Der Schlachter
Ein mörderisches Melodram, ein minimalistischer Thriller, die Geschichte eines verknallten Triebtäters und eines liebesmüden Engels, angesiedelt in einem Dorf in der Dordogne, nicht weit entfernt von einer jener Höhlen, in denen die Malereien des Cro-Magnon-Menschen zu finden sind. Claude Chabrol zieht eine kühne Verbindungslinie von der Prähistorie, als der Homo sapiens sich allmählich zivilisierte, in die Gegenwart, die immer noch, immer wieder das Aufbrechen des Rohen und Wilden in der menschlichen Natur erfahren läßt. Die unmögliche Romanze zwischen dem rustikal-anhänglichen Schlachter Popaul (Jean Yanne), der nach Ausbildung beim ungeliebten Vater und endlosen Jahren im Krieg seine Nächsten nur mehr als (lebendes oder totes) Fleisch begreifen kann, und der kultiviert-unnahbaren Lehrerin Hélène (Stéphane Audran), die infolge einer bitteren Enttäuschung freundliche aber strenge Distanz zu ihrer Umwelt wahrt, führt in dieser meisterlichen Variation von »La belle et la bête« nicht zur Erlösung vom Fluch sondern bewirkt geradewegs die Entfesselung der zerstörerischen Kräfte.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Génovès D Stéphane Audran, Jean Yanne, Mario Beccara, Roger Rudel, William Guérault | F & I | 94 min | 1:1,66 | f | 27. Februar 1970
# 1106 | 25. April 2018
27.2.70
Das gelbe Haus am Pinnasberg (Alfred Vohrer, 1970)
»Die Idee ist so alt wie die Menschheit.« Am Pinnasberg auf St. Pauli
wird die alte Idee leicht variiert: Werner Zibell (Siegfried
Schürenberg), der »General« (so genannt, weil er es im letzten Weltkrieg
beinahe bis zu diesem Dienstgrad gebracht hätte), hat in der
titelgebenden Immobilie kurz nach der Währungsreform einen Männerpuff
aufgezogen, ein Etablissement, das dem Gründer (und seiner Familie) soliden Wohlstand und der chronisch untervögelten weiblichen Kundschaft eindringliche
Wohltaten beschert. Eine Riege sogenannter Eros-Brüder, souverän
dirigiert von Majordomus »Paganini« (Eddi Arent), sorgt im Bordell
Paradox für das Amüsement der zahlenden Besucherinnen; das leidlich
erotische Geschehen im plüschigen Ambiente sowie (sehr
vorhersehbare) zwischenmenschliche Verwicklungen geben Regisseur Alfred
Vohrer Gelegenheit für das Abfeiern mehr oder weniger wohlgeformter
Männerkörper und das Abfeuern einiger Rotlicht-Pointen von tantenhafter
Anzüglichkeit. Der bisweilen ins surreale Kraut schießende Witz des
sexklamottigen Ganzen liegt in der grundehrlichen Naivität der Vorlage,
eines Romans der (von Peter Rühmkorf entdeckten) schreibenden Hamburger
Kapitänswitwe Bengta Bischoff, die als schrullige (und vorurteilsfreie)
Erzählerin höchstpersönlich durch den Film lustwandelt.
R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) V Bengta Bischoff K Ernst W. Kalinke M Rolf Kühn A Wolf Englert S Susanne Paschen P Luggi Waldleitner D Siegfried Schürenberg, Eddi Arent, Gernot Endemann, Tilly Lauenstein, Bengta Bischoff | BRD | 94 min | 1:1,66 | f | 27. Februar 1970
# 984 | 9. Januar 2016
R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) V Bengta Bischoff K Ernst W. Kalinke M Rolf Kühn A Wolf Englert S Susanne Paschen P Luggi Waldleitner D Siegfried Schürenberg, Eddi Arent, Gernot Endemann, Tilly Lauenstein, Bengta Bischoff | BRD | 94 min | 1:1,66 | f | 27. Februar 1970
# 984 | 9. Januar 2016
1.2.70
The Kremlin Letter (John Huston, 1970)
Der Brief an den Kreml
»The Tillinger Foundation is planning an expedition.« Eine unabhängig operierende amerikanische Agentenorganisation ist beauftragt, ein politisch brisantes Schriftstück aus Moskau zurückzuholen. Ex-Navy-Offizier Rone (»a superior combination of intellect and physique, athlete and scholar«: Patrick O’Neal) stößt als Neuling zu der Gruppe alter Hasen, deren bizarre Decknamen (›Highwayman‹, ›Lord Ashley’s Whore‹, ›Warlock‹, ›Erector Set‹, ›Sweet Alice‹) einen leisen Vorgeschmack auf die absonderlichen Geschehnisse im Wunderland des nachrichtendienstlichen Doppel- und Dreifachspiels geben. »It has no size, no shape and no rules: At the very best it’s what you least expect so you’ve gotta be ready for anything«, beschreibt Rones onkelhaft-derber Kollege Ward (Richard Boone) das Wesen des Spionage, eines von Überzeugungen oder gar Idealen längst abgelösten Geheimkrieges, dessen Brutalität und Schäbigkeit John Hustons verwickelt-freudlose, hochkarätig besetzte Schmierenkomödie des allseitigen Verrats ohne moralisches Zeigefingergefuchtel, ja mit geradezu diebischer Freude aufzeigt.
R John Huston B John Huston, Gladys Hill V Noel Behn K Ted Scaife M Robert Drasnin A Ted Haworth S Russell Lloyd P Carter De Haven, Sam Wiesenthal D Patrick O’Neal, Richard Boone, Bibi Andersson, Max von Sydow, Orson Welles, George Sanders | USA | 120 min | 1:2,35 | f | 1. Februar 1970
# 1151 | 16. Februar 2019
»The Tillinger Foundation is planning an expedition.« Eine unabhängig operierende amerikanische Agentenorganisation ist beauftragt, ein politisch brisantes Schriftstück aus Moskau zurückzuholen. Ex-Navy-Offizier Rone (»a superior combination of intellect and physique, athlete and scholar«: Patrick O’Neal) stößt als Neuling zu der Gruppe alter Hasen, deren bizarre Decknamen (›Highwayman‹, ›Lord Ashley’s Whore‹, ›Warlock‹, ›Erector Set‹, ›Sweet Alice‹) einen leisen Vorgeschmack auf die absonderlichen Geschehnisse im Wunderland des nachrichtendienstlichen Doppel- und Dreifachspiels geben. »It has no size, no shape and no rules: At the very best it’s what you least expect so you’ve gotta be ready for anything«, beschreibt Rones onkelhaft-derber Kollege Ward (Richard Boone) das Wesen des Spionage, eines von Überzeugungen oder gar Idealen längst abgelösten Geheimkrieges, dessen Brutalität und Schäbigkeit John Hustons verwickelt-freudlose, hochkarätig besetzte Schmierenkomödie des allseitigen Verrats ohne moralisches Zeigefingergefuchtel, ja mit geradezu diebischer Freude aufzeigt.
R John Huston B John Huston, Gladys Hill V Noel Behn K Ted Scaife M Robert Drasnin A Ted Haworth S Russell Lloyd P Carter De Haven, Sam Wiesenthal D Patrick O’Neal, Richard Boone, Bibi Andersson, Max von Sydow, Orson Welles, George Sanders | USA | 120 min | 1:2,35 | f | 1. Februar 1970
# 1151 | 16. Februar 2019
29.1.70
He, Du! (Rolf Römer, 1970)
Erstaunlich vitale sozialistische Romanze um eine staatsbürgerlich engagierte Lehrerin (Annekathrin Bürger), die den drögen Kollegen gegen einen sympathischen (und attraktiven) Baubrigadier eintauscht. Die schwarzweiße Totalvision-Kamera (Peter Krause) beobachtet nicht nur intensiv die Schwierigkeiten der Paarfindung unter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution, sie sieht auch freudig zu, wie das alte Berlin in Trümmer sinkt, um Platz für die architektonischen Errungenschaften der Ostmoderne zu machen – während in den genormten Schulbauten (›Typ Dresden‹) der Mensch von morgen erzogen wird. Mit seinen Impressionen aus der Zeit unter Ulbricht gibt sich Autor und Regisseur Rolf Römer zwar kinematographisch betont unangepaßt, schlendert aber im Grunde recht artig auf der Straße der ideologischen Affirmation. Trotz alledem: ein Film so locker und leicht, der schwimmt sogar in Club-Cola.
R Rolf Römer B Rolf Römer K Peter Krause M Klaus Lenz A Heike Bauersfeld S Brigitte Krex P Bernd Gerwien D Annekathrin Bürger, Frank Obermann, Petra Hinze, Hans-Dieter Knaup, Rolf Römer | DDR | 97 min | 1:2,35 | sw | 29. Januar 1970
R Rolf Römer B Rolf Römer K Peter Krause M Klaus Lenz A Heike Bauersfeld S Brigitte Krex P Bernd Gerwien D Annekathrin Bürger, Frank Obermann, Petra Hinze, Hans-Dieter Knaup, Rolf Römer | DDR | 97 min | 1:2,35 | sw | 29. Januar 1970
21.1.70
Le passager de la pluie (René Clément, 1970)
Der aus dem Regen kam
Trilogie des contes policiers (1) … Ein Zitat aus Lewis Carrolls »Alice in Wonderland« gibt Hinweis auf Richtung und Tempo der Erzählung sowie auf das ungläubige Staunen, aus dem die verfolgte Heldin nicht mehr heraus kommen wird: »Either the well was very deep, or she fell very slowly, for she had plenty of time as she went down to look about her and to wonder what was going to happen next.« Die Alice aus René Cléments südfranzösischem Märchenthriller heißt Mélancolie Mau genannt Mellie (Marlène Jobert); stets weiß gekleidet, verheiratet mit einem obsessiv-eifersüchtigen Mann, blieb ein Teil von ihr das 13jährige Mädchen, das seine Mutter einst mit einem fremden Mann beim Sex erwischte, woraufhin der gehörnte Vater die Familie verließ. Eines verregneten Tages, ihr Gatte ist auf Reisen, sieht Mellie dem Bus, der sonst nie hält, einen Fremden entsteigen, der sie fixiert und verfolgt, sodann überfällt und vergewaltigt. Sie erschießt den Mann, wirft seine Leiche heimlich ins Meer – doch schon am nächsten Morgen taucht ein mysteriöser Amerikaner auf, der sie des Mordes bezichtigt. Die Absichten von Harry Dobbs (Charles Bronson) liegen im Dunkeln, sein Verhalten schwankt zwischen Brutalität und Süffisanz. Wie in Trance stürzt Mellie immer tiefer in den Schacht, fällt durch die rätselhafte Welt der Großen, eine Welt der Gewalt und der Bedrohung: In der bizarrsten Episode des Geschehens gerät sie in ein Pariser maison de plaisir, wo ihr die Herzkönigin in Gestalt einer mondän-sadistischen Puffmutter begegnet. Schock und Zauber lösen sich schließlich im Moment der Überführung, der (leider?) auch der Augenblick des Erwachsenwerdens ist … Die Bezüge zu Alfred Hitchcock – das unschuldige Schuldigwerden, die Auflösung von Gewißheit im Strudel der Angst, der Name des Vergewaltigers: Mac Guffin – sind nicht zu übersehen (auch das Mutter-Tochter-Thema aus »Marnie«, einem der traumartigsten Filme Hitchcocks, klingt an), doch der schlafliedhafte Erzählrhythmus, die bewußten Rollenspiele der Figuren, die unbefangene Antipsychologie, die Absage an äußere Kausalität zugunsten einer inneren, subjektiven Wirklichkeit verleihen »Le passager de la pluie«, diesem somnambulen rite de passage, sein ganz eigenes, hypothetisch-irreales Kolorit.
R René Clément B Sébastien Japrisot K Andreas Winding M Francis Lai A Pierre Guffroy S Françoise Javet P Serge Silberman D Marlène Jobert, Charles Bronson, Anny Cordy, Jill Ireland, Jean Gaven | F & I | 120 min | 1:1,85 | f | 21. Januar 1970
Trilogie des contes policiers (1) … Ein Zitat aus Lewis Carrolls »Alice in Wonderland« gibt Hinweis auf Richtung und Tempo der Erzählung sowie auf das ungläubige Staunen, aus dem die verfolgte Heldin nicht mehr heraus kommen wird: »Either the well was very deep, or she fell very slowly, for she had plenty of time as she went down to look about her and to wonder what was going to happen next.« Die Alice aus René Cléments südfranzösischem Märchenthriller heißt Mélancolie Mau genannt Mellie (Marlène Jobert); stets weiß gekleidet, verheiratet mit einem obsessiv-eifersüchtigen Mann, blieb ein Teil von ihr das 13jährige Mädchen, das seine Mutter einst mit einem fremden Mann beim Sex erwischte, woraufhin der gehörnte Vater die Familie verließ. Eines verregneten Tages, ihr Gatte ist auf Reisen, sieht Mellie dem Bus, der sonst nie hält, einen Fremden entsteigen, der sie fixiert und verfolgt, sodann überfällt und vergewaltigt. Sie erschießt den Mann, wirft seine Leiche heimlich ins Meer – doch schon am nächsten Morgen taucht ein mysteriöser Amerikaner auf, der sie des Mordes bezichtigt. Die Absichten von Harry Dobbs (Charles Bronson) liegen im Dunkeln, sein Verhalten schwankt zwischen Brutalität und Süffisanz. Wie in Trance stürzt Mellie immer tiefer in den Schacht, fällt durch die rätselhafte Welt der Großen, eine Welt der Gewalt und der Bedrohung: In der bizarrsten Episode des Geschehens gerät sie in ein Pariser maison de plaisir, wo ihr die Herzkönigin in Gestalt einer mondän-sadistischen Puffmutter begegnet. Schock und Zauber lösen sich schließlich im Moment der Überführung, der (leider?) auch der Augenblick des Erwachsenwerdens ist … Die Bezüge zu Alfred Hitchcock – das unschuldige Schuldigwerden, die Auflösung von Gewißheit im Strudel der Angst, der Name des Vergewaltigers: Mac Guffin – sind nicht zu übersehen (auch das Mutter-Tochter-Thema aus »Marnie«, einem der traumartigsten Filme Hitchcocks, klingt an), doch der schlafliedhafte Erzählrhythmus, die bewußten Rollenspiele der Figuren, die unbefangene Antipsychologie, die Absage an äußere Kausalität zugunsten einer inneren, subjektiven Wirklichkeit verleihen »Le passager de la pluie«, diesem somnambulen rite de passage, sein ganz eigenes, hypothetisch-irreales Kolorit.
R René Clément B Sébastien Japrisot K Andreas Winding M Francis Lai A Pierre Guffroy S Françoise Javet P Serge Silberman D Marlène Jobert, Charles Bronson, Anny Cordy, Jill Ireland, Jean Gaven | F & I | 120 min | 1:1,85 | f | 21. Januar 1970
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18.12.69
On Her Majesty's Secret Service (Peter Hunt, 1969)
James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät
Bond in love! Der allzeit potente Held der westlichen Welt, für den Sex bislang nicht mehr bedeutete als ein 1953er Dom Pérignon (was freilich nicht wenig ist), findet die echte, die große Liebe. Auch sonst hält das sechste 007-Leinwand-Abenteuer einige Überraschungen bereit: zunächst einen neuen Bond-Darsteller (George Lazenby, das exemplarische Katalogbild des männlichen Mannes, der im Skidress dieselbe überzeugende Figur macht wie im tuxedo kilt), dazu eine eigenwillige weibliche Hauptfigur, kein »girl«, sondern eine Frau, die (trotz einer gewissen seelischen Labilität) dem dynamischen Superagenten das Wasser reichen kann (Diana Rigg bringt als Teresa ›Tracy‹ Di Vicenzo, geb. Draco en passant ihren Emma-Peel-Mythos in den Film ein) und, am interessantesten vielleicht, einen progressiv-dissonanten Erzählrhythmus, der – unter fast völliger Vermeidung visueller Exzentrik – die Balance findet zwischen aufreizend epischer Breite und virtuos choreographierten, exquisit geschnittenen alpinen Actionsequenzen (Regie führt Peter Hunt, der langjährige Cutter der Reihe). »On Her Majesty’s Secret Service« bietet mit Telly Savalas (als Erzschurke Ernst Stavro Blofeld ≈ Comte Balthazar de Bleuchamp), Ilse Steppat (als SSige Handlangerin Irma Bunt) sowie diversen, unter Hypnose stehenden, Schönheiten (denen der Held, soviel Bond muß sein, ganz ohne Liebesschmuß seine Virilität beweisen darf) zudem ein ansehnliches Panoptikum des Bösen – wobei die Dramatik des Falls (Erpressung der Welt mittels eines infertilisierenden Virus) zurücktritt hinter die Sensation der (trügerischen) Romantik: »We have all the time in the world.«
R Peter Hunt B Richard Maibaum V Ian Fleming K Michael Reed M John Barry A Syd Cain S John Glen P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D George Lazenby, Diana Rigg, Telly Savalas, Gabriele Ferzetti, Ilse Steppat | UK | 142 min | 1:2,35 | f | 18. Dezember 1969
Bond in love! Der allzeit potente Held der westlichen Welt, für den Sex bislang nicht mehr bedeutete als ein 1953er Dom Pérignon (was freilich nicht wenig ist), findet die echte, die große Liebe. Auch sonst hält das sechste 007-Leinwand-Abenteuer einige Überraschungen bereit: zunächst einen neuen Bond-Darsteller (George Lazenby, das exemplarische Katalogbild des männlichen Mannes, der im Skidress dieselbe überzeugende Figur macht wie im tuxedo kilt), dazu eine eigenwillige weibliche Hauptfigur, kein »girl«, sondern eine Frau, die (trotz einer gewissen seelischen Labilität) dem dynamischen Superagenten das Wasser reichen kann (Diana Rigg bringt als Teresa ›Tracy‹ Di Vicenzo, geb. Draco en passant ihren Emma-Peel-Mythos in den Film ein) und, am interessantesten vielleicht, einen progressiv-dissonanten Erzählrhythmus, der – unter fast völliger Vermeidung visueller Exzentrik – die Balance findet zwischen aufreizend epischer Breite und virtuos choreographierten, exquisit geschnittenen alpinen Actionsequenzen (Regie führt Peter Hunt, der langjährige Cutter der Reihe). »On Her Majesty’s Secret Service« bietet mit Telly Savalas (als Erzschurke Ernst Stavro Blofeld ≈ Comte Balthazar de Bleuchamp), Ilse Steppat (als SSige Handlangerin Irma Bunt) sowie diversen, unter Hypnose stehenden, Schönheiten (denen der Held, soviel Bond muß sein, ganz ohne Liebesschmuß seine Virilität beweisen darf) zudem ein ansehnliches Panoptikum des Bösen – wobei die Dramatik des Falls (Erpressung der Welt mittels eines infertilisierenden Virus) zurücktritt hinter die Sensation der (trügerischen) Romantik: »We have all the time in the world.«
R Peter Hunt B Richard Maibaum V Ian Fleming K Michael Reed M John Barry A Syd Cain S John Glen P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D George Lazenby, Diana Rigg, Telly Savalas, Gabriele Ferzetti, Ilse Steppat | UK | 142 min | 1:2,35 | f | 18. Dezember 1969
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17.12.69
Topaz (Alfred Hitchcock, 1969)
Topas
Eine Spionagefilm, der wie ein James-Bond-Abenteuer um die halbe Welt führt – von Kopenhagen über Washington, New York und Kuba nach Paris –, auf genreübliche Spannung und Sensationen jedoch weitgehend verzichtet. »Topaz« handelt von der schwierigen Enttarnung kommunistischer Spitzel in hohen französischen Regierungskreisen sowie von der klandestinen Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba, doch mehr als auf die explosive politische Gemengelage des Kalten Krieges richtet Alfred Hitchcock sein Augenmerk auf die zwischenmenschliche Dimension von Lüge und Abtrünnigkeit. Im Mittelpunkt des verzweigten Personengeflechts steht André Devereaux (Frederick Stafford – der sich geheimdienstlich-darstellerische Sporen als Gentleman-Agent OSS 117 verdiente), als französischer Agent in den Vereinigten Staaten stationiert, der nicht nur seine Frau mit einer rassigen kubanischen Freiheitskämpferin betrügt, sondern auch seine berufliche Loyalität (mindestens) halbiert. Der »Held« entpuppt sich dabei als ausgesprochen berechnender Charakter, der (als Spiegelbild der unmenschlichen Verhältnisse) immer wieder andere Figuren aufs Schachbrett schiebt und bisweilen ziemlich ungerührt über die Klinge springen läßt. Hitchcock legt nach den handwerklichen Pfuschereien von »Marnie« und »Torn Curtain« wieder größeren Wert auf sorgfältige Ausstattung und stilvolle Fotografie, inszeniert das breit angelegte, elliptisch strukturierte Werk allerdings bemerkenswert unpersönlich. It’s spy business as usual.
R Alfred Hitchcock B Samuel A. Taylor V Leon Uris K Jack Hildyard M Maurice Jarre A Henry Bumstead Ko Edith Head S William H. Ziegler P Alfred Hitchcock D Frederick Stafford, John Forsythe, Dany Robin, Karin Dor, John Vernon | USA | 143/127 min | 1:1,85 | f | 17. Dezember 1969
# 936 | 26. Januar 2015
Eine Spionagefilm, der wie ein James-Bond-Abenteuer um die halbe Welt führt – von Kopenhagen über Washington, New York und Kuba nach Paris –, auf genreübliche Spannung und Sensationen jedoch weitgehend verzichtet. »Topaz« handelt von der schwierigen Enttarnung kommunistischer Spitzel in hohen französischen Regierungskreisen sowie von der klandestinen Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba, doch mehr als auf die explosive politische Gemengelage des Kalten Krieges richtet Alfred Hitchcock sein Augenmerk auf die zwischenmenschliche Dimension von Lüge und Abtrünnigkeit. Im Mittelpunkt des verzweigten Personengeflechts steht André Devereaux (Frederick Stafford – der sich geheimdienstlich-darstellerische Sporen als Gentleman-Agent OSS 117 verdiente), als französischer Agent in den Vereinigten Staaten stationiert, der nicht nur seine Frau mit einer rassigen kubanischen Freiheitskämpferin betrügt, sondern auch seine berufliche Loyalität (mindestens) halbiert. Der »Held« entpuppt sich dabei als ausgesprochen berechnender Charakter, der (als Spiegelbild der unmenschlichen Verhältnisse) immer wieder andere Figuren aufs Schachbrett schiebt und bisweilen ziemlich ungerührt über die Klinge springen läßt. Hitchcock legt nach den handwerklichen Pfuschereien von »Marnie« und »Torn Curtain« wieder größeren Wert auf sorgfältige Ausstattung und stilvolle Fotografie, inszeniert das breit angelegte, elliptisch strukturierte Werk allerdings bemerkenswert unpersönlich. It’s spy business as usual.
R Alfred Hitchcock B Samuel A. Taylor V Leon Uris K Jack Hildyard M Maurice Jarre A Henry Bumstead Ko Edith Head S William H. Ziegler P Alfred Hitchcock D Frederick Stafford, John Forsythe, Dany Robin, Karin Dor, John Vernon | USA | 143/127 min | 1:1,85 | f | 17. Dezember 1969
# 936 | 26. Januar 2015
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4.12.69
Weite Straßen – stille Liebe (Herrmann Zschoche, 1969)
Der gestandene Trucker Hannes (Manfred Krug) nimmt einen jungen Anhalter als Beifahrer mit auf den Bock seines W50. Herb (Jaecki Schwarz) behauptet, die Schule nach der sechsten Klasse verlassen und seither von diversen Gelegenheitsarbeiten gelebt zu haben; schnell wird allerdings klar, daß es sich bei dem eloquenten Burschen um einen Studenten handelt, dem es an der Uni zu wirklichkeitsfern zuging. Unterwegs loten der Grünschnabel und sein »Chef« immer wieder (spielerisch aber nicht unernst) die Grenzen von Erfahrung und Neugier aus, diskutieren über eingefahrene Routen und neue Wege. Eine Frau gesellt sich zu ihnen: Johanna (Jutta Hoffmann), eine selbstbestimmte Agronomin, die sich kurz zuvor vom Vater ihrer kleinen Tochter getrennt hat. Zu dritt (genau genommen: zu viert) geht es nun weiter, das Herumschnuppern, das Austesten von Möglichkeiten, die Träumerei von einer kleinen Freiheit auf den Straßen der Republik ... Herrmann Zschoches leichthändige Regie und der lyrische Dokumentarismus des Kameramanns Roland Gräf (der schon Jürgen Böttchers (vor der Fertigstellung verbotenes) Berliner Zeitbild »Jahrgang 45« fotografierte) machen das impressionistische DDR-Roadmovie zu einem Musterfall von lässig-genauer Alltagsbeschreibung.
R Herrmann Zschoche B Ulrich Plenzdorf V Hans-Georg Lietz K Roland Gräf M Peter Rabenalt A Alfred Thomalla S Rita Hiller P Erich Kühne D Manfred Krug, Jaecki Schwarz, Jutta Hoffmann, Ulrike Plenzdorf | DDR | 76 min | 1:2,35 | sw | 4. Dezember 1969
# 1010 | 2. August 2016
R Herrmann Zschoche B Ulrich Plenzdorf V Hans-Georg Lietz K Roland Gräf M Peter Rabenalt A Alfred Thomalla S Rita Hiller P Erich Kühne D Manfred Krug, Jaecki Schwarz, Jutta Hoffmann, Ulrike Plenzdorf | DDR | 76 min | 1:2,35 | sw | 4. Dezember 1969
# 1010 | 2. August 2016
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1.12.69
Le clan des Siciliens (Henri Verneuil, 1969)
Der Clan der Sizilianer
Großer Cast: Jean Gabin (der alte Sizilianer, der sich irgendwann (aber wann?) zur Ruhe setzen will), Alain Delon (der sexy Gewaltverbrecher, der zwei Jahre lang keine Frau mehr hatte), Lino Ventura (der einsilbige Kommissar, der sich das Rauchen (dann doch nicht) abgewöhnt). Tolle Crew: Henri Decaë (distanzierte Kamera), José Giovanni (prägnante Dialoge), Ennio Morricone (»Boing«). Von Henri Verneuil mit fast unpersönlicher Lakonie eingerichtet, variiert »Le clan des Siciliens« schlau die alte Geschichte (besser gesagt: den alten Traum) vom perfekten (letzten) Coup und sinniert abgeklärt über die Konsequenzen mangelnder Beherrschung sowie über das Verhängnis von zu viel Wahrheit zum falschen Zeitpunkt.
R Henri Verneuil B José Giovanni, Henri Verneuil, Pierre Pelegri V Auguste Le Breton K Henri Decaë M Ennio Morricone A Jacques Saulnier S Pierre Gillette P Jacques-Eric Strauss D Jean Gabin, Alain Delon, Lino Ventura, Irina Demick, Amedeo Nazzari | F | 122 min | 1:2,35 | f | 1. Dezember 1969
Großer Cast: Jean Gabin (der alte Sizilianer, der sich irgendwann (aber wann?) zur Ruhe setzen will), Alain Delon (der sexy Gewaltverbrecher, der zwei Jahre lang keine Frau mehr hatte), Lino Ventura (der einsilbige Kommissar, der sich das Rauchen (dann doch nicht) abgewöhnt). Tolle Crew: Henri Decaë (distanzierte Kamera), José Giovanni (prägnante Dialoge), Ennio Morricone (»Boing«). Von Henri Verneuil mit fast unpersönlicher Lakonie eingerichtet, variiert »Le clan des Siciliens« schlau die alte Geschichte (besser gesagt: den alten Traum) vom perfekten (letzten) Coup und sinniert abgeklärt über die Konsequenzen mangelnder Beherrschung sowie über das Verhängnis von zu viel Wahrheit zum falschen Zeitpunkt.
R Henri Verneuil B José Giovanni, Henri Verneuil, Pierre Pelegri V Auguste Le Breton K Henri Decaë M Ennio Morricone A Jacques Saulnier S Pierre Gillette P Jacques-Eric Strauss D Jean Gabin, Alain Delon, Lino Ventura, Irina Demick, Amedeo Nazzari | F | 122 min | 1:2,35 | f | 1. Dezember 1969
10.11.69
En passion (Ingmar Bergman, 1969)
Passion
Eine weitere Umdrehung von Bergmans Hamsterrad des psychologischen Pessimismus: Kommunikationsstörungen, Beziehungsunfähigkeit, die Unmöglichkeit von Wahrheit. Wieder Fårö, dieser unwirtliche Rand der Welt, der alleweil unter einem schweren, tiefen Himmel liegt, und wieder die üblichen Verdächtigen: Anna Fromm-Ullmann, deren Mann und Kind bei einem Autounfall starben, verfängt sich im selbstgesponnenen Netz der Lügen über ihre gute (?) Ehe; Andreas Winkelman von Sydow verkriecht sich vor einem dunklen Geheimnis in seiner Vergangenheit; Eva Vergérus-Andersson weiß nicht, wer sie ist, sieht sich reduziert aufs Abbild der Vorstellungen von anderen; Elis Vergérus-Josephson, der zynische Künstler, nähert sich den Menschen nur noch, indem er sie fotografiert, und die Bilder nach seltsamen Kriterien ordnet. Nicht nur die Innen-, auch die Außenwelt ist feindlich, von virulenter Bosheit zersetzt: ein Tierquäler treibt sein Unwesen, knüpft Welpen auf, metzelt Schafe, zündet Pferde an; ein Unschuldiger – natürlich – muß für diese Taten büßen. Wahre Leidenschaft ist in »En passion« kaum zu verspüren: Als hätte Ingmar Bergman sich selbst mit seinen Figuren gelangweilt, läßt er die Schauspieler in Interviews über ihre Rollen improvisieren – ein müdes Experiment ohne große Überzeugungskraft.
R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Johann Sebastian Bach A P. A. Lundgren S Siv Lundgren P Lars-Owe Carlberg D Max von Sydow, Liv Ullmann, Bibi Andersson, Erland Josephson, Erik Hell | S | 101 min | 1:1,66 | f | 10. November 1969
Eine weitere Umdrehung von Bergmans Hamsterrad des psychologischen Pessimismus: Kommunikationsstörungen, Beziehungsunfähigkeit, die Unmöglichkeit von Wahrheit. Wieder Fårö, dieser unwirtliche Rand der Welt, der alleweil unter einem schweren, tiefen Himmel liegt, und wieder die üblichen Verdächtigen: Anna Fromm-Ullmann, deren Mann und Kind bei einem Autounfall starben, verfängt sich im selbstgesponnenen Netz der Lügen über ihre gute (?) Ehe; Andreas Winkelman von Sydow verkriecht sich vor einem dunklen Geheimnis in seiner Vergangenheit; Eva Vergérus-Andersson weiß nicht, wer sie ist, sieht sich reduziert aufs Abbild der Vorstellungen von anderen; Elis Vergérus-Josephson, der zynische Künstler, nähert sich den Menschen nur noch, indem er sie fotografiert, und die Bilder nach seltsamen Kriterien ordnet. Nicht nur die Innen-, auch die Außenwelt ist feindlich, von virulenter Bosheit zersetzt: ein Tierquäler treibt sein Unwesen, knüpft Welpen auf, metzelt Schafe, zündet Pferde an; ein Unschuldiger – natürlich – muß für diese Taten büßen. Wahre Leidenschaft ist in »En passion« kaum zu verspüren: Als hätte Ingmar Bergman sich selbst mit seinen Figuren gelangweilt, läßt er die Schauspieler in Interviews über ihre Rollen improvisieren – ein müdes Experiment ohne große Überzeugungskraft.
R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Johann Sebastian Bach A P. A. Lundgren S Siv Lundgren P Lars-Owe Carlberg D Max von Sydow, Liv Ullmann, Bibi Andersson, Erland Josephson, Erik Hell | S | 101 min | 1:1,66 | f | 10. November 1969
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Fårö,
Fotograf,
Ingmar Bergman,
Ullmann,
von Sydow
30.10.69
Skřivánci na niti (Jiří Menzel, 1969/1990)
Lerchen am Faden
Zu Beginn der 1950er Jahre – der Stalinismus hat die östliche Hälfte der ideologisch geteilten Welt fest im Griff – schuften klassenfeindliche Elemente (männliche und weibliche Delinquenten streng getrennt) auf dem Schrottplatz eines tschechischen Hüttenwerks, um (aus Schreibmaschinen und Kruzifixen, Lokomotiven und Gitterbetten) Rohstoff für die volkseigene Stahlproduktion zu gewinnen: hier (u. a.) ein Philosophieprofessor und ein Saxophonist (dekadentes Instrument!), ein Staatsanwalt und ein junger Koch (der aus religiösen Gründen die samstägliche Arbeit verweigert), dort eine Gruppe von Frauen (die allesamt beim Versuch, das Arbeiterparadies unerlaubt zu verlassen, hopsgenommen wurden), dazwischen ein sanftmütiger Wachmann (der seine liebe Not mit der frisch angetrauten Gattin hat) sowie ein mopsiger Apparatschik (der privat einer Leidenschaft für das Abseifen heranwachsender Mädchen frönt). Jiří Menzel inszeniert (einmal mehr nach einer Geschichte von Bohumil Hrabal) kein hartes Drama der Unterdrückung, sondern ein kleines Welttheater der Anpassung und des Ungehorsams, der Kontrolle und des Eigensinns, ein menschenfreundlich-märchenhaftes Gesellschaftsstück voller tragikomischer Zwischentöne und ironischer Anspielungen (der kirmeshafte Werksbesuch eines senilen Ministers, ein nelkendekorierter Propagandadreh der staatlichen Wochenschau), ein sanftes Hohelied der Liebe, die noch im grauesten Grau der volksdemokratischen Gegebenheiten erglimmt.
R Jiří Menzel B Jiří Menzel, Bohumil Hrabal V Bohumil Hrabal K Jaromír Šofr M Jiří Šust A Oldřich Bosák Ko Dagmar Krausová S Jiřina Lukešová P Pavel Juráček, Jaroslav Kučera D Václav Neckář, Jitka Zelenohorská, Vlastimil Brodský, Rudolf Hrušínský, Jaroslav Satoranský | CS | 94 min | 1:1,66 | f | 30. Oktober 1969 (Fertigstellung) / 16. Februar 1990 (Uraufführung)
# 1179 | 3. Oktober 2019
Zu Beginn der 1950er Jahre – der Stalinismus hat die östliche Hälfte der ideologisch geteilten Welt fest im Griff – schuften klassenfeindliche Elemente (männliche und weibliche Delinquenten streng getrennt) auf dem Schrottplatz eines tschechischen Hüttenwerks, um (aus Schreibmaschinen und Kruzifixen, Lokomotiven und Gitterbetten) Rohstoff für die volkseigene Stahlproduktion zu gewinnen: hier (u. a.) ein Philosophieprofessor und ein Saxophonist (dekadentes Instrument!), ein Staatsanwalt und ein junger Koch (der aus religiösen Gründen die samstägliche Arbeit verweigert), dort eine Gruppe von Frauen (die allesamt beim Versuch, das Arbeiterparadies unerlaubt zu verlassen, hopsgenommen wurden), dazwischen ein sanftmütiger Wachmann (der seine liebe Not mit der frisch angetrauten Gattin hat) sowie ein mopsiger Apparatschik (der privat einer Leidenschaft für das Abseifen heranwachsender Mädchen frönt). Jiří Menzel inszeniert (einmal mehr nach einer Geschichte von Bohumil Hrabal) kein hartes Drama der Unterdrückung, sondern ein kleines Welttheater der Anpassung und des Ungehorsams, der Kontrolle und des Eigensinns, ein menschenfreundlich-märchenhaftes Gesellschaftsstück voller tragikomischer Zwischentöne und ironischer Anspielungen (der kirmeshafte Werksbesuch eines senilen Ministers, ein nelkendekorierter Propagandadreh der staatlichen Wochenschau), ein sanftes Hohelied der Liebe, die noch im grauesten Grau der volksdemokratischen Gegebenheiten erglimmt.
R Jiří Menzel B Jiří Menzel, Bohumil Hrabal V Bohumil Hrabal K Jaromír Šofr M Jiří Šust A Oldřich Bosák Ko Dagmar Krausová S Jiřina Lukešová P Pavel Juráček, Jaroslav Kučera D Václav Neckář, Jitka Zelenohorská, Vlastimil Brodský, Rudolf Hrušínský, Jaroslav Satoranský | CS | 94 min | 1:1,66 | f | 30. Oktober 1969 (Fertigstellung) / 16. Februar 1990 (Uraufführung)
# 1179 | 3. Oktober 2019
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14.10.69
La caduta degli dei (Luchino Visconti, 1969)
Die Verdammten
Deutschland – ein Nazimärchen, eine Götterdämmerung, eine Seifenoper (sehr, sehr teure Seife). Die von Essenbecks (≈ die Krupp von Bohlen und Halbachs) auf dem Weg in die Hölle; die Öfen des Ruhrgebiets als funkensprühende Vorboten der Öfen von Auschwitz – Stahl und Rauch: die Elemente des Bösen. Luchino Viscontis schrill-melodramatischer »Verfall einer Familie« handelt von Raffgier, Geltungsdrang und Machtmißbrauch unter (einfluß-)reichen Leuten, vom inzestuös-verbrecherischen Lustprinzip, das dem (groß-)bürgerlichen Arbeitsethos genealogisch auf dem Fuße folgt. Das beeindruckende internationale Ensemble – Berger, Bogarde, Griem, Kolldehoff, Orsini, Rampling, Thulin, Schönhals – zelebriert die Selbstauslöschung einer Sippe, einer Nation, einer Kultur im Zeichen des Faschismus als bavaesk illuminierten Spukhaus-Horror, als faustdick aufgetragene Verwesungstravestie. Maurice Jarres (selbst-)parodistisch plärrender, stampfender Epos-Soundtrack, die stochernden, rührenden Zooms der ruhelosen Kamera erscheinen als kinematographische Entsprechung der dargestellten gesellschaftlichen Dekadenzerscheinungen. Mag der historisch-analytische Mehrwert des fiebrig-exaltierten Films auch zweifelhaft bleiben, gerade wegen der bewußten gestalterischen Ver- und Überzeichnungen verdient »La caduta degli dei« Beachtung – und ist dabei so unterhaltsam wie eine gute (oder auch schlechte) Kolportage.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Nicola Badalucco, Enrico Medioli K Pasqualino De Santis, Armando Nannuzzi M Maurice Jarre A Vincenzo Del Prato S Ruggero Mastroianni P Ever Haggiag, Alfred Levy D Ingrid Thulin, Dirk Bogarde, Helmut Berger, Charlotte Rampling, Helmut Griem | I & BRD | 156 min | 1:1,66 | f | 14. Oktober 1969
Deutschland – ein Nazimärchen, eine Götterdämmerung, eine Seifenoper (sehr, sehr teure Seife). Die von Essenbecks (≈ die Krupp von Bohlen und Halbachs) auf dem Weg in die Hölle; die Öfen des Ruhrgebiets als funkensprühende Vorboten der Öfen von Auschwitz – Stahl und Rauch: die Elemente des Bösen. Luchino Viscontis schrill-melodramatischer »Verfall einer Familie« handelt von Raffgier, Geltungsdrang und Machtmißbrauch unter (einfluß-)reichen Leuten, vom inzestuös-verbrecherischen Lustprinzip, das dem (groß-)bürgerlichen Arbeitsethos genealogisch auf dem Fuße folgt. Das beeindruckende internationale Ensemble – Berger, Bogarde, Griem, Kolldehoff, Orsini, Rampling, Thulin, Schönhals – zelebriert die Selbstauslöschung einer Sippe, einer Nation, einer Kultur im Zeichen des Faschismus als bavaesk illuminierten Spukhaus-Horror, als faustdick aufgetragene Verwesungstravestie. Maurice Jarres (selbst-)parodistisch plärrender, stampfender Epos-Soundtrack, die stochernden, rührenden Zooms der ruhelosen Kamera erscheinen als kinematographische Entsprechung der dargestellten gesellschaftlichen Dekadenzerscheinungen. Mag der historisch-analytische Mehrwert des fiebrig-exaltierten Films auch zweifelhaft bleiben, gerade wegen der bewußten gestalterischen Ver- und Überzeichnungen verdient »La caduta degli dei« Beachtung – und ist dabei so unterhaltsam wie eine gute (oder auch schlechte) Kolportage.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Nicola Badalucco, Enrico Medioli K Pasqualino De Santis, Armando Nannuzzi M Maurice Jarre A Vincenzo Del Prato S Ruggero Mastroianni P Ever Haggiag, Alfred Levy D Ingrid Thulin, Dirk Bogarde, Helmut Berger, Charlotte Rampling, Helmut Griem | I & BRD | 156 min | 1:1,66 | f | 14. Oktober 1969
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8.10.69
Katzelmacher (Rainer Werner Fassbinder, 1969)
»Was man macht, ist immer eine Schwierigkeit.« Ein radikales Meisterwerk, so radikal, wie es wohl nur einer unter 30 hinbekommt. Rainer Werner Fassbinders »Comédie humaine« in anderthalb Stunden: zwölf Personen, sieben Frauen und fünf Männer, in wechselnden Konstellationen, in denen der/die Einzelne nie alleine, aber immer einsam bleibt. 107 statische Einstellungen, das Objektiv stets frontal auf die Szenen gerichtet: Totalen oder Halbnahe von Menschen in kargen Wohnungen, in kargen Wirtschaften, in einem kargen Hinterhof, dem archetypischen öffentlichen Raum; dazwischen eingestreut: sieben Rückfahrten der Kamera, alle am selben Ort im selben Tempo gedreht, alle Spaziergänge von sprechenden Paaren zeigend. »Du bist komisch, ich bin normal.« – »Dann leck mich am Arsch.« Die (bundesdeutsche) Gesellschaft in der Nußschale: Einsamkeit und Ressentiment, Erwartung und Mißgunst, Bedürfnis und Demütigung, Gefühl und Besitzdenken. Verhandelt wird dies in einer Sprache, die so künstlich ist, daß sie vollkommen natürlich klingt: »Eine Liebe und so, das hat immer mit Geld was zum tun.« Einer, der von außen kommt, ein »Griech von Griechenland« (Fassbinder als »Katzelmacher« Jorgos), bringt vorübergehend Bewegung in die erstarrten Verhältnisse: »Auf einmal alle machen bumm-bumm.« Die Entladung der aufgestauten sozialen Energie in Form einer kurzen rassistischen Prügelorgie führt unweigerlich zurück in die alte Ordnung und ihre bohrende Unzufriedenheit – doch auch so etwas wie eine Ahnung keimt auf: Es wird plötzlich denkbar, daß es anderswo anders sein könnte. »Ein Mensch braucht halt eine Zeit, bis er was versteht.«
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder V Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann M Peer Raben A Rainer Werner Fassbinder S Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Peer Raben D Hanna Schygulla, Hans Hirschmüller, Irm Hermann, Lilith Ungerer, Rainer Werner Fassbinder | BRD | 88 min | 1:1,37 | sw | 8. Oktober 1969
# 891 | 30. Juni 2014
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder V Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann M Peer Raben A Rainer Werner Fassbinder S Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Peer Raben D Hanna Schygulla, Hans Hirschmüller, Irm Hermann, Lilith Ungerer, Rainer Werner Fassbinder | BRD | 88 min | 1:1,37 | sw | 8. Oktober 1969
# 891 | 30. Juni 2014
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2.10.69
Herzblatt oder Wie sag ich’s meiner Tochter? (Alfred Vohrer, 1969)
»Bitte sprechen Sie mir nach: Geschlechtsverkehr.« Im Spannungsfeld von Käte Strobels offiziösem Informationsknaller »Helga«, Oswald Kolles Liebeswundern und der nahenden Welle pseudodokumentarischer Report-Streifen versucht Alfred Vohrer eine parodistische Betrachtung der sexuellen Aufklärung und ihrer filmischen Ausgeburten. Die hinlänglich amüsante (dabei latent inzestuöse) Münchner Geschichte des unschuldig-offenherzigen (bzw. -blusigen) Schulmädchens ›Herzblatt‹ (Mascha Gonska) und ihres alleinerziehend-überforderten Vaters ›Männchen‹ (Georg Thomalla) thematisiert bestenfalls oberflächenphänomenologisch, dabei allemal pubertär-herrenwitzelnd Verklemmungen und Sprachlosigkeiten, Betretenheiten und Übersprungshandlungen auf dem Weg zum heißersehnten, allerfüllenden, erdbebenartigen Liebeserlebnis: »Wo immer du hinsiehst, alles strömt zueinander, alles fließt ineinander. Das Geschlechtliche ist eine Notwendigkeit.«
R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) K Ernst W. Kalinke M Hans-Martin Majewski A Wolf Englert, Margret Finger S Susanne Paschen P Luggi Waldleitner D Georg Thomalla, Mascha Gonska, Siegfried Schürenberg, Paul Esser, Günther Lüders, Olga von Togni | BRD | 84 min | 1:1,66 | f | 2. Oktober 1969
# 1135 | 27. Oktober 2018
R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) K Ernst W. Kalinke M Hans-Martin Majewski A Wolf Englert, Margret Finger S Susanne Paschen P Luggi Waldleitner D Georg Thomalla, Mascha Gonska, Siegfried Schürenberg, Paul Esser, Günther Lüders, Olga von Togni | BRD | 84 min | 1:1,66 | f | 2. Oktober 1969
# 1135 | 27. Oktober 2018
12.9.69
L’armée des ombres (Jean-Pierre Melville, 1969)
Armee im Schatten
Scènes de la vie de résistance … Jean-Pierre Melville verfolgt – unpathetisch, aber keinesfalls leidenschaftslos – die Aktivitäten einer Widerstandsgruppe im von Deutschen besetzten Frankreich. Die episodische Erzählung umfaßt einen Zeitraum von vier Monaten zwischen dem 20. Oktober 1942 und dem 23. Februar 1943 und führt von Marseille nach Paris, von Lyon nach London (wo General de Gaulle, der Anführer der France libre, sein Hauptquartier aufgeschlagen hat), durch Hinterzimmer und Geheimverstecke, durch Internierungslager und Foltergefängnisse. Melville, während des Krieges selbst Mitglied der Résistance, schildert dabei keine Partisanenaktionen im eigentlichen Sinne: keine Nachrichtenbeschaffung, keinen Sabotageakt, kein Attentat; Pierre Lhommes Kamera zeigt, in dunklen, entsättigten Bildern, ausschließlich Menschen in Gefahr, Menschen auf der Flucht, Menschen in der Falle, Menschen, die in Erfüllung einer höheren Pflicht schreckliche Dinge tun müssen. Kaum je verraten die Gesichter von Lino Ventura, Paul Meurisse, Simone Signoret und all den anderen etwas über die Emotionen der Protagonisten dieses bei aller formalen Distanziertheit sehr persönlichen, sehr anrührenden Films. Es ist ein unsichtbares Band von stiller Kameradschaft und wortlosem Mitgefühl, das die Armee der Schatten zusammenhält. Auch wenn ihr klandestines Tun vergeblich scheint, bleibt es doch ohne Alternative – so gehen Gerbier, Jardie, Mathilde und all die anderen den vorgezeichneten Weg, aufrecht und unbeirrt, bis zum bitteren Ende.
R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville V Joseph Kessel K Pierre Lhomme M Éric Demarsan A Théobald Meurisse S Françoise Bonnot P Jacques Dorfmann D Lino Ventura, Paul Meurisse, Simone Signoret, Jean-Pierre Cassel, Claude Mann, Serge Reggiani | F & I | 145 min | 1:1,66 | f | 12. September 1969
Scènes de la vie de résistance … Jean-Pierre Melville verfolgt – unpathetisch, aber keinesfalls leidenschaftslos – die Aktivitäten einer Widerstandsgruppe im von Deutschen besetzten Frankreich. Die episodische Erzählung umfaßt einen Zeitraum von vier Monaten zwischen dem 20. Oktober 1942 und dem 23. Februar 1943 und führt von Marseille nach Paris, von Lyon nach London (wo General de Gaulle, der Anführer der France libre, sein Hauptquartier aufgeschlagen hat), durch Hinterzimmer und Geheimverstecke, durch Internierungslager und Foltergefängnisse. Melville, während des Krieges selbst Mitglied der Résistance, schildert dabei keine Partisanenaktionen im eigentlichen Sinne: keine Nachrichtenbeschaffung, keinen Sabotageakt, kein Attentat; Pierre Lhommes Kamera zeigt, in dunklen, entsättigten Bildern, ausschließlich Menschen in Gefahr, Menschen auf der Flucht, Menschen in der Falle, Menschen, die in Erfüllung einer höheren Pflicht schreckliche Dinge tun müssen. Kaum je verraten die Gesichter von Lino Ventura, Paul Meurisse, Simone Signoret und all den anderen etwas über die Emotionen der Protagonisten dieses bei aller formalen Distanziertheit sehr persönlichen, sehr anrührenden Films. Es ist ein unsichtbares Band von stiller Kameradschaft und wortlosem Mitgefühl, das die Armee der Schatten zusammenhält. Auch wenn ihr klandestines Tun vergeblich scheint, bleibt es doch ohne Alternative – so gehen Gerbier, Jardie, Mathilde und all die anderen den vorgezeichneten Weg, aufrecht und unbeirrt, bis zum bitteren Ende.
R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville V Joseph Kessel K Pierre Lhomme M Éric Demarsan A Théobald Meurisse S Françoise Bonnot P Jacques Dorfmann D Lino Ventura, Paul Meurisse, Simone Signoret, Jean-Pierre Cassel, Claude Mann, Serge Reggiani | F & I | 145 min | 1:1,66 | f | 12. September 1969
# 949 | 1. Juni 2015
Labels:
Cassel,
Drama,
Gefängnis,
London,
Lyon,
Melville,
Militär,
Nationalsozialismus,
Paris,
Reggiani,
Signoret,
Tod,
Ventura,
Widerstand,
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