26.3.75

Les innocents aux mains sales (Claude Chabrol, 1975)

Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen

Sie solle nicht vergessen, sagt, kurz vor Schluß des Films, der alerte Rechtsanwalt Légal (!) (Jean Rochefort) zu seiner Mandantin Julie Wormser (Romy Schneider), daß sie in einer Männerwelt lebe, mit Gesetzen, die von Männern für Männer gemacht wurden. Was dies bedeutet, hat Julie erlebt, in einem bizarren Psychothriller, der die Noir-Implikationen der klassischen Konstellation »reicher Mann – schöne Ehefrau – junger Liebhaber« als manieristische Travestie variiert. Claude Chabrol zeigt seine Protagonistin (im übrigen die buchstäblich einzige Frau in der Erzählung), Gattin eines aufs luxuriöse Altenteil retirierten Unternehmers und impotenten (?) Alkoholikers (Rod Steiger), schwankend zwischen skrupelloser Ungerührtheit und lähmender Verstörung, als vermeintliche Femme fatale, die auch dann, wenn sie glaubt, selbstbestimmt zu handeln, nur Spielball männlicher Machenschaften ist. Studierte er eine ähnliche Versuchsanordnung in seinem Meisterwerk »Le femme infidèle« mit beherrschter Subtilität, verbindet Chabrol in diesem Fall fantastische Handlungsumschwünge und schräge Schauereffekte, artifizielle Mittelmeerkulissen und nachtschwarzen Humor zu einem kriminalistischen (Geschlechter-)Soziogramm der exzentrischen Art.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol V Richard Neely K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Génovès D Romy Schneider, Rod Steiger, François Maistre, Jean Rochefort, Hans Christian Blech | F & I & BRD | 120 min | 1:1,66 | f | 26. März 1975

# 1109 | 10. Mai 2018

19.3.75

Tommy (Ken Russell, 1975)

Tommy

»See me, / feel me, / touch me, / heal me.« Krauses Pop-Passionspiel, das als »Rock Opera« firmiert: Der kleine Tommy Walker muß den Totschlag des unerwartet aus dem Krieg heimkehrenden Vaters durch Mutter (Ann-Margret) und deren Lover (Oliver Reed) miterleben; zum Nichtsgesehenhaben, Nichtsgehörthaben und Nichtssagen verdonnert, flüchtet der Junge mit kindlicher Konsequenz in weltvergessene Blind-, Taub- und Stummheit. Von Verwandten mißbraucht, von Kurpfuschern malträtiert, reift Tommy zum Manne (jesuslockig: Roger Daltrey) – und stößt unverhofft auf ein außerordentliches, tief in ihm schlummerndes Talent: Als autistischer Flipper-Star erobert er den Beifall, nach schockartiger Genesung auch die Seelen der heilsbedürftigen (All-)Gemeinheit – für einen kurzen Moment jedenfalls … Die christlichen Bezüge des »The Who«-Stücks sind so markant (und so durchsichtig) wie die satirischen Vergleiche von Gottesreich und Kulturindustrie. Ken Russell läßt mit »Tommy« eine disparate Nummernrevue (deftige Soli von Eric Clapton, Tina Turner, Elton John, Jack Nicholson und anderen) über die glitzernde Bühne gehen, die sich keinerlei formale Zügel auferlegt, die soziale Analyse zugunsten des visuellen Kicks jederzeit hintanstellt, die ihre Kritik an der Veräußerlichung von Befähigung, von Menschlichkeit, von Liebe in einem hektischen, grotesken, aufmerksamkeitsheischenden Bilderschwall selbst radikal veräußerlicht.

R Ken Russell B Ken Russell V Pete Townshend K Dick Bush, Ronnie Taylor M The Who A John Clark S Stuart Baird P Ken Russell, Robert Stigwood D Roger Daltrey, Ann-Margret, Oliver Reed, Elton John, Tina Turner | UK | 111 min | 1:1,85 | f | 19. März 1975

14.3.75

Falsche Bewegung (Wim Wenders, 1975)

Ein junger Mann will Schriftsteller werden. Seine Mutter schickt ihn auf eine Reise, damit er etwas erlebe und – vielleicht – sich selber entdecke. Unterwegs trifft er einen mundharmonikaspielenden Alten und ein stummes Mädchen, eine ätherische Schauspielerin und einen beleibten Poeten, einen traurigen Industriellen und, tatsächlich, sich selbst: einen, der schreiben will, ohne zu wissen worüber, der lieben will, ohne zu wissen wen, der teilhaben möchte, ohne dabeizusein … Wim Wenders, der filmen will, ohne zu erzählen, läßt sich von Peter Handke aus Goethes Bildungsroman »Wilhelm Meisters Lehrjahre« 100 bundesrepublikanische Minuten destillieren, ergeht sich in romantischem Weltschmerz und beziehungsängstlicher Seelenqual, in poetisierter Vergangenheitsbewältigung und zeitgeistiger Befindlichkeit. Integrales Moment der Gefühlsforschungsfahrt ist die Sicht auf das per Bahn und Auto durchquerte Terrain: (West-)Deutschland von Glückstadt im Norden bis zur Zugspitze im Süden, dazwischen Hamburg, Bonn, Frankfurt. Wenders, das ist zu spüren, möchte auf dieses Deutschland mit deutschen Augen sehen, so wie Ford als Amerikaner auf Amerika sah, oder Ozu als Japaner auf Japan. Dennoch entsteht der Eindruck, als läge eine gewisse Trauer in der Erkenntnis, daß der Blick nicht auf das Monument Valley oder in eine Tokioter Seitenstraße fällt, sondern auf die Norddeutsche Tiefebene und in das enge Rheintal, in winklige Gäßchen und auf trostlose Schlafstädte. Selbst das freie Panorama über sonnige Alpengipfel, das sich dem Wanderer am Ende der Reise bietet, kann als Bild der Versäumnis interpretiert werden, als zufälliger Schlußpunkt einer »falschen Bewegung«. In ebendieser (von Larmoyanz nicht immer zu unterscheidenden) Trauer über die eigene, unbefriedigende, als aufgenötigt empfundene Identität ist vermutlich das »Deutsche« des Films zu suchen und – vielleicht – zu finden.

R Wim Wenders B Peter Handke V Johann Wolfgang von Goethe K Robby Müller M Jürgen Knieper A Heidi Lüdi S Peter Przygodda P Bernd Eichinger, Peter Genée D Rüdiger Vogler, Hanna Schygulla, Hans-Christian-Blech, Nastassja Kinski, Peter Kern | BRD | 104 min | 1:1,66 | f | 14. März 1975

7.3.75

Serkalo (Andrei Tarkowski, 1975)

Der Spiegel

Bewußtseinsstrom? Privatmythologie? Reflexion? Mystizismus? Der Wald. Das Wasser. Der Wind. Das Zimmer. Das Buch. Die Kunst. Frauen mit Dutt, die in die Landschaft sehen. Scheunen, die im Regen brennen. Gedichte, die durch die Räume der Erinnerung schweben. Mütter, die wie Ehefrauen aussehen, die wie Mütter aussehen, die wie Ehefrauen aussehen. Väter, die Söhne zurücklassen, die zu Vätern werden, die Söhne zurücklassen. Söhne, die stottern, und die sich als Männer mit ihren Frauen streiten, und die sich irgendwann zum Sterben legen und dann an ihre Mütter denken, die in die Landschaft sehen, und an ihre Väter, von denen sie zurückgelassen wurden. Das Rad, es dreht sich, es dreht sich immer im selben Matsch, im Matsch der großen Geschichte, durch die sich das Schicksal des Einzelnen (des Vereinzelten) quält: durch allgegenwärtigen Krieg und durch die bodenlose Angst unter den starren Augen jener, deren Name nicht genannt werden darf, durch den Strom der aufgehetzten Massen und durch die Drohung mit endgültiger Vernichtung. Und das Innere, das Ich ist ein Spiegel des Äußeren, der Welt, und das Äußere, die Welt ist ein Spiegel des Inneren, des Ichs, und das Leben ist ein Sprung in den Brunnen der Zeit, und die Zeit steht still in der Ewigkeit der Schöpfung, und sie rast durch Grotten, die kein Mensch ersann, zum sonnenlosen Meer, und die Seele ist ein Gespinst von Reminiszenzen und Träumen, von Phantasien und Illusionen, und der Glaube ist ein Kelch auf einem Tisch, und die Liebe ist eine Frau mit einem Kind, und die Hoffnung ist ein Vogel, der auffliegt aus einer Hand. Bewußtseinsstrom. Privatmythologie. Reflexion. Mystizismus. Tarkowski.

R Andrei Tarkowski B Andrei Tarkowski, Alexander Mischarin, Arseni Tarkowski (Gedichte) K Georgi Rerberg M diverse A Nikolai Dwigubski S Ljudmila Feiginowa P Mosfilm D Margarita Terechowa, Ignat Danilzew, Larissa Tarkowskaja, Anatoli Solonizin, Oleg Jankowski | SU | 108 min | 1:1,37 | sw & f | 7. März 1975

18.2.75

Professione: reporter (Michelangelo Antonioni, 1975)

Beruf: Reporter

»People disappear every day.« – »Every time they leave the room.« Die Handlung des Thrillers, behauptet Georg Seeßlen, sei eine umgekehrte Form der Befreiung, eine Befreiung, die erzwungen wird. Michelangelo Antonioni verfolgt in seiner Polit- und Paranoia-Thriller-Variation einen anderen Ansatz: nicht die Befreiung des Protagonisten wird erzwungen, sondern die Unmöglichkeit der Befreiung konstatiert. Der britische Journalist David Locke (Jack Nicholson), in der Sahara auf der glücklosen Jagd nach einer Story über den Kampf zwischen Rebellen und Regierungstruppen, nutzt die Gelegenheit, seiner ungeliebten Existenz zu entfliehen, indem er die Identität eines plötzlich verstorbenen Hotelnachbarn annimmt und Hinweisen im Taschenkalender des Mannes folgt, der, wie sich alsbald zeigt, als Waffenhändler im Auftrag der Freischärler tätig war. Antonioni und sein Autor Mark Peploe verarbeiten, freilich in beklemmender Zerdehnung, die klassischen Zutaten des Genres – illegale Geschäfte, verschwörerische Machenschaften, konspirative Treffen, heimliche Verfolgung –, und der Hauch einer Erinnerung an Alfred Hitchcocks »North by Northwest« schwebt über Lockes Nachforschung, Flucht, Passage, die ihn, in Begleitung einer mysteriösen Frau ohne Namen (Maria Schneider), aus der nordafrikanischen Wüste, über London, München und Barcelona, in ein karstiges Andalusien führt, das dem Ausgangspunkt dieser Reise ans Ende des Tages auf blendend-unheimliche Weise ähnelt. Weglaufen endet im Nichts, ein anderes Selbst bietet keine anderen Möglichkeiten, die Lösung eines Rätsel liegt jederzeit und allerorts in gleich weiter Ferne, so aussichtslos wie Befreiung erscheinen Erkenntnis und Verständigung: »Your question are much more revealing about yourself than my answer would be about me.«

R Michelangelo Antonioni B Mark Peploe, Michelangelo Antonioni, Peter Wollen K Luciano Tovoli A Piero Poletto S Michelangelo Antonioni, Franco Arcalli P Carlo Ponti D Jack Nicholson, Maria Schneider, Jenny Runacre, Ian Hendry, Stephen Berkoff | I & F & E | 126 min | 1:1,85 | f | 18. Februar 1975

# 1155 | 10. April 2019

12.2.75

L’important c’est d’aimer (Andrzej Zulawski, 1975)

Nachtblende

Durch die Nacht mit Romy, Jacques, Klaus, Fabio und den anderen. Sie alle stehen an der Endhaltestelle ihres Lebens und warten auf den Bus, der sie irgendwohin bringt: zurück, nach Hause, weg. Wichtig sei es zu lieben, meint höhnisch der Originaltitel des Films, der nur eines zeigt: verzweifelte Menschen, die unfähig sind, anderen zu sagen: »Je t’aime« – wohl vor allem deshalb, weil sie sich selber (nicht ganz ohne Grund) zutiefst verabscheuen. »L’important c’est d’aimer« spielt unter eitlen, gebrochenen, blockierten Künstlern in einer Welt, die sich nur für Haut, Fleisch und Tränen interessiert. Kaum je wurde der Warencharakter der Gefühle so unerbittlich thematisiert (und exploitiert) wie von Andrzej Zulawski; selten haben sich Akteure so restlos entblößt wie vor Ricardo Aronovichs pervers ungnädiger Kamera. Wenn Romy (als abgehalfterte Schauspielerin) sich ganz am Ende (in einem sarkastischen Zirkelschluß zum ekelhaften Anfang (»Sens-le! Sens-le!«) des Films) über den halbtot geschlagenen Fabio beugt und ihm endlich, endlich die – sie und ihn – (vielleicht) erlösenden Worte zuflüstert, macht es schnipp, und die Qual hat (zumindest für den Zuschauer) ein (vorläufiges) Ende. Ouf!

R Andrzej Zulawski B Andrzej Zulawski, Christopher Frank V Christopher Frank K Ricardo Aronovich M Georges Delerue A Jean-Pierre Kohut-Svelko S Christiane Lack P Albina du Boisrouvray D Romy Schneider, Jacques Dutronc, Klaus Kinski, Fabio Testi, Claude Dauphin | F & I & BRD | 109 min | 1:1,66 | f | 12. Februar 1975

19.12.74

The Man with the Golden Gun (Guy Hamilton, 1974)

James Bond 007 – Der Mann mit dem goldenen Colt 

Es gibt ein paar schöne Sets – etwa die Hongkonger MI6-Dependance im halbversunkenen Wrack der ›Queen Elizabeth‹ oder der caligareske Trainingsraum des schießwütigen Schurken. Auch Christopher Lee als (fast) immer zielsicherer bad guy Scaramanga macht starken Eindruck. Der böse Zwerg (Hervé Villechaize) hat ein paar denkwürdige Auftritte. Selbst der Verzicht auf Martinis, die weitgehende Abwesenheit von ironischer Distanz und die arg forcierte Misogynie mögen angehen.  Aber Guy Hamiltons außerhalb der Actionsequenzen doch recht gelangweilte Regie und vor allem die erstaunlich stimmungslose Kameraarbeit mindern das Vergnügen an »The Man with the Golden Gun« ganz erheblich.

R Guy Hamilton B Richard Maibaum, Tom Mankiewicz V Ian Fleming K Ted Moore, Oswald Morris M John Barry A Peter Murton S Raymond Poulton, John Shirley P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D Roger Moore, Christopher Lee, Britt Ekland, Maud Adams, Hervé Villechaize | UK | 125 min | 1:1,85 | f | 19. Dezember 1974

18.12.74

In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod (Alexander Kluge & Edgar Reitz, 1974)

»Ich habe eine gewisse Übersicht. Die Lage ist hochkompliziert.« Eine mittlere Großstadt in der Bundesrepublik Deutschland. Der Ort heißt Frankfurt und hat gesellschaftlichen Modellcharakter. Die Verhältnisse sind mit einer kohärenten Erzählung nicht zu fassen. Die Zusammenhänge liegen in den Widersprüchen. Alexander Kluge und Edgar Reitz erzählen die Geschichte einer Beischlafdiebin, die um die Defizite männlicher Versprechungen weiß, sowie die Geschichte einer östlichen Geheimagentin, die – anstatt sogenannte Staatsgeheimnisse auszuspähen (welche man genauso gut im Wirtschaftsteil der FAZ nachlesen könne) – mit ihren Mikrofonen und Kameras die konkrete Wirklichkeit untersucht; sie ist der festen Überzeugung, daß dort die wahren Geheimnisse liegen. Auch Kluge und Reitz studieren die konkrete Wirklichkeit: Karnevalssitzungen und Häuserräumungen, Tagungen von Astronomen und jungen Unternehmern, Polizeieinsätze und Parteiversammlungen. Es ist »die Sprechweise öffentlicher Ereignisse«, die im Mittelpunkt ihres Interesses steht: das blasierte Geschwätz eines Bundestagsabgeordneten, die technokratischen Rechtfertigungen eines Polizeipräsidenten vor seinen Genossen, die Streikdiskussion von Opernangestellten, die papierdeutschen Erklärungen eines Abbruchunternehmers. »Gefühle zählen nicht, Fakten zählen«, sagt ein unzufriedener Führungsoffizier zu der Agentin, die sich in Lyrismen ergehe, anstatt Handfestes zu liefern. Kluge und Reitz versuchen, die Gefühlstiefe des Faktischen auszuloten. »Gibt es ein Leben vor dem Tod?« fragt ein Graffiti in einem besetzten Abrißhaus im Frankfurter Westend. Der Film kennt keine Antwort, bringt aber eine Überlegung von Karl Marx ins Spiel: »Man muß den versteinerten Dingen ihre eigene Melodie vorspielen, um sie zum Tanzen zu bringen.«

R Alexander Kluge, Edgar Reitz B Alexander Kluge, Edgar Reitz K Edgar Reitz, Alfred Hürmer, Günter Hörmann M diverse S Beate Mainka-Jellinghaus P Alexander Kluge, Edgar Reitz D Dagmar Bödderich, Jutta Winkelmann, Alfred Edel, Kurt Jürgens, André Mozart | BRD | 90 min | 1:1,37 | f | 18. Dezember 1974

# 899 | 25. Juli 2014

Steppenwolf (Fred Haines, 1974)

Der Steppenwolf 

»Learn what is to be taken seriously, and to laugh at the rest!« Harry Haller = H. H. = Hermann Hesse (?) zwischen Wolf und Mensch, Trieb und Geist, Selbstsuche und Anpassung, Exzess und Normalität. Max von Sydow als verklemmt-empfänglicher »Steppenwolf« – Dominique Sanda als sanft-dominante Hermine, Harrys Wunschbild, Seelenfreundin und lebensvolles alter ego – Pierre Clementi als jazzig-magischer Theaterdirektor Pablo, attraktiver Führer in eine Welt zwischen Bewußtsein und Entgrenzung. Nach einer recht braven Abschilderung des dünnen äußeren Handlungsfadens (und einem skurrilen Legetrick-Intermezzo) findet Regisseur Fred Haines im letzten Drittel des Films dank der frühen Bluebox-Technik zu einigermaßen ausgefallenen Bildformulierungen, die bisweilen an Mike Leckebuschs elektronische »Beat-Club«-Visionen erinnern. »Nur für Verrückte« eben.

R Fred Haines B Fred Haines V Hermann Hesse K Tomislav Pinter M George Gruntz A Leo Karen S Irving Lerner P Melvin Fishman, Richard Herland D Max von Sydow, Dominique Sanda, Pierre Clémenti, Carla Romanelli, Charles Reignier | USA & CH & UK & F & I | 107 min | 1:1,85 | f | 18. Dezember 1974

Le retour du grand blond (Yves Robert, 1974)

Der große Blonde kehrt zurück

Die Rückkehr des großen Blonden gestaltet sich ebenso brav wie überflüssig. Wieder Intrigen beim französischen Geheimdienst, wo offenbar nur Muttersöhnchen (Jean Rochefort) und ehemalige Bettnässer (Michel Duchaussoy) tätig sind. Der Innenminister, intern: »der große Bock« genannt (exzellent: Jean Bouise), wäre lieber wieder Landwirtschaftsminister, Geiger François (Pierre Richard) klamottet sich mit Sonnenbrille und Platzpatronen durchs krause Geschehen, seine Freundin Christine (Mireille Darc) zeigt ihren zwei Jahre älter gewordenen Rücken – ihr Kleid ist diesmal weiß statt schwarz. Tiens, tiens!

R Yves Robert B Yves Robert, Francis Veber K René Mathelin M Vladimir Cosma A Théo Meurisse S Ghislaine Desjonquères, Françoise London P Alain Poiré, Yves Robert D Pierre Richard, Mireille Darc, Jean Rochefort, Michel Duchaussoy, Jean Bouise | F | 76 min | 1:1,85 | f | 18. Dezember 1974

10.12.74

Gruppo di famiglia in un interno (Luchino Visconti, 1974)

Gewalt und Leidenschaft 

»If ever a landlord had difficult tenants, I believe I had.« Schauplatz von »Gruppo di famiglia in un interno« ist der römische Palazzo eines alten, misanthropischen, namenlosen Professors (Burt Lancaster), dessen mit teuren Bildern, dicken Büchern und schweren Möbeln ausgepolsterte (und erstickte) Zurückgezogenheit von einer lauten, oberflächlichen Schickimicki-Bande (unter ihnen Helmut Berger und Silvana Mangano) aufgestört wird, die sich in der Etage über ihm einnistet. Ausgerechnet mit dem Auftritt dieses »innerlich vulgären« Völkchens erwacht des Professors Verlangen nach menschlicher Nähe, nach familiärer Wärme, nach der Liebe, die ihm zeitlebens versagt war (oder der er sich versagte). Luchino Visconti erfüllt diese letzte Sehnsucht nicht, sondern registriert mit der Präzision eines Oszillographen die finale Erschütterung der überfeinerten spätbürgerlichen Lebenswelt. Das geschieht ohne Anklage (und vor allem ohne die Exzesse, die der deutsche Titel verspricht), erfüllt von vornehmem Fatalismus und tiefschwarzer Ironie – ausgerechnet die Schönen, Jungen, Lebenslustigen sind es, die Zerfall und Tod (und auch so etwas wie Erlösung) bringen.

R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi d’Amico, Enrico Medioli K Pasqualino de Santis M Franco Mannino A Mario Garbuglia S Ruggero Mastroianni P Giovanni Bertolucci D Burt Lancaster, Silvana Mangano, Helmut Berger, Claudia Marsani, Stefano Patrizi | I & F | 126 min | 1:2,35 | f | 10. Dezember 1974

24.11.74

Murder on the Orient Express (Sidney Lumet, 1974)

Mord im Orient-Expreß

Schon einmal, 17 Jahre zuvor, hatte Sidney Lumet Fragen von Verbrechen und Strafe auf begrenztem Raum verhandelt. In der Agatha-Christie-Adaption »Murder on the Orient Express« werden wiederum zwölf Personen zum Organ von Gerechtigkeit, nur handelt es sich diesmal nicht um eine Gruppe von zusammengewürfelten Geschworenen im tristen Hinterzimmer eines New Yorker Gerichtssaals sondern um eine (nicht ganz) zufällige Reisegesellschaft im exquisiten Ambiente eines europäischen Luxuszuges. Der Regisseur richtet sein Augenmerk diesmal allerdings erst ganz zum Schluß (dann aber mit horrender Drastik) auf die gruppendynamischen Prozesse, die sich aus dem Zusammentreffen von grundverschiedenen Menschen auf engster Spielfläche entwickeln; zuvor arrangiert er eine Revue mehr oder weniger amüsanter Soloauftritte prominenter Schauspieler, zusammengebunden durch die (mit Albert Finney wenig überzeugend besetzte) Figur des im zentralen Mordfall ermittelnden Meisterdetektivs Hercule Poirot. Der atemberaubende All-Star-Cast macht gleichzeitig Reiz und Langweile des Films aus: Aus den darstellerischen Kabinettstückchen entwickeln sich keine lebendigen Charaktere, kaum einmal plastische Typen. Immerhin bringt die betuliche Konventionalität von Lumets überlanger Inszenierung die lähmende Stimmung in einem eingeschneiten Zug beinahe körperhaft zum Ausdruck.

R Sidney Lumet B Paul Dehn V Agatha Christie K Geoffrey Unsworth M Richard Rodney Bennett A Tony Walton S Anne V. Coates P John Brabourne, Richard Goodwin D Albert Finney, Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Jean-Pierre Cassel | UK | 128 min | 1:1,66 | f | 24. November 1974

20.11.74

Die Antwort kennt nur der Wind (Alfred Vohrer, 1974)

Die Welt der Schönen und Reichen und Gemeinen. Cannes: Palmen, Villen, Strand, Meer, eine explodierende Luxusyacht. Der in die Luft geflogene Eigner war ein Bankier in Geldnöten, sein Schiff war hoch versichert. Assekuranz-Detektiv Robert Lucas (Maurice Ronet), desillusioniert und herzkrank, reist an, um die Hintergründe der Tat aufzuklären: Mord oder Suizid? Unterstützung erfährt der Ermittler durch die attraktive Prominenten-Malerin Angela (!) (Marthe Keller), die ihm nicht nur ihre Bluse öffnet sondern auch den Zugang zu den pompösen Salons der durch und durch verlotterten Gesellschaft … Nach Gelde drängt, am Gelde hängt doch alles. Johannes Mario Simmel (der einen Cameo-Auftritt als Nabob im weißen Smoking absolviert) zeigt mit ausgestrecktem Finger auf die bösen Finanzkapitalisten, die die Welt ausleeren wie eine Flasche Champagner (1964er Krug); Alfred Vohrer inszeniert Simmels Anklage straff und geradlinig, mit Gefühl für melodramatische Effekte und Sympathie für den Weg des fragwürdigen Helden: Auch Robert will sein Stück vom Kuchen. Warum alles den gewissenlosen Spekulanten überlassen? Warum nicht auch Handel treiben? Warum nicht ein paar gewonnene Informationen nutzbringend verwenden? Warum nicht selbst ein Nummernkonto (Kennwort: »Angela«) in der Schweiz eröffnen? Doch ganz so einfach ist es nicht. Die Schweine bleiben lieber unter sich, tun alles, um ihren exklusiven Club zu schützen: Attentate, Bestechung, Autobomben. Kein Wunder, wenn ob dieser Schlechtigkeit irgendwann das gebrochene Herz stehen bleibt. Einfach so.

R Alfred Vohrer B Manfred Purzer V Johannes Mario Simmel K Petrus Schloemp M Erich Ferstl A Max Dietl S Ingeborg Taschner P Luggi Waldleitner D Maurice Ronet, Marthe Keller, Karin Dor, Raymond Pellegrin, Charlotte Kerr | BRD & F | 105 min | 1:1,66 | f | 20. November 1974

# 858 | 16. April 2014

Nuits rouges (Georges Franju, 1974)

Der Mann ohne Gesicht

Spielt »Nuits rouges« in einer unwahrscheinlichen Gegenwart oder in einer allgegenwärtigen Vergangenheit? Handelt es sich um einen entrückten Thriller oder um einen thrilleresken Alptraum? Nach einem Drehbuch des Feuillade-Enkels Jacques Champreux erzählt Georges Franju die wüste Geschichte eines skrupellosen Mannes ohne Gesicht, der, unterstützt von einer schönen Frau ohne Namen und einer Armee lobotomierter Sklaven, dem legendären Schatz der Templer nachjagt. Es ist die bedingungslose Lust an einem ebenso naiven wie überfeinerten Kino, an zugleich schlichten und rätselhaften Bilder, an kindischen Maskenspielen und kultivierten Mystifikationen, die die Macher umtreibt. »Nuits rouges«, die kondensiert-sprunghafte Spielfilmfassung eines Fernsehfeuilletons, ist anachronistischer Pulp, surreale Poesie, respektvolle Parodie auf »Fantômas« und seine Freunde: auf Dr. Mabuse, auf rote Teufel, auf reitende Leichen. Franju schließt das dunkle Mittelalter kurz mit der pittoresken Welt des Fotografen Atget und mit dem Zeitalter ferngelenkter Autos, stupider Videospiele, omnipräsenter Überwachung. Ein rechtschaffen verrückter Chirurg und ein gnadenlos schusseliger Detektiv, radioaktiv aufgeladenes Gold und vermummte Zombiekiller, Fehden rivalisierender Geheimbünde im Untergrund und tödliche Scharmützel auf nächtlichen Dachlandschaften – »Nuits rouges« nimmt dies alles wichtig und nichts davon ernst.

R Georges Franju B Jacques Champreux K Guido Bertoni M diverse A Robert Luchaire S Gilbert Natot P Raymond Froment D Jacques Champreux, Gayle Hunnicutt, Gert Fröbe, Josephine Chaplin, Ugo Pagliai | F & I | 105 min | 1:1,66 | f | 20. November 1974

# 1029 | 9. Oktober 2016

27.10.74

Vincent, François, Paul et les autres (Claude Sautet, 1974)

Vincent, François, Paul und die anderen

»Mit gelben Birnen hänget / Und voll mit wilden Rosen / Das Land in den See …« Drei alte Freunde – ein Unternehmer ohne Fortune (Yves Montand), ein Arzt ohne Ethos (Michel Piccoli), ein Schriftsteller ohne Roman (Serge Reggiani) –, die die Hälfte ihres (durchaus genußreichen) Lebens hinter sich gelassen haben, und die anderen – die (Ex-)Frauen, die Kumpels, die Bekannten – kriegen an Leib und Seele die Höhen und Tiefen der Existenz zu spüren. Claude Sautet tut einmal mehr, was er wie kein anderer zu tun vermag: Er macht ganz mühelos begreiflich, was es heißt, Mensch zu sein. zu lieben und zu leiden, zu träumen und aufzuwachen, zu reden und zu schweigen, hinzufallen und sich wieder auf­zurappeln, sich zu erinnern und Pläne zu machen, mit einem Glas Wein in der Hand an der Bar zu stehen, einen Herzanfall zu kriegen, von einem anderen gehalten zu werden – la vie et rien d’autre. »… Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen.«

R Claude Sautet B Claude Sautet, Jean-Loup Dabadie V Claude Néron K Jean Boffety M Philippe Sarde A Théobald Meurisse S Jacqueline Thiédot P Raymond Danon, Roland Girard D Yves Montand, Michel Piccoli, Serge Reggiani, Gérard Depardieu, Stéphane Audran | F & I | 118 min | 1:1,66 | f | 27. Oktober 1974