Der Tiger parfümiert sich mit Dynamit
In seinem zweiten (und letzten) Abenteuer verschlägt es den ›Tiger‹ Louis Rapière (Roger Hanin, der auch wieder das Drehbuch schrieb) nach Südamerika; der französische Agent soll den Rücktransport eines Goldschatzes überwachen, der aus einer einstmals vor Cayenne gesunkenen Galeone geborgen wurde. Das Gold wird gestohlen, und schon bald tut sich der Abgrund einer revolutionären Verschwörung auf: Die kryptofaschistische Geheimorganisation ›Orchidee‹ (unter Führung eines gewissen Hans Heinz von Wünschendorf) plant, nach dem Motto »heute gehört uns Guayana und morgen die ganze Welt«, den Umsturz in der Dschungelkolonie. Claude Chabrol verrührt Waffenschmuggel, Atomsprengköpfe und eine vage Rasseideologie zu einem klumpig-faden (im sonnigen Andalusien gedrehten) Thrillerpotpourri, das weder Michel Bouquet (als fanatischer Zoodirektor) noch Margaret Lee (als suspekte Amerikanerin Pamela Mitchum) und auch nicht ein Kurzauftritt des Regisseurs (als versoffener Röntgenarzt, der einen toten Hai durchleuchtet) aufwürzen können. Einzig die in Bouquets Tierpark spielende Schlußszene des Films erreicht eine gewisse surreale Qualität: Die Showdown-Montage, die statt des eigentlichen Schußwechsels Bilder eingesperrter, brüllender, flatternder Kreaturen zeigt, mag Stanley Donen und Luis Buñuel als Inspiration für ähnliche Sequenzen in »Arabesque« und »Le fantôme de la liberté« gedient haben.
R Claude Chabrol B Antoine Flachot (=Roger Hanin), Jean Curtelin K Jean Rabier M Jean Wiener A Juan Alberto Soler S Jacques Gaillard P Christine Gouze-Rénal D Roger Hanin, Margaret Lee, Michel Bouquet, Roger Dumas, Dodo Assad Bahador | F & I & E | 86 min | 1:1,66 | f | 5. November 1965
5.11.65
23.10.65
Giulietta degli spiriti (Federico Fellini, 1965)
Julia und die Geister
»Wo keine Götter sind, walten Gespenster.« (Novalis) … Giulietta (Masina), eine leicht verspannte Frau von 40 Jahren, stürzt über die sträfliche Vernachlässigung durch ihren flotten Ehemann Giorgio (Mario Pisu) und wegen der parfümierten Verachtung, die ihre mondäne Mutter (Caterina Boratto) für sie hegt, in eine (filmisch höchst attraktive) Sinn- und Lebenskrise. Die tiefe Verunsicherung der großbürgerlichen Gattin äußert sich als Flucht in modischen Spiritismus und in Form zahlreicher Spukgestalten (unter ihnen die hexenhafte Ausdruckstänzerin Valeska Gert) – personifizierte Wunschvorstellungen oder lebendig gewordene Angstbilder, Inkarnationen von Schuldgefühlen oder Dämonen der Vergangenheit –, allesamt Erscheinungen, die aus der Tiefe von Giuliettas Seele aufsteigen und sich mit guten (oder weniger guten) Ratschlägen in ihre Probleme mischen. Die Heldin sucht die Leere ihrer Existenz mit überbordender Einbildungskraft zu füllen, doch erst als sie sich (buchstäblich) aus der Gefangenschaft ihrer (Plage-)Geister befreit, gelingt es ihr, die Fesseln der Fremdbestimmung (durch gesellschaftliche (und familiäre) Erwartungen sowie aufgezwungener Rollenmuster) zu sprengen. Federico Fellini arrangiert seine surreale Phantasie über die Emanzipation als farbenprächtig-symbolistischen Trip aus Sperrholz und Bri-Nylon (Bauten und Kostüme: Piero Gherardi), als (von Gianni di Venanzo) opulent fotografierten kinematographischen Augenschmaus.
R Federico Fellini B Federico Fellini, Ennio Flaiano, Tullio Pinelli, Brunello Rondi K Gianni Di Venanzo M Nino Rota A Piero Gherardi S Ruggero Mastroianni P Angelo Rizzoli D Giulietta Masina, Sandra Milo, Mario Pisu, Valentina Cortese, José Luis de Vilallonga | I & F | 137 min | 1:1,85 | f | 23. Oktober 1965
»Wo keine Götter sind, walten Gespenster.« (Novalis) … Giulietta (Masina), eine leicht verspannte Frau von 40 Jahren, stürzt über die sträfliche Vernachlässigung durch ihren flotten Ehemann Giorgio (Mario Pisu) und wegen der parfümierten Verachtung, die ihre mondäne Mutter (Caterina Boratto) für sie hegt, in eine (filmisch höchst attraktive) Sinn- und Lebenskrise. Die tiefe Verunsicherung der großbürgerlichen Gattin äußert sich als Flucht in modischen Spiritismus und in Form zahlreicher Spukgestalten (unter ihnen die hexenhafte Ausdruckstänzerin Valeska Gert) – personifizierte Wunschvorstellungen oder lebendig gewordene Angstbilder, Inkarnationen von Schuldgefühlen oder Dämonen der Vergangenheit –, allesamt Erscheinungen, die aus der Tiefe von Giuliettas Seele aufsteigen und sich mit guten (oder weniger guten) Ratschlägen in ihre Probleme mischen. Die Heldin sucht die Leere ihrer Existenz mit überbordender Einbildungskraft zu füllen, doch erst als sie sich (buchstäblich) aus der Gefangenschaft ihrer (Plage-)Geister befreit, gelingt es ihr, die Fesseln der Fremdbestimmung (durch gesellschaftliche (und familiäre) Erwartungen sowie aufgezwungener Rollenmuster) zu sprengen. Federico Fellini arrangiert seine surreale Phantasie über die Emanzipation als farbenprächtig-symbolistischen Trip aus Sperrholz und Bri-Nylon (Bauten und Kostüme: Piero Gherardi), als (von Gianni di Venanzo) opulent fotografierten kinematographischen Augenschmaus.
R Federico Fellini B Federico Fellini, Ennio Flaiano, Tullio Pinelli, Brunello Rondi K Gianni Di Venanzo M Nino Rota A Piero Gherardi S Ruggero Mastroianni P Angelo Rizzoli D Giulietta Masina, Sandra Milo, Mario Pisu, Valentina Cortese, José Luis de Vilallonga | I & F | 137 min | 1:1,85 | f | 23. Oktober 1965
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Phantastik,
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Tragikomödie,
Vilallonga,
Villa
25.9.65
Popioły (Andrzej Wajda, 1965)
Legionäre
»Uns zeigte Bonaparte / wie wir siegen sollen …« Die Schicksale dreier polnischer Edelmänner in der Wirrsal der napoleonischen Kriege: Die Nation dieser (Anti-)Helden wider Willen ist von der Landkarte verschwunden, aufgeteilt unter Preußen, Russen und Österreicher. Polen existiert nur mehr in den polnischen Köpfen, in den polnischen Herzen, in den polnischen Träumen. Andrzej Wajda entwirft ein schier endloses Schlachtenpanorama voller barocker Symbolismen und (wut-)schnaubender Pferde, ein weiträumig-verzweifeltes Fresko, das – über 15 Jahre Erzählzeit hinweg – vom besetzten Warschau bis vor die Tore Saragossas führt, von der winterlichen Weichsel nach Italien, von der Karibik an die Beresina. Unter der Ägide des Kaisers (»Niech zyje Cesarz!« = »Vive l'empereur!«), Verkörperung einer revolutionären Macht, die stets das Gute will und stets das Böse schafft, versklaven polnische Legionäre die Neger von San Domingo, morden Nonnen in spanischen Klöstern, nehmen eigene Dörfer unter Feuer – sie helfen mithin, Unfreiheit in der Welt zu verbreiten, um die Freiheit ihrer Heimat zu erringen. Dramaturgie und Inszenierung sind so zerklüftet, so eruptiv, so disparat wie die paradoxen Zeitläufte: »Popioly« zelebriert Geschichte nicht in sorgfältig austarierten Tableaus, sondern entfesselt einen schnellen, bisweilen reißenden Bilderstrom (Kamera: Jerzy Lipman), einen wilden, von unbeherrschbaren (menschlichen) Kräften erzeugten tragisch-ironischen Ereignisstrudel.
R Andrzej Wajda B Aleksander Scibor-Rylski V Stefan Zeromski K Jerzy Lipman M Andrzej Markowski A Anatol Radzinowicz S Halina Nawrocka P Zygmunt Szyndler D Daniel Olbrychski, Bogusław Kiercz, Piotr Wysocki, Pola Raksa, Beata Tyszkiewicz | PL | 233/169 min | 1:2,35 | sw | 25. September 1965
»Uns zeigte Bonaparte / wie wir siegen sollen …« Die Schicksale dreier polnischer Edelmänner in der Wirrsal der napoleonischen Kriege: Die Nation dieser (Anti-)Helden wider Willen ist von der Landkarte verschwunden, aufgeteilt unter Preußen, Russen und Österreicher. Polen existiert nur mehr in den polnischen Köpfen, in den polnischen Herzen, in den polnischen Träumen. Andrzej Wajda entwirft ein schier endloses Schlachtenpanorama voller barocker Symbolismen und (wut-)schnaubender Pferde, ein weiträumig-verzweifeltes Fresko, das – über 15 Jahre Erzählzeit hinweg – vom besetzten Warschau bis vor die Tore Saragossas führt, von der winterlichen Weichsel nach Italien, von der Karibik an die Beresina. Unter der Ägide des Kaisers (»Niech zyje Cesarz!« = »Vive l'empereur!«), Verkörperung einer revolutionären Macht, die stets das Gute will und stets das Böse schafft, versklaven polnische Legionäre die Neger von San Domingo, morden Nonnen in spanischen Klöstern, nehmen eigene Dörfer unter Feuer – sie helfen mithin, Unfreiheit in der Welt zu verbreiten, um die Freiheit ihrer Heimat zu erringen. Dramaturgie und Inszenierung sind so zerklüftet, so eruptiv, so disparat wie die paradoxen Zeitläufte: »Popioly« zelebriert Geschichte nicht in sorgfältig austarierten Tableaus, sondern entfesselt einen schnellen, bisweilen reißenden Bilderstrom (Kamera: Jerzy Lipman), einen wilden, von unbeherrschbaren (menschlichen) Kräften erzeugten tragisch-ironischen Ereignisstrudel.
R Andrzej Wajda B Aleksander Scibor-Rylski V Stefan Zeromski K Jerzy Lipman M Andrzej Markowski A Anatol Radzinowicz S Halina Nawrocka P Zygmunt Szyndler D Daniel Olbrychski, Bogusław Kiercz, Piotr Wysocki, Pola Raksa, Beata Tyszkiewicz | PL | 233/169 min | 1:2,35 | sw | 25. September 1965
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Drama,
Epos,
Krieg,
Militär,
Napoleonische Kriege,
Olbrychski,
Wajda
15.9.65
Terrore nello spazio (Mario Bava, 1965)
Planet der Vampire
Terrore nella Cinecittà: Angelockt von rätselhaften Signalen, stranden die Mannschaften zweier Raumschiffe auf dem unwirtlichen, aber höchst kunstvoll ausgeleuchteten Kulissenplaneten Aura, wo bösartige immaterielle Wesen Jagd auf potentielle Wirtskörper machen. Diverse B- und C-Stars begeben sich in Gefahr und kommen darin um – die beiden einzigen Überlebenden gehören, soviel kann verraten werden, der überlegenen Rasse an … Mit viel Bühnennebel, Plastikfolien, Lichtblitzen, einem guten Dutzend Ledermonturen und ein paar alten Weckern (= Plutoniumbomben) zaubert Mario Bava grotesk-fantastischen Horror-Trash-Fiction, die (nicht) von Pappe ist.
R Mario Bava B Mario Bava, Alberto Beviacqua, Callisto Cosulich, Antonio Román, Rafael J. Salvia K Antonio Pérez Olea, Antonio Rinaldi M Gino Marinuzzi Jr. A Giorgio Giovannini S Romana Fortini, Antonio Gimeno P Fulvio Lucisano D Barry Sullivan, Norma Bengell, Ángel Aranda, Evi Marandi, Stelio Candelli | I & E | 88 min | 1:1,85 | f | 15. September 1965
Terrore nella Cinecittà: Angelockt von rätselhaften Signalen, stranden die Mannschaften zweier Raumschiffe auf dem unwirtlichen, aber höchst kunstvoll ausgeleuchteten Kulissenplaneten Aura, wo bösartige immaterielle Wesen Jagd auf potentielle Wirtskörper machen. Diverse B- und C-Stars begeben sich in Gefahr und kommen darin um – die beiden einzigen Überlebenden gehören, soviel kann verraten werden, der überlegenen Rasse an … Mit viel Bühnennebel, Plastikfolien, Lichtblitzen, einem guten Dutzend Ledermonturen und ein paar alten Weckern (= Plutoniumbomben) zaubert Mario Bava grotesk-fantastischen Horror-Trash-Fiction, die (nicht) von Pappe ist.
R Mario Bava B Mario Bava, Alberto Beviacqua, Callisto Cosulich, Antonio Román, Rafael J. Salvia K Antonio Pérez Olea, Antonio Rinaldi M Gino Marinuzzi Jr. A Giorgio Giovannini S Romana Fortini, Antonio Gimeno P Fulvio Lucisano D Barry Sullivan, Norma Bengell, Ángel Aranda, Evi Marandi, Stelio Candelli | I & E | 88 min | 1:1,85 | f | 15. September 1965
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Raumschiff,
Science fiction
9.9.65
Solange Leben in mir ist (Günter Reisch, 1965)
»Ein Held? Das ist ein Sozialist der Tat!« Gemessen an seiner eigenen Definition ist der Karl Liebknecht des Films (weniger verkörpert denn verstimmlicht von Horst Schulze) kein Held. Liebknecht ist ein Sozialist des Wortes. Er redet und redet und redet: Er hält Reden im Reichstag und im Kaffeehaus, in seinem Wohnzimmer und in freier Natur, im Schützengraben und vor Gericht; er richtet Adressen an seine geliebte Frau und an befreundete Proletarier, er referiert vor wutschnaubenden Gegnern und enthusiastischen Genossen, und noch zu seiner zehnjährigen Tochter spricht er wie zur Nachwelt. »Solange Leben in mir ist«, der – aus streng parteilicher Sicht – die Biographie des aufrechten, friedensliebenden Revolutionärs vom Sommer 1914 (seinem einsamen »Nein!« zu den Kriegskrediten) bis zum Sommer 1916 (seiner Verurteilung wegen »Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!« = Hochverrat) in perfekt austarierten, wie aus grauem Stein geschlagenen Breitwandbildern nachzeichnet, könnte ebensogut den Titel »Solange Stimme in mir ist« tragen.
R Günter Reisch B Michael Tschesno-Hell, Günter Reisch, Hermann Herlinghaus K Horst E. Brandt M Ernst Hermann Meyer A Willy Schiller, Dieter Adam S Bärbel Weigel P Gerd Golde D Horst Schulze, Albert Hetterle, Erika Dunkelmann, Jutta Hoffmann, Ludmilla Kasjanowa | DDR | 114 min | 1:2,35 | sw | 9. September 1965
R Günter Reisch B Michael Tschesno-Hell, Günter Reisch, Hermann Herlinghaus K Horst E. Brandt M Ernst Hermann Meyer A Willy Schiller, Dieter Adam S Bärbel Weigel P Gerd Golde D Horst Schulze, Albert Hetterle, Erika Dunkelmann, Jutta Hoffmann, Ludmilla Kasjanowa | DDR | 114 min | 1:2,35 | sw | 9. September 1965
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Epos,
Erster Weltkrieg,
Jutta Hoffmann,
Kommunismus,
Krieg,
Politik,
Reisch,
Tschesno-Hell
8.9.65
La métamorphose des cloportes (Pierre Granier-Deferre, 1965)
Ganoven rechnen ab
Alphonse (Lino Ventura), genannt ›le Malin‹ (≈ der Schlaufuchs, aber auch: der Teufel, oder: einer, der sich aufspielt), ein verhältnismäßig erfolgreicher Pariser Bilderdieb, läßt sich von einem alten Kumpel (Charles Aznavour) und dessen trübtassigen Komplizen in eine zweifelhafte Safeknackerei verwickeln, infolge derer er – als einziger der Bande – in den Kahn einfährt. Nach fünf einsamen Jahren in die Freiheit entlassen, geht Alphonse, in rächender Absicht, auf die Suche nach den unsolidarischen Gefährten von einst, die sich zwischenzeitlich auf seine Kosten mittelständisch etabliert haben: einer unterhält einen Rennstall, einer ist Schausteller geworden, einer sucht sein Heil in indischer Weisheit, einer betreibt erfolgreich internationalen Kunsthandel – die wundersame Metamorphose der Kellerasseln. In Pierre Granier-Deferres kompetent inszenierter Adaption eines autobiographisch grundierten Romans des Ex-Knackis Alphonse Boudard erscheinen die bürgerliche Gesellschaft als Zerrspiegelbild der Unterwelt, die Ehrsamkeit als Fortsetzung des Verbrechens mit anderen Mitteln (et vice versa). Nicolas Hayer (der unter anderem für Clouzot und Melville tätig war) findet für das tragikomisch gefärbte Vergeltungsstück Scope-Bilder von dokumentarisch-kühler Nüchternheit, Jimmy Smiths fatalistisch-bluesiger Hammond-Sound läßt von vornherein ahnen, daß die (Ab-)Rechnung des geprellten Ganoven nicht aufgehen wird.
R Pierre Granier-Deferre B Michel Audiard, Albert Simonin V Alphonse Boudard K Nicolas Hayer M Jimmy Smith A Jacques Saulnier S Jean Ravel P Bertrand Javal, Paul Javal D Lino Ventura, Pierre Brasseur, Charles Aznavour, Irina Demick, Françoise Rosay, Daniel Ceccaldi | F & I | 98 min | 1:2,35 | sw | 8. September 1965
# 1053 | 31. Mai 2017
Alphonse (Lino Ventura), genannt ›le Malin‹ (≈ der Schlaufuchs, aber auch: der Teufel, oder: einer, der sich aufspielt), ein verhältnismäßig erfolgreicher Pariser Bilderdieb, läßt sich von einem alten Kumpel (Charles Aznavour) und dessen trübtassigen Komplizen in eine zweifelhafte Safeknackerei verwickeln, infolge derer er – als einziger der Bande – in den Kahn einfährt. Nach fünf einsamen Jahren in die Freiheit entlassen, geht Alphonse, in rächender Absicht, auf die Suche nach den unsolidarischen Gefährten von einst, die sich zwischenzeitlich auf seine Kosten mittelständisch etabliert haben: einer unterhält einen Rennstall, einer ist Schausteller geworden, einer sucht sein Heil in indischer Weisheit, einer betreibt erfolgreich internationalen Kunsthandel – die wundersame Metamorphose der Kellerasseln. In Pierre Granier-Deferres kompetent inszenierter Adaption eines autobiographisch grundierten Romans des Ex-Knackis Alphonse Boudard erscheinen die bürgerliche Gesellschaft als Zerrspiegelbild der Unterwelt, die Ehrsamkeit als Fortsetzung des Verbrechens mit anderen Mitteln (et vice versa). Nicolas Hayer (der unter anderem für Clouzot und Melville tätig war) findet für das tragikomisch gefärbte Vergeltungsstück Scope-Bilder von dokumentarisch-kühler Nüchternheit, Jimmy Smiths fatalistisch-bluesiger Hammond-Sound läßt von vornherein ahnen, daß die (Ab-)Rechnung des geprellten Ganoven nicht aufgehen wird.
R Pierre Granier-Deferre B Michel Audiard, Albert Simonin V Alphonse Boudard K Nicolas Hayer M Jimmy Smith A Jacques Saulnier S Jean Ravel P Bertrand Javal, Paul Javal D Lino Ventura, Pierre Brasseur, Charles Aznavour, Irina Demick, Françoise Rosay, Daniel Ceccaldi | F & I | 98 min | 1:2,35 | sw | 8. September 1965
# 1053 | 31. Mai 2017
28.8.65
Pierrot le fou (Jean-Luc Godard, 1965)
Elf Uhr nachts
Un film d’aventure. Un roman d’amour. Un saison en enfer. Jean-Luc Godard schickt sein irres Liebespaar Pierrot (»Je m’appelle Ferdinand!«) (= Jean-Paul Belmondo) und Marianne Renoir (= Anna Karina) auf eine lange, sommerliche Kino-Flucht vor und zu sich selbst. Sam Fuller weist ihnen (und dem Publikum) die Richtung: »Film is like a battleground: love, hate, action, violence, death. In one word: emotion.« Pierrot und Marianne verlassen die Stadt (die gute Gesellschaft, das dumme Geschwätz, die reichen Büffets), überfallen Tankstellen, erzählen Geschichten, lesen Comics, klauen, jagen, fischen. Während Rudimente von Handlung (irgend etwas mit Terrorismus, politischem Mord und Waffenschmuggel) wie Müll am Wegesrand liegenbleiben, geht die Reise immer weiter hinaus ins Freie – durch Realismus und Surrealismus, Zärtlichkeit und Grausamkeit, Schrecken und Komik – über Felder durch Wälder ans Meer. Die Tage vergehen. Die Liebe auch. Der Versuch der Freiheit endet – beau comme tout – mit einem Loch in der Schläfe und einem explodierenden blauen Kopf. Das Meer schweigt dazu und glitzert in der Sonne.
R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard V Lionel White K Raoul Coutard M Antoine Duhamel S Françoise Collin P Georges de Beauregard D Jean-Paul Belmondo, Anna Karina, Graziella Galvani, Samuel Fuller, László Szabó | F & I | 110 min | 1:2,35 | f | 28. August 1965
Un film d’aventure. Un roman d’amour. Un saison en enfer. Jean-Luc Godard schickt sein irres Liebespaar Pierrot (»Je m’appelle Ferdinand!«) (= Jean-Paul Belmondo) und Marianne Renoir (= Anna Karina) auf eine lange, sommerliche Kino-Flucht vor und zu sich selbst. Sam Fuller weist ihnen (und dem Publikum) die Richtung: »Film is like a battleground: love, hate, action, violence, death. In one word: emotion.« Pierrot und Marianne verlassen die Stadt (die gute Gesellschaft, das dumme Geschwätz, die reichen Büffets), überfallen Tankstellen, erzählen Geschichten, lesen Comics, klauen, jagen, fischen. Während Rudimente von Handlung (irgend etwas mit Terrorismus, politischem Mord und Waffenschmuggel) wie Müll am Wegesrand liegenbleiben, geht die Reise immer weiter hinaus ins Freie – durch Realismus und Surrealismus, Zärtlichkeit und Grausamkeit, Schrecken und Komik – über Felder durch Wälder ans Meer. Die Tage vergehen. Die Liebe auch. Der Versuch der Freiheit endet – beau comme tout – mit einem Loch in der Schläfe und einem explodierenden blauen Kopf. Das Meer schweigt dazu und glitzert in der Sonne.
R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard V Lionel White K Raoul Coutard M Antoine Duhamel S Françoise Collin P Georges de Beauregard D Jean-Paul Belmondo, Anna Karina, Graziella Galvani, Samuel Fuller, László Szabó | F & I | 110 min | 1:2,35 | f | 28. August 1965
25.8.65
Marie-Chantal contre Dr. Kha (Claude Chabrol, 1965)
M. C. contra Dr. Kha
»Vous êtes comme Alice. Vous êtes passées de l’autre côté du miroir.« Auf einer Zugfahrt erhält Marie-Chantal (Marie Lafôret) von einem Mitreisenden ein Schmuckstück zur vorübergehenden Aufbewahrung. Im Moment, da sie den blauen Pantherkopf mit den Rubinaugen annimmt, betritt das maliziöse Lebefräulein ein wundersames Land hinter den Spiegeln, eine Sphäre des tödlichen Wettstreits feindlicher Organisationen. Claude Chabrol erzählt (mit Anleihen bei Langs »Dr. Mabuse« und Hitchcocks »The Man Who Knew Too Much«) eine bizarre Farce um ein Killervirus, das seinen Besitzer zum Herren der Welt machen würde. Der Film, eine märchenhafte Reise von den Alpen nach Marokko, lebt vor allem von seinen Darstellern: Serge Reggiani und Charles Denner als grenzdebile Comicspione Ivanov und Johnson; Stéphane Audran als schwarze Witwe Olga, die den ganzen Horror des Lebens an der unsichtbaren Front schildert: dauernd Mord, Entführung, Sabotage, und dann noch die Sexpartys mit den Ministern; Akim Tamiroff als doppelbödiger Dr. Kha, genialischer Spieler gegen alle und gegen sich selbst. Die Heldin engagiert sich weniger aus Überzeugung denn aus Renitenz: la petite snob will das Kleinod, das man ihr überlassen hat, einfach nicht wieder hergeben. Im übrigen findet sie die Agenda des Superschurken bedauernswürdig: Absolute Macht bedeute nichts anderes als absoluten Tod. Und während die junge Frau zur Ablenkung ihr Nonnenschulen-Programm von Liebe, Zärtlichkeit und Vertrauen entwickelt, nestelt sie einen Revolver aus der Bluse … Die angelegte Fortsetzung von Marie-Chantals phantastischen Abenteuern wird Chabrol der Filmgeschichte leider schuldig bleiben.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Christian-Yve, Daniel Boulanger V Jacques Chazot K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Litaye S Jacques Gaillard P Georges de Beauregard D Marie Lafôret, Francisco Rabal, Stéphane Audran, Akim Tamiroff, Serge Reggiani, Roger Hanin, Charles Denner | F & I & E | 110 min | 1:1,66 | f | 25. August 1965
»Vous êtes comme Alice. Vous êtes passées de l’autre côté du miroir.« Auf einer Zugfahrt erhält Marie-Chantal (Marie Lafôret) von einem Mitreisenden ein Schmuckstück zur vorübergehenden Aufbewahrung. Im Moment, da sie den blauen Pantherkopf mit den Rubinaugen annimmt, betritt das maliziöse Lebefräulein ein wundersames Land hinter den Spiegeln, eine Sphäre des tödlichen Wettstreits feindlicher Organisationen. Claude Chabrol erzählt (mit Anleihen bei Langs »Dr. Mabuse« und Hitchcocks »The Man Who Knew Too Much«) eine bizarre Farce um ein Killervirus, das seinen Besitzer zum Herren der Welt machen würde. Der Film, eine märchenhafte Reise von den Alpen nach Marokko, lebt vor allem von seinen Darstellern: Serge Reggiani und Charles Denner als grenzdebile Comicspione Ivanov und Johnson; Stéphane Audran als schwarze Witwe Olga, die den ganzen Horror des Lebens an der unsichtbaren Front schildert: dauernd Mord, Entführung, Sabotage, und dann noch die Sexpartys mit den Ministern; Akim Tamiroff als doppelbödiger Dr. Kha, genialischer Spieler gegen alle und gegen sich selbst. Die Heldin engagiert sich weniger aus Überzeugung denn aus Renitenz: la petite snob will das Kleinod, das man ihr überlassen hat, einfach nicht wieder hergeben. Im übrigen findet sie die Agenda des Superschurken bedauernswürdig: Absolute Macht bedeute nichts anderes als absoluten Tod. Und während die junge Frau zur Ablenkung ihr Nonnenschulen-Programm von Liebe, Zärtlichkeit und Vertrauen entwickelt, nestelt sie einen Revolver aus der Bluse … Die angelegte Fortsetzung von Marie-Chantals phantastischen Abenteuern wird Chabrol der Filmgeschichte leider schuldig bleiben.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Christian-Yve, Daniel Boulanger V Jacques Chazot K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Litaye S Jacques Gaillard P Georges de Beauregard D Marie Lafôret, Francisco Rabal, Stéphane Audran, Akim Tamiroff, Serge Reggiani, Roger Hanin, Charles Denner | F & I & E | 110 min | 1:1,66 | f | 25. August 1965
6.8.65
The Face of Fu Manchu (Don Sharp, 1965)
Ich, Dr. Fu Man Chu
»He’s cruel, callous, brilliant, and the most evil and dangerous man in the world«, sagt Scotland-Yard-Inspektor Nayland Smith (Nigel Green, ein Inbild des britischen Stiff-upper-lip-Kolonialoffiziers) über seinen Gegenspieler: Dr. Fu Manchu (Christopher Lee), ein besonders abgefeimtes Exemplar aus der langen Galerie promovierter Erzschurken – Dr. Caligari, Dr. Mabuse, Dr. No –, greift, wie es sich für den bösartigsten Mann der Welt gehört, nach der Herrschaft über die gesamte Menschheit. Es ist die sprichwörtliche »gelbe Gefahr«, die Fu Manchu in Harry Alan Towers’ englisch-deutscher Koproduktion fratzenhaft verkörpert, der personifizierte Angsttraum des zivilisierten Westens vor der orientalischen Despotie. Nichts weniger als »the secret of universal life« will der Superverbrecher (assistiert von seiner sadistischen Tochter Lin Tang) enträtseln, besser gesagt: aus seltenen tibetischen Samenkörnern destillieren (wozu er die mehr oder weniger freiwillige Hilfe europäischer Gelehrter benötigt), wobei es ihm als großem Zerstörer um die Überwindung des irdischen Lebens geht, um »the life after this life«, kurz: um den Tod. Der Spielort des von Don Sharp mit spröder Eleganz inszenierten, im Zwischenreich von James Bond und Edgar Wallace angesiedelten Pulp-Dramas, das behaglich-graue London der 1920er Jahre, erweist sich als längst unterhöhlt von Geheimgängen und Folterkellern, und immer wieder durchzuckt das grelle Rot einer letalen Bedrohung die stolze Selbstgewißheit der Metropole des Empire. »Remember Fleetwick«, läßt Fu Manchu mit alarmierend ruhiger Stimme über Radio verlauten; kurz darauf ist eine Kleinstadt ausgelöscht – als erpresserische Ankündigung des kommenden, noch verheerenderen Unheils. Am Ende siegt das Gute, und das Böse bekundet seine Unbesiegbarkeit: »The world shall hear from me again.«
R Don Sharp B Peter Welbeck (= Harry Alan Towers) V Sax Rohmer K Ernest Steward M Christopher Whelen A Frank White S John Trumper P Harry Alan Towers D Christopher Lee, Nigel Green, Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Tsai Chin, Walter Rilla | UK & BRD | 96 min | 1:2,35 | f | 6. August 1965
# 864 | 21. Mai 2014
»He’s cruel, callous, brilliant, and the most evil and dangerous man in the world«, sagt Scotland-Yard-Inspektor Nayland Smith (Nigel Green, ein Inbild des britischen Stiff-upper-lip-Kolonialoffiziers) über seinen Gegenspieler: Dr. Fu Manchu (Christopher Lee), ein besonders abgefeimtes Exemplar aus der langen Galerie promovierter Erzschurken – Dr. Caligari, Dr. Mabuse, Dr. No –, greift, wie es sich für den bösartigsten Mann der Welt gehört, nach der Herrschaft über die gesamte Menschheit. Es ist die sprichwörtliche »gelbe Gefahr«, die Fu Manchu in Harry Alan Towers’ englisch-deutscher Koproduktion fratzenhaft verkörpert, der personifizierte Angsttraum des zivilisierten Westens vor der orientalischen Despotie. Nichts weniger als »the secret of universal life« will der Superverbrecher (assistiert von seiner sadistischen Tochter Lin Tang) enträtseln, besser gesagt: aus seltenen tibetischen Samenkörnern destillieren (wozu er die mehr oder weniger freiwillige Hilfe europäischer Gelehrter benötigt), wobei es ihm als großem Zerstörer um die Überwindung des irdischen Lebens geht, um »the life after this life«, kurz: um den Tod. Der Spielort des von Don Sharp mit spröder Eleganz inszenierten, im Zwischenreich von James Bond und Edgar Wallace angesiedelten Pulp-Dramas, das behaglich-graue London der 1920er Jahre, erweist sich als längst unterhöhlt von Geheimgängen und Folterkellern, und immer wieder durchzuckt das grelle Rot einer letalen Bedrohung die stolze Selbstgewißheit der Metropole des Empire. »Remember Fleetwick«, läßt Fu Manchu mit alarmierend ruhiger Stimme über Radio verlauten; kurz darauf ist eine Kleinstadt ausgelöscht – als erpresserische Ankündigung des kommenden, noch verheerenderen Unheils. Am Ende siegt das Gute, und das Böse bekundet seine Unbesiegbarkeit: »The world shall hear from me again.«
R Don Sharp B Peter Welbeck (= Harry Alan Towers) V Sax Rohmer K Ernest Steward M Christopher Whelen A Frank White S John Trumper P Harry Alan Towers D Christopher Lee, Nigel Green, Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Tsai Chin, Walter Rilla | UK & BRD | 96 min | 1:2,35 | f | 6. August 1965
# 864 | 21. Mai 2014
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Abenteuer,
Dor,
Drogen,
Fu Manchu,
Fuchsberger,
Gangster,
Lee,
London,
Phantastik,
Polizei,
Sharp,
Thriller,
Tibet,
Tod,
Wissenschaft
3.8.65
Darling (John Schlesinger, 1965)
Darling
»I’m as happy as anyone could possibly be.« London, die Hauptstadt der swingenden Sechziger: Aufbruch, Hedonismus, Ungezwungenheit, das Leben als endlose Party. Eine old fashioned Metropole wird zum Epizenztrum der kapitalistischen Kulturrevolution – hier spielt John Schlesingers fellineskes Gesellschaftspanorama »Darling«: ein Röntgenbild der Oberflächlichkeit, ein leichtfüßig-frostiges Soziogramm, ein silbriges Glanzstück. Julie Christie ist Diana Scott. Sie ist jung und schön, sie wirkt natürlich und unkompliziert, sie weiß genau, was sie will, besser gesagt wohin: nach oben. Darling Diana ist ein Archetyp der Ära, »happiness girl« und »ideal woman«, Hure und Prinzessin. Männer pflastern ihren Weg: Dirk Bogarde, der Intellektuelle, Laurence Harvey, der Zyniker, José de Vilallonga, der Fürst. Darling benutzt und läßt sich benutzen. Am Ende ist sie da, wo sie immer sein wollte. Sie residiert in einem Schloß, sie sieht ihr Gesicht im Spiegel, und sie weiß: »Darling’s life is a great big steaming mess.«
R John Schlesinger B Frederic Raphael K Kenneth Higgins M John Dankworth A Ray Simm S Jim Clark P Joseph Janni D Julie Christie, Dirk Bogarde, Laurence Harvey, José Luis de Vilallonga, Roland Curram | UK | 128 min | 1:1,66 | sw | 3. August 1965
»I’m as happy as anyone could possibly be.« London, die Hauptstadt der swingenden Sechziger: Aufbruch, Hedonismus, Ungezwungenheit, das Leben als endlose Party. Eine old fashioned Metropole wird zum Epizenztrum der kapitalistischen Kulturrevolution – hier spielt John Schlesingers fellineskes Gesellschaftspanorama »Darling«: ein Röntgenbild der Oberflächlichkeit, ein leichtfüßig-frostiges Soziogramm, ein silbriges Glanzstück. Julie Christie ist Diana Scott. Sie ist jung und schön, sie wirkt natürlich und unkompliziert, sie weiß genau, was sie will, besser gesagt wohin: nach oben. Darling Diana ist ein Archetyp der Ära, »happiness girl« und »ideal woman«, Hure und Prinzessin. Männer pflastern ihren Weg: Dirk Bogarde, der Intellektuelle, Laurence Harvey, der Zyniker, José de Vilallonga, der Fürst. Darling benutzt und läßt sich benutzen. Am Ende ist sie da, wo sie immer sein wollte. Sie residiert in einem Schloß, sie sieht ihr Gesicht im Spiegel, und sie weiß: »Darling’s life is a great big steaming mess.«
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1.8.65
The Alphabet Murders (Frank Tashlin, 1965)
Die Morde des Herrn ABC
»This is London. Nothing is going to happen.« Eigentlich ist der belgische (!) Meisterdetektiv Hercule Poirot nur an die Themse gereist, um seinen Schneider aufzusuchen, doch die nach Aufklärung schreienden Mordtaten lassen (natürlich) nicht lange auf sich warten. Albert Aachen, Betty Bernard, Sir Carmichael Clarke, Duncan Doncaster heißen die Opfer, die mit vergifteten Pfeilen abgeschossen werden – offenbar von einer alphabetfixierten Psychotikerin (Anita Ekberg als schöne, große, blonde und völlig verrückte (?) Serienkillerin Amanda Beatrice Cross) … Mit parodistischem Gusto, cartoonesken Bilderfindungen sowie einer absolut überzeugenden Fehlbesetzung der Hauptrolle (wie aus dem Ei gepellt: Tony Randall) stellt Frank Tashlin seine absurd-vergnügliche, cool-klamaukige Kriminalfarce in die Tradition der 1960er Miss-Marple-Adaptionen (insbesondere hörbar gemacht durch den Komponisten Ron Goodwin) und geht zugleich einen Schritt über die altjüngferlichen Verbrecherjagden hinaus. Eine dysfunktionale Familie und ein großes Vermögen, atemberaubende Schlußfolgerungen des kombinatorischen Genies und polizeiliche Blindheit, ein Labyrinth falscher Spuren und ein Club voller Exzentriker – »The Alphabet Murders« ist verarschende Huldigung und respektvolle Dekonstruktion erzbritischer Whodunit-Stereotypen in einem filmischen Atemzug. Robert Morley als schnaufender Poirot-Sidekick Captain Hastings gibt der aparten Genrepersiflage den fetten Rest.
R Frank Tashlin B David Pursall, Jack Seddon V Agatha Christie K Desmond Dickinson M Ron Goodwin A William C. Andrews S John Victor-Smith P Lawrence P. Bachmann D Tony Randall, Anita Ekberg, Robert Morley, Maurice Denham, Guy Rolfe | UK | 90 min | 1:1,66 | sw | 1. August 1965
R Frank Tashlin B David Pursall, Jack Seddon V Agatha Christie K Desmond Dickinson M Ron Goodwin A William C. Andrews S John Victor-Smith P Lawrence P. Bachmann D Tony Randall, Anita Ekberg, Robert Morley, Maurice Denham, Guy Rolfe | UK | 90 min | 1:1,66 | sw | 1. August 1965
29.7.65
Help! (Richard Lester, 1965)
Hi-Hi-Hilfe!
»There's more here than meets the eye!« Gewidmet Elias Howe, dem Erfinder der Nähmaschine, surrt das zweite Beatles-Vehikel »Help!« wie ein surrealer Narrationsapparatismus durch jede Menge knallbunte Inhaltsfetzen und tackert den ganzen Wust zu einem wüsten Ganzen zusammen. Nukleus des Geschehens ist ein geheimnisvoller Ring, den Ringo (wer sonst?) an seinem Finger trägt, und hinter dem sowohl eine blutrünstige indische Sekte als auch ein Wissenschaftler mit Weltmachtambitionen her sind – Wilkie Collins meets James Bond. Richard Lester sowie den Autoren Charles Wood und Marc Behm gelingt es durch die konsequente Mißachtung der drei aristotelischen Einheiten von Ort, Zeit und Handlung nicht nur, sieben Beatles-Songs in den launenhaft-mäandrierenden Hergang des Films einzufügen, sie kreieren mit ihrer pointierten »And-now-for-something-completly-different«-Logik (und unter Einsatz des intelligenten Blödeltalents der Fab Four) zudem eine Art Monthy-Python-Bewußtseinsstrom avant la lettre.
R Richard Lester B Marc Behm, Charles Wood K David Watkin M The Beatles A Ray Simm S John Victor-Smith P Walter Shenson D John Lennon, Paul McCartney George Harrison, Ringo Starr, Eleanor Bron | UK | 90 min | 1:1,85 | f | 29. Juli 1965
»There's more here than meets the eye!« Gewidmet Elias Howe, dem Erfinder der Nähmaschine, surrt das zweite Beatles-Vehikel »Help!« wie ein surrealer Narrationsapparatismus durch jede Menge knallbunte Inhaltsfetzen und tackert den ganzen Wust zu einem wüsten Ganzen zusammen. Nukleus des Geschehens ist ein geheimnisvoller Ring, den Ringo (wer sonst?) an seinem Finger trägt, und hinter dem sowohl eine blutrünstige indische Sekte als auch ein Wissenschaftler mit Weltmachtambitionen her sind – Wilkie Collins meets James Bond. Richard Lester sowie den Autoren Charles Wood und Marc Behm gelingt es durch die konsequente Mißachtung der drei aristotelischen Einheiten von Ort, Zeit und Handlung nicht nur, sieben Beatles-Songs in den launenhaft-mäandrierenden Hergang des Films einzufügen, sie kreieren mit ihrer pointierten »And-now-for-something-completly-different«-Logik (und unter Einsatz des intelligenten Blödeltalents der Fab Four) zudem eine Art Monthy-Python-Bewußtseinsstrom avant la lettre.
R Richard Lester B Marc Behm, Charles Wood K David Watkin M The Beatles A Ray Simm S John Victor-Smith P Walter Shenson D John Lennon, Paul McCartney George Harrison, Ringo Starr, Eleanor Bron | UK | 90 min | 1:1,85 | f | 29. Juli 1965
4.7.65
Nicht versöhnt oder Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht (Jean-Marie Straub & Danièle Huillet, 1965)
Fünfzig Jahre deutsche Geschichte, dargestellt am Beispiel von drei Generationen einer gutbürgerlichen Kölner Familie, umspannt dieser kurze Film, der auf Heinrich Bölls Roman »Billard um halb zehn« basiert. Ohne erläuternde Inhaltsübersicht ist der aufs Äußerste kondensierten, in harten zeitlichen Sprüngen erzählten Handlung allerdings kaum zu folgen: Vor dem Ersten Weltkrieg errichtete Architekt Heinrich Fähmel eine Abtei, im Zweiten Weltkrieg wurde sie von seinem Sohn Robert aus militärischen Gründen gesprengt, Enkel Joseph beteiligt sich zur Zeit des Wirtschaftswunders an der Rekonstruktion des Baus; entlang dieses roten Fadens (oder auch: Teufelskreises) von Aufbau, Zerstörung und Wiederaufbau berichtet »Nicht versöhnt« von Repression und Widerstand, von der Geduld der Lämmer und der Gewalt der Büffel, vom Überdauern und Fortwirken der Vergangenheit. Das forcierte Laienspiel und die betont kunstlose Inszenierung, eine karge Ausstattung und verständnishemmende Ellipsen kennzeichnen das sperrige Werk, dessen atmosphärische Dissonanzen jede Form von Einfühlung strikt unterbinden – cinema povera und kommunikatives Unvermögen, aufklärerischer Minimalismus und blasiertes Dilettantentum liegen hier dicht beieinander. Es sind in erster Linie die Amateurdarsteller, die – indem sie ohne jeden Kunstwillen ihre Texte aufsagen – den spröden Charme des Filmes ausmachen: Der betagte Heinrich Hargesheimer klingt wie Konrad Adenauer und transportiert kongenial den Sound der jungen, uralten Bundesrepublik; Martha Ständner bezaubert als unwürdige Greisin, die, bevor sie einen reinigenden Schuß abfeuert, ihrem Mann verkündet: »Ich verlasse mich auf den Paragraphen 51, Liebster.«
R Jean-Marie Straub, Danièle Huillet B Jean-Marie Straub, Danièle Huillet V Heinrich Böll K Wendelin Sachtler M Béla Bartók, Johann Sebastian Bach S Jean-Marie Straub, Danièle Huillet P Jean-Marie Straub, Danièle Huillet D Henning Harmssen, Heinrich Hargesheimer, Chargesheimer (= Carl-Heinz Hargesheimer), Martha Ständner, Ulrich von Thüna | BRD | 55 min | 1:1,37 | sw | 4. Juli 1965
# 861 | 10. Mai 2014
R Jean-Marie Straub, Danièle Huillet B Jean-Marie Straub, Danièle Huillet V Heinrich Böll K Wendelin Sachtler M Béla Bartók, Johann Sebastian Bach S Jean-Marie Straub, Danièle Huillet P Jean-Marie Straub, Danièle Huillet D Henning Harmssen, Heinrich Hargesheimer, Chargesheimer (= Carl-Heinz Hargesheimer), Martha Ständner, Ulrich von Thüna | BRD | 55 min | 1:1,37 | sw | 4. Juli 1965
# 861 | 10. Mai 2014
2.7.65
Furia à Bahia pour OSS 117 (André Hunebelle, 1965)
OSS 117 – Pulverfaß Bahia
»Un révolutionnaire n’a pas d’amis.« – OSS 117 (diesmal gespielt von Frederick Stafford, der aussieht wie eine Mischung aus Quelle-Katalog-Unterwäsche-Model und Lord-Extra-Werbeillustration) ist unterwegs, um eine Kette von spektakulär-rätselhaften Selbstmordattentaten aufzuklären. Die Spur führt nach Rio und weiter in den brasilianischen Urwald, wo eine Organisation unter Führung eines ehrgeizigen Uniformträgers namens Carlos (!) (François Maistre) die gewaltsame Vereinigung des südamerikanischen Halbkontinents betreibt. André Hunebelle feiert in »Furia à Bahia« straff und recht kurzweilig (aber leider ohne jeden Anflug von Wahnwitz) die Schauwerte ab, Michel Magne schwingt die Samba-Rasseln, und Mylène Demongeot darf dazu blond und gut aussehen.
R André Hunebelle B Pierre Foucaud, Jean Hallain, André Hunebelle V Jean Bruce K Marcel Grignon M Michel Magne A Paul-Louis Boutié S Jean Feyte P Paul Cadéac, Luciano Ercoli, Alberto Pugliese D Frederick Stafford, Mylène Demongeot, Raymond Pellegrin, Perette Pradier, François Maistre | F & I | 99 min | 1:2,35 | f | 2. Juli 1965
»Un révolutionnaire n’a pas d’amis.« – OSS 117 (diesmal gespielt von Frederick Stafford, der aussieht wie eine Mischung aus Quelle-Katalog-Unterwäsche-Model und Lord-Extra-Werbeillustration) ist unterwegs, um eine Kette von spektakulär-rätselhaften Selbstmordattentaten aufzuklären. Die Spur führt nach Rio und weiter in den brasilianischen Urwald, wo eine Organisation unter Führung eines ehrgeizigen Uniformträgers namens Carlos (!) (François Maistre) die gewaltsame Vereinigung des südamerikanischen Halbkontinents betreibt. André Hunebelle feiert in »Furia à Bahia« straff und recht kurzweilig (aber leider ohne jeden Anflug von Wahnwitz) die Schauwerte ab, Michel Magne schwingt die Samba-Rasseln, und Mylène Demongeot darf dazu blond und gut aussehen.
R André Hunebelle B Pierre Foucaud, Jean Hallain, André Hunebelle V Jean Bruce K Marcel Grignon M Michel Magne A Paul-Louis Boutié S Jean Feyte P Paul Cadéac, Luciano Ercoli, Alberto Pugliese D Frederick Stafford, Mylène Demongeot, Raymond Pellegrin, Perette Pradier, François Maistre | F & I | 99 min | 1:2,35 | f | 2. Juli 1965
1.7.65
The Great Race (Blake Edwards, 1965)
Das große Rennen rund um die Welt
Eine Ouvertüre! (Wie vor einem Monumentalfilm.) Dann die Widmung: »To Mr. Laurel and Mr. Hardy«. Was folgt, ist, wie nach diesem Auftakt zu erwarten, der Versuch eines endgültigen Lustspiels, ein überdimensionales Slapstick-Epos, vergleichbar vielleicht nur mit Stanley Kramers ebenfalls völlig aus den gestalterischen Fugen geratener Superklamotte »It’s a Mad, Mad, Mad, Mad World«: ein Belle-Époque-Wagenrennen – (fast) rund um den Globus – von New York nach Paris, ein perlweiß funkelnder Siegertyp (›The Great Leslie‹: Tony Curtis), ein Antagonist, so schwarz wie die Bombe eines Anarchisten (›Professor Fate‹: Jack Lemmon), dazu ergebene Helfer (Keenan Wynn und Peter Falk) sowie eine selbstbewußte Suffragette (›Maggie Du Bois‹: Natalie Wood), die das Primat der männlichen Helden(-figuren) mit allen ihr zu Gebote stehenden körperlichen und intellektuellen Reizen in Frage stellt. Stummfilmfan und Kontrollfreak Blake Edwards schafft mit seinem besessen-minutiösen Nach- und Durchdeklinieren populärer Leinwandstandards – heulenden Indianer-Attacken und klirrenden Mantel-&-Degen-Duellen, romantischen Komplikationen und schwelgerischen Zerstörungsorgien, einer titanischen Saloonschlägerei und einer Tortenschlacht (natürlich handelt es sich nicht um »eine« Tortenschlacht, sondern um »the pie fight of the century«) – eine exaltiert-exorbitante roadshow, das Komödienäquivalent zu den hypertrophen Musicals der Epoche. Daß die Komik, trotz konsequent cartoonhafter Charakterzeichnung und kompromißlos überzeichneter Situationen, hin und wieder auf der (langen) Strecke bleibt, liegt wohl in der Natur der (aufgeblasenen) Sache: Subversion und Gigantismus gehen selten Hand in Hand. PS: »Push the button, Max!«
R Blake Edwards B Arthur A. Ross, Blake Edwards K Russell Harlan M Henry Mancini A Fernando Carrere S Ralph E. Winters P Martin Jurow D Jack Lemmon, Tony Curtis, Natalie Wood, Peter Falk, Keenan Wynn | USA | 160 min | 1:2,35 | f | 1. Juli 1965
Eine Ouvertüre! (Wie vor einem Monumentalfilm.) Dann die Widmung: »To Mr. Laurel and Mr. Hardy«. Was folgt, ist, wie nach diesem Auftakt zu erwarten, der Versuch eines endgültigen Lustspiels, ein überdimensionales Slapstick-Epos, vergleichbar vielleicht nur mit Stanley Kramers ebenfalls völlig aus den gestalterischen Fugen geratener Superklamotte »It’s a Mad, Mad, Mad, Mad World«: ein Belle-Époque-Wagenrennen – (fast) rund um den Globus – von New York nach Paris, ein perlweiß funkelnder Siegertyp (›The Great Leslie‹: Tony Curtis), ein Antagonist, so schwarz wie die Bombe eines Anarchisten (›Professor Fate‹: Jack Lemmon), dazu ergebene Helfer (Keenan Wynn und Peter Falk) sowie eine selbstbewußte Suffragette (›Maggie Du Bois‹: Natalie Wood), die das Primat der männlichen Helden(-figuren) mit allen ihr zu Gebote stehenden körperlichen und intellektuellen Reizen in Frage stellt. Stummfilmfan und Kontrollfreak Blake Edwards schafft mit seinem besessen-minutiösen Nach- und Durchdeklinieren populärer Leinwandstandards – heulenden Indianer-Attacken und klirrenden Mantel-&-Degen-Duellen, romantischen Komplikationen und schwelgerischen Zerstörungsorgien, einer titanischen Saloonschlägerei und einer Tortenschlacht (natürlich handelt es sich nicht um »eine« Tortenschlacht, sondern um »the pie fight of the century«) – eine exaltiert-exorbitante roadshow, das Komödienäquivalent zu den hypertrophen Musicals der Epoche. Daß die Komik, trotz konsequent cartoonhafter Charakterzeichnung und kompromißlos überzeichneter Situationen, hin und wieder auf der (langen) Strecke bleibt, liegt wohl in der Natur der (aufgeblasenen) Sache: Subversion und Gigantismus gehen selten Hand in Hand. PS: »Push the button, Max!«
R Blake Edwards B Arthur A. Ross, Blake Edwards K Russell Harlan M Henry Mancini A Fernando Carrere S Ralph E. Winters P Martin Jurow D Jack Lemmon, Tony Curtis, Natalie Wood, Peter Falk, Keenan Wynn | USA | 160 min | 1:2,35 | f | 1. Juli 1965
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Edwards,
Emanzipation,
Jahrhundertwende,
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Lemmon,
Reise,
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