1.6.73

Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow (Siegfried Kühn, 1973)

»Was ist Klassenkampf?« – »Daß die Gleise in Ordnung sind und daß der Zug pünktlich fährt.« 57 Jahre alt ist Friedrich Wilhelm Georg Platow, 34 davon hat er als Schrankenwärter auf dem Bahnhof Luege verbracht. Die »Elektronifizierung« der Strecke beendet Platows beschauliches Leben, und der verschrobene Fahrdienstleiter beginnt – »auf ziemlich beispiellose Weise« – ein neues … Nach einem Drehbuch des Brecht-Adepten Helmut Baierl erzählt Siegfried Kühn eine tragikomische Antiheldensage aus den Wirren der wissenschaftlich-technischen Revolution, die den Protagonisten mit den Herausforderungen der »modernen Zeiten« (Fortschritt, Rationalisierung, Technokratie) konfrontiert. Durch die couragierte Zergliederung der dargelegten Biographie in gestalterisch disparate Kapitel (mit den Titeln »Lebenslauf«, »Testament«, »Tagebuch«, »Feuilleton«, »Reportage«), durch die eigentümliche Historisierung der Gegenwart (»die siebziger Jahre unseres Jahrhunderts«), durch das stellenweise groteske Spiel der Darsteller wird das gesellschaftlich brisante Thema satirisch überhöht und recht elegant der politischen Phraseologie entzogen. Platow, gleichsam eine spöttische Dekonstruktion der sozialistischen Arbeiterpersönlichkeit, ignoriert auf seine eigene kauzige Weise die an ihn gestellten Ansprüche und schafft es dabei dennoch, sich zu »qualifizieren« – als Eisenbahner, vor allem aber als Mensch.

R Siegfried Kühn B Helmut Baierl, Siegfried Kühn K Roland Dressel M Hans Jürgen Wenzel A Georg Wratsch S Brigitte Krex P Herbert Ehler D Fritz Marquardt, Jürgen Holtz, Gisela Hess, Volkmar Kleinert, Hermann Beyer, Rolf Hoppe | DDR | 90 min | 1:1,66 | f & sw | 1. Juni 1973

# 977 | 9. November 2015

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