Performace
»It’s time for a change.« Chas (James Fox), ein gewalttätiger Narziß mit verschwommener sexueller Vergangenheit, im Syndikat eines East-End-Gangsters zuständig für Inkasso und Einschüchterung, doch nach der tödlich endenden Auseinandersetzung (»I am a bullet.«) mit einem Kollegen und vermutlichen Exlover beim Boß in Ungnade gefallen, sucht Zuflucht im Domizil des retirierten Popstars Turner (!) (Mick Jagger) und seiner beiden Freundinnen. Durch die psychedelisch-arabesken, labyrinthisch-tageslichtlosen Interieurs des Hauses lassen die Koregisseure Nicolas Roeg (auch Kamera) und Donald Cammell (auch Drehbuch) einen wimmernder Nachhall des kulturrevolutionären Swinging London wehen. Vor Spiegelwänden zersplittern in drogengeschwängerter Atmosphäre Gewißheiten und Regeln (»Nothing is true. Everything is permitted.«), verwischen vorgebliche Identitäten (»I know who I am.« – »Of course you do.«) ... Am Beispiel der sonderbaren (wiederum tödlich endenden) Begegnung von Kunstwelt und Unterwelt offenbart sich die Illusion von Normalität – Persönlichkeit wird zum Image, Geschlecht zur Variablen, Leben zum (bisweilen blutigen) Rollenspiel: »Well, I perform.« – »I bet you do.«
R Nicolas Roeg, Donald Cammell B Donald Cammell K Nicolas Roeg M Jack Nitzsche A John Clark S Antony Gibbs, Brian Smedley-Aston P Sanford Lieberson D James Fox, Mick Jagger, Anita Pallenberg, Michèle Breton, Johnny Shannon | UK | 105 min | 1:1,66 | f | 3. August 1970
# 1066 | 31. Juli 2017
31.7.70
Ovoce stromů rajských jíme (Věra Chytilová, 1970)
Die Früchte des Paradiesbaums
Die Geschichte des Sündenfalls als avantgardistische Beziehungsdramödie. Nach einem pastoral-brakhagesken Prolog, der das erste Paar der Menschheitshistorie in abstrakt-überzeitlicher Sphäre präsentiert, erscheint der Versucher in Gestalt des rotgewandeten Robert, der die neugierige Eva ihrem Gefährten Josef (der es mit der Treue seinerseits nicht allzu genau nimmt) durch allerlei Verführungstricks zu entfremden sucht. Ort der Ereignisse ist eine Art Kurbad inmitten einer zauberischen Landschaft von Wäldern, Wiesen, Seen, Sandgruben, nahe einer verfallenen Villa, wo Eva auf Indizien für die serienmörderische Natur ihres ominösen Anbeters stößt. Věra Chytilová und ihre künstlerische Mitstreiterin Ester Krumbachová fügen Elemente aus Horrorfarce und Liebesabenteuer und Gesellschaftsstück zu einer symbolträchtig-mythopoetischen Collage über den heißen Wunsch nach Erkenntnis sowie das harte Leben in der Wahrheit. Die visuelle Experimentierfreude des eigenwilligen Werks sekundiert der ironisch-pathetische Score von Zdenek Liska, der mit überdrehter Sentimentalität und kakophonischer Morbidezza und feierlicher Archaik ein delikates Vielerlei musikalischer Früchte von den paradiesischen Bäumen pflückt.
R Věra Chytilová B Věra Chytilová, Ester Krumbachová K Jaroslav Kučera M Zdenek Liska A Vladimír Labský Ko Ester Krumbachová, Bohumila Marsalková S Miroslav Hájek P Pavel Juráček, Jaroslav Kučera D Jitka Nováková, Karel Novák, Jan Schmid | CS & B | 99 min | 1:1,37 | f | 31. Juli 1970
# 1176 | 6. September 2019
Die Geschichte des Sündenfalls als avantgardistische Beziehungsdramödie. Nach einem pastoral-brakhagesken Prolog, der das erste Paar der Menschheitshistorie in abstrakt-überzeitlicher Sphäre präsentiert, erscheint der Versucher in Gestalt des rotgewandeten Robert, der die neugierige Eva ihrem Gefährten Josef (der es mit der Treue seinerseits nicht allzu genau nimmt) durch allerlei Verführungstricks zu entfremden sucht. Ort der Ereignisse ist eine Art Kurbad inmitten einer zauberischen Landschaft von Wäldern, Wiesen, Seen, Sandgruben, nahe einer verfallenen Villa, wo Eva auf Indizien für die serienmörderische Natur ihres ominösen Anbeters stößt. Věra Chytilová und ihre künstlerische Mitstreiterin Ester Krumbachová fügen Elemente aus Horrorfarce und Liebesabenteuer und Gesellschaftsstück zu einer symbolträchtig-mythopoetischen Collage über den heißen Wunsch nach Erkenntnis sowie das harte Leben in der Wahrheit. Die visuelle Experimentierfreude des eigenwilligen Werks sekundiert der ironisch-pathetische Score von Zdenek Liska, der mit überdrehter Sentimentalität und kakophonischer Morbidezza und feierlicher Archaik ein delikates Vielerlei musikalischer Früchte von den paradiesischen Bäumen pflückt.
R Věra Chytilová B Věra Chytilová, Ester Krumbachová K Jaroslav Kučera M Zdenek Liska A Vladimír Labský Ko Ester Krumbachová, Bohumila Marsalková S Miroslav Hájek P Pavel Juráček, Jaroslav Kučera D Jitka Nováková, Karel Novák, Jan Schmid | CS & B | 99 min | 1:1,37 | f | 31. Juli 1970
# 1176 | 6. September 2019
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Oh Happy Day (Zbynek Brynych, 1970)
»›Die Jugend‹, sagt Mao, ›ist wie die Sonne um acht oder neun Uhr morgens.‹« Anna (Anne-Marie Kuster), die schulmädchenhaft-kichernde, jungfräulich-liebesdurstige Protagonistin des Films, zitiert verkürzt; wörtlich sagte der große Vorsitzende: »Ihr jungen Menschen, frisch und aufstrebend, seid das erblühende Leben, gleichsam die Sonne um acht oder neun Uhr morgens. Unsere Hoffnungen ruhen auf euch.« Anna fühlt keinerlei Hoffnung auf sich ruhen, nur Ansprüche und Verständnislosigkeit, ihr erblühendes Leben droht unter einer Käseglocke herablassender Behütung noch vor der Maienzeit abzuwelken. Weder ihre Eltern (Nadja Tiller und Karl Michael Vogler) noch die Lehrerinnen an der Nonnenschule (darunter die erotisch-ironische Hanne Wieder) begreifen, was das Fräulein will. So geht Anna alleine auf die Suche nach der Freiheit, die sie meint, nach einem neuen Wort für Liebe, mäandert auf ihren tagträumerischen Wegen von einem schweigsamen Chauffeur (Siegfried Rauch) zu einem schmeichlerischen Geschäftsmann, von bedröhnten Hippies zu ihrem fußballbegeisterten Busenfreund Robert (Amadeus August). Zbynek Brynych, der hintersinnige Irre von Prag, verdichtet seinen popfarbenen Münchner Coming-of-age-Report auf zwei Tage erzählte Zeit, zwei »happy days« voller schriller Wortwechsel und alltäglicher Albdrücke, voller psychedelischer Einsichten und tiefer Blicke in die Augen der Akteure. Die ersehnte Befreiung findet schließlich in einem desinfizierten Hotelzimmer statt … Ein glucksendes Sittenbild wie aus dem Inneren einer Lavalampe.
»Oh Happy Day« R Zbynek Brynych B Alexander Fuhrmann K Josef Vanis M Peter Thomas A Leo Karen S Sophie Mikorey P Walter Tjaden D Anne-Marie Kuster, Amadeus August, Nadja Tiller, Karl Michael Vogler, Siegfried Rauch, Hanne Wieder | BRD | 90 min | 1: 1,66 | f | 31. Juli 1970
»Oh Happy Day« R Zbynek Brynych B Alexander Fuhrmann K Josef Vanis M Peter Thomas A Leo Karen S Sophie Mikorey P Walter Tjaden D Anne-Marie Kuster, Amadeus August, Nadja Tiller, Karl Michael Vogler, Siegfried Rauch, Hanne Wieder | BRD | 90 min | 1: 1,66 | f | 31. Juli 1970
30.4.70
Wir – zwei (Ulrich Schamoni, 1970)
»Warum denn nicht?« Seit der Schulzeit haben sie sich nicht mehr gesehen, nach zehn Jahren treffen sie sich wieder: Andreas (Christoph Bantzer), nunmehr Doktorand der Mathematik mit Gelegenheitsfreundin, und Hella (Sabine Sinjen), inzwischen Gattin eines wohlhabenden Herrn Meier und Mutter einer dreijährigen Tochter. Damals mochten sie sich sehr, ohne einander ihre Gefühle zu offenbaren, jetzt versuchen sie herauszufinden, wie es (gewesen) wäre, wenn ... Er sieht sie eines Tages zufällig in der Stadt und fährt ihr nach – bis zum Friedhof. Der Ort der Wiederbegegnung hat, wie sich erweisen wird, symbolischen Charakter: eine tote Liebe läßt sich nicht reanimieren. Ulrich Schamoni folgt dem Paar, das nie eines war und letztendlich keines wird, durch ein – von Michael Ballhaus leckerschmeckerisch fotografiertes – zunächst spätsommerliches, dann septembermildes, schließlich herbstgraues (West-)Berlin: Gartenpartys und Tanzvergnügen, Rummelbesuche und Bootsfahrten. Der verspätete Liebesversuch hinterläßt bei den Beteiligten weder Trauer noch Enttäuschung, allenfalls einen bittersüßen Nachgeschmack von halbherziger Vergeblichkeit.
R Ulrich Schamoni B Ulrich Schamoni K Michael Ballhaus M Xhol Caravan S Heidi Genée P Peter Genée D Christoph Baltzer, Sabine Sinjen, Ulrich Schamoni, Corny Collins, Blandine Ebinger | BRD | 88 min | 1:1,66 | f | 30. April 1970
# 1181 | 31. Dezember 2019
R Ulrich Schamoni B Ulrich Schamoni K Michael Ballhaus M Xhol Caravan S Heidi Genée P Peter Genée D Christoph Baltzer, Sabine Sinjen, Ulrich Schamoni, Corny Collins, Blandine Ebinger | BRD | 88 min | 1:1,66 | f | 30. April 1970
# 1181 | 31. Dezember 2019
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24.4.70
Dorian Gray (Massimo Dallamano, 1970)
Das Bildnis des Dorian Gray
Auf faszinierend dilettantenhafte Weise verhunzt, schwankt Massimo Dallamanos Oscar-Wilde-Adaption gestalterisch zwischen Wegwerf-Melodram und Schuljungen-Report, aufgedonnert mit ein paar linkischen Giallo-Einsprengseln. Wo die Vorlage Themen wie Jugend(wahn) und Schönheit(skult), Selbstliebe und Hedonismus, Amoralität und Dekadenz mit intellektuell-ironischer Verfeinerung verhandelt, schildert die Verfilmung, die die snobistisch-schauerromantischen Fin-de-siècle-Erzählung ins hip-hysterische Twiggy-Carnaby-Blowup-London der späten 1960er Jahre verlegt, lediglich einen sensationellen Fall (Bildnis altert! Abgebildeter bleibt frisch!) im veräußerlichten Darstellungsmodus einer grobgestrickten Illustrierten-Kolportage. Aber vielleicht liegt gerade in der Schäbigkeit der Bearbeitung ihre ungewollte (sogar weitblickende) Qualität: Inszenierung und Bilder, Ausstattung und Kostüme sind so unglaublich geschmacklos, daß Helmut Bergers (≈ Dorian Grays) idealische Wohlgestalt um so glanzvoller – und trügerischer – erstrahlt. Die ewige Attraktion des maßlosen und grausamen Protagonisten wird zum enthüllenden Spiegel der ihn allenthalben umgebenden konsumistischen Gemeinheit; die Perpetuierung der Ästhetik um jeden Preis erweist sich als (dämonisches) Äquivalent eines unaufhaltsamen gesellschaftlichen und sittlichen Zerfalls.
R Massimo Dallamano B Marcello Coscia, Massimo Dallamano, Günter Ebert V Oscar Wilde K Otello Spila M Peppino de Luca, Carlo Pes S Leo Jahn, Nicholas Wentworth P Harry Alan Towers D Helmut Berger, Richard Todd, Herbert Lom, Marie Liljedahl, Isa Miranda | UK & I & BRD | 93 min | 1:1,66 | f | 24. April 1970
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Perrak (Alfred Vohrer, 1970)
Dialog 1970 – Sohn: »Scheiße!« Vater: »Ich höre immer nur ›scheiße‹ von dir. Was willst du mal sagen, wenn du wirklich in der Scheiße sitzt?« Sohn: »Kacke!« Ruppiger Auftakt eines (laut Plakat) »pulvertrockenen Sittenreißers«. Nach der schmuddligen Titelsequenz (Möwen im Smog) wird auf der Hamburger Müllkippe, gleich neben einem Bild von Exkanzler Kiesinger, die Leiche eines Mädchens gefunden, das ein Junge war – zu Lebzeiten hatte der tote Toni »den schönsten Paraffinbusen von Nordeuropa«. Kommissar Perrak (Horst Tappert) nimmt die Ermittlungen auf und schnüffelt sich durch die Abseiten der winterlichen Hansestadt, um ein (über die Auflösung hinaus) undurchsichtiges, libidinös unterfüttertes Mord- und Erpressungskomplott zu entwirren. Mit der Nachzeichnung seines Weges – über die Schrottplätze des Wirtschaftswunders und in schwule Nachtclubs (»Wir stehen hier alle unter dem Protektorat von Heinemann.«), an die Hafenkante und in die Spiegelkabinette des Lasters, zu den Swimmingpools der Reichen und ins Obdachlosenasyl – entsteht ein kolportagehafter Querschnittsfilm, eine plakative Revue der gesellschaftlichen Zustände in den Wirren der sexuellen Revolution. Regisseur Alfred Vohrer zündet Kofferbomben, vergießt literweise Kunstblut und läßt einen Preßlufthammer als Folterwerkzeug heranstampfen; die Darsteller (unter ihnen Judy Winter, Erika Pluhar, Werner Peters und – als Nachwuchsschurke – Jochen Busse) dieses formal ziemlich notgeilen, dabei durchaus satirisch angehauchten bundesdeutschen Exploitation-Versuchs haben nicht viel zu tun – Autor Manfred Purzer (alias Ernst Flügel) dichtet ihnen Rollennamen an, die eh alles erzählen: Sie heißen ›Bimbo‹ (der Neger), ›Pinky‹ (die Transe), ›Wermuth-Ede‹ (der Penner), ›Trompeten-Emma‹ (die Puffmutter), ›Casanova‹ (der Ganove), ›Kaminski‹, ›Bottke‹ oder ›Dr. Rembold‹ (die Schweinepriester). »Also los, meine Herren, Röcke hoch!«
R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) K Ernst W. Kalinke M Rolf Kühn A Günther Kob, Wolf Englert S Jutta Hering P Luggi Waldleitner D Horst Tappert, Erika Pluhar, Judy Winter, Werner Peters, Hubert Suschka | BRD | 92 min | 1:1,66 | f | 24. April 1970
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Vohrer
20.4.70
L’éden et après (Alain Robbe-Grillet, 1970)
Eden und danach
»Bien entendu ce jeu est idiot.« – »Pas plus idiot que n’importe quoi.« Zwölf Themen. Imagination. Gefängnis. Männliches Geschlecht. Sperma. Blut. Türen. Labyrinth. Doppel gänger. Wasser. Tod. Tanz. Bild. Zwölf Themen, in zehn Reihen variiert. Selbstverständlich ist dieses Spiel idiotisch. Nicht idiotischer als irgendetwas anderes. Ein Café, das aussieht, wie von Mondrian gebaut. Darin eine Gruppe von Studenten. Ihre gedanklichen Experi men te. Ihre imaginären Abenteuer. Russisches Roulette. Diebstahl eines wertvollen Gemäldes. Nie passiert etwas. Suche nach einem Ausweg aus der Erstarrung. »Ihr jongliert mit Ideen«, sagt der geheimnisvolle Fremde, der eines Tages das Café der verlorenen Jugend besucht, »aber ihr schreckt davor zurück, euch dem Leben zu stellen.« Alain Robbe-Grillet lockt seine Protagonisten (und das Publikum) mittels eines unwiderstehlichen »poudre de peur« in ein filmisches Labyrinth, in ein illusorisches Laboratorium, in künstliche Paradiese, schreckt dabei nicht vor literarischen Verblüffungseffekten zurück (»L’image d’une somme est la somme des images.«), jongliert seinerseits fröhlich mit Ideen: mit extravaganten Einfällen und obsessiven Bildern, mit quälenden Reprisen und psychedelischen Spiegelungen, mit geometrischer Abstraktion und sexuellem Fetischismus. Und wie beim Domino legt Robbe-Grillet einen Spielstein an den anderen: écriture, architecture, composition, représentation. Ein Café, das aussieht, wie von Mondrian gebaut. Eine moderne Fabrik am Fluß. Eine alte arabische Stadt am Meer. Serialität und Aleatorik, Methode und Zufall, Mathematik und Assoziation, präzise Partitur und freier Fall der Würfel. Parodie eines Abenteuerfilms. An deutung eines Krimis. Ein Toter im Wasser. Ein gemeiner Giftmord. Eine Entführung. Ein Kunstraub. Keine Tiefe, nur Flächen. Kein Geschehen, nur Erzählmuster. Kein Motiv, nur ein MacGuffin. Un fantasme, un fantôme. Une image, une imagination. Ein wertvolles Gemälde. Darstellung eines weißen Hauses in einer arabischen Stadt. Hinter der blauen Tür, unter der flachen Kuppel: Frauen in Käfigen, ein Geheimnis, vielleicht. Scharfkantige Objekte. Fließen des Blut. Klebrige Flüssigkeiten. Cinéma. Réalité. Ma vie. L’éden et après.
R Alain Robbe-Grillet B Alain Robbe-Grillet K Igor Luther M Michel Fano A Anton Krajcovic S Bob Wade P Samy Halfon D Catherine Jourdan, Pierre Zimmer, Lorraine Rainer, Juraj Kukura, Ludovít Króner | F & CSSR | 93 min | 1:1,66 | f | 20. April 1970
# 829 | 17. Januar 2014
»Bien entendu ce jeu est idiot.« – »Pas plus idiot que n’importe quoi.« Zwölf Themen. Imagination. Gefängnis. Männliches Geschlecht. Sperma. Blut. Türen. Labyrinth. Doppel gänger. Wasser. Tod. Tanz. Bild. Zwölf Themen, in zehn Reihen variiert. Selbstverständlich ist dieses Spiel idiotisch. Nicht idiotischer als irgendetwas anderes. Ein Café, das aussieht, wie von Mondrian gebaut. Darin eine Gruppe von Studenten. Ihre gedanklichen Experi men te. Ihre imaginären Abenteuer. Russisches Roulette. Diebstahl eines wertvollen Gemäldes. Nie passiert etwas. Suche nach einem Ausweg aus der Erstarrung. »Ihr jongliert mit Ideen«, sagt der geheimnisvolle Fremde, der eines Tages das Café der verlorenen Jugend besucht, »aber ihr schreckt davor zurück, euch dem Leben zu stellen.« Alain Robbe-Grillet lockt seine Protagonisten (und das Publikum) mittels eines unwiderstehlichen »poudre de peur« in ein filmisches Labyrinth, in ein illusorisches Laboratorium, in künstliche Paradiese, schreckt dabei nicht vor literarischen Verblüffungseffekten zurück (»L’image d’une somme est la somme des images.«), jongliert seinerseits fröhlich mit Ideen: mit extravaganten Einfällen und obsessiven Bildern, mit quälenden Reprisen und psychedelischen Spiegelungen, mit geometrischer Abstraktion und sexuellem Fetischismus. Und wie beim Domino legt Robbe-Grillet einen Spielstein an den anderen: écriture, architecture, composition, représentation. Ein Café, das aussieht, wie von Mondrian gebaut. Eine moderne Fabrik am Fluß. Eine alte arabische Stadt am Meer. Serialität und Aleatorik, Methode und Zufall, Mathematik und Assoziation, präzise Partitur und freier Fall der Würfel. Parodie eines Abenteuerfilms. An deutung eines Krimis. Ein Toter im Wasser. Ein gemeiner Giftmord. Eine Entführung. Ein Kunstraub. Keine Tiefe, nur Flächen. Kein Geschehen, nur Erzählmuster. Kein Motiv, nur ein MacGuffin. Un fantasme, un fantôme. Une image, une imagination. Ein wertvolles Gemälde. Darstellung eines weißen Hauses in einer arabischen Stadt. Hinter der blauen Tür, unter der flachen Kuppel: Frauen in Käfigen, ein Geheimnis, vielleicht. Scharfkantige Objekte. Fließen des Blut. Klebrige Flüssigkeiten. Cinéma. Réalité. Ma vie. L’éden et après.
R Alain Robbe-Grillet B Alain Robbe-Grillet K Igor Luther M Michel Fano A Anton Krajcovic S Bob Wade P Samy Halfon D Catherine Jourdan, Pierre Zimmer, Lorraine Rainer, Juraj Kukura, Ludovít Króner | F & CSSR | 93 min | 1:1,66 | f | 20. April 1970
# 829 | 17. Januar 2014
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4.4.70
Götter der Pest (Rainer Werner Fassbinder, 1970)
Franz Walsch (der sich bei Gelegenheit auch Biberkopf nennt) wird aus dem Gefängnis entlassen. »War’s schlimm?« fragt Joanna. »Auch net anders wie draußen«, antwortet Franz. Leben als lebenslange Freiheitsstrafe. Franz (Harry Baer) bewegt sich durch das tote München wie ein Gestorbener, hockt schläfrig in pechschwarzen Räumen der Fremdheit und Vergeblichkeit, zieht lustlos von einer Frau zur anderen, von Joanna (Hanna Schygulla) zu Magdalana (Ingrid Caven) zu Margarethe (von Trotta). Nur einmal blüht er auf: als er einen alten Kumpel wiedertrifft, den kernigen ›Gorilla‹ (Günther Kaufmann), dem er es nicht einmal verübelt, daß er seinen Bruder umgebracht hat. Zusammen fahren sie aufs Land, und die Kamera, sonst wie eingefroren, hebt plötzlich ab, fliegt über Wiesen und Straßen und Dörfer. »Wir brauchen kein Geld nicht«, sagt der eine, und der andere erklärt: »Weil wir uns lieben.« Irgendwann heißt es dann doch: »Ein Geld muß eins dasein.« Und so geht der melo(un)dramatische (Anti-)Gangsterfilm in die letzte lange Kurve, mit Überfall und Verrat und Schießerei und Tod und Rache und noch mehr Tod und mit der paradoxen Erkenntnis: »Life ist very precious … even right now.« Rainer Werner Fassbinder zelebriert ein weiteres Endspiel auf der Genre-Hintertreppe, verweigert jeden Noir-Glamour zugunsten von abblätterndem Putz und zeigt, einmal mehr, daß im Zweifelsfall auch Frauen töten, was sie lieben.
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann M Peer Raben A Kurt Raab S Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Rainer Werner Fassbinder, Michael Fengler D Harry Baer, Hanna Schygulla, Margarethe von Trotta, Günther Kaufmann, Carla Aulaulu | BRD | 91 min | 1:1,37 | sw | 4. April 1970
# 892 | 2. Juli 2014
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann M Peer Raben A Kurt Raab S Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Rainer Werner Fassbinder, Michael Fengler D Harry Baer, Hanna Schygulla, Margarethe von Trotta, Günther Kaufmann, Carla Aulaulu | BRD | 91 min | 1:1,37 | sw | 4. April 1970
# 892 | 2. Juli 2014
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Schygulla,
Tod,
von Trotta
29.3.70
Tristana (Luis Buñuel, 1970)
Tristana
Toledo, Ende der 1920er Jahre. Nach dem Tod der Mutter kommt die 18jährige Vollwaise Tristana (Catherine Deneuve) unter die Obhut des alternden Don Lope (Fernando Rey). Der freigeistige Edelmann, ein ebenso großspuriger wie finanzschwacher Bonvivant mit dezidierten Einstellungen zu Religion (Aberglauben!) und Erwerbsarbeit (Niemals!), drängt seinem schönen Mündel, ohne lange zu zögern, die Rolle der Geliebten auf ... Mit frostiger Distanz beobachtet Luis Buñuel die gegensätzliche Entwicklung des ungleichen Paares: Während sich Tristana vom unschuldig-abhängigen Geschöpf, das dem Vormund die Pantoffeln nachträgt, schrittweise in eine erbittert-gebieterische Megäre verwandelt, schrumpft der anfangs so selbstüberzeute Don Lope zum fügsam-kränklichen Popanz, dessen letztes Vergnügen das Kakaoschlürfen im Kreise der einst geschmähten katholischen Priester ist – weder die eine noch der andere sind souveräne Gestalter des eigenen Schicksals, vielmehr bald lächerlich traurige, bald bemitleidenswert blinde Opfer erstarrter gesellschaftlicher Zustände. Toledo, die alte Hauptstadt Kastiliens und Hochburg des spanischen Katholizismus, in deren enge, verwinkelte Gassen Buñuel kaum je einen Sonnenstrahl dringen läßt, erscheint als idealer Schauplatz des sarkastischen Dramas.
R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Julio Alejandro V Benito Pérez Galdós K José F. Aguayo A Enrique Alarcón S Pedro del Rey P Luis Buñuel, Robert Dorfmann D Catherine Deneuve, Fernando Rey, Franco Nero, Lola Gaos, Jesús Fernández | E & F & I | 100 min | 1:1,66 | f | 29. März 1970
# 1026 | 28. September 2016
Toledo, Ende der 1920er Jahre. Nach dem Tod der Mutter kommt die 18jährige Vollwaise Tristana (Catherine Deneuve) unter die Obhut des alternden Don Lope (Fernando Rey). Der freigeistige Edelmann, ein ebenso großspuriger wie finanzschwacher Bonvivant mit dezidierten Einstellungen zu Religion (Aberglauben!) und Erwerbsarbeit (Niemals!), drängt seinem schönen Mündel, ohne lange zu zögern, die Rolle der Geliebten auf ... Mit frostiger Distanz beobachtet Luis Buñuel die gegensätzliche Entwicklung des ungleichen Paares: Während sich Tristana vom unschuldig-abhängigen Geschöpf, das dem Vormund die Pantoffeln nachträgt, schrittweise in eine erbittert-gebieterische Megäre verwandelt, schrumpft der anfangs so selbstüberzeute Don Lope zum fügsam-kränklichen Popanz, dessen letztes Vergnügen das Kakaoschlürfen im Kreise der einst geschmähten katholischen Priester ist – weder die eine noch der andere sind souveräne Gestalter des eigenen Schicksals, vielmehr bald lächerlich traurige, bald bemitleidenswert blinde Opfer erstarrter gesellschaftlicher Zustände. Toledo, die alte Hauptstadt Kastiliens und Hochburg des spanischen Katholizismus, in deren enge, verwinkelte Gassen Buñuel kaum je einen Sonnenstrahl dringen läßt, erscheint als idealer Schauplatz des sarkastischen Dramas.
R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Julio Alejandro V Benito Pérez Galdós K José F. Aguayo A Enrique Alarcón S Pedro del Rey P Luis Buñuel, Robert Dorfmann D Catherine Deneuve, Fernando Rey, Franco Nero, Lola Gaos, Jesús Fernández | E & F & I | 100 min | 1:1,66 | f | 29. März 1970
# 1026 | 28. September 2016
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20.3.70
Unter den Dächern von St. Pauli (Alfred Weidenmann, 1970)
»Beruf?« – »Machen Se einfach ’n Strich.« Grobkörnige 24-Stunden-Kiez-Kolportage, die mit trivialer Eleganz mehrere Handlungsstränge verknüpft: Ein Geschäftsmann erschießt seine Gattin, weil er es nicht erträgt, daß sie allabendlich vor geilem Publikum ihre Brüste schwingt; ein biederer Studienrat wird von seinen Schülern in die Falle des süßen Lebens gelockt; ein sanfter Bänkelsänger rächt den gewaltsamen Tod seiner Frau; ein rechtschaffener Vater findet seine erlebnishungrige Tochter (»Es war ihr in Flensburg einfach zu langweilig.«) als Striptiseuse in einem Reeperbahn-Etablissement wieder und treibt ungewollt (?) ihren Preis in die Höhe … Ein Vierteljahrhundert nach ihrer ersten Zusammenarbeit (»Junge Adler«) widmen sich Autor Herbert Reinecker und Regisseur Alfred Weidenmann einmal mehr ihrem großen Thema: der Darstellung des Verhältnisses von Jung und Alt unter besonderer Berücksichtigung der (varianten) Grundsätze ethischen Handelns. »Unter den Dächern von St. Pauli«, gleichermaßen schund-veristische Studie der Doppelmoral und lüstern-zwielichtiges On-location-Sittenbild, bietet dabei Raum für markante Darstellerleistungen: Jean-Claude Pascal als melancholischer Mörder, Joseph Offenbach als faunischer Philister, Werner Peters als feister Unterweltbaron. Und Hamburg, der rot illuminierte großstädtische Sündenpfuhl, wird zum Fegefeuer, das der Provinzler notwendigerweise zu durchlaufen hat – denn: »Lübeck muß vernichtet werden!« PS: Nicht zu vergessen die Namen, diese einmaligen Reinecker-Namen: Dr. Pasucha und Hausach, Dr. Himboldt und Egon Mills (nebst Tochter Agnes).
R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker K Karl Löb M Peter Thomas A Horst Dotzauer S Walter von Bonhorst P Reginald Puhl D Jean-Claude Pascal, Joseph Offenbach, Werner Peters, Ralf Schermuly, Inger Zielke | BRD | 88 min | 1:1,66 | f | 20. März 1970
R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker K Karl Löb M Peter Thomas A Horst Dotzauer S Walter von Bonhorst P Reginald Puhl D Jean-Claude Pascal, Joseph Offenbach, Werner Peters, Ralf Schermuly, Inger Zielke | BRD | 88 min | 1:1,66 | f | 20. März 1970
13.3.70
Les choses de la vie (Claude Sautet, 1970)
Die Dinge des Lebens
(Bemittelten) Menschen beim Leben (und Sterben) zugucken – so könnte man das ebenso banale wie aufregende filmische Programm von Claude Sautet zusammenfassen. »Les choses de la vie« (man beachte den herausfordernd gewöhnlichen Titel) erzählt – nach einem Szenario von Jean-Loup Dabadie – von Pierre (Michel Piccoli), einem Architekten, der seinem früheren Leben mit Catherine (Lea Massari) nachträumt, während er doch eigentlich ein neues mit Hélène (Romy Schneider) beginnen möchte. Ein Autounfall mit einem silbernen Alfa Romeo Giulietta Sprint (so viel Stil muß sein) läßt all seine irdischen Hoffnungen und Zweifel obsolet werden. Wenige Regisseure haben den kindischen Willen zur Größe und das erbärmliche Gefühl der Leere, aber auch den sympathischen Hang zur Schönheit und die elementare Lust am guten Leben, die der verdammten, trivial-erlesenen wohlstandsbürgerlichen Existenz innewohnen, so hin- und mitreißend, so teilnehmend (selbst-)kritisch ins Kino getragen wie eben Sautet. »Je regarde le soir tomber dans les miroirs. C'est la vie.«
R Claude Sautet B Jean-Loup Dabadie, Paul Guimard, Claude Sautet V Paul Guimard K Jean Boffety M Philippe Sarde A André Piltant S Jacqueline Thiédot P Jean Bolvary, Raymond Danon, Roland Girard D Michel Piccoli, Romy Scheider, Lea Massari, Jean Bouise, Bobby Lapointe | F & I & CH | 89 min | 1:1,66 | f | 13. März 1970
(Bemittelten) Menschen beim Leben (und Sterben) zugucken – so könnte man das ebenso banale wie aufregende filmische Programm von Claude Sautet zusammenfassen. »Les choses de la vie« (man beachte den herausfordernd gewöhnlichen Titel) erzählt – nach einem Szenario von Jean-Loup Dabadie – von Pierre (Michel Piccoli), einem Architekten, der seinem früheren Leben mit Catherine (Lea Massari) nachträumt, während er doch eigentlich ein neues mit Hélène (Romy Schneider) beginnen möchte. Ein Autounfall mit einem silbernen Alfa Romeo Giulietta Sprint (so viel Stil muß sein) läßt all seine irdischen Hoffnungen und Zweifel obsolet werden. Wenige Regisseure haben den kindischen Willen zur Größe und das erbärmliche Gefühl der Leere, aber auch den sympathischen Hang zur Schönheit und die elementare Lust am guten Leben, die der verdammten, trivial-erlesenen wohlstandsbürgerlichen Existenz innewohnen, so hin- und mitreißend, so teilnehmend (selbst-)kritisch ins Kino getragen wie eben Sautet. »Je regarde le soir tomber dans les miroirs. C'est la vie.«
R Claude Sautet B Jean-Loup Dabadie, Paul Guimard, Claude Sautet V Paul Guimard K Jean Boffety M Philippe Sarde A André Piltant S Jacqueline Thiédot P Jean Bolvary, Raymond Danon, Roland Girard D Michel Piccoli, Romy Scheider, Lea Massari, Jean Bouise, Bobby Lapointe | F & I & CH | 89 min | 1:1,66 | f | 13. März 1970
12.3.70
Die Herren mit der weißen Weste (Wolfgang Staudte, 1970)
Die Katze läßt das Mausen nicht: Der pensionierte Oberlandesgerichtsrat Zänker (Martin Held) spannt eine Reihe von alten (und sehr alten) Freunden ein, um das zu bewerkstelligen, was ihm nicht gelang, als er noch in Amt und Würden war: den Gauner ›Dandy‹ Stiegler (Mario Adorf) hinter Schloß und Riegel zu bringen. Die rüstigen Senioren (u. a. Heinz Erhardt, Rudolf Platte, Rudolf Schündler und die bezaubernd-harthörige Agnes Windeck) nehmen dabei, in vergnügter Ignoranz der gerade statthabenden 68er-Revolte, die Gelegenheit wahr, der jüngeren Generation zu zeigen, was eine Harke ist. Das von Wolfgang Staudte mit krimikomödiantischer Beschaulichkeit ins Bild gesetzte (West-) Berlin kennt denn auch weder Teach-in noch Springer-Demo, sondern nur fröhlich bejubelte Alliierten-Parade und Fußball im Olympiastadion (Hertha BSC schlägt Juventus Turin 3:1); wenigstens darf Hannelore Elsner als flatterhaftes Gangsterliebchen ein paar modisch schrille Fummel spazierentragen.
R Wolfgang Staudte B H. O. Gregor (= Horst Wendlandt) K Karl Löb M Peter Thomas A Christoph Hertling S Jane Seitz P Horst Wendlandt D Martin Held, Mario Adorf, Walter Giller, Heinz Erhardt, Agnes Windeck | BRD | 91 min | 1:1,66 | f | 12. März 1970
R Wolfgang Staudte B H. O. Gregor (= Horst Wendlandt) K Karl Löb M Peter Thomas A Christoph Hertling S Jane Seitz P Horst Wendlandt D Martin Held, Mario Adorf, Walter Giller, Heinz Erhardt, Agnes Windeck | BRD | 91 min | 1:1,66 | f | 12. März 1970
27.2.70
Le boucher (Claude Chabrol, 1970)
Der Schlachter
Ein mörderisches Melodram, ein minimalistischer Thriller, die Geschichte eines verknallten Triebtäters und eines liebesmüden Engels, angesiedelt in einem Dorf in der Dordogne, nicht weit entfernt von einer jener Höhlen, in denen die Malereien des Cro-Magnon-Menschen zu finden sind. Claude Chabrol zieht eine kühne Verbindungslinie von der Prähistorie, als der Homo sapiens sich allmählich zivilisierte, in die Gegenwart, die immer noch, immer wieder das Aufbrechen des Rohen und Wilden in der menschlichen Natur erfahren läßt. Die unmögliche Romanze zwischen dem rustikal-anhänglichen Schlachter Popaul (Jean Yanne), der nach Ausbildung beim ungeliebten Vater und endlosen Jahren im Krieg seine Nächsten nur mehr als (lebendes oder totes) Fleisch begreifen kann, und der kultiviert-unnahbaren Lehrerin Hélène (Stéphane Audran), die infolge einer bitteren Enttäuschung freundliche aber strenge Distanz zu ihrer Umwelt wahrt, führt in dieser meisterlichen Variation von »La belle et la bête« nicht zur Erlösung vom Fluch sondern bewirkt geradewegs die Entfesselung der zerstörerischen Kräfte.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Génovès D Stéphane Audran, Jean Yanne, Mario Beccara, Roger Rudel, William Guérault | F & I | 94 min | 1:1,66 | f | 27. Februar 1970
# 1106 | 25. April 2018
Ein mörderisches Melodram, ein minimalistischer Thriller, die Geschichte eines verknallten Triebtäters und eines liebesmüden Engels, angesiedelt in einem Dorf in der Dordogne, nicht weit entfernt von einer jener Höhlen, in denen die Malereien des Cro-Magnon-Menschen zu finden sind. Claude Chabrol zieht eine kühne Verbindungslinie von der Prähistorie, als der Homo sapiens sich allmählich zivilisierte, in die Gegenwart, die immer noch, immer wieder das Aufbrechen des Rohen und Wilden in der menschlichen Natur erfahren läßt. Die unmögliche Romanze zwischen dem rustikal-anhänglichen Schlachter Popaul (Jean Yanne), der nach Ausbildung beim ungeliebten Vater und endlosen Jahren im Krieg seine Nächsten nur mehr als (lebendes oder totes) Fleisch begreifen kann, und der kultiviert-unnahbaren Lehrerin Hélène (Stéphane Audran), die infolge einer bitteren Enttäuschung freundliche aber strenge Distanz zu ihrer Umwelt wahrt, führt in dieser meisterlichen Variation von »La belle et la bête« nicht zur Erlösung vom Fluch sondern bewirkt geradewegs die Entfesselung der zerstörerischen Kräfte.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Génovès D Stéphane Audran, Jean Yanne, Mario Beccara, Roger Rudel, William Guérault | F & I | 94 min | 1:1,66 | f | 27. Februar 1970
# 1106 | 25. April 2018
Das gelbe Haus am Pinnasberg (Alfred Vohrer, 1970)
»Die Idee ist so alt wie die Menschheit.« Am Pinnasberg auf St. Pauli
wird die alte Idee leicht variiert: Werner Zibell (Siegfried
Schürenberg), der »General« (so genannt, weil er es im letzten Weltkrieg
beinahe bis zu diesem Dienstgrad gebracht hätte), hat in der
titelgebenden Immobilie kurz nach der Währungsreform einen Männerpuff
aufgezogen, ein Etablissement, das dem Gründer (und seiner Familie) soliden Wohlstand und der chronisch untervögelten weiblichen Kundschaft eindringliche
Wohltaten beschert. Eine Riege sogenannter Eros-Brüder, souverän
dirigiert von Majordomus »Paganini« (Eddi Arent), sorgt im Bordell
Paradox für das Amüsement der zahlenden Besucherinnen; das leidlich
erotische Geschehen im plüschigen Ambiente sowie (sehr
vorhersehbare) zwischenmenschliche Verwicklungen geben Regisseur Alfred
Vohrer Gelegenheit für das Abfeiern mehr oder weniger wohlgeformter
Männerkörper und das Abfeuern einiger Rotlicht-Pointen von tantenhafter
Anzüglichkeit. Der bisweilen ins surreale Kraut schießende Witz des
sexklamottigen Ganzen liegt in der grundehrlichen Naivität der Vorlage,
eines Romans der (von Peter Rühmkorf entdeckten) schreibenden Hamburger
Kapitänswitwe Bengta Bischoff, die als schrullige (und vorurteilsfreie)
Erzählerin höchstpersönlich durch den Film lustwandelt.
R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) V Bengta Bischoff K Ernst W. Kalinke M Rolf Kühn A Wolf Englert S Susanne Paschen P Luggi Waldleitner D Siegfried Schürenberg, Eddi Arent, Gernot Endemann, Tilly Lauenstein, Bengta Bischoff | BRD | 94 min | 1:1,66 | f | 27. Februar 1970
# 984 | 9. Januar 2016
R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) V Bengta Bischoff K Ernst W. Kalinke M Rolf Kühn A Wolf Englert S Susanne Paschen P Luggi Waldleitner D Siegfried Schürenberg, Eddi Arent, Gernot Endemann, Tilly Lauenstein, Bengta Bischoff | BRD | 94 min | 1:1,66 | f | 27. Februar 1970
# 984 | 9. Januar 2016
1.2.70
The Kremlin Letter (John Huston, 1970)
Der Brief an den Kreml
»The Tillinger Foundation is planning an expedition.« Eine unabhängig operierende amerikanische Agentenorganisation ist beauftragt, ein politisch brisantes Schriftstück aus Moskau zurückzuholen. Ex-Navy-Offizier Rone (»a superior combination of intellect and physique, athlete and scholar«: Patrick O’Neal) stößt als Neuling zu der Gruppe alter Hasen, deren bizarre Decknamen (›Highwayman‹, ›Lord Ashley’s Whore‹, ›Warlock‹, ›Erector Set‹, ›Sweet Alice‹) einen leisen Vorgeschmack auf die absonderlichen Geschehnisse im Wunderland des nachrichtendienstlichen Doppel- und Dreifachspiels geben. »It has no size, no shape and no rules: At the very best it’s what you least expect so you’ve gotta be ready for anything«, beschreibt Rones onkelhaft-derber Kollege Ward (Richard Boone) das Wesen des Spionage, eines von Überzeugungen oder gar Idealen längst abgelösten Geheimkrieges, dessen Brutalität und Schäbigkeit John Hustons verwickelt-freudlose, hochkarätig besetzte Schmierenkomödie des allseitigen Verrats ohne moralisches Zeigefingergefuchtel, ja mit geradezu diebischer Freude aufzeigt.
R John Huston B John Huston, Gladys Hill V Noel Behn K Ted Scaife M Robert Drasnin A Ted Haworth S Russell Lloyd P Carter De Haven, Sam Wiesenthal D Patrick O’Neal, Richard Boone, Bibi Andersson, Max von Sydow, Orson Welles, George Sanders | USA | 120 min | 1:2,35 | f | 1. Februar 1970
# 1151 | 16. Februar 2019
»The Tillinger Foundation is planning an expedition.« Eine unabhängig operierende amerikanische Agentenorganisation ist beauftragt, ein politisch brisantes Schriftstück aus Moskau zurückzuholen. Ex-Navy-Offizier Rone (»a superior combination of intellect and physique, athlete and scholar«: Patrick O’Neal) stößt als Neuling zu der Gruppe alter Hasen, deren bizarre Decknamen (›Highwayman‹, ›Lord Ashley’s Whore‹, ›Warlock‹, ›Erector Set‹, ›Sweet Alice‹) einen leisen Vorgeschmack auf die absonderlichen Geschehnisse im Wunderland des nachrichtendienstlichen Doppel- und Dreifachspiels geben. »It has no size, no shape and no rules: At the very best it’s what you least expect so you’ve gotta be ready for anything«, beschreibt Rones onkelhaft-derber Kollege Ward (Richard Boone) das Wesen des Spionage, eines von Überzeugungen oder gar Idealen längst abgelösten Geheimkrieges, dessen Brutalität und Schäbigkeit John Hustons verwickelt-freudlose, hochkarätig besetzte Schmierenkomödie des allseitigen Verrats ohne moralisches Zeigefingergefuchtel, ja mit geradezu diebischer Freude aufzeigt.
R John Huston B John Huston, Gladys Hill V Noel Behn K Ted Scaife M Robert Drasnin A Ted Haworth S Russell Lloyd P Carter De Haven, Sam Wiesenthal D Patrick O’Neal, Richard Boone, Bibi Andersson, Max von Sydow, Orson Welles, George Sanders | USA | 120 min | 1:2,35 | f | 1. Februar 1970
# 1151 | 16. Februar 2019
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