Das Geheimnis der grünen Stecknadel
»Was habt ihr mit Solange gemacht?« Ein Rendezvous auf der Themse, ein Boot zwischen im Wasser hängenden Zweigen, ein schreiendes Mädchen im Ufergebüsch, ein aufgerissenes Auge, ein blitzendes Messer zwischen weiblichen Schenkeln. Später: das Röntgenbild eines Unterleibes, in dem die Mordwaffe steckt … Massimo Dallamano zeigt nichts und zeigt alles, zeigt die Beziehung von Rache und Verzweiflung, die Nähe von Sehen und Sterben, zeigt nackte Angst, hoffnungslose Gewalt, unumkehrbare Zerstörung: »Was habt ihr mit Solange gemacht?« Ein später Edgar-Wallace-Krimi, ein melancholischer Giallo – Klavierklänge, tröpfelnd wie Regen, schneidende Streicher, wehmütige Frauenstimmen (Musik: Ennio Morricone) … Im Zentrum des Verbrechens: eine katholische Mädchenschule – kindlicher Glauben und begieriges Wissenwollen und todbringende Erkenntnis. Ein geheimer Club und ein falscher Priester, ein Vater und seine Tochter, Genuß und Reue, Freundschaft und Panik, Liebe und Horror, die vergebliche Suche nach der verlorenen Unschuld und die brutale Wiederkehr des Verdrängten: »Was habt ihr mit Solange gemacht?«
R Massimo Dallamano B Massimo Dallamano, Bruno Di Geronimo, Peter M. Thouet V Edgar Wallace K Aristide Massaccesi (= Joe D’Amato) M Ennio Morricone A Gastone Carsetti S Antonio Siciliano, Clarissa Ambach P Leo Pescarolo, Horst Wendlandt D Fabio Testi, Joachim Fuchsberger, Christine Galbo, Karin Baal, Günther Stoll | I & BRD | 103 min | 1:2,35 | f | 9. März 1972
# 800 | 16. November 2013
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9.3.72
24.4.70
Dorian Gray (Massimo Dallamano, 1970)
Das Bildnis des Dorian Gray
Auf faszinierend dilettantenhafte Weise verhunzt, schwankt Massimo Dallamanos Oscar-Wilde-Adaption gestalterisch zwischen Wegwerf-Melodram und Schuljungen-Report, aufgedonnert mit ein paar linkischen Giallo-Einsprengseln. Wo die Vorlage Themen wie Jugend(wahn) und Schönheit(skult), Selbstliebe und Hedonismus, Amoralität und Dekadenz mit intellektuell-ironischer Verfeinerung verhandelt, schildert die Verfilmung, die die snobistisch-schauerromantischen Fin-de-siècle-Erzählung ins hip-hysterische Twiggy-Carnaby-Blowup-London der späten 1960er Jahre verlegt, lediglich einen sensationellen Fall (Bildnis altert! Abgebildeter bleibt frisch!) im veräußerlichten Darstellungsmodus einer grobgestrickten Illustrierten-Kolportage. Aber vielleicht liegt gerade in der Schäbigkeit der Bearbeitung ihre ungewollte (sogar weitblickende) Qualität: Inszenierung und Bilder, Ausstattung und Kostüme sind so unglaublich geschmacklos, daß Helmut Bergers (≈ Dorian Grays) idealische Wohlgestalt um so glanzvoller – und trügerischer – erstrahlt. Die ewige Attraktion des maßlosen und grausamen Protagonisten wird zum enthüllenden Spiegel der ihn allenthalben umgebenden konsumistischen Gemeinheit; die Perpetuierung der Ästhetik um jeden Preis erweist sich als (dämonisches) Äquivalent eines unaufhaltsamen gesellschaftlichen und sittlichen Zerfalls.
R Massimo Dallamano B Marcello Coscia, Massimo Dallamano, Günter Ebert V Oscar Wilde K Otello Spila M Peppino de Luca, Carlo Pes S Leo Jahn, Nicholas Wentworth P Harry Alan Towers D Helmut Berger, Richard Todd, Herbert Lom, Marie Liljedahl, Isa Miranda | UK & I & BRD | 93 min | 1:1,66 | f | 24. April 1970
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