26.3.17

29. Mai 1952: Postlagernd Turteltaube (Gerhard T. Buchholz)

Es beginnt mit einem Geschwisterstreit: die Schwester aus dem Westen ist entgeistert über den Bruder aus dem Osten, der sich (als Hausvertrauensmann) zum unkritischen Parteigänger der Unfreiheit in einer Gesellschaft der Angst entwickelt habe; er widerspricht ihr und schickt zum Beweis, daß niemand in seinem Staat in Furcht lebe, anonyme Drohbriefe (»Es ist alles herausgekommen!«) an die fünf Parteien seiner Hausgemeinschaft; die Probe aufs Exempel mißglückt – alle Angeschriebenen, die Lehrerin und der Volksrichter, der Lebensmittelhändler mit Frau und drei Söhnen, der Philosophieprofessor mit Gattin und adliger Schwiegermutter, ja selbst der denunziatorische Pressezeichner, flüchten Hals über Kopf vor der namenlosen Gefahr auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs (wo auch nicht alles Gold ist, was glänzt) ... Gerhard T. Buchholz, als Regisseur, Szenarist und Produzent einer der wenigen originären Autorenfilmer der jungen Bundesrepublik, unterzieht die konkrete deutsch-deutsche Situation der Nachkriegszeit einer leichten künstlerischen Verfremdung (die DDR heißt nicht DDR, die BRD nicht BRD, die Begriffe Sozialismus und Kapitalismus werden mehr oder weniger kunstvoll umschifft) und entwickelt aus seiner etwas papiernen Prämisse eine wunderliche Mischung von Politsatire und Gesellschaftsdrama, Paranoiakomödie und ideologischem Mysterienspiel. Zwar scheint die propagandistische Hauptstoßrichtung des Werkes eindeutig (»Alle Unfreiheit ist tödlich, wenn sie von materialistischen Gewalten ausgeht.«), doch läßt Buchholz dabei auch der Verfettung und Entmenschung, der schnöden Man-kann-ja-nicht-allen-helfen-Mentalität der vermeintlich besten aller Wirtschafts(wunder)welten eine durchaus (zivilisations)kritische Würdigung angedeihen.

R Gerhard T. Buchholz B Gerhard T. Buchholz K Peter Zeller M Hans-Martin Majewski A Max Arthur Bienek S Gertrud Hinz-Nischwitz P Gerhard T. Buchholz D Barbara Rütting, Horst Niendorf, Lu Säuberlich, Alf Marholm, Paul Albert Krumm | BRD | 97 min | 1:1,37 | sw | 29. Mai 1952

# 1049 | 26. März 2017

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