21.8.52

Abenteuer in Wien (Emil Edwin Reinert, 1952)

»Jeder Mensch hat einmal eine Chance. Meine ist heute gekommen – und ich lasse sie nicht aus.« Abenteuer einer Silvesternacht: Toni Sponer (Gustav Fröhlich) lebt ohne Papiere in der nachkriegerischen Hauptstadt Österreichs, wo er illegal als Taxifahrer sein karges Brot verdient; als ein Kunde in seinem Wagen erschossen wird, stiehlt er dessen verheißungs­volle (amerikanische) Identität (»Sicher … frei … Bürger …«) – und wird unversehens in das Ehe-Schauerstück eines fanatisch-eifersüchtigen Pianisten (Francis Lederer) und seiner rührend-verzweifelten Gattin (Cornell Borchers) verwickelt … Es sind vor allem die ungemütlichen Schwarzweiß-Bilder eines grauen, kalten Wien ganz ohne Schmäh und fern aller Heurigen-Seligkeit (Kamera: Helmuth Ashley), die Emil Edwin Reinerts Thriller-Melodram auszeichnen. Nach der Jagd durch dunkle Straßen, enge Durchhäuser und sonstige hoffnungslose Gefilde öffnet sich zum (mehr oder weniger) guten Schluß der Ausblick auf eine wunderbare Freundschaft …

R Emil Edwin Reinert B Michael Kehlmann, Franz Tassié V Alexander Lernet-Holenia K Helmuth Ashley M Richard Hagemann A Friedrich Jüptner-Jonstorff, Fritz Mögle S Henny Brünsch P Turhan Bey, Ernest Müller D Gustav Fröhlich, Cornell Borchers, Francis Lederer, Adrienne Gessner, Hermann Erhardt | A & USA | 90 min | 1: 1,37 | sw | 21. August 1952

13.6.52

Frauenschicksale (Slatan Dudow, 1952)

»Es gibt keine Befreiung der Menschheit ohne die soziale Unabhängigkeit und Gleichstellung der Geschlechter«, schrieb August Bebel im Jahre 1879; Slátan Dudow läßt diesen Satz des sozialdemokratischen Übervaters an zentraler Stelle seines Werkes zitieren. Überhaupt ist »Frauenschicksale« – ein filmisches Kaleidoskop, das mehrere weibliche Lebenswege in den Berliner Nachkriegsjahren verfolgt und miteinander verknüpft – nicht frei von ideologischem Verkündungseifer: Immer wieder wird in hohem Ton deklamiert (und gesungen). Jenseits weltverbesserischen Predigertums, fröhlich wehender roter Fahnen und des klischiert-parteilichen Blicks auf die Zustände im verfaulten Westen (eine Betrachtungsweise, die sich kaum von konservativer Zivilisationskritik unterscheidet) schildert Dudow mit veristischem Zugriff und viel Zuneigung zu seinen Frauenfiguren die Umstände, in denen diese Heldinnen des Alltags leben – und nicht mehr leben wollen. Als Katalysator der persönlich(-politisch)en Emanzipationen und Bindeglied der Erzählung fungiert ein Kerl. Conny Lohmüller ist Charmeur, Lebemann, Schieber und: ein Mann von gestern. Während seine herzlos abgelegten Liebschaften (eine Juristin, eine Schneiderin sowie ein Mädchen, das für ein schönes blaues Kleid zur Verbrecherin wird), gerade wegen ihrer desillusionierenden Erfahrungen, profundes Glück in der sozialistischen Menschengemeinschaft finden, stürzt der oberflächliche Genußmensch unter asozialen Kapitalisten ab. »Man lebt ja nur einmal«, ist Connys Motto, aber einmal ist keinmal. Das Schicksal, so Dudow (mit Brecht), ist nicht nur Schicksal, es kann (und muß) geformt werden: »Drum rührt geschäftig die Hände, / Legt euer Herz hinein. /
 Will doch das Glück erst erkämpfet sein,
/ Kommt es nicht von allein.«

R Slátan Dudow B Slátan Dudow, Gerhard Bengsch, Ursula Rumin K Robert Baberske M Hanns Eisler A Otto Erdmann S Lena Neumann P Robert Leistenschneider D Sonja Sutter, Anneliese Book, Susanne Düllmann, Lotte Loebinger, Hanns Groth | DDR | 105 min | 1:1,37 | f | 13. Juni 1952

29.5.52

Postlagernd Turteltaube (Gerhard T. Buchholz, 1952)

Es beginnt mit einem Geschwisterstreit: die Schwester aus dem Westen ist entgeistert über den Bruder aus dem Osten, der sich (als Hausvertrauensmann) zum unkritischen Parteigänger der Unfreiheit in einer Gesellschaft der Angst entwickelt habe; er widerspricht ihr und schickt zum Beweis, daß niemand in seinem Staat in Furcht lebe, anonyme Drohbriefe (»Es ist alles herausgekommen!«) an die fünf Parteien seiner Hausgemeinschaft; die Probe aufs Exempel mißglückt – alle Angeschriebenen, die Lehrerin und der Volksrichter, der Lebensmittelhändler mit Frau und drei Söhnen, der Philosophieprofessor mit Gattin und adliger Schwiegermutter, ja selbst der denunziatorische Pressezeichner, flüchten Hals über Kopf vor der namenlosen Gefahr auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs (wo auch nicht alles Gold ist, was glänzt) ... Gerhard T. Buchholz, als Regisseur, Szenarist und Produzent einer der wenigen originären Autorenfilmer der jungen Bundesrepublik, unterzieht die konkrete deutsch-deutsche Situation der Nachkriegszeit einer leichten künstlerischen Verfremdung (die DDR heißt nicht DDR, die BRD nicht BRD, die Begriffe Sozialismus und Kapitalismus werden mehr oder weniger kunstvoll umschifft) und entwickelt aus seiner etwas papiernen Prämisse eine wunderliche Mischung von Politsatire und Gesellschaftsdrama, Paranoiakomödie und ideologischem Mysterienspiel. Zwar scheint die propagandistische Hauptstoßrichtung des Werkes eindeutig (»Alle Unfreiheit ist tödlich, wenn sie von materialistischen Gewalten ausgeht.«), doch läßt Buchholz dabei auch der Verfettung und Entmenschung, der schnöden Man-kann-ja-nicht-allen-helfen-Mentalität der vermeintlich besten aller Wirtschafts(wunder)welten eine durchaus (zivilisations)kritische Würdigung angedeihen.

R Gerhard T. Buchholz B Gerhard T. Buchholz K Peter Zeller M Hans-Martin Majewski A Max Arthur Bienek S Gertrud Hinz-Nischwitz P Gerhard T. Buchholz D Barbara Rütting, Horst Niendorf, Lu Säuberlich, Alf Marholm, Paul Albert Krumm | BRD | 97 min | 1:1,37 | sw | 29. Mai 1952

# 1049 | 26. März 2017

23.5.52

Rancho Notorious (Fritz Lang, 1952)

Engel der Gejagten

»Oh listen, listen well«, heißt der Sänger das Publikum, während die Anfangstitel laufen: »Listen to the legend of Chuck-a-Luck, Chuck-a-Luck, listen to the wheel of fate.« Fritz Langs »tale of the old frontier« erzählt die Geschichte des Farmarbeiters Vern Haskell (Arthur Kennedy), der nach Ermordung seiner Braut auf die Jagd nach dem Täter geht. Mehrfach kommentiert der Sänger strophenweise das Geschehen – ein Kunstgriff, der die extreme Theatralität des (fast ausschließlich im Studio gedrehten) B-Films ironisch betont … Seine Nachforschungen führen Vern zur Ranch ›Chuck-a-Luck‹ und deren Besitzerin Altar Keane (Marlene Dietrich), die gesuchten Banditen gegen Bezahlung Unterschlupf gewährt. In diversen Flashback-Berichten wird das fast mythische Bild dieser durch und durch unabhängigen Frau gezeichnet: wie sie auf dem Rücken eines Mannes ein Juxrennen durch einen Saloon reitet, wie sie in großer Robe eine von zwei Schimmeln gezogene Kutsche durch eine staubige Grenzstadt lenkt, wie sie mit Hilfe des charmanten Revolverhelden Frenchy Fairmont (Mel Ferrer) beim Glücksspiel (›Chuck-a-Luck‹) jenes Vermögen gewinnt, das es ihr gestattet, sich eine (zeitweilig) gesicherte Existenz im Schatten des Gesetzes aufzubauen. Als sie leibhaftig ins Zentrum der Handlung tritt, erscheint die Patronin des Hideouts gleichermaßen herrisch (»I am the boss of this ranch. I make the rules.«) und wehmütig – ihre Zeit, die große Zeit des Wilden Westens, so ahnt sie wohl, geht zu Ende: »Go away«, sagt Altar zu Vern, dem ihr Herz sich zuneigt, »go away and come back ten years ago.« Aber die Uhr läßt sich nicht zurückstellen, weder für die alternde Schönheit, noch für den Gunman oder den Rächer. Das Schicksalsrad dreht sich unaufhaltsam – »round and round with a whispering sound, it spins, it spins the old story of hate, murder and revenge«.

R Fritz Lang B Daniel Taradash, Silvia Richards K Hal Mohr M Emil Newman, Ken Darby A Wiard Ihnen S Otto Ludwig P Howard Welsch D Marlene Dietrich, Arthur Kennedy, Mel Ferrer, Lloyd Gough, Gloria Henry | USA | 89 min | 1:1,37 | f | 23. Mai 1952

# 934 | 18. Januar 2015

16.4.52

Casque d’or (Jacques Becker, 1952)

Goldhelm

»Ce sont là des mœurs d’Apaches, du Far West …« Nein, die Frauen sind natürlich nicht an allem schuld – aber die schöne Marie (Simone Signoret) sorgt allein aufgrund ihrer atemberaubenden Anwesenheit und wegen des schimmernden Goldglanzes ihrer kunstvoll aufgetürmten Haare für das Ableben dreier (um sie rivalisierender) Männer: Der erste, ein eitler Fatzke, stirbt durch einen Messerstich, der zweite, ein falscher Fuffziger, kommt im Kugelhagel um, der dritte, ein aufrichtig Liebender (Serge Reggiani), endet unter dem Fallbeil … »Casque d’or«, Jacques Beckers meisterhaftes Melodram aus dem Pariser Apachen-Milieu der Belle Époque, entwirft ein zärtlich-grausames Sittenbild der gefahrvollen gesellschaftlichen und urbanen Randzonen, in welche die wahre Liebe wie eine (zerstörerische) Himmelsmacht hereinbricht. Mit großer Zuneigung zu seinen Figuren erzählt Becker (sehr frei nach einer wahren Begebenheit, die um die Jahrhundertwende Schlagzeilen machte) von großen Gefühle und kleinlicher Mißgunst, von Freundschaft und Verrat, von den (tödlichen) Fragen der Ehre und den (so banalen wie wunderbaren) Dingen des Lebens. Die pittoreske Welt von 1900 – die Welt der Amüsierschuppen und Handwerkstätten, der billigen Pensionen und idyllischen Ausflugsorte (für dem Film authentisch erfunden von Jean d’Eaubonne, Max Ophüls’ bevorzugtem Szenenbilder) – erscheint nicht als nostalgischer Fluchtort, nicht als gute alte Zeit: Das Glück währt (wenn überhaupt) nur kurz, und Pardon wird nicht gegeben.

R Jacques Becker B Jacques Becker, Jacques Companeez K Robert Lefebvre M Georges Van Parys A Jean d’Eaubonne S Marguerite Renoir P Robert Hakim, Raymond Hakim D Simone Signoret, Serge Reggiani, Claude Dauphin, Raymond Bussières, Gaston Modot | F | 96 min | 1:1,37 | sw | 16. April 1952

27.3.52

Singin' in the Rain (Stanley Donen & Gene Kelly, 1952)

Du sollst mein Glücksstern sein

»If we bring a little joy into your humdrum lives, it makes us feel as though our hard work ain’t been in vain for nothin’.« Zwei Jahre nach Paramounts düster-sarkastischer Hollywood-Autopsie »Sunset Blvd.« (ein Werk, für das Regisseur Billy Wilder laut Filmzar Louis B. Mayer ausgepeitscht gehört hätte) kontert MGM mit dem funkelnd-affirmativen Dream-factory-Märchen »Singin’ in the Rain«. Produzent Arthur Freed und seine Regiegenies Stanley Donen und Gene Kelly setzen ein technicolorsattes, furios choreographiertes Musical gegen den schrillen, melodramatischen film noir, sie erwidern die bitter-ironische Geisterbeschwörung mit bissig-fröhlicher Legendenbildung. Die Tonfilm-Revolution der späten 1920er Jahre (»Notice, it is a picture of me and I am talking.«) bildet den historischen Hintergrund für eine phänomenale musikalisch-tänzerische Nummernrevue sowie für die, den ganzen Eskapismus locker zusammenbindende, prickelnde Romanze zwischen einem Star (glänzend: Kelly) und einem Sternchen (zuckersüß: Debbie Reynolds). Donald O’Connor (als immer gutgelaunter Sidekick) singt und tanzt sich mit seiner durchgeknallten Soloperformance »Make ’Em Laugh« in die Annalen der Filmgeschichte; die von Jean Hagen mitleidlos dargestellte prototypische Stummfilmdiva (»What's wrong with the way I talk?«) piepst und quäkt dem Sturz ins Vergessen entgegen. (Wer dächte da nicht an Norma Desmond, the famous star of yesteryear, und ihr Wachsfigurenkabinett?) »Sunset Blvd.« und »Singin’ in the Rain«: Schatten und Licht, Elend und Glanz, zwei Seiten einer Medaille – die eine nicht ohne die andere zu haben, und beide viel bigger than life. PS: »I don't go to the movies much. If you've seen one you've seen them all.«

R Stanley Donen, Gene Kelly B Betty Comden, Adolph Green K Harold Rossen M diverse A Cedric Gibbons, Randall Duell S Adrienne Fazan P Arthur Freed D Gene Kelly, Donald O’Connor, Debbie Reynolds, Jean Hagen, Cyd Charisse | USA | 103 min | 1:1,37 | f | 27. März 1952

5.3.52

Le petit monde de Don Camillo (Julien Duvivier, 1952)

Don Camillo und Peppone 

»Rot und Schwarz« in einem italienischen Städtchen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Während ganz in der Nähe gemächlich der Po vorbeizieht, ringen der großtuerische kommunistische Bürgermeister Peppone (mit Stalin-Schnauzer: Gino Cervi) und der streitbare katholische Priester Don Camillo (mit Pferdegesicht: Fernandel) wortreich (und schlagend) um die Seelen (und Körper) ihrer Schutzbefohlenen. Julien Duvivier malt das heroikomische, vor allem aber heimelig-provinzielle Sittenbild einer überschaubaren Welt, durch die zwar im Eifer des Gefechts schon mal Tische geworfen werden, in der aber letztlich der Geist der Versöhnung herrscht – wo der proletarische Romeo seine oberschichtige Julia kriegt, wo das uralte royalistische Lehrerfräulein (Sylvie) unter der Flagge des Königs von Bolschewisten zu Grabe getragen wird, wo sich der antagonistische Widerspruch zwischen der überirdischen Kraft des Glaubens und der Macht der revolutionären Weltanschauung auflöst in ein burleskes Katz- und Mausspiel zwischen Pfaffe und Parteisoldat, die als liebenswürdige Kontrahenten eines kleinen Welttheaters der Harmlosigkeit ihre possierlichen Auftritte absolvieren.

R Julien Duvivier B Julien Duvivier, René Barjavel V Giovannino Guareschi K Nicolas Hayer M Alessandro Cicognini A Virgilio Marchi S Maria Rosada P Giuseppe Amato D Fernandel, Gino Cervi, Vera Talchi, Franco Interlenghi, Sylvie | F & I | 107 min | 1:1,37 | sw | 5. März 1952

27.2.52

Roma ore 11 (Giuseppe De Santis, 1952)

Es geschah Punkt 11

»Cercasi dattilografa primo impiego miti pretese presentarsi ore 11 Largo Circense 37« Auf eine knappe Zeitungsannonce hin strömen über 200 junge Frauen an einem regnerischen Wintermorgen zur angegebenen römischen Adresse, um die Stellung einer Schreibkraft zu ergattern. Die Bewerberinnen quetschen sich im Treppenhaus des alten Gebäudes, das dem Ansturm nicht standhält: Die Treppe bricht unter der Last der Arbeitsuchenden zusammen. Viele werden verletzt, ein Mädchen kommt zu Tode … Ausgehend von einem Vorfall, der sich im Januar 1951 tatsächlich ereignete, schildern Giuseppe De Santis und seine Mitautoren, unter ihnen Cesare Zavattini und Elio Petri, mit unpathetischer Anteilnahme die verschiedenen Facetten eines Massenschicksals: Zeigt der Anfang des Films vor allem die – zumeist gereizten – Interaktionen einer von wirtschaftlicher Not und sozialen Entbehrungen zusammengewürfelten Gruppe, löst der zweite, nach dem Einsturz der Treppe spielende, Teil eine Handvoll Figuren aus dem Ensemble heraus, um mit großem dramaturgischem Geschick die mannigfaltigen Aspekte einer allgemeinen Misere zu veranschaulichen. Otello Martellis – häufig bewegte – Kamera erforscht alle Schattierungen von Grau, Mario Nascimbenes Musik kombiniert das freudlose Sirren eines Theremins mit dem marschartigen Gehämmer von Typenhebeln, während ein komplexes Zeitbild Gestalt gewinnt. Auch wenn es den Machern darum geht, die Hintergründe des Unglücksfalls zu erhellen, verzichtet »Roma ore 11«auf bequeme Schuldzuweisungen: Der egoistische Akt, mit dem eine Vordränglerin die Katastrophe heraufbeschwört, findet seine Erklärung in den verzweifelten Umständen, die vom Einzelnen kaum zu ertragen, die alleine nicht zu überwinden sind.

R Giuseppe De Santis B Cesare Zavattini, Basilio Franchina, Guiseppe De Santis, Rodolfo Sonego, Gianni Puccini, Elio Petri K Otello Martelli M Mario Nascimbene A Léon Barsacq S Gabriele Variale P Paul Graetz D Carla Del Poggio, Massimo Girotti, Lucia Bosè, Raf Vallone, Paolo Stoppa | I & F | 105 min | 1:1,37 | sw | 27. Februar 1952

# 923 | 4. Dezember 2014

22.2.52

5 Fingers (Joseph L. Mankiewicz, 1952)

Der Fall Cicero

»I am a spy, obviously.« Der Spion: kein Idealist, ein Materialist. Er sieht zuvörderst sich selbst: auf der Terrasse einer Villa in Rio, gekleidet in ein weißes dinner jacket, vielleicht in Gesellschaft einer schönen Frau. Um dieses Bild Wirklichkeit werden zu lassen, ist dem Spion jedes Mittel recht: »If I've faith in the future of anything ... it is in the future of money.« Ankara, 1944: der albanische Kammerdiener des britischen Botschafters in der Türkei verscherbelt, im Verein mit der französischen Witwe eines deutschfreundlichen polnischen Grafen, streng geheime Informationen der Alliierten an die Nazis. Akzentuiert von Bernard Herrmanns treibendem Streicher-Score (eine Hitchcock-Allusion avant la lettre), gestaltet Joseph L. Mankiewicz seine (locker auf Tatsachen beruhende) Agentenstory als Mischung aus schwarzer Gesellschaftskomödie und semi-documentary crime thriller à la Henry Hathaway. Das Ende zeigt einen betrogenen Betrüger, der eine Zeitlang genießen konnte, wonach es ihn verlangte, und der die Größe hat, über das Zerplatzen seines Traums herzlich zu lachen.

R Joseph L. Mankiewicz B Michael Wilson V L. C. Moyzisch K Norbert Brodine M Bernard Herrmann A Lyle Wheeler, George W. Davis S James B. Clark P Otto Lang D James Mason, Danielle Darrieux, Oskar Karlweis, Walter Hampden, Michael Rennie | USA | 108 min | 1:1,37 | sw | 22. Februar 1952

# 994 | 10. April 2016

6.2.52

Wienerinnen (Kurt Steinwendner, 1952)

(Schrei nach Liebe – Roman brennender Herzen) 

Ein Episodenfilm. Vier Erzählungen – nicht über die üblichen Heroinen des »Wiener Films«, süßes Mädel oder resche Pratermizzi, hübsche Handschuhmacherin oder kokette Soubrette, sondern über vier Frauen »aus dem anderen Wien«: eine Ziegeleiarbeiterin, eine Puppenspielerin, ein Aktmodell, eine Prostituierte. Die erste verliebt sich unwissentlich in ihren Halbruder, die zweite verliert ihren Freund an eine laszive Konkurrentin, die dritte geht bei der Aufklärung eines Mordfalls fast selber zugrunde, die vierte träumt naiv von einem Neuanfang an der Seite eines Binnenschiffers – krause Geschichten von Begehren und Neid, von Schäbigkeit und Sehnsucht »nach reiner Liebe«. Doch im ungefügten formalen Neben- und Durcheinander von krasser expressionistischer Überzeichnung und schroffem Neoverismus, getrieben von den elektronischen Dissonanzen des Heliophons, bleiben alle vier Frauen verwirrte Kreaturen der Männer (und der Filmemacher), arme Seelen, die kaum Bewußtsein von sich selbst entwickeln (dürfen). Wenn auch die Figuren nur wenig mehr sind als trivial-soziale Schemen, so beweisen Regisseur Kurt Steinwendner und die Kamera­männer Walter Partsch und Elio Carmiel doch gespannte Sensibilität für die Orte des Geschehens: einsame Straßen und öde Industriegebiete, Hafenkais und Friedhöfe, verrußte Wohnungen und zugige Bretterbuden, Silos und Fabriken erwachen – in der bedrückenden Finsternis der Nächte, in der milchigen Helligkeit der Tage – zu desillusioniert-melancholischem Leben.

R Kurt Steinwendner B Kurt Steinwendner K Walter Partsch, Elio Carniel M Paul Kont, Gerhard Bronner S Renate Knitschke P Ernest Müller D Elisabeth Stemberger, Edith Prager (= Edith Klinger), Helmi Mareich, Margit Herzog, Kurt Jaggberg, Karlheinz Böhm | A | 85 min | 1:1,37 | sw | 6. Februar 1952

18.1.52

Roman einer jungen Ehe (Kurt Maetzig, 1952)

Einerseits sperriger sozialistischer Filmschrott (vor allem die Dialoge – Drehbuch: Bodo Uhse – liegen in den Ohren wie Gußeisen), andererseits ein faszinierendes Zeit- und Zerrbild der unmittelbaren Nachkriegsära im geteilten Berlin: Liebe und Ehe der Ostschauspielerin Agnes und des Westschaupielers Jochen geraten zwischen die ideologischen Mühlsteine des Kalten Krieges. Erst als der junge Mann erkennt, daß die Sonne im Osten aufgeht, können die beiden wirklich ein Paar werden, und eine schöne Wohnung kriegen sie dann natürlich auch … Abgesehen von den beiden Nullen in den Hauptrollen gut besetzt (Martin Hellberg, Harry Hindemith, Willy A. Kleinau, Hilde Sessak), bietet Kurt Maetzigs privat-politscher Beziehungsfilm ein dickes Album eindrücklicher Berlin-Bilder, insbesondere vom Bau der Stalinallee: »Auf dieser Straße ist der Frieden in die Stadt gekommen.«

R Kurt Maetzig B Bodo Uhse, Kurt Maetzig K Karl Plintzner M Wilhelm Neef A Otto Erdmann, Franz F. Fürst S Lena Neumann P Alexander Lösche D Yvonne Merin, Hans-Peter Thielen, Willy A. Kleinau, Hilde Sessak, Harry Hindemith | DDR | 104 min | 1:1,37 | sw | 18. Januar 1952

15.1.52

Nachts auf den Straßen (Rudolf Jugert, 1952)

Ohne daß er recht weiß, wie ihm geschieht, schlingert Fernfahrer Heinrich Schlüter (Hans Albers), treuer Ehemann, liebender Vater, pflichtbewußtes Arbeitstier, eines Nachts auf eine gefahrvolle Umleitung des Lebens: Erst streicht er heimlich die 20.000 Mark eines auf der Autobahn tödlich verunglückten Schiebers ein (um seiner »Alten« (Lucie Mannheim) endlich den seit 25 Jahren versprochenen Pelzmantel kaufen zu können), dann gerät er in den Bann seiner appetitlichen Straßenbekanntschaft Inge (Hildegard Knef), die von ihrem zynisch-unguten Lover (Marius Goring) ausgeschickt wurde, einen Dummen zu angeln, der sich für dunkle Geschäfte einspannen ließe … Mit viel Zuneigung zu seinen genau gezeichneten Figuren und einem wachen Blick für anschaulichen Details malt »Nachts auf den Straßen« ein noirisch angehauchtes Sittenbild des beginnenden Wirtschaftswunders, setzt betäubenden Konsum gegen verdrängte Erinnerungen, kleinbürgerliche Gemütlichkeit gegen impulsives Laissez-faire, emotionale Einsamkeit gegen das Bedürfnis nach Nähe, den Frust des Altwerdens gegen die Täuschung der Jugendfrische, die Statik eines beengenden Zuhauses gegen die Dynamik eines unsicheren Unterwegs. Auch wenn der (Irr-)Weg des Truckers schließlich und endlich wieder nach Hause führt, enthält sich Rudolf Jugerts offenherzig-unsentimentaler Genremix aus Romanze, Krimi und Roadmovie jeglicher Verdammung derjenigen, die (aus welchem Grund auch immer) vom Kurs abkommen.

R Rudolf Jugert B Helmut Käutner, Fritz Rotter K Václav Vich M Werner Eisbrenner A Ludwig Reiber, Rudolf Pfenniger S Fritz Stapenhorst P Erich Pommer D Hans Albers, Hildegard Knef, Lucie Mannheim, Marius Goring, Heinrich Gretler | BRD | 111 min | 1:1,37 | sw | 15. Januar 1952

21.12.51

Hanna Amon (Veit Harlan, 1951)

Affektfilmer Veit Harlan erklimmt einen weiteren Gipfel seines hanebüchenen Schöpfertums: Die Kombination von schicksalsschwerem Heimatdrama, biblischer Metaphorik und ägyptischer Totenmythologie muß nicht nur aus dem Nebel eines umwitterten Geistes aufsteigen, es braucht auch die künstlerische Radikalität, diese atemberaubende Melange auf Zelluloid zu bannen … Vor Jahren spendete Hanna (Kristina Söderbaum) ihr Blut, um das Leben des jüngeren Bruders Thomas (Lutz Moik) zu retten – seither sind die aus uraltem Bauernadel stammenden Geschwister Amon einander (allzu?) eng verbunden. Der gepfefferte Auftritt der männerfressenden, rothaarigen, (nicht nur welt-)läufigen Schlange/Hexe/Megäre Vera Colombani (Ilse Steppat) beendet die paradiesischen (wenn auch inzestuös angehauchten) Zustände auf dem Amonshof, und nur durch neuerliches Blutvergießen kann das Unheil gebannt, das Gleichgewicht wiederhergestellt werden. Liebe, die über das Leben (und den Tod) hinausweist, Sünde, die sich in Segen verwandelt, Schuld, die wunderbarer­weise zur Glückseligkeit wird – Harlan, das muß der Neid ihm lassen, kümmert sich nicht um Fragen der Proportion oder des sogenannten guten Geschmacks; er erspart sich und seinem Publikum nichts: keine Platitüde, keine Übertreibung, keinen billigen Effekt. Da glüht das Rot, da jauchzen die Chöre, da tanzt der Schnee, da krächzen die Krähen – »Hanna Amon« ist impulsives Agfacolor-Kino weit jenseits von klarem Sinn und strenger Form. »Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt«, sagte einst ein Kaiser, der auf einer winzigen Insel mitten im Atlantik endete. Vielleicht ist auch das Gegenteil wahr.

R Veit Harlan B Veit Harlan, Richard Billinger K Werner Krien, Georg Bruckbauer M Hans-Otto Borgmann A Rochus Gliese, Hans Berthel S Walter Boos P Willi Zeyn jun. D Kristina Söderbaum, Lutz Moik, Ilse Steppat, Hermann Schomberg, Elise Aulinger | BRD | 106 min | 1:1,37 | f | 21. Dezember 1951

14.11.51

Grün ist die Heide (Hans Deppe, 1951)

Der röhrende Hirsch des deutschen Films – eine farbige Erzählung über Heimat und Heimatlosigkeit. Der aus Ostpreußen vertriebene Gutsbesitzer Lüder Lüdersen ist bei einem Vetter in der Lüneburger Heide untergekommen. Seine Bedrückung über den Verlust der Scholle kann der Entwurzelte nur vergessen, wenn er, alleine durch Wald und Flur pirschend, auf Rotwild geht. Ein (nicht mehr ganz so) junger Förster (Rudolf Prack) verfolgt die Spur dieses Wilderers wider Willen – und verliert sein Herz an dessen hübsche Tochter (Sonja Ziemann). Drei (immer fröhliche) Landstreicher begleiten das dramatisch-romantische Geschehen mit flapsigen Kommentaren und sentimentalem Gesang … Ohne die historischen Hintergründe der Flucht und Vertreibung von 14 Millionen Deutschen thematisch auch nur zu streifen, kapriziert sich »Grün ist die Heide« auf die heiter-besinnliche Beschreibung eines gehobenen Einzelschicksals und die illustrativ-idyllische Beschwörung der Ankunft in einer neuen Heimat: Traumatisierung und Fremdheit verfliegen in harmonischem Miteinander und intakter Landschaft, Probleme werden unter einen dicken Teppich aus Heidekraut gekehrt, und wenn zum guten Schluß eine schlesische Trachtengruppe dem alten Riesengebirgslied (»Wo der Rübezahl mit seinen Zwergen / heut’ noch Sagen und Märchen spinnt.«) lauscht, verwandelt sich landsmannschaftliche Tradition in folkloristische Nostalgie. Aus Liebe und Musik, Schicksal und Klamauk, Volkstümelei und Natur knüpft Hans Deppe ein filmisches Musterstück, eine alltagsferne Seelenmassage, die ein Jahrzehnt lang das bundesdeutsche Nachkriegskino prägen wird.

R Hans Deppe B Bobby E. Lüthge K Kurt Schulz M Alfred Strasser A Gabriel Pellon, Peter Schlewski, Hans-Jürgen Kiebach S Hermann Ludwig P Kurt Ulrich D Sonja Ziemann, Rudolf Prack, Hans Stüwe, Willy Fritsch, Otto Gebühr, Maria Holst | BRD | 91 min | 1:1,37 | f | 14. November 1951

8.11.51

Sündige Grenze (Robert A. Stemmle, 1951)

Kriegsbericht von der Aachener Kaffeefront: Gut organisierte Gangs von Kindern und Jugendlichen (die »Rabatzer«) schmuggeln das beliebte Genußmittel tonnenweise über die belgisch-deutsche Grenze – durch Eisenbahntunnel und Wälder, über Stacheldrahtverhaue und die Betonruinen des ehemaligen Westwalls. Der Zoll ist weitgehend machtlos, auch der Einsatz kaffeeschnüffelnder Hunde schafft kaum Abhilfe gegen das kriminelle Bandenwesen. Der junge Kölner Soziologe und Europa-Enthusiast Hans (Dieter Borsche) will das Phänomen wissenschaftlich ergründen, begegnet den Halbwüchsigen mit helfendem Verständnis – und verliebt sich in die attraktive Schleichhändlerin Marianne (Inge Egger), die dem gewissenlosen Rädelsführer Jan (Jan Hendriks) zugetan ist … Robert A. Stemmle verpackt das Thema als griffige Mischung aus zeitkritischer Gesellschaftsstudie und effektvollem Reißer. Die bewegliche Kamera (Igor Oberberg) verbindet dramatisches Helldunkel mit dokumentarischer Nüchternheit, die Verwendung von Originalschauplätzen und der Einsatz »echter« Schmuggelkinder als Komparsen sorgen für eine bisweilen fast neorealistische Authentizität. Eine leise Botschaft ist auch zu vernehmen: Die Grenzen sind das Problem, nicht diejenigen, die ihre anachronistische Existenz strafbar ausnutzen.

R Robert A. Stemmle B Robert A. Stemmle K Igor Oberberg M Herbert Trantow A Mathias Matthies, Ellen Schmidt S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Dieter Borsche, Inge Egger, Jan Hendriks, Peter Mosbacher, Gisela von Collande | BRD | 87 min | 1:1,37 | sw | 8. November 1951