31.3.71

The Beguiled (Don Siegel, 1971)

Betrogen

»Take warning by me, don’t go for a soldier, don’t join no army.« Neun Frauen und ein Mann: Corporal John McBurney (Clint Eastwood), Soldat der Unionstruppen im Sezessionskrieg, gelangt/gerät, schwer verwundet, in die Obhut/Gefangenschaft der Bewohnerinnen einer Mädchenschule im tiefen Süden, wo das Spanische Moos die Bäume überwuchert. Die verwunschene weibliche Welt im alten, abseits gelegenen Herrenhaus, das neben der Leiterin des Instituts (Geraldine Page) eine Lehrerin, sechs Schülerinnen und eine Sklavin beherbergt, scheint dem allmählich genesenden Yankee allerlei reizvolle Möglichkeiten zu eröffnen; viel zu spät erkennt er die tödliche Gefahr, die aus dem gegenseitigen Wechselspiel von Verführung und Betrug erwächst. Begleitet von kurzen inneren Monologen, langsamen Überblendungen und geisterhaften Doppelbelichtungen läßt Don Siegel die Stimmung seines schwülen Southern-Gothic-Dramas über geheime Sehnsüchte und unterdrückte Begierden fast unmerklich von märchenhaft-traumverlorener Morbidezza in blutig-groteske Hysterie umschlagen. Im drastisch ausgemalten Schicksal des machistischen Helden spiegeln sich wohl auch männliche Ängste vor der Unterminierung hergebrachter Geschlechterhierarchien. »For the dove she will leave you, the raven will come.«

R Don Siegel B Albert Maltz, Irene Kamp V Thomas P. Cullinan K Bruce Surtees M Lalo Schiffrin A Ted Haworth S Carl Pingitore P Don Siegel D Clint Eastwood, Geraldine Page, Elizabeth Hartmann, Jo Ann Harris, Pamelyn Ferdin | USA | 105 min | 1:1,85 | f | 31. März 1971

# 1009 | 14. Juli 2016

Die Tote aus der Themse (Harald Philipp, 1971)

Eine sexy Ballettratte, die nebenberuflich Drogen schmuggelte, dann aber für die Polizei arbeitete, wird in einer Londoner Absteige erschossen, ist aber gar nicht tot. Oder vielleicht doch? Wie auch immer – die beherzte Schwester (Uschi ›Schätzchen‹ Glas) der (halb-)kriminellen Tänzerin folgt zusammen mit der Polizei (Hansjörg Felmy als staubtrockener Inspektor Craig sowie Siegfried Schürenberg als kauziger Scotland-Yard-Chef Sir John) der Spur der mutmaßlich Verblichenen, deren Leichnam sich auf wundersame Weise aus dem (Heroin-)Staub machte … An und für sich bietet »Die Tote aus der Themse« viel Schönes: ein famoses Trio böser Herren im besten Alter (Friedrich Schönfelder, Werner Peters, Ivan Desny), das nacheinander per Kopfschuß aus dem Geschehen ausscheidet, dazu stimmungsvolle Settings wie einen Schlachthof, in dem nicht nur Schweine gemeuchelt werden, außerdem einen quirligen Peter-Thomas-Score und eine abseitig-plausible Auflösung – doch Regisseur Harald Philipp fehlt (trotz einiger wippender Busen) die schmierige Leichtfüßig- und -sinnigkeit eines Alfred Vohrer; seine Inszenierung ist über weite Strecken so steif, so fad, so unoriginell wie die Ermittlungsarbeit eines Schreibtischkriminalisten.

R Harald Philipp B Harald Philipp, Horst Wendlandt V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Johannes Ott S Alfred Srp P Horst Wendlandt D Uschi Glas, Hansjörg Felmy, Werner Peters, Harry Riebauer, Siegfried Schürenberg | BRD | 89 min | 1:1,85 | f | 31. März 1971

Juste avant la nuit (Claude Chabrol, 1971)

Vor Einbruch der Nacht 

In einer delikaten Spiegelung seines Ehebruch-Dramas »Une femme infidèle« verschiebt Claude Chabrol die Perspektive von der Betrachtung des Betrogenen zur Betrachtung des Betrügers, die in beiden Fällen affektiv zu Bluttätern werden. Charles (Michel Bouquet), erfolgreicher Werbefilmproduzent, glücklich verheiratet mit Hélène (Stéphane Audran), Vater von zwei Kindern, erwürgt in einem Anfall von (Selbst-)Ekel seine Geliebte, die Frau seines besten Freundes, des Architekten François (François Périer). Von niemandem verdächtigt, wird Charles »nur« von seinem schlechten Gewissen gepeinigt. Um seine Seele zu entlasten, gesteht er die Tat: erst seiner Frau, dann seinem Freund – und findet verstehende Nachsicht. Charles’ Entschluß (der einem zwingenden inneren Bedürfnis folgt), sich der Polizei zu stellen, sein Verlangen nach Ehrlichkeit und Reinigung, erscheinen den Beichtigern absurd, ja masochistisch, und Hélène weiß das offizielle Tatbekenntnis schließlich diskret zu verhindern – Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Chabrol demonstriert mit seiner durchtrieben-einfachen dramatischen Versuchsanordnung, daß die Bourgeoisie, auch wenn sie alles hat, nicht glücklich sein kann, weil sie immer noch mehr haben, immer noch glücklicher werden will, und er macht (in Jean Rabiers hintergründig schlichten Bildern) anschaulich, daß Selbsterkennen und Reuegefühle im modernistisch-geschmackvollen Ambiente besserer Kreise keinen Platz (mehr) finden: Wenn das Gewissen sein Haupt erhebt, wird es ihm kurzerhand abgeschlagen. Das Leben ist (und bleibt) ein stilles, tiefes Wasser – und »les enfants commencent à oublier …«

R Claude Chabrol B Claude Chabrol V Edouard Atiyah K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Genovès D Stéphane Audran, Michel Bouquet, François Périer, Henri Attal, Jean Carmet | F & I | 100 min | 1:1,66 | f | 31. März 1971

5.3.71

Der Teufel kam aus Akasava (Jess Franco, 1971)

Beispiellose Edgar-Wallace-Verwurstung vom Duo Infernal des bundesdeutsch-hispanischen Z-Films, ›Atze‹ Brauner und Jess Franco: Auf der Jagd nach einem Gestein, »das unter bestimmten Voraussetzungen ein bestimmtes Metall in Gold verwandelt« (und damit absolute Macht verspricht), bekriegen (und dezimieren) sich diverse rivalisierende Banden und Interessengruppen. Der britische Secret Service schickt die junge, schöne Jane Morgan (Soledad Miranda) ins Rennen, obwohl deren Qualitäten nicht unbedingt auf dem Gebiet der Geheimdiensttätigkeit liegen. Wenn die Agentin schießt, verfehlt sie ihr Ziel noch auf einen halben Meter Entfernung, dafür macht sie eine umso bessere Figur, sobald sie sich in ihrer Tarnrolle als Tänzerin, angetan mit einem schwarzen Flitterumhang und silbernen Sandalettenstiefeln, auf der Bühne eines Nachtclubs räkeln darf. Franco übertüncht sein offensichtliches Desinteresse an der wirren Räuberpistole mit dem extensiven Einsatz eines groovig-sexedelischen Party-Soundtracks (Manfred Hübler & Siegfried Schwab) und nutzt ansonsten jede passende (und unpassende) Gelegenheit, den rassigen Körper seiner Hauptdarstellerin abzufeiern; erst in den allerletzten Minuten gewinnt der Regisseur der eigentlichen Handlung von »Der Teufel kam Akasava« noch eine wunderbar schrullige Szene ab, wenn sich der nette alte Lord Kingsley (Walter Rilla) aus dem Rollstuhl erhebt und seiner netten alten Lady (Blandine Ebinger) verkündet: »Wir, Abigail, werden die Welt beherrschen!«

R Jess Frank (= Jess Franco) B Ladislas Fodor, Paul André V Edgar Wallace K Manuel Marino M Manfred Hübler, Siegfried Schwab A Klaus Meyenberg, Alberto Montenegro S Clarissa Ambach P Artur Brauner D Fred Williams, Susann Korda (= Soledad Miranda), Horst Tappert, Siegfried Schürenberg, Walter Rilla, Blandine Ebinger | BRD & E | 84 min | 1:1,66 | f | 5. März 1971

4.3.71

Und Jimmy ging zum Regenbogen (Alfred Vohrer, 1971)

Der junge Argentinier Manuel Aranda (Alain Noury) geht in Wien auf die Spur des Mordes an seinem Vater (einem wohlhabenden Wissenschaftler, der eine brisante Erfindung machte) und verliebt sich in die schöne Nichte (Doris Kunstmann) der durch Suizid abgeschiedenen Täterin … Johannes Mario Simmels gewiefte literarische Masche, mittels schmalziger Kolportage vom unterhaltsamen Hölzchen aufs gesellschaftskritische Stöckchen zu kommen und damit das verbrecherische Gestern im unbekümmerten Heute zu entlarven, hat der kongenialische Alfred Vohrer mit viel Fischauge und noch mehr Vaseline auf der Linse (Kamera: Charly Steinberger) in spleeniges Kinoentertainment transferiert. »Und Jimmy ging zum Regenbogen« handelt gleichzeitig vom Schicksal eines fanatisch-faschistischen Halbjudenjungen im Wien der Nazizeit sowie von der Formel eines massenvernichtenden chemischen Kampfstoffs, hinter der alle Großmächte (und solche, die sich dafür halten) im Wien der erzählerischen Gegenwart geheim­dienstlich her sind. Vohrers comichafte Größe zeigt sich, wenn er die konkurrierenden Spione (Peter Pasetti, Heinz Baumann, Herbert Fleischmann) ganz einfach mittels entsprechender Fähnchenwimpel auf ihren Schreibtischen kennzeichnet. Dazu gibt es Judy Winter als unsterbliche Luxushure (und ewige Doppelagentin), Horst Frank als verliebten SD-Schergen, Horst Tappert als patenten Winkeladvokaten, Ruth Leuwerik als biedere Buchhändlerin (und Rächerin, die ein halbes Leben auf die passende Gelegenheit wartet). Ganz und gar nicht zu vergessen: der märchenhaft-lyrische Score von Erich Ferstl, der die simmelgemäß tragisch endende Liebesbeziehung zwischen den jungen Leuten unter- oder auch übermalt.

R
Alfred Vohrer B Manfred Purzer V Johannes Mario Simmel K Charly Steinberger M Erich Ferstl A Wolf Englert S Jutta Hering P Luggi Waldleitner D Alain Noury, Doris Kunstmann, Ruth Leuwerik, Judy Winter, Horst Frank | BRD | 133 min | 1:1,85 | f | 4. März 1971

17.2.71

Max et les ferrailleurs (Claude Sautet, 1971)

Der Kommissar und das Mädchen

Le flic et la putain: Max, der obsessive Pariser Bulle (Michel Piccoli), manipuliert Lily, die unbefangene Nutte (Romy Schneider), um deren kleinkriminellem Freund Abel (Bernard Fresson) und seiner Bande von Schrottdieben die Idee für einen großen Coup einzuflüstern. Der männliche Protagonist, der um jeden Preis das Recht schützen will – auch wenn er dafür das Unrecht erst herbeiführen muß –, bewegt sich wie ein Zombie auf einer immer enger kreisenden Spiralbahn des Fanatismus, die unweigerlich ins Verderben (aller Beteiligten) führt. Selten wurde die Figur des Polizisten im Kino so pervertiert wie von Claude Sautet, der das (selbst-)zerstörerische Treiben seines gefrorenen Antihelden gleichwohl nicht nur mit distanzierter Faszination, sondern mit echter Anteilnahme verfolgt. Es ist einer kalte, graue Welt, in der »Max et les ferrailleurs« spielt, eine Welt, in die allein Garderobe und Herzenswärme der Prostituierten etwas Farbe und einen Anflug von Hoffnung tragen. Doch so abwegig wie das Verhalten des Ordnungshüters, so ausgeschlossen ist die Möglichkeit von menschlicher Nähe: Sautet erzählt ein konsequentes Melodram, in dem die Liebe nicht wahrscheinlicher ist als eine Flamme ohne Sauerstoff, in dem kein Mensch den anderen kennt: »Je croyais pourtant connaître Max. Mais je ne savais rien de lui.«

R Claude Sautet B Claude Néron, Claude Sautet, Jean-Loup Dabadie V Claude Néron K René Mathelin M Philippe Sarde A Pierre Guffroy S Jacqueline Thiédot P Raymond Danon, Roland Girard D Michel Piccoli, Romy Schneider, George Wilson, François Périer, Bernard Fresson | F & I | 112 min | 1:1,66 | f | 17. Februar 1971

# 948 | 26. Mai 2015

11.2.71

Il gatto a nove code (Dario Argento, 1971)

Die neunschwänzige Katze

Mäßig spannender Giallo, angesiedelt im Umfeld eines römischen Genforschungsinstituts, wo man (wie passend!) dem Aggressions- und Verbrechenschromosom (›XYY‹) dicht auf der Spur ist. Allzuviel von diesen Anlagen hat »Il gatto a nove code« – trotz eines sublimen Morricone-Scores, einiger delikater Todesfälle sowie einer Reihe von dubiosen Existenzen, die als Täter in Frage kommen (Horst Frank als eleganter schwuler Snob, Karl Malden als netter blinder Onkel und Autor von Kreuzworträtseln, Catherine Spaak als Boxenluder der Wissenschaft) – leider nicht mitbekommen. Erpressung, Inzest und Störung der Totenruhe sorgen aber szenenweise für mulmig-schöne Atmosphäre.

R Dario Argento B Dario Argento K Erico Menczer M Ennio Morricone A Carlo Leva S Franco Fraticelli P Salvatore Argento D James Franciscus, Karl Malden, Catherine Spaak, Horst Frank, Pier Paolo Capponi | I & F & BRD | 110 min | 1:2,35 | f | 11. Februar 1971

2.2.71

Die Bettwurst (Rosa von Praunheim, 1971)

»Dietmar, ich liebe dich, ich liebe dich.« – »Ich liebe dich unwahrscheinlich, Luzi, du bist alles für mich.« An der Kieler Hafenkante lernen sie sich kennen: Luzi (Kryn), die stabil gebaute Fünfzigerin aus Danzig, und Dietmar (Kracht), der schlaksige junge Mannheimer, beide vom Schicksal gebeutelt und von Natur aus ziemlich exaltiert, zwei schrille Schwarmgeister, die das Glück, einander zufällig gefunden zu haben, kaum fassen können: »Wir müssen im Kalender es rot anzeichnen den Tag, an dem wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Es war Liebe auf den ersten Blick.« – »Luzi, ich liebe dich so, ich liebe alles an dir, deine Händen, deine Haare liebe ich, deine Augen, deinen Körper, deinen Busen.« Sie, die sich, als Spätaussiedlerin in die Bundesrepublik gekommen, in einer Neubauwohnung farbenfroh einrichtete, nimmt ihn, der, aus prekären Verhältnissen stammend, Umgang mit leichten Mädchen und schweren Jungens hatte, wohlwollend bei sich auf, verschafft ihm Arbeit, kocht für ihn, bringt ihm das Staubsaugen bei. In einer beispiellosen Mischung aus ungebremstem Groteskrealismus und avantgardistischer Laienspielkunst läßt Rosa von Praunheim seine beiden natürlich-enthemmten Darsteller einen treuherzig-demaskierenden Bilderbogen des gutbürgerlichen Lebens zusammenimprovisieren – inklusive Fernsehabend und Schrebergarten, Tanztee und Weihnachtsfest: »Eine Bettwurst! Das ist ja toll! So was hab’ ich mir schon immer gewünscht!« Die Idylle wäre perfekt, würde Dietmar nicht, im kriminalen Schlußakt der Extremromanze von seiner dunklen Vergangenheit eingeholt, dazu gezwungen werden, für Luzi bis an seine Grenzen und weit darüber hinaus zu gehen ...

R Rosa von Praunheim B Rosa von Praunheim K Rosa von Praunheim, Bernd Upnmoor S Rosa von Praunheim, Gisela Bienert, Bernd Upnmoor P Rosa von Praunheim D Luzi Kryn, Dietmar Kracht | BRD | 81 min | 1:1,37 | f | 2. Februar 1971

# 1132 | 8. Juli 2018

15.1.71

Vanishing Point (Richard C. Sarafian, 1971)

Fluchtpunkt San Francisco

Er heißt Kowalski. Vorname unbekannt. Ex-Soldat, Ex-Bulle, Ex-Rennfahrer. Er soll einen weißen Dodge Challenger von Denver nach San Francisco überführen. Aufgrund einer Wette und mithilfe einer gehörigen Portion Speed will er die 2000 Kilometer quer durch die Wüste in 15 Stunden schaffen. Richard C. Sarafian singt das Hohelied des Gaspedals, zelebriert eine straßenfilmische Messe der Geschwindigkeit(süberschreitung), die den Gläubigen nichts anderes bedeutet als vollkommene Freiheit der Seele. Während Kowalski (Barry Newman) auf seiner staubigen Schußfahrt Hippies, Jesusfreaks und anderen Sonderlingen begegnet, sich fetzenhaft an Polizeieinsätze, Motorrennen und romantische Stunden erinnert, erfährt er durch einen blinden Radio-DJ panegyrische Verklärung als »the Challenger«, »the electric centaur«, »the demi-god«, »the super driver of the golden west«. Daß der Traum dieses »last American hero« ausgerechnet an den Schaufeln behäbiger Planierraupen zerschellt (oder dort im Verschwinden seine Erfüllung findet?), weist Sarafian und den exilkubanischen Autor Guillermo Cabrera Infante als unbarmherzige (dabei durchaus wehmütige) Ironiker aus.

R Richard C. Sarafian B Guillermo Cain (= Guillermo Cabrera Infante), Malcolm Hart K John A. Alonzo M diverse A Glen Daniels, Jerry Wunderlich S Stefan Arnsten P Norman Spencer D Barry Newman, Cleavon Little, Dean Jagger, Gilda Texter | USA | 99 min | 1:1,85 | f | 15. Januar 1971

# 1159 | 20. April 2019

22.12.70

Die Weibchen (Zbynek Brynych, 1970)

»Es sind nur die Nerven ... es sind nur die Nerven … die Nerven … die Nerven.« Die psychisch leicht angeschlagene Chefsekretärin Eve (Uschi »Schätzchen« Glas) reist zur geistigen Gesundung in ein mondänes Kurbad, wo sie unter eine kleine Schar bildschöner Schreckgespenster der Emanzipation (Françoise Fabian, Irina Demnick, Pascale Petit, Judy Winter) gerät: Im exklusiven Sanatorium der gestrengen Dr. Barbara werden Männer – nach dem Vorbild der Gottesanbeterin (und dem Manifest der ›Society for Cutting Up Men‹) – per (Lust-)Mord von ihrer inferioren Existenz befreit … Autor Manfred Purzer präsentiert die Selbstbestimmung der Frau als lukullisch-verzerrten Auslöschungsangsttraum des vermeintlich starken Geschlechts; Zbynek Brynych tut erst gar nicht so, als nähme er Drehbuch oder Thema ernst, er fummelt formal daran herum, saugt es exploitativ aus, schnüffelt am Post-68er-Zeitgeist wie ein Süchtiger am Lösungsmittel, benutzt die (von Charly Steinberger konvulsivisch bewegte, gerissene, geschleuderte) Kamera einmal mehr wie ein Maschinengewehr, das Erzählstoff in Fetzen an die Leinwand tackert. »Die Weibchen« schwenkt (und zoomt) hektisch zwischen Satire und Horror, Klamotte und Melo – in der Summe ist das Ganze (je nach Standpunkt) mehr oder weniger als die Summe seiner (Versatz-)Teile: ein filmischer Veitstanz auf dem schmalen Grat zwischen wirklichem Wahn und wahnwitziger Wirklichkeit. PS: »Heute ist ein schöner Tag.«

»Die Weibchen« R Zbynek Brynych B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) K Charly Steinberger M Peter Thomas A Wolf Englert S Sophie Mikorey P Luggi Waldleitner D Uschi Glas, Françoise Fabian, Irina Demick, Alain Noury, Hans Korte | BRD & F & I | 90 min | 1:1,66 | f | 22. Dezember 1970

16.12.70

Peau d’âne (Jacques Demy, 1970)

Eselshaut

»La situation mérite attention.« Ein musikalisches Märchen über Verlangen und Inzest, mit sprechenden Rosen und aphrodisierendem Backwerk – psychedelisch, surreal, romantisch, kokett: Dem König der Blauen (Jean Marais) ist die Königin gestorben, und weil er ihr auf dem Totenbett versprechen mußte, dereinst nur eine noch Schönere zu ehelichen, verfällt der Monarch darauf, die einzige Tochter (Catherine Deneuve) zur Frau zu nehmen. Um ihren heiratswütigen Vater hinzuhalten, verlangt die Prinzessin – auf Anraten einer weltklugen Fee (Delphine Seyrig: »Mon enfant, on n’épouse jamais ses parents!«) – Kleider in der Farbe des Wetters, des Mondes, der Sonne, zu guter Letzt die Haut eines goldscheißenden Esels. Sie bekommt, was sie fordert, also bleiben ihr nur die Flucht, das Verstecken, die Maskerade als Schweinemagd, als häßlichste der Häßlichen, schmutzigste der Schmutzigen, allerletzte der Letzten. Natürlich wird sie unter der gräulichen Hülle, die sie tarnt, in ihrer Anmut, Unschuld, Hoheit erkannt – von einem Prinzen aus dem Reich der Roten (Jacques Perrin, der schon in »Les demoiselles de Rochefort« seinem »idéal féminin« nachjagte). In seiner kinematographischen Zauberküche amalgamiert Jacques Demy Cocteausche Es-war-einmal-Phantastik und comichaften Disney-Kitsch, popartige Extravaganz (ein Thron in Katzenform, eine gläserne Sphäre als Katafalk) und verblüffende Anachronismen (Gedichte aus der Zukunft, ein vom Himmel schwebender Helikopter) zu einem zeitlosen (von Michel Legrand kongenial in Töne gesetzten) Loblied auf die verrückte, die geheimnisvolle, die wahre Liebe: »Amour, amour, je t’aime tant.«

R Jacques Demy B Jacques Demy V Charles Perrault K Ghislain Cloquet M Michel Legrand A Jim Leon, Jacques Dugied S Anne-Marie Cotret P Mag Bodard D Catherine Deneuve, Jean Marais, Jacques Perrin, Delphine Seyrig, Micheline Presle | F | 89 min | 1:1,66 | f | 16. Dezember 1970

# 1127 | 13. Juni 2018

6.12.70

Signale – Ein Weltraumabenteuer (Gottfried Kolditz, 1970)

»Es gibt keinen Zweifel mehr: Das sind Signale vernunftbegabter Wesen.« Kurz nach dem Empfang der frohen Kunde von außerirdischem Leben wird das Raumschiff ›Ikaros‹ in der Nähe des Jupiter von einem Meteoritenschwarm getroffen. Die Raumsicherheitszentrale glaubt nicht, daß es Überlebende geben könnte, dennoch bricht die Crew der ›Laika‹ zu einer Rettungsmission auf … Visuell merkbar von Stanley Kubricks »2001« beeinflußt, wurde die 70mm-Produktion »Signale« vom philosophischen Geist des Vorbildes nicht angehaucht. Außer passablen Effekten und einer krausen Dramaturgie hat Regisseur Gottfried Kolditz wenig zu bieten: Seine Kosmonauten ähneln eher einer pflichteifrigen Interflug-Besatzung denn unerschrocken-kühlen Sternenfahrern, die großen Fragen von Raum und Zeit werden in weitem Abstand umschifft, das Interesse am Ursprung der (immerhin titelgebenden) Signale verliert sich in der Unendlichkeit des Kosmos. So bleibt auf der lange Reise quer durch das Sonnensystem viel Gelegenheit, die Arbeit der zonenfuturitischen Ausstatter und Kostümbildner zu begutachten.

R Gottfried Kolditz B C. U. Wiesner, Gottfried Kolditz V Carlos Rasch K Otto Hanisch M Karl-Ernst Sasse A Erich Krüllke, Werner Pieske, Jochen Keller, Roman Wolyniec S Helga Gentz P Dorothea Hildebrandt, Marceli Nowak D Piotr Pawlowski, Alfred Müller, Helmut Schreiber, Gojko Mitic, Irena Karel | DDR & PL | 91 min | 1:2,2 (70 mm) | f | 6. Dezember 1970

1.12.70

The Music Lovers (Ken Russell, 1970)

Tschaikowski – Genie und Wahnsinn

Ein »Film Pathétique« über Leben, Zeiten und Wirken des russischen Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Ken Russell – dem gesicherte historische Tatsachen und guter Geschmack nicht viel, höchstpersönliche Ausdeutungen und schamlose Impertinenz dagegen alles bedeuten – startet fulminant: ein Festtag im Schnee, ein Morgen im Bett, die Uraufführung eines Klavierkonzertes. In 20 atemlosen Minuten werden Dynamik und Widersprüche, Gefährdung und Möglichkeiten, Angst und Leidenschaften des (von Richard Chamberlain gespielten) Protagonisten in Form einer komplexen dramatischen Konstellation etabliert: ein schwuler Mann zwischen drei (eigentlich vier) Frauen (Schwester, Gattin, Gönnerin – und toter Mutter), ein Künstler zwischen Talent, Libido und gesellschaftlichem Komment. In den folgenden anderthalb Stunden von »The Music Lovers«, einem Werk, das auch den Titel »Sex, Lies, and Symphony« tragen könnte, wird das Tempo kaum je gedrosselt: visueller Exzess, erzählerischer Hochdruck, romantischer Volldampf bis zum (heißen) Tod des innerlich zum Zerreißen gespannten Tonschöpfers. Das gesprochene Wort aufs Wesentliche reduzierend, legt Russell alles in die üppigen Bilder (Douglas Slocombe) und in die expressive Musik: Tschaikowskis Kompositionen werden zur Folie für Erinnerungen und Visionen, für Angstträume und Glücksfiktionen. In diesem inszenatorischen Überschwang entsteht selbstredend kein wirklichkeitsgetreues Lebensbild. Soll es wohl auch nicht: Die aus effektvoller Kolportage und drastischer Alltagspsychologie gespeiste biographische Phantasie zielt nicht auf faktische, sondern auf emotionale Wahrheit – vielleicht die des filmisch Portraitierten, vielleicht die des Regisseurs.

R Ken Russell B Melvyn Bragg V Catherine Drinker Bowen, Barbara von Meck K Douglas Slocombe M Pjotr Iljitsch Tschaikowski A Natashe Kroll S Michael Bradsell P Ken Russell D Richard Chamberlain, Glenda Jackson, Izabella Telezynska, Christopher Gable, Kenneth Colley | UK | 123 min | 1:2,35 | f | 1. Dezember 1970

29.10.70

The Private Life of Sherlock Holmes (Billy Wilder, 1970)

Das Privatleben des Sherlock Holmes

»We all have occasional failures.« Eine hilfsbedürftige Dame und ein weltberühmtes Ungeheuer, die sich jeweils als etwas völlig anderes erweisen, dazu sechs verschwundene Zwerge und eine Gruppe mysteriöser Trappisten, außerdem eine fortpflanzungswillige Primaballerina und eine sehr kleine Königin ... Mit sanfter Ironie und besinnlicher Romantik bereiten Billy Wilder und I. A. L. Diamond ein episch-stilvolles Sherlock-Holmes-Pastiche, das die – von Arthur Conan Doyle eher ausgesparten – Gefühlswelten des legendären, zu Anfällen von Schwermut neigenden Londoner Detektivs (empfindsam: Robert Stephens) ausforscht. Fünfzig Jahre nach dem Tod von Dr. Watson (robust: Colin Blakely) werden, so die Prämisse des Films, in einem Banksafe nicht nur Holmes’ Deerstalker und Pfeife gefunden, sondern auch die Aufzeichnungen zu einigen pikanten Abenteuern, die der treue Eckermann des kombinatorisches Genies mit gutem Grund unter Verschluß gehalten hat. Wilder, in diesem Fall seines ätzenden Spottes vollkommen abhold, ergeht sich in ausführlicher Figurenzeichnung und viktorianischer Stimmungsmalerei, ohne der in diesem Genre üblichen Spannungsentwicklung besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond V Arthur Conan Doyle K Christopher Challis M Miklós Rózsa A Alexandre Trauner S Ernest Walter P Billy Wilder D Robert Stephens, Colin Blakely, Genieviève Page, Christopher Lee, Tamara Toumanova | UK & USA | 125 min | 1:2,35 | f | 29. Oktober 1970

# 1101 | 1. März 2018

20.10.70

Le cercle rouge (Jean-Pierre Melville, 1970)

Vier im roten Kreis

»Les hommes sont coupables. Ils viennent au monde innocents mais ça ne dure pas.« – Jean-Pierre Melville zieht um vier Menschen (= Männer – es gibt im Grunde nur Männer bei Melville) seiner eisblau-beige-grauen (Unter-)Welt einen roten Kreis, in dem sie sich treffen werden / sollen / müssen. Corey (Alain Delon), Vogel (Gian Maria Volonté), Jansen (Yves Montand), Mattei (André Bourvil) – Gesetzesbrecher, Gesetzeshüter … wie auch immer, Profis allesamt. Die einen planen (und begehen) ein Verbrechen (in diesem Fall: einen Juwelenraub), ein anderer sucht es zu verhindern (bzw. aufzuklären). Ihre Bewegungen, ihre Methoden, ihre Blicke, ihre Mäntel, ihre Hüte – identisch. Warum einer Polizist wurde und die anderen Gangster? Unwichtig. Man ist es eben (mangels anderer Gelegenheit – vielleicht), und man ist es gut. Der Perfektionismus, die Könnerschaft (um nicht zu sagen: die Kunst) sind die letzte Befriedigung (und Selbstbestätigung), die dem freien (?) Menschen im Zeitalter der (ideologischen) Lüge bleibt – einerlei ob es sich dabei um das gezielte Abfeuern eines Schusses, das sichere Aufstellen einer Falle oder die Inszenierung eines perfekten Films handelt. Und der beste Grund, seine Fertigkeiten unter Beweis zu stellen, scheint noch, an den Bewohnern der Wandschranks Rache zu nehmen. Bewohner des Wandschranks? Es würde zu lange dauern, es zu erklären … PS: »Tous les hommes!«

R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville K Henri Decaë M Éric Demarsan A Théobald Meurisse S Marie-Sophie Dubus P Robert Dorfman D Alain Delon, André Bourvil, Gian Maria Volonté, Yves Montand, Paul Amiot | F & I | 140 min | 1:1,66 | f | 20. Oktober 1970