27.5.67

Belle de jour (Luis Buñuel, 1967)

Belle de Jour – Schöne des Tages 

»A quoi penses-tu, Séverine?« Nun, offen gesagt denkt sie daran, von zwei Kutschern ausgepeitscht und vergewaltigt zu werden, während ihr Mann dabei zusieht. Séverine (Catherine Deneuve), großbürgerliche Pariser Ehefrau, von guter Erziehung und gesellschaftlicher Norm in ein strenges Verhaltenskorsett gezwängt, sucht ihre masochistischen Triebphantasien zu realisieren, indem sie sich allnachmittags in einem maison de passe prostituiert … Luis Buñuel eröffnet mit »Belle de jour« sein streng-verspieltes Spätwerk: In hellen, schnörkellosen Bildern (in der Art einer kinematographischen ligne claire) und unter fast vollständigem Verzicht auf musikalische Akzentuierung wird die Trennung von »Wirklichkeit« und »Imagination« aufgehoben. Der hohe ästhetische und intellektuelle Reiz der künstlerischen Methode liegt im Kontrast zwischen strikter Kontrolle (der visuellen Kompositionen, der präzisen Gesten und Bewegungen aller Akteure) und lustvoller Willkür (des assoziativen Erzählens, der abrupten Stimmungs- und Themenwechsel) – Kino als geistreich-verrätselter pas de deux von Über-Ich und Es.

R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière V Joseph Kessel K Sacha Vierny A Robert Clavel S Louisette Hautecœur P Raymond Hakim, Robert Hakim D Catherine Deneuve, Jean Sorel, Michel Piccoli, Geneviève Page, Pierre Clémenti | F & I | 101 min | 1:1,66 | f | 27. Mai 1967

25.5.67

The Vengeance of Fu Manchu (Jeremy Summers, 1967)

Die Rache des Dr. Fu Man Chu

»World domination? That means Fu Manchu!« Ein Film über Vergeltungsgelüste und über Organisationsstrukturen in einer sich dramatisch wandelnden Welt. Fu Manchu, der sein Hauptquartier in der nordchinesichen Provinz aufgeschlagen hat, schwört blutige Rache an seinem hartnäckigsten Gegner, dem britischen Ordnungshüter Nayland Smith. Gleichzeitig formieren sich zwei antagonistische Interessengemeinschaften: Auf der einen Seite bilden die nationalen Sicherheitskräfte eine globale Polizeibehörde (genannt: »Interpol«) zur vereinten Bekämpfung des weltweiten Verbrechens, welches auf der anderen Seite im Begriffe steht, sich unter einem gemeinsamen Führer (wem wohl?) zusammenzuschließen, um im Kollektiv vernichtende Schlagkraft zu gewinnen. Fu Manchu, das kriminelle Superhirn, das seine asiatischen Zerstörungstaten als »work of infinite pleasure« bezeichnet, plant, die Polizeichefs aller Staaten gegen hypnotisierte Doppelgänger auszutauschen, die ihrerseits brutale Straftaten verübten, wodurch sich das Gesetz gleichsam selbst untergrübe … Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Zum ersten Opfer ist kein anderer als Nayland Smith auserkoren, und in schöner Serientradition muß ein durch Bedrohung seiner Tochter gefügig gemachter westlicher Spezialist widerwillige Hilfsdienste leisten. Von Jeremy Summers professionell aber weitgehend ohne schöpferische Inspiration eingerichtet, läuft das Schurkenstück mit ein paar dezent-grausamen Einlagen auf das planmäßige Finale zu: Fu Manchus ehrgeizige Ideen verpuffen ebenso wie sein palastartiges Befehlszentrum, und durch quellende Rauchschwaden klingt das vertraute Schlußwort: »The world shall hear from me again.«

R Jeremy Summers B Peter Welbeck (= Harry Alan Towers) V Sax Rohmer K John von Kotze M Malcolm Lockyer A Scott MacGregor, Peggy Gick S Allan Morrison P Harry Alan Towers D Christopher Lee, Douglas Wilmer, Wolfgang Kieling, Horst Frank, Tsai Chin | UK & BRD | 91 min | 1:1,66 | f | 25. Mai 1967

# 866 | 22. Mai 2014

27.4.67

Two for the Road (Stanley Donen, 1967)

Zwei auf gleichem Weg 

Joanna: »They don't look very happy.« Mark: »Why should they? They just got married.« … Szenen einer Ehe – vor zwölf Jahren haben sie sich kennengelernt, rein zufällig; zwölf Jahre später kennen sie sich, durch und durch. »Two for the Road« erzählt die Geschichte einer Zweisamkeit, in fünf paralellgeführten (Sommerreise-)Kapiteln: die zufällige Begegnung, das rauschende Verknalltsein, die ganz große Liebe, das Versprechen auf ewige Treue, die erste Enttäuschung, die sich einschleichende Gewohnheit, die unvermeidliche Ernüchterung, die schmerzhafte Erkenntnis, nicht miteinander, nicht ohne einander sein zu können. Stanley Donen (Regie) und Frederic Raphael (Drehbuch) interpretieren Partnerschaft als abwechslungsreiche Fahrt, als ermüdenden Weg, als bewußtseinserweiternden Trip, als kurvige Straße ohne bekanntes Ziel, als immerwährendes Unterwegs. Joanna (Audrey Hepburn) und Mark (Albert Finney) begegnen sich, kommen sich näher, entfernen sich, finden zusammen, werden einander umso fremder, je besser sie sich gegenseitig verstehen. Die Ehe: ein Bund, ein Joch, ein Band, ein Bruch. Eine Beziehung: unendlicher Spaß und abgrundtiefer Frust, berechneter Kurs und zufällige Drift, tränenreiche Komödie und saukomisches Trauerspiel. Happy ending nicht ausgeschlossen … Mark: »Bitch!« Joanna: »Bastard!«

R Stanley Donen B Frederic Raphael K Christopher Challis M Henry Mancini A Willy Holt S Madeleine Gug, Richard Marden P Stanley Donen D Audrey Hepburn, Albert Finney, Eleanor Bron, William Daniels, Claude Dauphin | UK | 111 min | 1:2,35 | f | 27. April 1967

# 835 | 16. Februar 2014

26.4.67

Die blaue Hand (Alfred Vohrer, 1967)

Das Irrenhaus und der Familiensitz – zwei Horte des Wahnsinns. Alfred Vohrer macht zwischen den beiden Spielorten des Films sinnigerweise kaum einen Unterschied: hier Keller und Verliese, dort Geheimgänge und Gruften, überall Ratten und Gier, Schlangen und Mord. Passend zu den spiegelbildlichen Schauplätzen des Stücks: die Doppelrolle von Klaus Kinski. David und Richard sind Zwillingsbrüder – der eine angeblich geistesgestört, aber vollkommen klar im Kopf, der andere vermeintlich normal, doch was heißt das schon? Die Story kreist (wie in sämtlichen synthetisch-lebensnahen bundesdeutschen Horrorkomödien nach Edgar Wallace) um den Treibstoff allen Handelns: So verrückt, daß er (oder sie) den Wert des Geldes nicht mehr begriffe, ist niemand, nicht der hinterlistige Anwalt, nicht der undurchsichtige Butler, nicht der Psychiater mit dem Monokel, nicht die Lady im Ozelotmantel, schon gar nicht der anonyme Mann im Hintergrund, dessen eisige Stimme die lukrativen Verbrechen befiehlt.

R Alfred Vohrer B Axel Berg (= Herbert Reinecker) V Edgar Wallace K Ernst W. Kalinke M Martin Böttcher A Wilhelm Vorwerg, Walter Kutz S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Klaus Kinski, Harald Leipnitz, Siegfried Schürenberg, Carl Lange, Ilse Steppat | BRD | 87 min | 1:1,66 | f | 26. April 1967

# 799 | 15. November 2013

24.4.67

The Sailor from Gibraltar (Tony Richardson, 1967)

Nur eine Frau an Bord

»What do you do when you don’t know what you want.« Alan, in seinem Behördenjob gelangweilt, von seiner putzmunteren Freundin Sheila (Vanessa Redgrave) angeödet, mit seinem Leben generell unzufrieden, begegnet während eines Italienurlaubs der schönen, reichen Anna (Jeanne Moreau), die, auf der Suche nach einem verlorenen Geliebten, mit ihrer Segelyacht die Weltmeere durchkreuzt. Alan nutzt die sich ihm unverhofft bietende Chance und begleitet Anna, ihrerseits erotischen Eskapaden durchaus nicht abgeneigt, auf große Fahrt. In Athen, in Alexandria, in Äthiopien verfolgen sie vage Spuren des Verschwundenen, gehen Auskünften nach, die ihnen von mehr oder weniger zuverlässigen Informanten (darunter Orson Welles mit Fez und Kaftan als »Louis of Mozambique«) zugetragen werden. Tony Richardsons Adaption eines frühen Romans von Marguerite Duras läßt bewußt offen, ob es den Matrosen von Gibraltar (angeblich ein aus der Fremdenlegion geflohener Mörder) tatsächlich gab, oder ob er Annas Phantasie entsprungen ist, ein romantisches Ideal, Wunschbild der absoluten Liebe, Symbol für Geheimnis, Abenteuer, Freiheit, Unschuld. Auch wenn Ian Bannen in der (einigermaßen undankbaren) Rolle des mürrischen Alan kaum greifbare Präsenz entwickelt, gelingt Richardson, insbesondere dank Moreaus enigmatischer Strahlkraft, Raoul Coutards dokumentarisch-einfühlsamer Kamera und Antoine Duhamels mediterran-melancholischem Score, eine streckenweise reizvolle Reiseerzählung über Sehnsucht und Vorstellungen von Glück, über Illusionen und unbekannte Ziele: »It would be terrible if sailors didn’t exist.« – »We would have to invent them.«

R Tony Richardson B Christopher Isherwood, Don Magner, Tony Richardson V Marguerite Duras K Raoul Coutard M Antoine Duhamel A Josie MacAvin S Antony Gibbs P Oscar Lewenstein D Jeanne Moreau, Ian Bannen, Vanessa Redgrave, Orson Welles, Hugh Griffith | UK | 91 min | 1:1,66 | sw | 24. April 1967

# 1069 | 21. August 2017

19.4.67

Mord und Totschlag (Volker Schlöndorff, 1967)

Marie erschießt Hans, weil er sie nach der Trennung zu einem letzten Beischlaf nötigt. Kurzentschlossen dingt die Gelegenheitsdelinquentin zwei Tagediebe, um die lästige Leiche verschwinden zu lassen. (Nach einigem Hin und Her wird der Getötete in einen Teppich eingerollt und auf einer Autobahnbaustelle verscharrt.) Basierend auf einer Meldung aus der Rubrik Vermischtes entwickelt Volker Schlöndorff eine lakonisch-balladeske Krimikolportage, die übliche Genreelemente (Suspense, Ermittlung, Psychologie, Moral) zugunsten der Kompilation zeitgeistiger Stimmungsbilder und bissiger Milieuskizzen hintanstellt. It-Girl Anita Pallenberg in der Hauptrolle des fatalen Münchner Servierfräuleins sorgt im Verein mit der Musik des Rolling-Stones-Gitarristen Brian Jones für popkulturelles Flair, das durch und durch unangepaßte Verhalten der Akteure gibt auf unterhaltsame Weise Ahnung von der gesellschaftlichen Umbruchstimmung der mittleren 1960er Jahre.

R Volker Schlöndorff B Volker Schlöndorff, Arne Boyer, Gregor von Rezzori, Niklas Frank K Franz Rath M Brian Jones A Wolfgang Hundhammer Ko Eva Maria Gall S Claus von Boro P Rob Houwer D Anita Pallenberg, Hans Peter Hallwachs, Manfred Fischbeck, Werner Enke | BRD | 87 min | 1:1,66 | f | 19. April 1967

# 1184 | 31. Dezember 2019

18.4.67

Caprice (Frank Tashlin, 1967)

Caprice

»I'm the spy who came in from the cold cream.« Ein Doris-Day-Film, der beginnt wie ein James-Bond-Abenteuer: mit einem tödlichen Ski-Verfolgungsrennen in den Schweizer Alpen … Frank Tashlin verwickelt die (mittlerweile über 40jährige) ewige Jungfrau in einen vor allem theoretisch guten spy spoof um Geheimformeln und Jugendkult, um Liebestraum und Doppelspiel, um Narkotika und geschäftliche Konkurrenz, die über Leichen geht. »To die, to sleep;
 to sleep: perchance to dream« – das Hamlet-Zitat wird nicht ohne Grund mehrfach vorgetragen. Patricia Foster (alias Philippa Fowler) jagt als Industriespionin einerseits nach der Rezeptur eines wasserfesten Haarsprays, andererseits will sie den Mord an ihrem Vater aufklären. Dabei trifft die Beton-Blondine auf einen attraktiv-zupackenden Counter-Spitzel (Richard Harris), auf einen hochstaplerisch-cholerischen Chemiker (Ray Walston) und auf einen soigniert-skrupellosen Unternehmer (Edward Mulhare) … Tashlin, der Grandseigneur des zynischen Slapstick, der Meister der grafischer Stilisierung, ist immer gut für grotesk-dekorative Bilderfindungen – so auch (unterstützt von den psychedelischen Kreationen des Kostümbildners Ray Aghayan) in diesem bonbonbunten Fall –, aber Tashlin, der Brachial-Tati des Konsumzeitalters, der systemkritische Vaudeville-Bruder von Godard und Antonioni, zeigt sich in »Caprice« (trotz passender Themenwahl) nicht mehr ganz auf der Höhe seiner subversiven Kunst.

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Jay Jayson K Leon Shamroy M Frank De Vol A Jack Martin Smith, William Creber S Robert L. Simpson P Martin Melcher, Aaron Rosenberg D Doris Day, Richard Harris, Ray Walston, Jack Kruschen, Edward Mulhare | USA | 98 min | 1:2,35 | f | 18. April 1967

13.4.67

St. Pauli zwischen Nacht und Morgen (José Bénazeraf, 1967)

Ein Gangsterfilm zwischen Nacht und Morgen. Ein nebelfeuchter Traum von harten Kerlen, von schönen Frauen, von ehrgeizigen Polizisten. Eine kalte Halluzination vom großen Geld, von der großen Liebe, vom großen Spiel. Helmut Schmidt (!), ein Schweizer Interpol-Inspektor, kommt nach Hamburg, um eine Bande von Drogenhändlern auszuheben, die sich als Betreiber einer Nachtbar tarnen. Der ehrgeizige Helmut (Helmut Förnbacher) verfällt dem traurigen Zauber der schönen Arlette (Eva Christian) und dem rauhen Charme des harten Bernie (Rolf Eden) – und schließlich verfällt er seiner Bestimmung … José Bénazeraf mag seine Figuren. Deswegen sieht er sie lange an. Er betrachtet ausführlich, wie sie sitzen, wie sie laufen, wie sie reden, wie sie trinken, wie sie baden, wie sie weinen, wie sie küssen, wie sie rauchen, wie sie schlagen, wie sie schießen, wie sie sterben. In seinen Wahrnehmungen läßt sich der leidenschaftliche Beobachter von so etwas Banalem wie Handlung kaum stören. Ja, er erzählt. Auch. Nebenbei. Notgedrungen. Für all jene, die einen Anlaß brauchen um hinzugucken: wie sich ein Paar in einer Pfütze spiegelt, wie ein Auto ausbrennt, wie Kiffer in den Rausch sinken, wie eine Möwe über dem Hafen kreist, wie Mädchen tanzen, wie Koks aus dem Brennofen eines Gaswerks fällt, wie St. Pauli aus dem vielverheißenden Schwarz der Nacht dem toten Grau des Morgens entgegengeht.

R José Bénazeraf B Wolfgang Steinhardt K Peter Baumgartner, George Balogh M Frank Valdor S Eva Zeyn P Erwin C. Dietrich D Helmut Förnbacher, Eva Christian, Rolf Eden, Dunja Rajter, Bob Iller | BRD | 88 min | 1:1,37 | sw | 13. April 1967

# 810 | 2. Dezember 2013

31.3.67

Le scandale (Claude Chabrol, 1967)

Champagner-Mörder
 
Der Wahnsinn des Geldadels, dargestellt an Hand einer serienmörderischen Familienintrige unter Champagner-Produzenten: Maurice Ronet als dekadenter Lebemann mit (vielleicht todbringenden) Absencen, Anthony Perkins als hochgeschlafener Gigolo mit weit­reichenden Ambitionen, Yvonne Furneaux als ehrgeizige Geschäftsfrau ohne Fortune, Stéphane Audran als eiskaltes Biest mit vielen Talenten. Leider entwickelt der (reichlich unübersichtliche) satirisch-schwarzhumorige Krimiplot – trotz mehrerer Strangulierungen sowie Ausflügen in neppige Hamburger Vergnügungstempel und auf radikalschicke Pariser Künstlerpartys – kaum prickelnde Spannung. Claude Chabrols Gesellschaftskritik bleibt dekoratives L’art pour l’art (immerhin in eleganten Techniscope-Kompositionen von Jean Rabier), und lediglich die Schlußszene des Films findet für die (selbst-)zerstörerische Energie der gehobenen Klasse ein überzeugendes Bild.

R Claude Chabrol B Claude Brulé, Derek Prouse K Jean Rabier M Pierre Jansen A Rino Mondellini S Jacques Gaillard P Raymond Eger D Anthony Perkins, Maurice Ronet, Yvonne Furnaux, Stéphane Audran, Henry Jones | f | 99 min | 1:2,35 | f | 31. März 1967

17.3.67

2 ou 3 choses que je sais d’elle (Jean-Luc Godard, 1967)

Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß

Sie, das ist Marina Vlady, die Hauptdarstellerin. Sie, das ist Juliette Janson, die Protagonistin. Sie, das ist die Region Paris. Sie, das ist die Welt, in der wir leben, eine Welt, die mit herkömmlichen erzählerischen Mitteln nicht mehr zu erfassen, verstehen, beschreiben ist. Jean-Luc Godard verlegt sich auf die soziologische Collage, füllt ein phänomenologisches Sammelalbum, geht auf Forschungsreise durch eine Gegenwart, die längst schon Zukunft ist, (er)findet das Universum in einer Espressotasse. 24 Stunden aus dem Alltag einer Hausfrau und Mutter – die (wie viele ihrer Standesgenossinnen) nachmittags anschaffen geht, um die Familienkasse aufzubessern – bilden die Referenzfläche für Beobachtungen von (lebendigen) Dingen und (toten) Menschen, für Gedanken zu Sprache und Wahrheit, für Betrachungen über Liebe und Kapitalismus. Zu Raoul Coutards hyperästhetisch-analytischen Techniscope-Einstellungen reflektiert, spekuliert, schwadroniert, doziert, philosophiert Godard aus dem Off mit gepreßter Flüsterstimme (als gäbe er wohlgehütete Geheimnisse preis) unter anderem über die Unbewohnbarkeit der Städte, über das Leben als Comic-Strip, über den Krieg in Vietnam, über die Gestapo der Strukturen, über die Welt als Bordell.

R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard V Catherine Vimenet K Raoul Coutard Ko Gritt Magrini S Françoise Collin P Anatole Dauman, Raoul Lévy D Marina Vlady, Anny Duperey, Roger Monsoret, Raoul Lévy, Juliet Berto | F | 87 min | 1:2,35 | f | 17. März 1967

# 1190 | 12. Januar 2020

16.3.67

Fantômas contre Scotland Yard (André Hunebelle, 1967)

Fantomas bedroht die Welt 

Maske in Blau – Teil 3. Nach Abenteuern in Paris und Rom wird die Jagd auf den metamorphischen Bösewicht im schottischen Hochland fortgesetzt. Das Genie des zweckfreien Verbrechens hat sein Interesse auf schnöden Gelderwerb verlagert und plant, den vermögendsten Männern der Welt eine Sonderabgabe auf ihr Leben abzupressen – Motto: »Das Funktionieren jeder Gesellschaftsform basiert auf einem straffen Steuersystem.« Die räumliche Beschränkung der Erzählung auf Schloß und Park eines steinreichen Landedelmannes rückt »Fantômas contre Scotland Yard« vollends in die Nähe gediegen-spleeniger Krimiunterhaltung, die durch zahlreiche ungebremste Auftritte von Louis de Funès schwere Schlagseite ins Drollig-Burleske bekommt.

R André Hunebelle B Jean Halain, Pierre Foucaud V Pierre Souvestre, Marcel Allain K Marcel Grignon M Michel Magne A Max Douy S Pierre Gillette P Paul Cadéac, Alain Poiré D Jean Marais, Louis de Funès, Mylène Demongeot, Françoise Christophe, Jean-Roger Caussimon | F & I | 104 min | 1:2,35 | f | 16. März 1967

15.3.67

In Like Flint (Gordon Douglas, 1967)

Derek Flint – hart wie Feuerstein

»An actor? As president?« Auch im Sequel darf James Coburn als Derek Flint alle 64 Zähne blecken und die Welt vor dem Verderben retten. Diesmal geht es gegen eine internationale Schar von Amazonen, die während einer Golfpartie den US-Präsidenten kidnappen (und durch einen Schauspieler ersetzen – wie unwahrscheinlich!), danach die amerikanische Weltraumstation samt Nuklearwaffen unter ihre Kontrolle bringen, um die allgemeine Weiberherrschaft zu errichten. Flint kann nicht nur mit Delphinen sprechen, er versteht es auch, die (von Ray Aghayan absurd-stylisch gewandeten) machthungrigen Megären von den Qualitäten des männlichen Geschlechts zu überzeugen – womit er die Sache noch einmal (ein letztes Mal?) zugunsten des Patriarchats wendet. Lee J. Cobb gibt in »In Like Flint« (neben­bei: ein toller Titel!) einmal mehr den väterlichen Chef und entnervten Bewunderer des geheim­dienstlichen Supermannes (und -machos).

R Gordon Douglas B Hal Fimberg K William H. Daniels M Jerry Goldsmith A Dale Hennessy, Jack Martin Smith S Hugh S. Fowler P Saul David D James Coburn, Lee J. Cobb, Jean Hale, Andrew Duggan, Anna Lee | USA | 114 min | 1:2,35 | f | 15. März 1967

8.3.67

Les demoiselles de Rochefort (Jacques Demy, 1967)

Die Mädchen von Rochefort

»Aimer la vie, aimer les fleurs, / Aimer les rires et les pleurs, / Aimer le jour, aimer la nuit, / Aimer le soleil et la pluie …« Gewiß, es gibt auch so etwas wie eine Fabel in »Les demoiselles de Rochefort« – Delphine und Solange, Zwillingsschwestern (gespielt von den Schwestern Catherine Deneuve und Françoise Dorléac in ihrem einzigen gemeinsamen Film), geboren unter dem Zeichen der Zwillinge, blonde Tänzerin die eine, rothaarige Pianistin die andere, sind auf der Suche nach dem Traumprinzen, derweil zwei Männer, Maxence (Jacques Perrin), ein romantischer Seemann, und Andy (Gene Kelly), ein amerikanischer Komponist, nach der Frau fürs Leben fahnden –, aber wie in (fast) jeder musikalischen Komödie dient das Handlungsgerüst in allererster Linie als Schnur, auf die, mit poetischem Stilwillen und unbändiger Spielfreude, Situationen und Gefühle, Augenblicke und Energien gefädelt werden. »… Aimer l'hiver, aimer le vent, / Aimer les villes et les champs, / Aimer la mer, aimer le feu, / Aimer la terre pour être heureux.« Jacques Demy setzt eine ganze Stadt Bewegung, streicht Fassaden und Fensterläden in süßesten Pastelltönen (Dekor: Bernard Evain – inspiriert von Raoul Dufy), er steckt die Frauen in knallbunte Kleider und setzt ihnen fantastische Hüte auf, er läßt die Herren durch Straßen und über Plätze tanzen, während Michel Legrand die furiose Jagd nach dem Glück in überirdisch-außerzeitliche, dabei ganz im Hier und Jetzt eines hochsommerlichen Provinznests verortete Melodien kleidet – Herzen im Fieber, Transzendenz der Existenz. Eine wolkenlose Breitwand-Vision von Schaustellern und Matrosen, von Müttern und Mördern, von Künstlern und Krämern, von lächerlichen Namen und von der Liebe, die (wohlmeinend, wie es scheint) ihr Gesetzt diktiert. PS: »Dans la vie tout nous est facile.«

R Jacques Demy B Jacques Demy K Ghislain Cloquet M Michel Legrand A Bernard Evein S Jean Hamon P Mag Bodard D Catherine Deneuve, Françoise Dorléac, Jacques Perrin, Gene Kelly, Danielle Darrieux, Michel Piccoli | F | 120 min | 1:2,35 | f | 8. März 1967

23.2.67

Nihon shunka-ko (Nagisa Oshima, 1967)

Über japanische Lieder der Unzucht

Vier Studienanwärter träumen und singen (ausführlich) von Sex. Nagisa Oshimas spröde-surreale Improvisation – eine Art musikalisches Lehrstück ohne Lehre – mischt Realität, Phantasien und die Nachinszenierung von Phantasien in der Realität. (Der nicht gezeigte) Sex erscheint gleichermaßen als Flucht aus und Widerstand gegen eine graue Wirklichkeit, die von politischer Naivität, latenter Gewalt, enttäuschten Hoffnungen und allgemeiner Gleichgültigkeit beherrscht wird. Leider hat letztere auch das filmische Regiment übernommen – so mäandert »Nihon shunka-ko« formal apart aber gedanklich ziemlich indifferent vor sich hin.

R Nagisa Oshima B Nagisa Oshima, Mamoru Sasaki, Toshio Tajima, Takeshi Tamura K Akira Takada M Hikaru Hayashi A Jusho Toda S Keiichi Uraoka P Masayuki Nakajima D Ichiro Araki, Juzo Itami, Koji Iwabuchi, Akiko Koyama, Kazuyoshi Kushida | JP | 103 min | 1:2,35 | f | 23. Februar 1967

22.2.67

Le voleur (Louis Malle, 1967)

Der Dieb von Paris 

Georges Randal (Jean-Paul Belmondo) ist ein Dieb. Er nimmt keine großen Rücksichten, wenn er auf Beutezug geht: »Je fais un sale métier, mais j’ai une excuse. Je le fait salement.« Nach dem Tod der Eltern von seinem habsüchtig-philiströsen Onkel ums Erbe und, schlimmer noch, um die Liebe zur entzückenden Cousine Charlotte (Geneviève Bujold) gebracht, entdeckt Georges seine kriminelle Berufung – und die Lust, die Autonomie, die nackte Wahrheit, die sie ihm bringt. Louis Malle erzählt den pikaresken Belle-Époque-Roman ganz aus der Perspektive der Hauptfigur, verzichtet dabei auf die emotionalisierende Beigabe von Musik, senkt die äußere Dramatik auf ein beinahe bressonsches Minimum, meidet jede Form von Robin-Hood-Romantik: Georges stiehlt nicht, um die sozialen Verhältnisse zu verändern, er stiehlt, weil er lebt, wenn er stiehlt. Seine Arbeit erledigt er diszipliniert, planvoll, zielstrebig, mit elementarer Begierde nach fremdem Geld und Gut, mit lässiger Verachtung für das Eigentum an sich. Der Dieb ein Anarchist? Eher ein radikaler Individualist – aber auch ein Schatten des Bourgeois. Tragische Ironie: Die Gesellschaft der Diebe erscheint als seitenverkehrtes Ebenbild der bürgerlichen Welt. Oder wie es Georges’ Lehrmeister, der weltkluge Abbé La Margelle (Julien Guiomar), poetisch ausdrückt: »Le voleur est le clair de lune de l’honnête homme.«

R Louis Malle B Jean-Claude Carrière, Louis Malle, Daniel Boulanger V Georges Darien K Henri Decaë A Jacques Saulnier S Henri Lanoë P Hubert Mérial D Jean-Paul Belmondo, Geneviève Bujold, Jean Guimoar, Marie Dubois, Paul Le Person | F & I | 120 min | 1:1,66 | f | 22. Februar 1967