20.7.60

The Bellboy (Jerry Lewis, 1960)

Hallo, Page!

»If you create a stage and it is grand, everyone who enters will play their part«, postuliert Architekt Morris Lapidus, der Mitte der 1950er Jahre den Schauplatz von Jerry Lewis’ Debüt als »total film-maker« (Autor, Regisseur, Produzent, Hauptdarsteller) entwarf: das extravagant-mondäne Fontainebleau Hotel in Miami Beach. Lewis spielt auf dieser grandiosen Bühne die Rolle des (stummen) Pagen Stanley (!), der jedermann zu Willen sein muß, wobei er ganz seinem eigenen Willen folgt. »Too much is never enough« sagt Lapidus, der Meister des durchgeknallten Jet-Set-Barock, und auch Lewis feiert das Zuviel, indem er dem überkandidelten Setting eine Fülle, einen Schwung, eine Kaskade von lustigen, absurden, spinnerten Szenen abgewinnt: »A film based on fun.« Der Lunapark der modernistischen Baukunst wird zur Kulisse einer überschwenglichen Sketchparade, eines Varietés der selbstreferentiellen Scherze, einer tiefen Verbeugung vor den großen komödiantischen Vorbildern: Stan (!) Laurel, Charlie Chaplin, Jacques Tati. Indessen ist Lewis auch ein Apologet des »Less is more«. Weniger Handlung, weniger Psychologie, weniger sinnvoller Zusammenhang. Stattdessen mehr Raum für Intuition, für Abschweifung, für vollendeten Blödsinn. Weniger Ziel. Mehr Weg. Mit anderen Worten: »It is actually a series of silly sequences.« 

R Jerry Lewis B Jerry Lewis K Haskell Boggs M Walter Scharf A Hal Pereira, Henry Bumstead S Stanley Johnson P Jerry Lewis D Jerry Lewis, Alex Gerry, Bob Clayton, Bill Richmond, Milton Berle | USA | 72 min | 1:1,85 | sw | 20. Juli 1960

# 789 | 2. November 2013

1.7.60

The Amazing Transparent Man (Edgar G. Ulmer, 1960)

»Amazing« ist an diesem in jeder Beziehung billigen Sci-Fi-Thriller nicht besonders viel: Ein durchgeknallter Ex-Major träumt von der Aufstellung einer unsichtbaren Armee, zu welchem Behufe er einen genialen deutschen Wissenschaftler erpreßt, der schon zwangsweise den Nazis zu Willen sein mußte. Der fiese Schurke läßt zudem einen Meisterdieb aus dem Gefängnis befreien, damit dieser Nuklearmaterial »X-13« aus Staatsbesitz beschaffe, das zur weiteren Verbesserung der Unsichtbarkeitsmaschine erforderlich ist … Im Gegensatz zum back-to-back produzierten »Beyond the Time Barrier« gelingt es Edgar G. Ulmer nicht, dem hanebüchenen Stoff jenseits oberflächlichster Fortschrittskritik ein gewissen Maß von Größe (oder Größenwahn) einzuhauchen. Ein verschnarchtes texanisches Farmhaus als Zentrale des Bösen, ein klappriges Wellblechlaboratorium unterm Dach – beginnt hier die Weltherrschaft? Neben dem holprigen Erzählbogen des kurzen Films, den uninspirierten (Nutz-)Dialogen und den primitiven, allzu augenfälligen Effekten enttäuscht vor allem die weitgehend lustlose, statische Inszenierung; lediglich einige schwebende subjektive Einstellungen aus dem »Blickwinkel« des Unsichtbaren beweisen Ulmers außergewöhnliche Fähigkeit, buchstäblich mit Nichts visuelles Aufsehen zu erregen.

R Edgar G. Ulmer B Jack Lewis K Meredith M. Nicholson M Darrell Calker A Ernst Fegté S Jack Ruggiero P Lester D. Guthrie D Douglas Kennedy, Marguerite Chapman, James Griffith, Ivan Triesault, Red Morgan | USA | 60 min | 1:1,66 | sw | 1. Juli 1960

# 781 | 14. Oktober 2013 

Beyond the Time Barrier (Edgar G. Ulmer, 1960)

»None of this is real. It’s all an illusion to me.« Als Major Bill Allison, Testpilot der US-Luftwaffe, von einem Überschallflug in großer Höhe zurückkehrt, findet er seine Air Base in Trümmern liegend. Er wandert durch desolate Landschaften und gelangt zu einer strahlenden Stadt, deren Bewohner ihn gefangen setzen. Langsam begreift Allison, daß er durch die Zeit ins Jahr 2024 geschleudert wurde. In der »Zitadelle«, einer caligaresken Art-Déco-Festung, deren phantastische pyramidal-trianguläre Innenwelten (Bauten: Ernst Fegté) die eigentliche Attraktion des Films ausmachen, haben sich die Überlebenden einer (durch Kernwaffenversuche herbeigeführten) Pandemie verschanzt, die im Jahre 1971 fast die gesamte Erdbevölkerung dahinraffte. Von aggressiven »Mutanten« bedroht, stumm (bis auf den alten, weisen Anführer) und unfruchtbar (bis auf die hübsche Enkelin des Chefs), sehen die letzten Menschen in Major Allison ihre letzte Hoffnung: Er soll in die Zeit vor der Katastrophe zurückkehren, um das große Sterben zu verhindern … Chris Marker wird ein ähnliches Szenario drei Jahre später in seinem vielschichtigen photo-roman »La jetée« auf ungleich höherem philosophischen und visuellen Niveau entwickeln, Edgar G. Ulmer verarbeitet Themen wie Atomangst und mögliche Zerstörung aller Lebensgrundlagen zu einer naiv-linkischen Pulp-Dystopie mit warnender Schlußbelehrung: »Gentlemen, we’ve got a lot to think about.«

R Edgar G. Ulmer B Arthur C. Pierce K Meredith M. Nicholson M Darrell Calker A Ernst Fegté S Jack Ruggiero P Robert Clarke D Robert Clarke, Darlene Tompkins, Vladimir Sokoloff, Stephen Bekassy, Arianne Ulmer | USA | 75 min | 1:1,37 | sw | 1. Juli 1960

# 780 | 13. Oktober 2013 

29.6.60

Strangers When We Meet (Richard Quine, 1960)

Fremde, wenn wir uns begegnen

»We’re all happily married with two kids.« Regisseur Richard Quine und Autor Evan Hunter erzählen ein suburbanes Melodrama, wobei sie das Drama so gut wie weglassen: Ein verheirateter Mann (Kirk Douglas) und eine verheiratete Frau (Kim Novak) verlieben sich ineinander, und der Film schlägt keinerlei explosives Kapital aus der banalen Konstellation – stattdessen werden zurückhaltend und feinfühlig Figuren und Atmosphäre der ausgehenden 1950er Jahre entwickelt. Douglas ist ein Architekt mit hochfliegenden Plänen, dessen Frau (Barbara Rush) die Sicherheit bevorzugt; Novak hat einen Gatten, der ihre Bedürfnisse fast offensiv ignoriert. Eine tiefes Fremdheitsgefühl (sich selbst und anderen gegenüber) bestimmt die wohlarrangierten Existenzen; zwei Menschen scheint (für eine Weile wenigstens) die Überwindung dieser Beziehungslosigkeit möglich... Während Charles Langs Cinema­Scope-Optik die Welt der Martinis und Barbecues, der Schulbusse und Straßenkreuzer, der gepflegten Rasenflächen und kultivierten Interieurs präzise ins Bild setzt, ist es vor allem das kühl-differenzierte Spiel der Akteure – Walter Matthau (als Tartuffe der Vorstadt) und Ernie Kovacs (als frauenfressender Literat) glänzen in pointierten Nebenrollen –, das die vermeintliche Seifenoper in die Nähe von antonionesken Tableaus der Unwirtlichkeit und Entfremdung rückt.

R Richard Quine B Evan Hunter V Evan Hunter K Charles Lang M George Duning A Ross Bellah S Charles Nelson P Richard Quine D Kirk Douglas, Kim Novak, Ernie Kovacs, Barbara Rush, Walter Matthau | USA | 117 min | 1:2,35 | f | 29. Juni 1960

24.6.60

Herrin der Welt (Teil II) (William Dieterle, 1960)

Im zweiten Teil von »Herrin der Welt« geht die (gelegentlich recht zeitlupenhafte) Jagd nach dem entführten Professor und seiner (je nachdem seligmachenden oder todbringenden) Formel weiter und führt über Bangkok durch den CCC-Dschungel (mit Tiger – vermutlich aus dem Circus Sarrasani) ins kambodschanische Angkor Wat. Die Fortsetzung bringt nicht nur ein paar schöne dokumentarische Bilder aus Südostasien, sondern gewinnt gegen Ende sogar ein wenig an Fahrt, wenn der bisher im Schatten der bösen Madame Latour stehende Wolfgang Preiss (auch schaupielerisch) die Initiative ergreift und sich an die Spitze der Schurkentruppe putscht. Wie man erwarten darf, ohne Erfolg: Die (gelbe) Gefahr wird gebannt – wir sind noch einmal davon gekommen.

R William Dieterle B Jo Eiseinger, Harald G. Petersson K Richard Angst M Roman Vlad A Willi Schatz, Helmut Nentwig S Ira Oberberg P Artur Brauner D Martha Hyer, Micheline Presle, Carlos Thompson, Wolfgang Preiss, Gino Cervi | BRD & F & I | 87 min | 1:1,37 | f | 24. Juni 1960

23.6.60

Bells Are Ringing (Vincente Minnelli, 1960)

Anruf genügt – komme ins Haus

Ein doppelter, eigentlich ein dreifacher Abschied: der letzte Film von Judy Holliday, die letzte Schöpfung des MGM-Musical-Gottvaters Arthur Freed und zugleich dessen zwölfte – und letzte – Zusammenarbeit mit Vincente Minnelli. »Bells Are Ringing« erzählt von Ella Peterson alias Melisande Scott (herzerwärmend-nervtötend: Judy Holliday), die sich als engagierte Mitarbeiterin des New Yorker Telefon-Auftragsdienstes ›Susanswerphone‹ in die Leben einiger problematischer Klienten (darunter Dean Martin als schreibgehemmter Broadway-Autor) nicht nur einmischt, sondern diese regelrecht umkrempelt und voller Elan zum Positiven wendet – »Pretty shabby trick, saving a man’s life!« Artifiziell wie eh und je, aber nicht ganz so stilsicher wie sonst, plaziert Minnelli seinen film enchanté auf halbem Wege zwischen »down to earth« und »bigger than life«; das Ergebnis kann (trotz klassischer Songs und cleverer Dialoge von Comden & Green) kaum darüber hinwegtäuschen, daß die Hochblüte des Genres nur mehr eine schöne Erinnerung ist.

R Vincente Minnelli B Betty Comden, Adolph Green K Milton Krasner M Jule Styne A Preston Ames, George W. Davis S Adrienne Fazan P Arthur Freed D Judy Holliday, Dean Martin, Fred Clark, Eddie Foy Jr., Jean Stapleton | USA | 126 min | 1:2,35 | f | 23. Juni 1960

22.6.60

House of Usher (Roger Corman, 1960)

Die Verfluchten

»Evil is not just a word. It is a reality.« Zur Einstimmung: wabernder Nebel in Knallfarben; dann ein einsamer Reiter, der einen toten Wald durchmißt. Ein Spukhaus ragt aus dem Dunst – brüchiger Schauplatz eines Familiendramas von schicksalhafter Verdammnis: Hinter den düsteren Mauern schwelen (seelische) Krankheit und (moralische) Verwesung. Roger Corman, ein klarer Feind von Zwischentönen, läßt in seiner morbid-ridikülen Edgar-Allen-Poe-Adaption Sand aus Wandspalten rieseln, Lüster von der Decke krachen, blutige Hände aus halbgeöffneten Särgen tasten, Interieurs in Flammen aufgehen, als wären sie in Benzin getränkt, indes aus dem Off die Totenchöre säuseln. Vincent Price zelebriert als überempfindlicher Aristokrat, an dessen dünnem Nervenkostüm die blutige Schuld der Vorfahren zerrt, mit fahler Wonne die Lust am Untergang – und verwischt, pathetisch gestikulierend, die Grenze zwischen Leben und Tod.

R Roger Corman B Richard Matheson V Edgar Allan Poe K Floyd Crosby M Les Baxter A Daniel Haller S Anthony Carras P Roger Corman D Vincent Price, Mark Damon, Myrna Fahey, Harry Ellerbe | USA | 79 min | 1:2,35 | f | 22. Juni 1960

16.6.60

Psycho (Alfred Hitchcock, 1960)

Psycho
 
»I thought I'd gotten off the main road.« Die Sekretärin Marion Crane (Janet Leigh) stiehlt 40.000 Dollar, um mit ihrem hochverschuldeten Geliebten ein neues Leben beginnen zu können. Auf der Flucht gelangt sie in ein einsam gelegenes Motel, das von Norman Bates (Anthony Perkins) geführt wird, einem kauzigen jungen Mann (»My hobby is stuffing things.«), der offenbar unter der Fuchtel seiner gebieterischen alten Dame steht … In »Psycho« geht es Alfred Hitchcock vermutlich weder um Geld noch um Liebe, weder um Diebstahl noch um Mord, weder um Moral noch um Amoral, weder um Kriminalität noch um Kriminalistik, es geht ihm wohl vielmehr um den filmischen Gebrauch dieser Motive zur ungehemmten Manipulation des Zuschauers. Sicher geht es auch um die Last der Vergangenheit und um verzweifelte Selbstbefreiungsversuche, um gespaltene Identitäten und um die Mutter als unsterbliches Monster (»Oh, God, Mother! Blood! Blood!«), vor allem aber geht es um glasklare Schwarzweiß-Fotografie und um die Suggestivkraft von Musik, um minutiös durchkomponierte Schnittsequenzen und um die technische Erzeugung von Emotion. Und es geht um die Unheimlichkeit des Blickes: Blicke in die starrenden Augen ausgestopfter Vögel und in die blendenden Scheinwerfer entgegenkommender Autos, Blicke durch Wandlöcher und durch Duschvorhänge, Blicke in Spiegel und in tödliche Abgründe. Last but not least geht es um Bilder – Bilder, die sich, einmal gesehen, ins Gedächtnis brennen, so wie sich Licht in die Filmemulsion einschreibt.

R Alfred Hitchcock B Joseph Stefano V Robert Bloch K John L. Russell M Bernard Herrmann A Robert Clatworthy, Joseph Hurley Ko Helen Kolvig S George Tomasini P Alfred Hitchcock D Anthony Perkins, Janet Leigh, Vera Miles, John Gavin, Martin Balsam | USA | 109 min | 1:1,85 | sw | 16. Juni 1960

5.6.60

Das Glas Wasser (Helmut Käutner, 1960)

»Ein reinliches Gewissen / ist ein sanftes Ruhekissen. / Wie schön, wenn du moralisch bist, / doch keiner will es wissen.« Amourös-musikalisches Lust- und Intrigenspiel am Hofe der britischen Königin Anne: die konservative Herzogin von Marlborough (Hilde Krahl) und der liberale Zeitungsmann Henry St. John (Gustaf Gründgens) wetteifern um politischen Einfluß auf die schwache Majestät (Liselotte Pulver). Mittels launiger Couplets, marionettenhaft agierender Darsteller und ultrastilisierter Kulissen in weiß-goldenem Zuckerbäcker-Modernismus (Bau: Herbert Kirchhoff und Albrecht Becker) frisiert Helmut Käutner die gutgebaute Komödie des französischen Dramatikers Eugène Scribe zur preziösen Kabarettrevue, die ohne übertriebene Tiefgründigkeit Fragen von Krieg und Frieden, Macht und Gefühl, individuellen Interessen und öffentlicher Meinung verhandelt. Wichtiger als die großen Themen sind allemal die von allen Seiten des Stücks (hinter-)listig instrumentalisierten Liebeshändel um einen schmucken Gardeoffizier und ein reizendes Kammerkätzchen. Ein sympathischer filmischer Bluff auf glattem Studioparkett.

R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Willibald Eser V Eugène Scribe K Günther Anders M Bernhard Eichhorn A Herbert Kirchhoff, Albrecht Becker S Klaus Dudenhöfer P Georg Richter D Gustaf Gründgens, Hilde Krahl, Liselotte Pulver, Sabine Sinjen, Horst Janson | BRD | 83 min | 1:1,66 | f | 5. Juni 1960

# 1149 | 2. Februar 2019

3.6.60

Seishun zankoku monogatari (Nagisa Oshima, 1960)

Nackte Jugend

Ein Junge und ein Mädchen laufen mit rebellischen Gesichtern durch die Glitzerwelt des nächtlichen Tokio. Eher zufällig entdecken sie eine sprudelnde Geldquelle: Sie lockt lüsterne ältere Herren an, die von ihm brutal abgezogen werden. Nagisa Oshimas schroff-resigniertes Scope-Dossier portraitiert (in stechenden Farben und hektischen Bildern) eine Jugend, deren kriminelles Protestgebaren lediglich die Fortsetzung des Konformismus mit anderen Mitteln ist. Zwar schwört sich das (auto-)aggressive Paar – gegen die Zweifel der traurigen Alten – ewige Treue, aber die aus ihrem Liebesversuch gewonnene Erkenntnis ist ebenso bitter wie klar: Ganz egal ob zusammen oder allein, der Mensch muß sich (und/oder andere) verkaufen, wenn er überleben will – und das Teilen dieses Leides bedeutet nicht seine Halbierung sondern seine Verdoppelung. PS: Das letzte Bild des Films vereint den Jungen und das Mädchen dann doch noch. Endgültig.

R Nagisa Oshima B Nagisa Oshima K Takashi Kawamata M Riichiro Manabe A Koji Uno S Keiichi Uraoka P Tomio Ikeda D Yûsuke Kawazu, Miyuki Kuwano, Yoshiko Kuga, Fumio Watanabe, Shinji Tanaka | JP | 96 min | 1:2,35 | f | 3. Juni 1960

1.6.60

Les jeux de l’amour (Philippe de Broca, 1960)

Liebesspiele

Philippe de Brocas leichtfüßiges Debüt, eine romantische Pariser Farce zwischen Panthéon und den Kellerbars von Saint-Germain-des-Prés: Suzanne, reizende Besitzerin eines idyllisch verkramten Trödelladens, lebt mir Victor (Jean-Pierre Cassel), der, wenn er nicht gerade voller Akribie und Hingabe Rosen malt, aufgekratzt durch die Welt tanzt. Sie will heiraten und ein Kind – er nicht unbedingt. François, der nette Nachbar, ein (etwas zu) patenter Immobilienmakler, würde liebend gerne einspringen, um die Gatten- und Vaterrolle zu übernehmen … Jean-Luc Godard wird die gleiche Geschichte ein Jahr später in »Une femme est une femme« noch einmal erzählen, besser gesagt: fachkundig fragmentieren und anspielungsreich wieder zusammensetzen; de Broca dagegen, der kein intellektueller film buff ist sondern das Honigkuchenpferd der Nouvelle Vague, dreht einen charmant-abschweifigen, sorgenfrei um sich selbst kreisenden Film über das Glück zu zweit – und zu dritt.

R Philippe de Broca B Philippe de Broca, Daniel Boulanger K Jean Penzer M Georges Delerue A Jacques Saulnier, Bernard Evein S Laurence Méry P Claude Chabrol, Roland Nonin D Jean-Pierre Cassel, Geneviève Cluny, Jean-Louis Maury, Lud Germain, Mario David | F | 86 min | 1:1,66 | sw | 1. Juni 1960

15.5.60

L’avventura (Michelangelo Antonioni, 1960)

Die mit der Liebe spielen

»Perché ... perché ... perché ... perché?!« Eine Studie über Verlorensein und Verschwinden, über das (sich und anderen) Abhandenkommen. Anna (Lea Massari), eine kapriziöse Angehörige der römischen Oberschicht, und Sandro (Gabriele Ferzetti), ein Architekt, der seine künstlerischen Ambitionen zugunsten lukrativer Beraterjobs aufgegeben hat, sind kein besonders glückliches Paar. Zusammen mit Annas Freundin Claudia (Monica Vitti) und einer Clique reicher Müßiggänger unternehmen sie eine Kreuzfahrt zu den Äolischen Inseln – dargeboten als visuell eindrucksvolle Sinfonie aus aufgewühltem Meer, weitgespanntem Himmel, schroffem Fels. Bei einem Landgang geraten Anna und Sandro in Streit. Kurz darauf ist sie fort, bleibt unauffindbar. Ist Anna durch Unfall oder Selbstmord zu Tode gekommen? Hat sie sich auf einem Fischerboot in Richtung Sizilien abgesetzt? Michelangelo Antonioni gibt auf diese Fragen keine Antwort. Sandro und Claudia gehen, bald zusammen, bald getrennt, bald wieder gemeinsam, auf die Suche nach der Verschwundenen, folgen zweifelhaften Spuren, vagen Hinweisen, doch das Abenteuer der Nachforschung weicht dem Abenteuer einer sich unversehens entwickelnden Liebesbeziehung. Anna gerät aus dem Fokus des neuen Paares, rückt aus dem Mittelpunkt der Erzählung, wird vom Film, dessen Protagonistin sie war, gleichsam vergessen. Ein existentialistischer Thriller ohne Suspense, ein ungerührtes Drama von Menschen, die so sind, wie sie sind, weil die Welt (zumal die technisch radikal veränderte) so ist, wie sie ist (oder umgekehrt). In dieser Welt bleibt ein Geheimnis ein Geheimnis, hier erweisen sich antiquierte moralische Vorstellungen als ebenso nutzlos wie Fluchtversuche (in hektische Betriebsamkeit, in luxuriöse Passivität, in mechanischen Erotismus), die immer wieder in die Isolation, in den Widerspruch, in die Unsicherheit führen.

R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Tonino Guerra, Elio Bartolini K Aldo Scavarda M Giovanni Fusco A Piero Poletto S Eraldo Da Roma P Amato Pennasilico D Monica Vitti, Gabriele Ferzetti, Lea Massari, Esmeralda Ruspoli, James Addams | I & F | 144 min | 1:1,85 | sw | 15. Mai 1960

# 1154 | 10. April 2019

8.5.60

Leute mit Flügeln (Konrad Wolf, 1960)

Breit angelegte filmische Historienmalerei aus streng parteilicher Sicht: Rückblicke in die Geschichte eines Flugzeugwerkes und seiner Belegschaft von Ende der Weimarer Republik und Machtübergabe an die Nazis, über Spanien- und Weltkrieg, Konzentrationslager und Befreiung, bis hin zum dornigen aber planmäßigen Aufbau des Sozialismus im kleineren aber besseren Teil Deutschlands. Im Mittelpunkt des ideologischen Ringens: der Mensch, genauer gesagt: ein Mensch. Genosse Ludwig Bartuschek (Erwin Geschonneck), Flugmechaniker, Klassenkämpfer, Kommunist mit Leib und (vor allem natürlich) Seele, schreitet durch die Zeiten mit sicherem Schritt und einem festem Ziel vor den Augen: Allen die Welt und jedem der Himmel! Aber Vorsicht: »Wer fliegen will, bevor er gehen gelernt hat, macht ’ne Bruch­landung.« Mit Sinnsprüchen wie aus dem Brigadetagebuch weist der stets aufrechten Held sich und (fast) allen anderen – auch seinem leidenschaftlich-widerspenstigen Sohn Henne (Hilmar Thate), den er einst auf der Flucht vor den Faschisten zurücklassen mußte und später als Flakhelfer wiederfand – den Weg aus Unglück und Ruinen in eine glückliche Zukunft, um schließlich seinen großen Traum emporfliegen zu sehen: Ein real-existierendes Düsenverkehrsflugzeug aus deutsch-demokratischer Produktion erhebt sich majestätisch in die Lüfte. PS: Konrad Wolfs andächtig-hölzernes Epos über »Menschen, die uns Flügel geben« wird schon kurz nach seiner Premiere, wegen der auf höchster politischer Ebene beschlossenen Abwicklung der DDR-Luftfahrtindustrie, im Archiv verschwinden. Wer fliegen will, bevor er gehen gelernt hat …

R Konrad Wolf B Karl Georg Egel, Paul Wiens K Werner Bergmann M Hans-Dieter Hosalla A Gerhard Helwig S Christa Wernicke P Siegfried Nürnberger D Erwin Geschonneck, Wilhelm Koch-Hooge, Hilmar Thate, Franz Kutschera, Rosita Fernandez | DDR | 121 min | 1:1,37 | sw & f | 8. Mai 1960

4.5.60

Neotprawlennoje pismo (Michail Kalatosow, 1960)

Ein Brief, der nicht abging 

Der Mensch und die Natur – eine elementare Untersuchung … Drei Geologen und ihr Führer suchen in Sibirien nach Diamanten. Sie werden fündig. Dann brennt der Wald. Dann bricht eine Sintflut herein. Dann kommt der Winter. Der Schnee. Das Eis … Noch stärker als im Vorgängerfilm »Letjat schurawli« gerät die Handlung aus dem Fokus von Michail Kalatosows Interesse. Das erste Bild, gesehen aus einem sich entfernenden Helikopter, rückt die Proportionen zurecht: Vier Menschen stehen im flachen Uferwasser eines Flusses, winken zum Abschied, werden immer kleiner, bis sie nur noch winzige Punkte in überwältigender Landschaft sind. Auch wenn die expressive Kamera (wiederum brillant: Sergei Urussewski) die Protagonisten immer wieder in Nah- und Nächstaufnahme betrachtet, auch wenn (Inter-)Aktionen Rückschlüsse auf charakterliche Eigenschaften zulassen, bleibt die Psychologie der Figuren ohne Relevanz. Die Natur kümmert sich schließlich auch nicht darum. Was zählt, ist die physische Fähigkeit, dem Ansturm der Elemente zu trotzen. Wasser, Erde, Feuer und Luft sind die wahren Akteure des Films. So wie die Natur den Menschen zum (überraschend widerstandsfähigen aber letztlich hilflosen) Spielball ihrer Gewalten macht, reduziert »Neotprawlennoje pismo« die Figuren auf Anschauungsobjekte im Rahmen einer (visuell überwältigenden) Forschungsreise durch das Wirken ungezähmter Kräfte. Das Schlußbild des Films wiederholt bilanzierend den Anfang: Der Letzte der vier, die aufgebrochen sind, liegt wie tot auf einer Eisscholle; über ihm kreist ein Rettungshubschrauber – und wieder entfernt sich die Kamera, bis das menschliche Treiben zum Nichts in immenser Weite schwindet.

R Michail Kalatosow B Waleri Ossipow, Grigori Koltunow, Wiktor Rosow V Waleri Ossipow K Sergei Urussewski M Nikolai Krjukow A David Winitski S N. Anikina P Mosfilm D Tatjana Samoilowa, Jewgeni Urbanski, Innokenti Smoktunowski, Wassili Liwanow, Galina Koschakina | SU | 97 min | 1:1,37 | sw | 4. Mai 1960

22.4.60

Les bonnes femmes (Claude Chabrol, 1960)

Die Unbefriedigten 

Jane, Ginette, Rita und Jacqueline arbeiten in einem Pariser Haushaltswaren­geschäft (in das sich nie ein Kunde zu verirren scheint). Mitleidlos-spöttisch beobachtet Claude Chabrol Szenen aus dem Leben der vier jungen Angestellten, folgt ihnen durch ihre Tage und ihre Nächte, zeigt ihren Überdruß und die triste Banalität ihrer Träume, ihre Enttäuschungen und ihre inkonsequenten Fluchtversuche aus dem lähmendem Alltag, ihre Blindheit und ihr zielloses Warten darauf, daß etwas geschieht, daß einer kommt, ein Retter, ein Prinz. Die Männer sind indes nicht besser: Wenn frau nur an geile Nachsteller, an exzentrische Lustgreise, an bornierte Kleinbürger gerät, kann sie von Glück sagen. »Les bonnes femmes«, gleichermaßen überscharfe Verhaltens­studie und satirisches Gesellschaftsbild, verschränkt eine Komödie der Irrungen mit einem Trauerspiel der Flausen, läßt ein tristes Kaleidoskop der Beziehungslosigkeit rotieren, übt beißende Kritik an der Akzeptanz erstarrter Geschlechterrollen: Ohne Bewußtwerdung gibt es keine Liebe, nur fade Erotik oder naive Fantasien oder sonderbare Fetische (wie das mit dem Blut eines Guillotinierten getränkte Taschentuch, das die ältliche Kassiererin Madame Louise hütet) oder Schlimmeres … Die Coda des Films bildet ein freudloses Tanzvergnügen. Über die Schulter eines anonymen Mannes geht der leere Blick einer Frau direkt ins Auge des Zuschauers. Da ist kein Licht am Ende des Tunnels, es blinken nur die flüchtigen Reflexe der sich ewig drehenden Spiegelkugel verlorener Illusionen.

R Claude Chabrol B Paul Gégauff, Claude Chabrol K Henri Decaë M Pierre Jansen, Paul Misraki A Jacques Mély S Jacques Gaillard P Raymond Hakim, Robert Hakim D Bernadette Lafont, Stéphane Audran, Clotilde Joano, Lucile Saint-Simon, Ave Ninchi, Mario David | F & I | 100 min | 1:1,66 | sw | 22. April 1960