26.6.79

Moonraker (Lewis Gilbert, 1979)

James Bond 007 – Moonraker – Streng geheim

James Bonds unheimliche Begegnungen der vierten Art – und quasi eine Spiegelung des Vorgängers »The Spy Who Loved Me«: oben statt unten, Kosmos statt Tiefsee. 007s Widersacher Sir Hugo Drax (ominös: Michael Lonsdale) plant die Auslöschung der Menschheit (immerhin 4,4 Milliarden) und die Züchtung einer perfekten Herren-(und Damen-)Rasse im keimfreien Orbit. Übermensch Bond (mit jeder Faser in seiner Rolle: Roger Moore) kann dies natürlich nicht dulden. Das Drehbuch (Christopher Wood) ist angemessen schwerelos und bar jeder Dreingabe von störendem Realismus, die surreal-elegante Verknüpfung von französischem Barock und Space-Shuttle-Futurismus, von venezianischer Noblesse und brasilianischer Sinnlichkeit schafft einen fantastisch-grenzenlosen Welt-Raum, ergo ein angemessenes Spiel-Feld für den legendären Agenten Ihrer Majestät. Im gleichen Maße, wie allen Beteiligten nach und nach sämtliche Sicherungen durchknallen, entwickelt sich »Moonraker« zu einem stratosphärischen Höhepunkt der unsterblichen Filmreihe. Sonstige Bond-Spezifika: letzte Einsätze von Bernard Lee (›M‹), Ken Adam (Bauten), Shirley Bassey (Stimme) und Lewis Gilbert (Regie) – somit auch das Ende einer Ära. 

R
Lewis Gilbert B Christopher Wood V Ian Fleming K Jean Tournier M John Barry A Ken Adam S John Glen P Albert R. Broccoli D Roger Moore, Lois Chiles, Michael Lonsdale, Richard Kiel, Bernard Lee | UK & F | 126 min | 1:2,35 | f | 26. Juni 1979

13.5.79

Die dritte Generation (Rainer Werner Fassbinder, 1979)

»Ich hatte neulich einen Traum, da hat das Kapital den Terrorismus erfunden, um den Staat zu zwingen, es besser zu schützen. Ist sehr komisch, nicht?« Terror als einzig verbliebenes Abenteuer, (Selbst-)Auslöschung als letztmögliche Lebensäußerung; mit anderen Worten: Furcht als Chance, Schrecken als Weg. Parole: »Die Welt als Wille und Vorstellung.« Kino als politische Seifenoper: Rainer Werner Fassbinder schickt den trüben Rest des ausgebrannten (Westberliner) Bürgertums (Baer, Carstensen, Kaufmann, Kier, Ogier, Schygulla) auf die finale Mission – aber die Revolution ist nur noch eine leere Pose, die Wahrheit ist eine nicht allzu schöne Lüge, und der Tod ist kein Wunschkonzert; will sagen: Widerstand ist lediglich eine Variable in der Gleichung, die das herrschende System (hier verkörpert von Hark Bohm und Eddie Constantine) beschreibt. PS: »Am Ende braucht man, was man früher zum Kotzen fand.«

R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Rainer Werner Fassbinder M Peer Raben A Raúl Gimenez S Juliane Lorenz P Rainer Werner Fassbinder D Hanna Schygulla, Eddie Constantine, Volker Spengler, Udo Kier, Bulle Ogier | BRD | 110 min | 1:1,37 | f | 13. Mai 1979

25.4.79

Série noire (Alain Corneau, 1979)

»Nous serons, toi et moi, les plus riches du monde.« Eine schlammige Brachfläche, irgendwo in der Pariser Banlieue, im Hintergrund Kräne und seelenlose Wohnblocks. Ein junger Mann im Trenchcoat steigt aus seinem Simca und improvisiert unter regenschwerem Himmel eine sonderbare Choreographie, spielt mit sich selbst Räuber und Gendarm, mimt zu den Klängen von Duke Ellingtons »Moonlight Fiesta« einen leidenschaftlichen Musiker, einen mondänen Tänzer, einen galanten Liebhaber. Der Prolog des Films gibt einen Vorgeschmack auf die Rollenspiele, die Franck Poupart, genannt »Poupée« (frenetisch: Patrick Dewaere), im Laufe der folgenden schmutzig-bizarren Geschichte darbieten wird. Franck ist ein Mann am Rand: am Rand der Stadt, am Rand der Gesellschaft, am Rand des Nervenzusammenbruchs; unterwegs als Handelsvertreter des Kaufmanns Staplin (aasig: Bernard Blier), gefangen in einer heruntergekommenen Ehe, trifft er eines Tages auf Mona (somnambul: Marie Trintignant), eine Halbwüchsige, die von ihrer schmierigen (und überraschend begüterten) Tante als Prostituierte gehalten wird – die ebenso lebhafte wie klägliche, zwischen Ekel und Ekstase schwankende Beziehung der beiden führt fast unweigerlich zu (Raub-)Mord und Totschlag ... Alain Corneau inszeniert Georges Perecs freie Adaption des Jim-Thompson-Romans »A Hell of a Woman« als pechschwarze Komödie, als hysterische Genreparodie, als galgenhumorige soziologische Betrachtung, als bis zur Kenntlichkeit verzerrtes Zeitbild voller Gewalt und Niedertracht. Aus Transistorradios plärren fröhliche Schlager und beschwingte Chansons von Boney M. und Gérard Lenorman, von Dalida und Sacha Distel, während Francks kaputte Welt restlos in Stücke fällt. Immerhin scheint im Totalverlust so etwas wie eine letzte Hoffnung auf: »On a plus rien à craindre, maintenant.«

R Alain Corneau B Georges Perec, Alain Corneau V Jim Thompson K Pierre-William Glenn M diverse S Thierry Derocles P Maurice Bernart D Patrick Dewaere, Marie Trintignant, Bernard Blier, Myriam Boyer, Andreas Katsulas | F | 111 min | 1:1,66 | f | 25. April 1979

# 1060 | 22. Juni 2017

Manhattan (Woody Allen, 1979)

Manhattan

»He was as tough and romantic as the city he loved. Behind his black-rimmed glasses was the coiled sexual power of a jungle cat. New York was his town, and it always would be.« Der Film eines großen Könners im Einklang mit seiner Zeit – und seiner Stadt: eine messerscharfe Analyse der Lebens-, Liebes- und Leidenswelt urbaner Intellektueller in den späten 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, umgesetzt in brillant-abgründige Komik. Alles stimmt: Drehbuch (Dialoge: geschliffen / Konstruktion: vorbildlich), Photographie (Gordon Willis: ein Gott des Schwarzweiß), Darsteller (Allen, Michael Murphy, Meryl Streep: umwerfend / Diane Keaton, Mariel Hemingway: nie zuvor, nie danach so gut), Inszenierung. Woody Allen zeigt nichts anderes als Leute, die gehen, sitzen, stehen, essen, fernsehen, Auto fahren, lieben, leiden, reden – vor allem reden; aber wie er das tut … »Why is life worth living?« Wegen Filmen wie »Manhattan« zum Beispiel. PS: »I think people should mate for life, like pigeons or Catholics.«

R Woody Allen B Woody Allen, Marshall Brickman K Gordon Willis M diverse A Mel Bourne S Susan E. Morse P Jack Rollins, Charles H. Joffe D Woody Allen, Diane Keaton, Michael Murphy, Mariel Hemingway, Meryl Streep | USA | 96 min | 1:2,35 | sw | 25. April 1979

23.2.79

Kassbach – Ein Portrait (Peter Patzak, 1979)

Walter Kohut als Wiener Greißler Karl Kassbach, dem sklavische Gier auf weibliches Fleisch und schwelende Wut auf alles, was gedanklich jenseits seines Horizonts liegt, aus sämtlichen Poren dampft. Mit kämpferischen Kameraden gründet der zum Äußersten entschlossene Kleinbürger die »Initiative«, eine kryptofaschistische Vereinigung, die den Tschuschen, den Sozen, den Gammlern, kurz: dem ganzen Gesindel den Garaus machen will. Peter Patzak und Helmut Zenker entwerfen ein grimmig-sarkastisches Sittenbild zwischen Ordnung und Amok, Ohnmacht und Übergriff, Gemütlichkeit und Terror; sie porträtieren Kassbach als sozialen Prototypen in charakteristischen Situationen: mit frustrierter Ehefrau und widerständigem Sohn, mit klatschsüchtigen Kunden und ideologischen Gefährten, im stickigen Zuhause, im schäbigen Geschäft, im trüben Vereinszimmer, beim Sex mit wahllosen Lustobjekten, beim massenhaften Abschuß von Meerschweinchen, bei der finalen Attacke auf den Feind. Eingestreute Statements von Angehörigen und Bekannten, Einschätzungen von Experten zur Person des Protagonisten sowie direkte Aussagen der Hauptfigur (»Erbsen mit Speck kennt i essen bis zur Vergasung.«) schaffen gleichermaßen kalte Distanz und peinliche Nähe: Kassbach ist ein Randphänomen, Kassbach ist mitten unter uns.

R Peter Patzak B Peter Patzak, Helmut Zenker V Helmut Zenker K Dietrich Lohmann M Peter Zwetkoff A Elisabeth Klobassa S Traudl Gruber P Peter Patzak D Walter Kohut, Immy Schell, Konrad Becker, Hanno Pöschl, Erni Mangold | A | 110 min | 1:1,66 | f | 23. Februar 1979

20.2.79

Die Ehe der Maria Braun (Rainer Werner Fassbinder, 1979)

»Ich mache die Wunder lieber, als daß ich auf sie warte.« Ein Zeitbild, ein Entwicklungsroman, eine Dreiecksgeschichte, ein »women’s picture«. Es ist Krieg, als Maria und Hermann Braun heiraten. Bomben fallen, das Standesamt fliegt in die Luft. Die Ehe dauert einen halben Tag und eine ganze Nacht, dann hört sie auf und geht doch immer weiter: durch Zusammenbruch und Nachkrieg, Besatzung und Wiederaufbau. Hermann (Klaus Löwitsch) gilt für tot, taucht unerwartet auf, geht für Maria (Hanna Schygulla) ins Gefängnis, verschwindet, kommt zurück. Ein Wechselbad von Verschollensein und Heimkehr, Verlust und Wiederfinden: »Es ist keine gute Zeit für Gefühle.« Derweil macht Maria Karriere, wird die wichtigste Mitarbeiterin und Geliebte des Unternehmers Oswald (Ivan Desny), schuftet wie eine Besessene, schafft Geld heran, für später: »Mit dem Leben fangen wir an, wenn wir wieder zusammen sind«, sagt sie zu Hermann. Rainer Werner Fassbinder präsentiert Maria als Bahnbrecherin und Produkt ihrer Zeit, unabhängig und ausgeliefert, weitsichtig und blind. Sie spricht von Liebe und denkt an Besitz, sie trennt Emotion von Geschäft und vermischt Glück mit Interessen: eine »Meisterin der Verstellung«, der das Rollenspiel zur Natur wird, eine »Mata Hari des Wirtschaftswunders«, die sich vor allem selbst verrät. »Ich hab mich gemacht«, behauptet Maria stolz von sich, ohne zu ahnen, daß sie das Objekt eines Handels ist. Fassbinder zeigt, mokant und bekümmert, gefühlvoll und gallig, die Gründungsjahre der Bundesrepublik, mit ihren Menschen, die immer kälter, immer dicker, einander immer fremder werden: Bewohner eines Landes, das Wahnsinn heißt. Die komplexe Tonspur bettet die Dialoge in zeitgenössische Musik, ins Knattern der Preßlufthämmer, in bedeutungsvolle historische Tondokumente: Suchmeldungen des Rundfunks, widersprüchliche Kanzlerreden, euphorische Reportagen: »Aus! Aus! Aus! Deutschland ist Weltmeister!«

R Rainer Werner Fassbinder B Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich K Michael Ballhaus M Peer Raben A Norbert Scherer Ko Barbara Baum S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Michael Fengler D Hanna Schygulla, Ivan Desny, Klaus Löwitsch, Gisela Uhlen, Elisabeth Trissenaar, Hark Bohm | BRD | 120 min | 1:1,85 | f | 20. Februar 1979

# 893 | 5. Juli 2014

9.2.79

Hardcore (Paul Schrader, 1979)

Hardcore – Ein Vater sieht rot 

»Turn it off! Turn it off!! TURN IT OFF!!!« oder »Völlige Verderbtheit, bedingungslose Erwählung, begrenzte Versöhnung, unwiderstehliche Gnade und die Beharrlichkeit der Heiligen.« – Paul Schraders Schmuddel-Meditation über Calvinismus und Pornographie: Die halbwüchsige Tochter des tiefreligiösen Mittelwestlers Jake VanDorn (George C. Scott) geht auf einer Klassenfahrt in Kalifornien verloren. Die Polizei ist ratlos. Ein schmierig-fusselhaariger Privatschnüffler (Peter Boyle) findet die Spur des Mädchens – und präsentiert dem schockierten Jake den Auftritt seines Kindes in einem billigen Hardcore-Streifen… Als Reinkarnation von Ethan Edwards begibt sich der moderne »searcher« auf eine Reise durch das neonbunte Inferno der amerikanischen Lustindustrie, er tarnt sich mit Toupet, falschem Schnauz und großgemusterten Hemden, deren Kragenspitzen bis (fast) zum Bauchnabel reichen, er trifft auf großkalibrige Typen mit so klingenden Namen wie ›Jism Jim‹ oder ›Big Dick Blaque‹ – und er muß der schrecklichen Wahrheit ins Auge sehen, daß die Welt des Sex und das Reich des Glaubens spiegelbildliche Universen sind, deren Bewohner ähnliche Blessuren tragen. Die sonderbare Unentschiedenheit des schroffen Werkes zwischen moralischem Thrill und zynischer Parodie sorgt gleichermaßen für Irritation wie für Intensität.

R Paul Schrader B Paul Schrader K Michael Chapman M Jack Nitzsche A Paul Sylbert S Tom Rolf P Buzz Feitshans D George C. Scott, Peter Boyle, Season Hubley, Dick Sargent, Leonard Gaines | USA | 109 min | 1:1,85 | f | 9. Februar 1979

The Warriors (Walter Hill, 1979)

Die Warriors

»Thálatta! Thálatta!« (»When we see the ocean, we figure we’re home. We’re safe.«) Ein urbaner Kriegsfilm, eine Reise ans Ende der Nacht. Der Schauplatz: eine exemplarische Großstadt – New York. Die Protagonisten: ›Kool Killers‹ – gang members. Eines der klassischen Geschichtswerke des Abendlandes paraphrasierend, liegt Walter Hill wohl nichts ferner, als eine filmische Enquête über Jugendgewalt als Symptom gesellschaftlicher Verrohung zu liefern. Er erzählt (mit Sinn für Rhythmus, Stil und Posen) die archaische Geschichte eines versprengten Trupps auf dem Weg nach Hause – Ausgangspunkt: die Bronx, Ziel: Coney Island (Das Meer! Das Meer!) – und beschreibt, ganz en passant, den Krieg aller gegen alle als Normalzustand der verdämmernden westlichen Zivilisation. »Somewhere out on that horizon / Faraway from the neon sky / I know there must be somethin’ must be somethin’ better.«

R Walter Hill B Walter Hill, David Shaber V Sol Yurick, Xenophon K Andrew Laszlo M Barry De Vorzon A Don Swanagan, Robert Wightman S Freeman Davis, David Holden, Susan E. Morse, Billy Weber P Lawrence Gordon D Michael Beck, James Remar, Dorsey Whright, Brian Tyler, David Harris | USA | 92 min | 1:1,78 | f | 9. Februar 1979

24.1.79

L’amour en fuite (François Truffaut, 1979)

Liebe auf der Flucht 

Que reste-t-il de nos amours? (3) Zurück bleibt Enttäuschung – in jeder Beziehung. Knapp zehn Jahre nach »Domicile conjugal« ist die Ehe von Antoine (Léaud) und Christine (Jade) gescheitert, nein, sie ist eher versickert, und sie wird in gegenseitigem Einvernehmen beendet wie ein interessantes, aber letztlich zweckloses Experiment. Antoine laviert sich weiter durch sein liebes Leben, jagt dem Gesicht auf einer zerrissenen Fotografie nach, schreibt ein Buch: »Les salades de l’amour«. Einen Salat richtet auch Truffaut an, indem er Dutzende von Sequenzen aus den früheren Doinel-Filmen (sowie anderen seiner Werke) herausschnibbelt und als Flashbacks unter den letzten Akt der fiktiv-autobiographischen Saga hebt. Nicht völlig mißglückt dieses heiter-besinnliche Resteessen, aber recht fad. Man hat chez François schon wesentlich besser gespeist.

R François Truffaut B François Truffaut, Marie-France Pisier, Jean Aurel, Suzanne Schiffman K Néstor Almendros M Georges Delerue A Jean-Pierre Kohut-Svelko S Martine Barraqué P François Truffaut D Jean-Pierre Léaud, Claude Jade, Marie-France Pisier, Dorothée, Dani | F | 94 min | 1:1,66 | f | 24. Januar 1979

17.1.79

Nosferatu – Phantom der Nacht (Werner Herzog, 1979)

»Nosferatu. Tönt dies Wort Dich nicht an wie der mitternächtige Ruf eines Totenvogels?« Werner Herzog küßt (= stillt seinen Hunger an) Friedrich Wilhelm Murnau … Die simple Schönheit der Bilder, die abgrundtiefe Todessehnsucht, die Myriaden von Ratten, das gierige Röcheln von Klaus Kinski, das irre Lachen von Roland Topor, die schlaftrunkene Schönheit von Isabelle Adjani, das finale Grinsen von Bruno Ganz, die blaue Schwärze der Nacht, die matte Erotik der Pest, die phantasmagorische Beschwörung von existentieller Stummheit im weiten Meer der Töne, die sonderbare Atmosphäre von Verwesung, in der selbst Rottöne einen fahlen Grünstich haben – all dies hat eine imponierende, aus aller Zeit und Welt gefallene Klasse. 1979 ist 1922 ist immerdar: Die Bilder des Lebens verblassen zu Schatten, spukhafte Träume steigen aus dem Herzen und nähren sich von Deinem Blut. PS: »Es ist noch lange bis zum Sonnenaufgang.«

R Werner Herzog B Werner Herzog V Bram Stoker, Henrik Galeen K Jörg Schmitt-Reitwein M Popol Vuh A Henning von Gierke S Beate Mainka-Jellighaus P Werner Herzog D Klaus Kinski, Isabelle Adjani, Bruno Ganz, Roland Topor, Walter Ladengast | BRD & F | 103 min | 1:1,85 | f | 17. Januar 1979

22.11.78

Une histoire simple (Claude Sautet, 1978)

Eine einfache Geschichte

Claude Sautet erzählt von Marie (la femme de quarante ans: Romy Schneider), von ihren Männern und ihren Freundinnen, von ihrem fast erwachsenen Sohn und ihren ungeborenen Kindern, von Wünschen und Ängsten, von beklemmenden Zweifeln und reifender Einsicht: eine Geschichte, so einfach (= so kompliziert) wie das Leben, wie die Liebe. Die Figur der Marie – sie trennt sich unter Schmerzen von ihrem ruhelosen Lebensgefährten (Claude Brasseur), sie bandelt, fast ohne es zu wollen, wieder mit ihrem unerschütterlichen Exmann (Bruno Cremer) an, sie findet schließlich Halt und Unabhängigkeit in der Gemeinschaft mit ihrer gebeutelten Kameradin Gabrielle (Arlette Bonnard) – changiert fortwährend zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke, Erschöpfung und Agilität, Anlehnungsbedürfnis und Emanzipationsdrang. Schneider, die den Film souverän trägt, wirkt, bei aller Nuanciertheit ihres Spiels, von dieser Spannung (die auch ihre eigene Biographie bestimmt haben mag) gleichermaßen beflügelt wie ausgelaugt – selbst über den (wenigen) Momenten von heiterer Unbeschwertheit, die Sautets Erzählung ihr gönnt, liegt der Schleier einer tiefen Müdigkeit.

R Claude Sautet B Claude Sautet, Jean-Loup Dabadie K Jean Boffety M Philippe Sarde A Georges Lévy S Jacqueline Thiédot P Alain Sarde D Romy Schneider, Bruno Cremer, Claude Brasseur, Roger Pigaut, Arlette Bonnard | F & BRD | 107 min | 1:1,66 | f | 22. November 1978

# 1006 | 31. Mai 2016

8.11.78

In einem Jahr mit 13 Monden (Rainer Werner Fassbinder, 1978)

Frankfurt. Fünf Tage im August 1978. Fünf Tage aus dem Leben der Elvira Weishaupt. Ihre letzten. Geboren wurde Elvira (Volker Spengler) als Erwin. Von der Mutter weggegeben. Aufgezogen von Nonnen im Waisenhaus. Dann Metzgerlehre. Ehe. Kind. Später Operation in Casablanca. Aus Liebe zu einem Mann, der von dieser Liebe nichts wissen will. Schließlich Prostitution. Alkohol. Depression. Das Endspiel dieses kaputten (oder »von der Ordnung, die die Menschen sich geschaffen haben«, kaputtgemachten) Lebens läuft ab als groteske Nummernrevue der Verzweiflung: die (Geschäfts-)Welt erscheint als veritables Schlachthaus, als Analogie des Konzentrationslagers, als dumpfer Todesreigen, die Gesellschaft zeigt sich als kalte, häßliche Hölle der Ausbeutung, der Lüge, der Sprachlosigkeit, der Liebesverweigerung, des absoluten Nein. »Idee, Buch, Produktion, Kamera, Ausstattung, Schnitt, Regie: Rainer Werner Fassbinder«, verkündet der Vorspann. Das Ergebnis ist so etwas wie der totale Autorenfilm, eine ungelenke, ungebremste, oft unansehnliche, in ihrer radikalen Entblößung bisweilen erschütternde Mischung aus kaum zumutbarer Larmoyanz und schriller Travestie, aus deklamatorischer Anklage und wimmerndem Schmerz, aus glasklarer Erkenntnis und (selbst-) zerstörerischer Lust. »In einem Jahr mit 13 Monden« mag Fassbinders persönlichstes Werk sein: Seine kulinarisch genossene Unfähigkeit zum (bzw. seine Verweigerung des) Glück(s) hat sich kaum je so rundheraus, so maßlos in lebende (?) Bilder transformiert wie im horrenden Fall der Elvira Weishaupt.

R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Rainer Werner Fassbinder M Peer Raben A Rainer Werner Fassbinder S Rainer Werner Fassbinder P Rainer Werner Fassbinder D Volker Spengler, Ingrid Caven, Elisabeth Trissenaar, Gottfried John, Liselotte Eder | BRD | 124 min | 1:1,66 | f | 8. November 1978

25.10.78

La cage aux folles (Edouard Molinaro, 1978)

Ein Käfig voller Narren

Robuste Boulevard-Klamotte, die ihre amüsanten Funken aus der Begegnung von besonders effeminierten Schwulen und äußerst hypokritischen Großbürgern schlägt. Renato (bronziert: Ugo Tognazzi), Impressario eines Nachtclubs in Saint-Tropez, seit zwanzig Jahren liiert mit Albin, dem Star des Hauses (kreischig: Michel Serrault), ist dem anderen Geschlecht nur ein einziges Mal so richtig nahe gekommen; der Sohn, den er seinerzeit zeugte, hat sich nun verlobt: mit der Tochter eines konservativen Politikers (gußeisern: Michel Galabru). Die Vorlage von Jean Poiret verzichtet konsequent auf das Pinseln feiner Zwischentöne, und auch die Inszenierung von Édouard Molinaro begnügt sich mit dem grellen Ausleuchten von Gemeinplätzen: hie abgespreizte kleine Finger und ausladende Hüftschwünge, da Ehrpusseligkeit und Pharisäertum. Der finale Rollentausch, auf den das turbulente Possenspiel erwartungsgemäß zuläuft, macht überdeutlich, daß auf allen Seiten Verstellung und Maskerade regieren: das Leben, ein endloses Kostümfest.

R Édouard Molinaro B Édouard Molinaro, Francis Veber, Marcello Danon V Jean Poiret K Armando Nannuzzi M Ennio Morricone A Mario Garbuglia S Monique Isnardon, Robert Isnardon P Marcello Danon D Ugo Tognazzi, Michel Serrault, Michel Galabru, Rémi Laurent, Claire Maurier | F & I | 100 min | 1:1,66 | f | 25. Oktober 1978

# 845 | 15. März 2014

6.10.78

Rheingold (Niklaus Schilling, 1978)

»Jetzt machen wir ein Unglück.« Eine Eisenbahnfahrt entlang des deutschesten aller Flüsse, eine sentimentale Reise in den Tod, ein melodramatisches Dreieck: eine schöne Frau mit goldblonden Locken, ihr Geliebter, ihr eifersüchtiger Ehemann … Im Trans-Europ-Express »Rheingold« trifft Elisabeth Drossbach (Elke Haltaufderheide) eines Tages ihren besten Freund aus Kindertagen wieder, der auf der legendären Strecke als Zugkellner arbeitet. Eine Liebesgeschichte nach Fahrplan nimmt ihren Lauf, bis der gehörnte Gatte die Treulose im Affekt mit einem goldenen Brieföffner ersticht. Während Elisabeth langsam und geschmackvoll verblutet, ziehen vor dem Fenster ihres Abteils malerische Landschaften, nationale Mythen und persönliche Erinnerungen vorüber. Fremde steigen zu und wieder aus, begleiten die Sterbende jeweils einige Stationen auf ihrem letzten Weg: ein Mon-Chéri-süchtiger Astrologe, der Erfinder der kleinsten Nähmaschine der Welt, eine geheimnisvoll lächelnde Rothaarige, ein weißhaariger Großvater, der seiner gretelhaften Enkelin Geschichten erzählt, von der Loreley und ihren Opfern, von Raubrittern und ihren Burgen. Woge, du Welle, walle zur Wiege! Schäumende Klangwolken eines wagnerianischer Synthesizer-Sounds ballen sich über dem pathetischen Geschehen, durch das Niklaus Schilling immer wieder helle Blitze der Ironie zucken läßt. »Rheingold« – ein kinematographischer Luxuszug, ein Erster-Klasse-Bewußtseinsstrom, eine schillernde Assoziationskette aus Schwulst und Spott.

R Niklaus Schilling B Niklaus Schilling K Ernst Wild M Eberhard Schoener A Greta Zeppel S Thomas Nikel P Elke Haltaufderheide D Elke Haltaufderheide, Rüdiger Kirschstein, Gunther Malzacher, Reinfried Keilich, Frank Zimmermann | BRD | 91 min | 1:1,66 | f | 6. Oktober 1978

# 773 | 19. September 2013 

29.9.78

Death on the Nile (John Guillermin, 1978)

Tod auf dem Nil

Eine mondäne Flußkreuzfahrt, eine schöne, reiche, tote Frau, ein belgischer (!) Detektiv: Hercule Poirot (Peter Ustinov) ermittelt an Bord des Nildampfers ›Karnak‹ im Fall der erschossenen Millionärin Lillet Ridgeway (Lois Chiles), die selbstverständlich nicht das einzige Opfer bleibt. Genauso selbstverständlich hatten alle illustren Mitreisenden (gespielt unter anderem von Bette Davis, Maggie Smith, Angela Lansbury, George Kennedy, Jack Warden) jeweils ein starkes persönliches Interesse am Ableben der schnippischen Geldlady – insbesondere die überreizte Jacqueline (Mia Farrow), der die Ermordete kurz zuvor den stattlichen Verlobten ausgespannt hatte … Mit seiner hochkarätigen Besetzung und seinen luxuriösen Zwanziger-Jahre-Dekors, mit Jack Cardiffs delikater Fotografie, Nino Rotas schwelgerischer musikalischer Untermalung und John Guillermins gravitätischer Inszenierung präsentiert sich der Whodunit als großes Kino-Epos; die angedeuteten menschlichen und gesellschaftlichen Konflikte bleiben indes schmückendes Beiwerk in einem elegant-ironischen, bisweilen etwas langatmigen kriminalistischen Ratespiel.

R John Guillermin B Anthony Shaffer V Agatha Christie K Jack Cardiff M Nino Rota A Peter Murton S Malcolm Cooke P John Brabourne, Richard Goodwin D Peter Ustinov, David Niven, Bette Davis, Mia Farrow, Angela Lansbury | UK | 140 min | 1:1,85 | f | 29. September 1978

# 852 | 7. April 2014