17.3.61

Flucht nach Berlin (Will Tremper, 1961)

»Die deutsche Not« heißt ein Buch, in dem die Schriftstellerin Erika von Hornstein im Jahre 1960 Dutzende Biographien von DDR-Flüchtlingen vereint – eine einmalige Sammlung von Selbstaussagen, die ein eindringlich-differenziertes Bild vom Leben, besser gesagt: vom Nicht-mehr-leben-Können in der sogenannten »Zone« zeichnen. Zur gleichen Zeit, kurz vor dem Bau der Berliner Mauer, die das letzte Schlupfloch von Ost nach West verschließen wird, schleudert der flinke Dreigroschenreporter (»Deutschland, deine Sternchen«) und gegenwartsnahe Szenarist (»Die Halbstarken«) Will Tremper sein Regiedebüt auf die Leinwand, thematisiert darin (als einer der ganz wenigen Kinomacher seiner Zeit) die millionenfache Wanderung von einem Deutschland ins andere. Er tut dies anhand zweier, miteinander unselig verflochtener, Einzelschicksale: Bauer Güden (Narziss Sokatscheff) verweigert den Eintritt in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft seines Dorfes und haut ab; Genosse Baade (Christian Doermer), SED-Agitator der (Zwangs-)Kollektivierung, gerät wegen Güdens Flucht ins politische Zwielicht und setzt dem Abtrünnigen nach. Die dramatische Jagd führt – entlang von Autobahnen und Schienensträngen – ins undurchdringliche, beinahe mystisch wirkende Schilfdickicht am Berliner Grenzfluß Havel, wo es zum finalen Zweikampf kommt … Autorenfilmer Tremper, das ist sein Defizit und seine Stärke zugleich, schematisiert statt zu nuancieren, spitzt zu statt zu vertiefen, motzt auf statt abzuwägen; während (≈ indem) er wie eine Dampfwalze über den Acker der Geschichte schnauft, richtet er sein Augenmerk gleichermaßen auf ideologische Verblendung und opportunistisches Duckmäusertum, auf blinden Eigennutz und wohlstandssatten Stumpfsinn, kurz: auf das nationale Unglück, also: auf die deutsche Not. PS: »Es lebe die Freiheit!«

R Will Tremper B Will Tremper K Günter Haase, Gerd von Bonin M Peter Thomas S Will Tremper P Will Tremper, Michael Schwabacher D Christian Doermer, Narziss Sokatscheff, Susanne Korda | BRD | 103 min | 1:1,66 | sw | 17. März 1961

Kommentare:

  1. Es ist wohl bezeichnend: Will Tremper ist mir als Name ein Begriff; dass er so knapp vor dem Bau der Mauer ein mehr als dringendes Thema verfilmte, wusste ich nicht. War der Film eigentlich ein Erfolg oder erreichte ihn ein ähnliches Schicksal wie Billy Wilder's Meisterwerk?

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  2. In Deutschland war der Film kein Erfolg, obwohl er noch vor dem Mauerbau ins Kino gelangte. Nach Trempers eigenen Aussagen lief er auswärts zum Teil recht gut – zum Beispiel in der Schweiz :)

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  3. Er war zwar vielleicht kein kommerzieller Erfolg, aber immerhin gab es Bundesfilmpreise für Christian Doermer und Peter Thomas.

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  4. Das erstaunt mich - wenn ich bedenke, was in der Schweiz damals für Filme produziert wurden. Vielleicht war es reine Schadenfreude? Oder die Flucht vor der eigenen Vergangenheit?

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