufer retten – mit einem herrenlosen Strohhut bedeckt er seine Blöße und eilt davon… Der schroffe Wechsel der Tonlage von heiter-skurril zu dramatisch-existenziell (und wieder zurück) antizipiert die ambivalente Stimmungslage der folgenden Erzählung um Aufbruch und Verlust nach einem (Entwicklungs- und Dreiecks-) Roman der Colette. Phil (der Ruderer) und Vinca, er 16, sie 15, verbringen seit ihrer Kindheit den Sommer gemeinsam (mit ihren jeweiligen Familien) in der Bretagne – aber: ihr vormalig geschwisterliches Verhältnis funktioniert nicht mehr, hat sich zu einer komplizierten Beziehung zwischen verwirrter Abstoßung und neckischer Anziehung, zwischen erbittertem Streit und verlangender Zärtlichkeit gewandelt. Sind sie ein Paar? Wollen sie überhaupt eines sein? Bevor es zur Entscheidung kommt, erlebt Phil eine Affäre mit einer belustigt-sehn­suchtsvollen Dame in Weiß (Edwige Feuillère), die seine Mutter sein könnte, die hinter sich hat, was ›Philévinca‹ noch vor sich haben, die für einen kurzen glücklichen Moment den zarten Hauch des längst Verlorenen atmen möchte. Am Ende der Ferien ist auch der – von Claude Autant-Lara diskret (und doch deutlich genug) in Szene gesetzte – Film zu Ende. Das Sommerhaus wird verriegelt. Phil und Vinca stehen, Hand in Hand, am nun schon herbstlich grauen Meer. Sie sind älter geworden.

R Claude Autant-Lara B Jean Aurenche, Pierre Bost, Claude Autant-Lara V Colette K Robert Lefebvre M René Cloërec A Max Douy S Madeleine Gug P Louis Wipf D Edwige Feuillère, Pierre-Michel Beck, Nicole Berger, Renée Devillers, Charles Dechamps | F | 106 min | 1:1,37 | sw | 20. Januar 1954