Ein Toter hing am Glockenseil
Ein dunkles Familiengeheimnis, ein einsames Schloß, ein verlassenes Dorf, eine Glocke die vom Wind geläutet wird – auf der Familie von Karnstein liegt ein uralter Fluch: Vor Jahrhunderten wurde eine der ihren wegen Hexerei gekreuzigt; der Geist jener vermaledeiten Sheena aber blieb lebendig und sucht die nachfolgenden Generationen heim. Graf Ludwig (Christopher Lee) fürchtet um das Wohl seiner Tochter Laura, die unter dem Bann der nachtragenden Ahnin zu stehen scheint. Ein schwarzromantischer Gruselfilm über Besessenheit und Rache, über Schuld, die nicht vergeht, und Vergangenheit, die unheilvoll wiederkehrt. Laura, von Alpträumen gequält, findet Zuspruch bei Ljuba, einer zärtlichen Fremden, die eines Tages in ihr Leben tritt – und doch geht von ebendieser liebevollen Trösterin eine tödliche Bedrohung aus. Ein Historiker mit dem doppeldeutschen Namen Friedrich Klauss, ein Mann der Fakten und der Aufklärung, dem Okkulten dennoch nicht abhold, wird herbeigerufen, das Mysterium zu ergründen. Ein traumverlorenes Nachtstück über Grabsteine ohne Namen, über seherische Krüppel, über Bilder, unter deren sichtbarer Oberfläche die eigentlichen Bilder schimmern – Camillo Mastrocinques freie Bearbeitung einer Novelle von Sheridan Le Fanu deutet die Welt als Palimpsest, als Überlagerung von verborgenen, verdrängten, verhüllten Erinnerungen, Schicksalen, Wirklichkeiten, von unmerklich waltenden Kräften, die irgendwann, vielleicht, hoffentlich offenbar werden. »Per quanto la realtà possa essere brutta, è sempre meno impressionante dei fantasmi della paura«, behauptet der Realist: »Auch wenn die Wahrheit brutal sein kann, so ist sie doch weniger bedrohlich als die Gespenster der Angst.«
R Thomas Miller (= Camillo Mastrocinque) B Robert Bohr (= Tonino Valerii), Julian Berry (= Ernesto Gastaldi) V Sheridan Le Fanu K Julio Ortas M Herbert Buckman (= Carlo Savina) A Demos Filos (= Demofilo Fidani) S Herbert Markle P William Mulligan (= Mario Mariani) D Christopher Lee, Audry Amber (= Adriana Ambesi), Ursula Davis, José Campos, Vera Valmont | I & E | 82 min | 1:1,85 | sw | 27. Mai 1964
# 946 | 21. März 2015
27.5.64
22.5.64
Nebelmörder (Eugen York, 1964)
Schon zweimal hat der brutale Killer bei Nacht und Nebel im Forst zugeschlagen. In beiden Fällen wurden Frauen mit einem Okuliermesser abgestochen. Trotz aller Bemühungen von Kommissar Hauser (Hansjörg Felmy), den Täter zu stellen, ereignet sich ein weiterer Mord in der ansonsten ruhigen Provinzstadt Hainburg. Neben einem vorbestraften Gewaltverbrecher und einem geistig minderbemittelten Gärtner geraten zwei Abiturienten in Verdacht: der leicht gehemmte Primus Erwin und sein blitzgescheiter Klassenkamerad Heinz Auer (Ralph Persson) … Zwar erinnert das (sehr sporadische) Auftreten des brutalen Schlitzers – mit Hut, Maske und bodenlangem Gummimantel – an vergleichbare Gestalten des italienischen Thrillers, doch Ästhetik, Erzählweise und Problembewußtsein von Eugen Yorks »Nebelmörder« sind ganz dem frühen bundesdeutschen Fernsehkrimi verpflichtet. Die Darstellung von aufblühender Jugendkultur (Scheunenpartys! Kleidertausch! Sex vor der Ehe!) und ratlos-besorgter Elterngeneration weist, wenn auch mit einiger Onkelhaftigkeit, immerhin auf die soziologischen Verwerfungen der späteren 1960er Jahre voraus.
R Eugen York B Walter Forster, Per Schwenzen K Günter Haase M Herbert Jarczyk A Karl Schneider S Walter Fredersdorf P Waldemar Schweitzer D Hansjörg Felmy, Ingmar Zeisberg, Ralph Persson, Jürgen Janza, Berta Drews | BRD | 90 min | 1:1,37 | sw | 22. Mai 1964
R Eugen York B Walter Forster, Per Schwenzen K Günter Haase M Herbert Jarczyk A Karl Schneider S Walter Fredersdorf P Waldemar Schweitzer D Hansjörg Felmy, Ingmar Zeisberg, Ralph Persson, Jürgen Janza, Berta Drews | BRD | 90 min | 1:1,37 | sw | 22. Mai 1964
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9.5.64
The Pumpkin Eater (Jack Clayton, 1964)
Schlafzimmerstreit
Szenen einer Ehe in den Zeiten des Überflusses ... »My life is an empty place.« Diejenige, die das sagt, hat acht (!) Kindern von drei Vätern: Jo Armitage (Anne Bancroft), verheiratet mit Jake (Peter Finch), einem erfolgreichen Drehbuchautor, der jedem Rock hinterherläuft. »The Pumpkin Eater« (der Titel zitiert einen alten englischen Kinderreim: »Peter, Peter, pumpkin eater / Had a wife and couldn't keep her. / He put her in a pumpkin shell / And there he kept her very well«) verfolgt – von Harold Pinter nicht linear nacherzählt, sondern in erhellenden Rück- und Vorausblenden seziert – den Weg eines wohlhabenden Londoner Paares vom ersten Kennenlernen, durch Höhen und Tiefen, bis zur großen Krise (Höhepunkt: Jos theatralischer Nervenzusammenbruch im Kaufhaus Harrods), in der sich (für beide Partner) die Frage von Gehen oder Bleiben stellt. Regisseur Jack Clayton – der zuvor, mit jeweils großer formaler Finesse, eine düstere Sozialstudie und einen schauerromantischen Horrorfilm drehte – inszeniert die Beziehungsgeschichte der krankhaft fruchtbaren Frau und des zwanghaft fremdgängerischen Mannes im Stile eines extravaganten Naturalismus von bisweilen halluzinatorischer Qualität. Die Thematisierung zwischenmenschlicher Entfremdung, die satirische Verzerrung gesellschaftlicher Verhältnisse verraten Einflüsse von Antonioni und Fellini; Oswald Morris’ scharfsichtige Schwarzweißbilder, Georges Delerues elegischer Score, vor allem aber die außerordentlichen Leistungen der Schauspielerinnen und Schauspieler verleihen dieser ebenso originellen wie strapaziösen filmischen Betrachtung von Liebe und Sex, Bindungswunsch und Fluchtreflex, Normen und Neurosen ihre ganz eigentümliche Faszinationskraft.
R Jack Clayton B Harold Pinter V Penelope Mortimer K Oswald Morris M Georges Delerue A Edward Marshall S Jim Clark P James Woolf D Anne Bancroft, Peter Finch, James Mason, Janine Gray, Maggie Smith, Cedric Hardwicke | UK | 110 min | 1:1,85 | sw | 9. Mai 1964
# 1047 | 16. Februar 2017
Szenen einer Ehe in den Zeiten des Überflusses ... »My life is an empty place.« Diejenige, die das sagt, hat acht (!) Kindern von drei Vätern: Jo Armitage (Anne Bancroft), verheiratet mit Jake (Peter Finch), einem erfolgreichen Drehbuchautor, der jedem Rock hinterherläuft. »The Pumpkin Eater« (der Titel zitiert einen alten englischen Kinderreim: »Peter, Peter, pumpkin eater / Had a wife and couldn't keep her. / He put her in a pumpkin shell / And there he kept her very well«) verfolgt – von Harold Pinter nicht linear nacherzählt, sondern in erhellenden Rück- und Vorausblenden seziert – den Weg eines wohlhabenden Londoner Paares vom ersten Kennenlernen, durch Höhen und Tiefen, bis zur großen Krise (Höhepunkt: Jos theatralischer Nervenzusammenbruch im Kaufhaus Harrods), in der sich (für beide Partner) die Frage von Gehen oder Bleiben stellt. Regisseur Jack Clayton – der zuvor, mit jeweils großer formaler Finesse, eine düstere Sozialstudie und einen schauerromantischen Horrorfilm drehte – inszeniert die Beziehungsgeschichte der krankhaft fruchtbaren Frau und des zwanghaft fremdgängerischen Mannes im Stile eines extravaganten Naturalismus von bisweilen halluzinatorischer Qualität. Die Thematisierung zwischenmenschlicher Entfremdung, die satirische Verzerrung gesellschaftlicher Verhältnisse verraten Einflüsse von Antonioni und Fellini; Oswald Morris’ scharfsichtige Schwarzweißbilder, Georges Delerues elegischer Score, vor allem aber die außerordentlichen Leistungen der Schauspielerinnen und Schauspieler verleihen dieser ebenso originellen wie strapaziösen filmischen Betrachtung von Liebe und Sex, Bindungswunsch und Fluchtreflex, Normen und Neurosen ihre ganz eigentümliche Faszinationskraft.
R Jack Clayton B Harold Pinter V Penelope Mortimer K Oswald Morris M Georges Delerue A Edward Marshall S Jim Clark P James Woolf D Anne Bancroft, Peter Finch, James Mason, Janine Gray, Maggie Smith, Cedric Hardwicke | UK | 110 min | 1:1,85 | sw | 9. Mai 1964
# 1047 | 16. Februar 2017
30.4.64
Die Gruft mit dem Rätselschloß (Franz Josef Gottlieb, 1964)
Eine junge Australierin wird nach London geladen, um das Erbe jenes Mannes anzutreten, der einst ihren Vater ruinierte und in den Selbstmord trieb. Es ist das schlechte Gewissen, das den greisen Mr. Real (Rudolf Forster) dazu veranlaßt, sein an manipulierten Spieltischen erworbenes Vermögen in unschuldige Hände zu geben. Der (Pest-)Geruch des Geldes lockt freilich auch andere: die ehemaligen Komplizen des Alten, die sich von ihrem früheren Chef übervorteilt fühlen … Verhängnisvolle Maschinerien stehen im Mittelpunkt des Films (und des (begrenzten) gestalterischen Interesses von Regisseur Franz Josef Gottlieb): das menschenfressende Mahlwerk einer Windmühle sowie ein unterirdischer Safe in Gestalt eines gigantischen Spielautomaten, der für die habgierigen Zocker allerlei tödliche Überraschungen bereithält. Der rettende Scotland-Yard-Inspektor spielt in diesem (erzählerisch eher inkonsequenten) Edgar-Wallace-Jeu ausnahmsweise nur eine Nebenrolle; zu dieser Besonderheit paßt die Figur des charmant-zwielichtigen Protagonisten (Harald Leipnitz), der schließlich – im Konflikt zwischen erotischen und pekuniären Ambitionen – seinen Einsatz verspielt.
R Franz Josef Gottlieb B Robert A. Stemmle, Franz Josef Gottlieb V Edgar Wallace K Richard Angst M Peter Thomas A Wilhelm Vorweg, Walter Kutz S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Harald Leipnitz, Judith Dornys, Eddi Arent, Rudolf Forster, Werner Peters, Klaus Kinski | BRD | 89 min | 1:2,35 | sw | 30. April 1964
# 980 | 23. November 2015
R Franz Josef Gottlieb B Robert A. Stemmle, Franz Josef Gottlieb V Edgar Wallace K Richard Angst M Peter Thomas A Wilhelm Vorweg, Walter Kutz S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Harald Leipnitz, Judith Dornys, Eddi Arent, Rudolf Forster, Werner Peters, Klaus Kinski | BRD | 89 min | 1:2,35 | sw | 30. April 1964
# 980 | 23. November 2015
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Stemmle
23.4.64
Wartezimmer zum Jenseits (Alfred Vohrer, 1964)
Ein kühler, trister, fast schwermütiger Sonderling, dieser seltsam schöne Alfred-Vohrer-Film, ein leicht verschnittenes Krimi-Couture-Stück, weggehängt und vergessen zwischen geläufiger Wallace-Stangenware. James Hadley Chase lieferte die Vorlage: Es geht um ein Erpressersyndikat, das reichen Herren gegen Bezahlung das Leben läßt; Hildegard Knef spielt die unendlich traurige Organisatorin des Terrors, weltweit unterwegs im Auftrag eines gelähmten Hintermannes (erbarmungslos: Richard Münch), der als hochgeschätzter Marchese in einem Traumschloß an der Adria residiert; ein junger Mann (resolut: Götz George), dessen Onkel Opfer der Verbrecher wurde, will den Laden aufmischen … Es sind die Ultrascope-Bilder von ungerührter Klarheit (Kamera: Bruno Mondi), die melancholischen Klavierkaskaden (Musik: Martin Böttcher), die alabasterglänzenden Unterwelten (Bauten: Mathias Matthies & Ellen Schmidt), die dieses Ballett des Mißtrauens und des Verrats, diesen Thriller, der cool an der Grenze von rauhem Spät-Noir und barocker Mabuse-Phantastik wandelt, über den (deutschen) Genre-Durchschnitt heben – aber es ist die nicht erzählte Liebesgeschichte zwischen einer müden Frau und einem draufgängerischen Grünschnabel, die im Gedächtnis bleibt.
R Alfred Vohrer B Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius V James Hadley Chase K Bruno Mondi M Martin Böttcher A Mathias Matthies, Ellen Schmidt S Hermann Haller P Horst Wendlandt D Hildegard Knef, Götz George, Richard Münch, Pinkas Braun, Klaus Kinski | BRD | 90 min | 1:2,35 | sw | 23. April 1964
R Alfred Vohrer B Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius V James Hadley Chase K Bruno Mondi M Martin Böttcher A Mathias Matthies, Ellen Schmidt S Hermann Haller P Horst Wendlandt D Hildegard Knef, Götz George, Richard Münch, Pinkas Braun, Klaus Kinski | BRD | 90 min | 1:2,35 | sw | 23. April 1964
20.4.64
La peau douce (François Truffaut, 1964)
Die süße Haut
Der (schwache) Mann, die (temperamentvolle) Frau, die (zwanglose) Geliebte. Die (eingefahrene) Ehe, die (kurze) Affäre, der (plötzliche) Tod. Die Liebe? Eher nicht. – Im Mittelpunkt: Pierre Lachenay (Jean Desailly), ein homme de lettres, der Vorträge hält über Balzac und das Geld oder über die letzten Tage von André Gide, verheiratet, ein Kind. Er schlittert in ein hektisches Verhältnis mit der blond-unkomplizierten Stewardess Nicole (Françoise Dorléac), zu deren sorgloser Frische er sich so wenig bekennen kann, wie er sich zur Trennung von seiner brünett-blutvollen Gattin (Nelly Benedetti) entschließen mag. Pierre ist – sein Nachname deutet es an – lâche (= feige), ein Typ ohne Courage, der sich vor Entscheidungen drückt, bis andere (die Frauen) für ihn (und damit für sich selbst) die befreienden Entschlüsse fassen. In der Anlage ein Ehebruchs- und Eifersuchtsdrama, verarbeitet François Truffaut das banale fait divers zu einer klinisch-distanzierten, in eine Vielzahl von kurzen Eindrücken zerlegte Studie einer wüstenhaften männlichen Gefühlslandschaft: »La peau douce« konstatiert Symptome kommunikativer Impotenz bei gleichzeitig aufleuchtender intellektueller Brillanz, schildert das Nebeneinander von triebhafter Ziellosigkeit und dem Unvermögen, (eigene und fremde) Empfindungen zuzulassen oder zu begreifen. Das somnambule Leben des Protagonisten, für den ob seiner Indolenz keine Empathie, nicht einmal Mitleid, nur seelenkundliches Interesse aufkommt, endet gewaltsam beim Mittagessen im Restaurant – der finale Knalleffekt setzt den Schlußpunkt unter etwas, das nie wirklich begonnen hat.
R François Truffaut B François Truffaut, Jean-Louis Richard K Raoul Coutard M Georges Delerue S Claudine Bouché P François Truffaut D Jean Desailly, Françoise Dorléac, Nelly Benedetti, Daniel Ceccaldi, Laurence Badie | F | 119 min | 1:1,66 | sw | 20. April 1964
Der (schwache) Mann, die (temperamentvolle) Frau, die (zwanglose) Geliebte. Die (eingefahrene) Ehe, die (kurze) Affäre, der (plötzliche) Tod. Die Liebe? Eher nicht. – Im Mittelpunkt: Pierre Lachenay (Jean Desailly), ein homme de lettres, der Vorträge hält über Balzac und das Geld oder über die letzten Tage von André Gide, verheiratet, ein Kind. Er schlittert in ein hektisches Verhältnis mit der blond-unkomplizierten Stewardess Nicole (Françoise Dorléac), zu deren sorgloser Frische er sich so wenig bekennen kann, wie er sich zur Trennung von seiner brünett-blutvollen Gattin (Nelly Benedetti) entschließen mag. Pierre ist – sein Nachname deutet es an – lâche (= feige), ein Typ ohne Courage, der sich vor Entscheidungen drückt, bis andere (die Frauen) für ihn (und damit für sich selbst) die befreienden Entschlüsse fassen. In der Anlage ein Ehebruchs- und Eifersuchtsdrama, verarbeitet François Truffaut das banale fait divers zu einer klinisch-distanzierten, in eine Vielzahl von kurzen Eindrücken zerlegte Studie einer wüstenhaften männlichen Gefühlslandschaft: »La peau douce« konstatiert Symptome kommunikativer Impotenz bei gleichzeitig aufleuchtender intellektueller Brillanz, schildert das Nebeneinander von triebhafter Ziellosigkeit und dem Unvermögen, (eigene und fremde) Empfindungen zuzulassen oder zu begreifen. Das somnambule Leben des Protagonisten, für den ob seiner Indolenz keine Empathie, nicht einmal Mitleid, nur seelenkundliches Interesse aufkommt, endet gewaltsam beim Mittagessen im Restaurant – der finale Knalleffekt setzt den Schlußpunkt unter etwas, das nie wirklich begonnen hat.
R François Truffaut B François Truffaut, Jean-Louis Richard K Raoul Coutard M Georges Delerue S Claudine Bouché P François Truffaut D Jean Desailly, Françoise Dorléac, Nelly Benedetti, Daniel Ceccaldi, Laurence Badie | F | 119 min | 1:1,66 | sw | 20. April 1964
17.4.64
Černý Petr (Miloš Forman, 1964)
Der schwarze Peter
Für Petr (Ladislav Jakim), 17 Jahre alt, beginnt das Berufsleben in einem Lebensmittelgeschäft. Seine erste Aufgabe ist die Überwachung der hochgeschätzten, doch stets verdächtigen Kundschaft. Ein vermeintlicher Langfinger, den der Auszubildende durch die halbe Stadt verfolgt, erweist sich als guter Bekannter des Chefs, eine Diebin, die ihre Handtasche mit Bonbons füllt, läßt der Detektiv wider Willen gleichgültig laufen. Zuhause hält der rechthaberische Vater lange Vorträge über das Leben und wie es richtig zu leben sei, während die liebende Mutter mit passiv-repressiver Ausdauer die Forderung nach Gegenliebe erhebt. Miloš Forman zeigt die Welt, in die hineinzuwachsen jedermanns Bestimmung ist, als Bühne eines absurden Theaters, wo sich die Verunsicherung als Gewißheit tarnt und jede Hinwendung zum Vorwurf wird. Aber auch die Wirklichkeit der Jugendlichen – neben dem Protagonisten richtet Miloš Forman seinen Blick insbesondere auf Petrs Flamme Pavla sowie auf die beiden desorientiert-präpotenten Mauerlehrlinge Cenda und Zdenek – erscheint nicht als Himmel auf Erden, sondern als Sphäre der Verklemmung und der Aufschneiderei, der Unübersichtlichkeit und des (Selbst-)Zweifels. Ob im Schwimmbad oder auf der Sommerwiese, ob auf dem Tanzfest oder in der Wohnzimmergruft, überall zeigt Formans skizzenhafter Realismus – mit bissigem Witz und ironischer Anteilnahme –, wie schwer es fällt, sich nicht den schwarzen Peter zuschieben zu lassen.
R Miloš Forman B Miloš Forman, Jaroslav Papoušek K Jan Němeček M Jiří Šlitr A Karel Černý S Miroslav Hájek P Vladimír Bor, Jiří Šebor D Ladislav Jakim, Pavla Martínková, Jan Vostrčil, Božena Matušková, Vladimír Pucholt | CS | 85 min | 1:1,37 | sw | 17. April 1964
# 1172 | 18. August 2019
Für Petr (Ladislav Jakim), 17 Jahre alt, beginnt das Berufsleben in einem Lebensmittelgeschäft. Seine erste Aufgabe ist die Überwachung der hochgeschätzten, doch stets verdächtigen Kundschaft. Ein vermeintlicher Langfinger, den der Auszubildende durch die halbe Stadt verfolgt, erweist sich als guter Bekannter des Chefs, eine Diebin, die ihre Handtasche mit Bonbons füllt, läßt der Detektiv wider Willen gleichgültig laufen. Zuhause hält der rechthaberische Vater lange Vorträge über das Leben und wie es richtig zu leben sei, während die liebende Mutter mit passiv-repressiver Ausdauer die Forderung nach Gegenliebe erhebt. Miloš Forman zeigt die Welt, in die hineinzuwachsen jedermanns Bestimmung ist, als Bühne eines absurden Theaters, wo sich die Verunsicherung als Gewißheit tarnt und jede Hinwendung zum Vorwurf wird. Aber auch die Wirklichkeit der Jugendlichen – neben dem Protagonisten richtet Miloš Forman seinen Blick insbesondere auf Petrs Flamme Pavla sowie auf die beiden desorientiert-präpotenten Mauerlehrlinge Cenda und Zdenek – erscheint nicht als Himmel auf Erden, sondern als Sphäre der Verklemmung und der Aufschneiderei, der Unübersichtlichkeit und des (Selbst-)Zweifels. Ob im Schwimmbad oder auf der Sommerwiese, ob auf dem Tanzfest oder in der Wohnzimmergruft, überall zeigt Formans skizzenhafter Realismus – mit bissigem Witz und ironischer Anteilnahme –, wie schwer es fällt, sich nicht den schwarzen Peter zuschieben zu lassen.
R Miloš Forman B Miloš Forman, Jaroslav Papoušek K Jan Němeček M Jiří Šlitr A Karel Černý S Miroslav Hájek P Vladimír Bor, Jiří Šebor D Ladislav Jakim, Pavla Martínková, Jan Vostrčil, Božena Matušková, Vladimír Pucholt | CS | 85 min | 1:1,37 | sw | 17. April 1964
# 1172 | 18. August 2019
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Jugend,
Kleinstadt,
Komödie,
Satire
9.4.64
Die Tote von Beverly Hills (Michael Pfleghar, 1964)
»Tote sind auch nur Menschen.« Auf einem Hügel oberhalb von Los Angeles liegt eine junge Frau. Sie ist schön. Sie ist nackt. Sie wurde ermordet. Der Leichenfinder (Klausjürgen Wussow) und ein Detektiv (Wolfgang Neuss) gehen gemeinsam auf Mörderjagd. Aufschlüsse soll insbesondere das intime Tagebuch der Toten geben, das – im Gegensatz zum spröden Schwarzweiß der Krimi-Rahmenhandlung – als erotisch-verschnörkelter Lebensroman in Eastmancolor inszeniert ist: Lu (Heidelinde Weiss), als Halbwüchsige einem Wagner-Tenor verfallen, reifte, vom lüsternen Blick der Männer gleichermaßen verstört und erregt, zur koketten Nymphomanin, die einen schüchterne Seminaristen ebenso lässig um den Finger zu wickeln verstand wie einen betagten Altertumsforscher … Wollte sich Curt Goetz mit seinem (einzigen) Roman wohl vor allem einen (leicht onkelhaften) Jux auf schnulzige Bekenntnisliteratur und auf das Land seines (unfreiwilligen) Exils machen, liegt die Zielrichtung der Adaption restlos im Dunkeln: Michael Pfleghars überlange kalifornische Extravaganz wartet zwar mit einigen phantasmagorischen Show-Einfällen auf (ein Büro im luftigen Rohbau, eine mondäne Stehparty im Swimmingpool, Ausgrabungen mit dem Bulldozer), der (magere) filmische Witz beschränkt sich jedoch weitgehend auf Zeitraffer-Slapstick, Tricklinsen-Klimbim und furzkissenmäßige musikalische Kommentierung des Geschehens. Daß die Aufklärung des Verbrechens kaum interessiert, daß satirische Gesellschaftskritik nicht unbedingt auf der Agenda des eskapistischen Werks steht, mag zu verschmerzen sein, prekär erscheint allerdings die Ausstrahlung der Hauptdarstellerin, die bei allem Bemühen um sinnliche Fatalität eher an ein nett lächelndes ›Brigitte‹-Covergirl erinnert als an eine männerverhexende Lolita.
Die Tote von Beverly Hills | R Michael Pfleghar B Peter Laregh, Michael Pfleghar, Hansjürgen Pohland V Curt Goetz K Ernst Wild M Heinz Kiessling S Margot von Schlieffen P Hansjürgen Pohland D Heidelinde Weiss, Klausjürgen Wussow, Wolfgang Neuss, Ernst Fritz Fürbringer, Horst Frank | BRD | 110 min | 1:2,35 | sw & f | 9. April 1964
# 924 | 4. Dezember 2014
Die Tote von Beverly Hills | R Michael Pfleghar B Peter Laregh, Michael Pfleghar, Hansjürgen Pohland V Curt Goetz K Ernst Wild M Heinz Kiessling S Margot von Schlieffen P Hansjürgen Pohland D Heidelinde Weiss, Klausjürgen Wussow, Wolfgang Neuss, Ernst Fritz Fürbringer, Horst Frank | BRD | 110 min | 1:2,35 | sw & f | 9. April 1964
# 924 | 4. Dezember 2014
8.4.64
Paris – When It Sizzles (Richard Quine, 1964)
Zusammen in Paris
»It’s an action, suspense, romantic melodrama with lots of comedy, of course. And deep down underneath, a substrata of social comment.« In jenem glücklichen Paralleluniversum, wo die Filmproduzenten auf ihren Kostümfesten als Kaiser Nero auftreten, sehen die Drehbuchautoren aus wie Doubles von William Holden, schütten während ihrer »Arbeit« gallonenweise teure Spirituosen in sich hinein und leben nicht schlecht von der frechen Behauptung, schreiben zu können. Tippfräulein mit dem gefälligen Äußeren einer Audrey Hepburn bringen den stilvollen Unfug, der den vernebelten Hirnen der überbezahlten Szenaristen entspringt, übers Wochenende zu Papier – und anschließend wird der ganze Quatsch an den schönsten Orten dieser besseren Welt fröhlich auf Zelluloid gebannt. Die Hauptrollen solch angenehm nutzloser Werke spielen sympathische Säufer wie (richtig geraten!) William Holden und ewige Mädchen wie (wer sonst?) Audrey Hepburn; gut gelaunte Knallchargen wie Noël Coward und Tony Curtis tragen das ihre zum Gelingen solcher Unternehmungen bei, und Legenden wie Marlene Dietrich sind sich nicht zu schade, völlig grundlos durchs Bild zu stöckeln, solange man ihnen genug Geld hinterherwirft… »Paris – When It Sizzles« (ein Remake von Julien Duviviers flotter 14-juillet-Komödie »La fête à Henriette«) ist so ein blödsinniger Film – mit der Besonderheit vielleicht, daß er den Blödsinn nicht einfach abspult, sondern gleichzeitig selbstironisch und leichtherzig kommentiert.
R Richard Quine B George Axelrod K Charles Lang M Nelson Riddle A Jean d'Eaubonne S Archie Marshek P Richard Quine, George Axelrod D William Holden, Audrey Hepburn, Grégoire Aslan, Noël Coward, Tony Curtis, Marlene Dietrich | USA | 110 min | 1:1,85 | f | 8. April 1964
»It’s an action, suspense, romantic melodrama with lots of comedy, of course. And deep down underneath, a substrata of social comment.« In jenem glücklichen Paralleluniversum, wo die Filmproduzenten auf ihren Kostümfesten als Kaiser Nero auftreten, sehen die Drehbuchautoren aus wie Doubles von William Holden, schütten während ihrer »Arbeit« gallonenweise teure Spirituosen in sich hinein und leben nicht schlecht von der frechen Behauptung, schreiben zu können. Tippfräulein mit dem gefälligen Äußeren einer Audrey Hepburn bringen den stilvollen Unfug, der den vernebelten Hirnen der überbezahlten Szenaristen entspringt, übers Wochenende zu Papier – und anschließend wird der ganze Quatsch an den schönsten Orten dieser besseren Welt fröhlich auf Zelluloid gebannt. Die Hauptrollen solch angenehm nutzloser Werke spielen sympathische Säufer wie (richtig geraten!) William Holden und ewige Mädchen wie (wer sonst?) Audrey Hepburn; gut gelaunte Knallchargen wie Noël Coward und Tony Curtis tragen das ihre zum Gelingen solcher Unternehmungen bei, und Legenden wie Marlene Dietrich sind sich nicht zu schade, völlig grundlos durchs Bild zu stöckeln, solange man ihnen genug Geld hinterherwirft… »Paris – When It Sizzles« (ein Remake von Julien Duviviers flotter 14-juillet-Komödie »La fête à Henriette«) ist so ein blödsinniger Film – mit der Besonderheit vielleicht, daß er den Blödsinn nicht einfach abspult, sondern gleichzeitig selbstironisch und leichtherzig kommentiert.
R Richard Quine B George Axelrod K Charles Lang M Nelson Riddle A Jean d'Eaubonne S Archie Marshek P Richard Quine, George Axelrod D William Holden, Audrey Hepburn, Grégoire Aslan, Noël Coward, Tony Curtis, Marlene Dietrich | USA | 110 min | 1:1,85 | f | 8. April 1964
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Holden,
Komödie,
Paris,
Quine,
Romanze,
Schriftsteller
27.3.64
Kennwort: Reiher (Rudolf Jugert, 1964)
Belgien und Frankreich im Zweiten Weltkrieg: Eine Geheimorganisation schleust alliierte Soldaten quer durch die von der Wehrmacht besetzten Länder zur spanischen Grenze. Es ist weniger die äußere Bedrohung durch deutsche Verfolger, die Dramatik erzeugt, es sind vielmehr die Konflikte innerhalb des kleinen Fluchttrupps, die den Ton und die Bewegungen von Rudolf Jugerts Film bestimmen, die wachsenden Spannungen zwischen dem aufreizend gelassenen Anführer, Major Barton (Peter van Eyck), der suspekterweise die Sprache des Feindes spricht, und dem hochfahrenden Hektiker (Charles Hickman), dem schneidigen Abwehrmann (Geoffrey Toone) sowie dem anlehnungsbedürftigen Jungspund (Fritz Wepper), es sind die kalten Bilder unwirtlicher Winterlandschaften in der ersten Hälfte und die klaustrophische Enge eines Dachbodens, wo der zweite Teil von »Kennwort: Reiher« spielt, es sind die kleinen Dramolette an den diversen Stationen des gefahrvollen Weges, die Miniaturportraits, die gezeichnet werden – die Gebete des hasenfüßigen Pfarrers, der Genuß eines edlen Rotweins bei der Witwe mit den drei hübschen Töchtern, die tiefe Haßliebe zu allem Deutschen, die den alten Professor (Walter Rilla) beherrscht –, es ist das (bisweilen schwer erträgliche) Feldausgaben-Pathos des Reineckerschen Dialogs: »Verantwortung ist ein hartes Brot, das zu saurem Wein gegessen wird.« Das kalte, bedauernswert ehrliche Ende läßt einen Unschuldigen über die Klinge des falschen Verdachts springen und die hilflosen Zuschauer unfroh zurück.
R Rudolf Jugert B Herbert Reinecker V Charles Morgan K Wolf Wirth, Hans Jura M Rolf A. Wilhelm A Wolf Englert S Heidi Genée P Franz Seitz D Peter van Eyck, Maria Versini, Walter Rilla, Fritz Wepper, Charles Hickman | BRD | 97 min | 1: 1,66 | sw | 27. März 1964
R Rudolf Jugert B Herbert Reinecker V Charles Morgan K Wolf Wirth, Hans Jura M Rolf A. Wilhelm A Wolf Englert S Heidi Genée P Franz Seitz D Peter van Eyck, Maria Versini, Walter Rilla, Fritz Wepper, Charles Hickman | BRD | 97 min | 1: 1,66 | sw | 27. März 1964
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Jugert,
Krieg,
Militär,
Reinecker,
van Eyck,
Widerstand,
Zweiter Weltkrieg
20.3.64
Weiße Fracht für Hongkong (Helmuth Ashley, 1964)
Zahlreiche kriminelle Schlitzaugen treiben in Helmuth Ashleys kunterbunter Heftchen-Chinoiserie ihr Unwesen, doch der wahre Schurke des Stücks ist weiß: Robert Perkins, der äußerlich so achtbare Transportunternehmer, agiert nicht nur als »Nummer 1« eines weitverzweigten Heroinschmugglerrings (dessen »Chef« sich bis fast zum Schluß des Films in genreübliche Unsichtbarkeit hüllt), er macht auch krumme Geschäfte auf Kosten der eigenen Spießgesellen. Horst Frank spielt den tückischen Erzhalunken mit kalt lächelnder Abgebrühtheit, mit infam grinsender Lust am Bösen. Hongkong erscheint als fotogen-geläufige Groschenheft-Kulisse: Klaus von Rautenfelds elegante Ultrascope-Kamera setzt in der Schablonenexotik der Nachtbars und Dschunken, der Geheimverliese und Trödelläden immer wieder leuchtend rote Akzente der Gefahr, während »schöne Frauen und mutige Männer« (unter anderem Maria Perschy als verfolgte Unschuld sowie Dietmar Schönherr und Brad Harris als couragierte Söldnerpiloten) in blutig-klamottige »Abenteuer auf Leben und Tod« verwickelt werden.
R Helmuth Ashley B Werner P. Zibaso K Klaus von Rautenfeld M Willy Mattes A Hans Berthel S Herbert Taschner P Wolf C. Hartwig D Horst Frank, Dietmar Schönherr, Brad Harris, Maria Perschy, Philippe Lemaire | BRD & F & I | 90 min | 1:2,35 | f | 20. März 1964
# 839 | 23. Februar 2014
R Helmuth Ashley B Werner P. Zibaso K Klaus von Rautenfeld M Willy Mattes A Hans Berthel S Herbert Taschner P Wolf C. Hartwig D Horst Frank, Dietmar Schönherr, Brad Harris, Maria Perschy, Philippe Lemaire | BRD & F & I | 90 min | 1:2,35 | f | 20. März 1964
# 839 | 23. Februar 2014
The Pink Panther (Blake Edwards, 1964)
Der rosarote Panther
Paris, Rom, Cortina d’Ampezzo … Diamanten, Pelze, (Après-)Ski … eine steinreiche Prinzessin (Claudia Cardinale), ein kultivierter Gentleman-Dieb (David Niven), ein hartnäckiger Ermittler (Peter Sellers). Blake Edwards mixt mit »The Pink Panther« einen perfekten Cocktail aus fein moussierender Romantik, lässiger sophistication, abgezirkelter Komik, schafft eine delikate Synthese aus cooler Musik, coolen Bildern, coolem Habitus – und mehr: Der surreale Einbruch des (selbst-)zerstörerischen Wahnsinns (in Gestalt des scheinbar unscheinbaren Inspektor Clouseau) in die sorglos-stilvolle Welt der happy few, wo Kriminalität als amüsanter Zeitvertreib unter gleichgestimmten Connaisseuren betrieben wird, veredelt die brillante High-Society-Komödie mittels physischer (und sozialer) Paradoxien unversehens zur formvollendeten Nonsense-Analyse gesellschaftlicher Zustände: Der (ziemlich kleinbürgerliche) Vertreter der Wahrheit erscheint als ehrlicher Dummer, als spektakulärer Pausenclown, der die lasterhaften Schönen und Reichen zwar intuitiv durchschaut, ihrem ruchlosen Treiben aber letztlich nicht beikommen kann. PS: »Where is my Sûreté-Scotland-Yard-type mackintosh?«
R Blake Edwards B Maurice Richlin, Blake Edwards K Philip H. Lathrop M Henry Mancini A Fernando Carrere S Ralph E. Winters P Martin Jurow D David Niven, Peter Sellers, Claudia Cardinale, Capucine, Robert Wagner | USA | 113 min | 1:2,35 | f | 20. März 1964
Paris, Rom, Cortina d’Ampezzo … Diamanten, Pelze, (Après-)Ski … eine steinreiche Prinzessin (Claudia Cardinale), ein kultivierter Gentleman-Dieb (David Niven), ein hartnäckiger Ermittler (Peter Sellers). Blake Edwards mixt mit »The Pink Panther« einen perfekten Cocktail aus fein moussierender Romantik, lässiger sophistication, abgezirkelter Komik, schafft eine delikate Synthese aus cooler Musik, coolen Bildern, coolem Habitus – und mehr: Der surreale Einbruch des (selbst-)zerstörerischen Wahnsinns (in Gestalt des scheinbar unscheinbaren Inspektor Clouseau) in die sorglos-stilvolle Welt der happy few, wo Kriminalität als amüsanter Zeitvertreib unter gleichgestimmten Connaisseuren betrieben wird, veredelt die brillante High-Society-Komödie mittels physischer (und sozialer) Paradoxien unversehens zur formvollendeten Nonsense-Analyse gesellschaftlicher Zustände: Der (ziemlich kleinbürgerliche) Vertreter der Wahrheit erscheint als ehrlicher Dummer, als spektakulärer Pausenclown, der die lasterhaften Schönen und Reichen zwar intuitiv durchschaut, ihrem ruchlosen Treiben aber letztlich nicht beikommen kann. PS: »Where is my Sûreté-Scotland-Yard-type mackintosh?«
R Blake Edwards B Maurice Richlin, Blake Edwards K Philip H. Lathrop M Henry Mancini A Fernando Carrere S Ralph E. Winters P Martin Jurow D David Niven, Peter Sellers, Claudia Cardinale, Capucine, Robert Wagner | USA | 113 min | 1:2,35 | f | 20. März 1964
14.3.64
Sei donne per l’assassino (Mario Bava, 1964)
Blutige Seide
Mario Bavas exquisites Killer-Thriller-Kunstprodukt schickt die gesamte weibliche Belegschaft des vornehmen römischen Modehauses ›Christiana‹ in den Orkus. Der maskierte Mörder beweist dabei eine bemerkenswert morbide Phantasie: Die hübschen Mannequins werden wahlweise in der häuslichen Badewanne ersäuft, mit der dornenbewehrten Pranke einer mittelalterlichen Rüstung erschlagen oder gegen einen glühenden Ofen gedrückt. Wenn auch »Sei donne per l'assassino« erzählerisch kaum mehr bietet denn einen solide konstruierten Whodunit (mit recht hämischer Auflösung), zeigen die brutale Eleganz der Regie, die labyrinthisch-barocken Szenerien und insbesondere die psychedelische Farbdramaturgie Bava auf dem Höhepunkt seiner Meisterschaft als Verfertiger sublimer Trivialitäten.
R Mario Bava B Marcello Fondato, Giuseppe Barilla, Mario Bava K Ubaldo Terzano M Carlo Rustichelli A Arrigo Breschi S Mario Serandrei P Alfredo Mirabile, Massimo Patrizi D Cameron Mitchell, Eva Bartok, Thomas Reiner, Ariana Gorini, Dante DiPaolo | I & F | 88 min | 1:1,85 | f | 14. März 1964
Mario Bavas exquisites Killer-Thriller-Kunstprodukt schickt die gesamte weibliche Belegschaft des vornehmen römischen Modehauses ›Christiana‹ in den Orkus. Der maskierte Mörder beweist dabei eine bemerkenswert morbide Phantasie: Die hübschen Mannequins werden wahlweise in der häuslichen Badewanne ersäuft, mit der dornenbewehrten Pranke einer mittelalterlichen Rüstung erschlagen oder gegen einen glühenden Ofen gedrückt. Wenn auch »Sei donne per l'assassino« erzählerisch kaum mehr bietet denn einen solide konstruierten Whodunit (mit recht hämischer Auflösung), zeigen die brutale Eleganz der Regie, die labyrinthisch-barocken Szenerien und insbesondere die psychedelische Farbdramaturgie Bava auf dem Höhepunkt seiner Meisterschaft als Verfertiger sublimer Trivialitäten.
R Mario Bava B Marcello Fondato, Giuseppe Barilla, Mario Bava K Ubaldo Terzano M Carlo Rustichelli A Arrigo Breschi S Mario Serandrei P Alfredo Mirabile, Massimo Patrizi D Cameron Mitchell, Eva Bartok, Thomas Reiner, Ariana Gorini, Dante DiPaolo | I & F | 88 min | 1:1,85 | f | 14. März 1964
4.3.64
Le journal d’une femme de chambre (Luis Buñuel, 1964)
Tagebuch einer Kammerzofe
»J’aime l’armée, la religion, l’ordre, ma patrie surtout. Un bandit aimerait tout ça?« Célestine (Jeanne Moreau) reist mit der Bahn von Paris in die nordfranzösische Provinz, um bei der landadeligen Familie Monteil in Stellung zu gehen. Mit kühler, ironisch gefärbter Objektivität registriert die Bedienstete ihre neue Umgebung: Madame, frustriert und frigide, beargwöhnt Monsieur, der jedem Rock hinterherhechelt, unterdes der betagte Patriarch seinem Fetisch für Schnürstiefel frönt und der viril-sadistische Kutscher, voller Haß auf alles Fremde, chauvinistische Pamphlete verfaßt. Es ist eine bigotte, graue, feindselige, eine bei allem Sauberkeitsfimmel zutiefst schmutzige Welt, die Luis Buñuel durch die Augen der scharfblickenden Kammerzofe betrachtet, eine Welt, in der Schmetterlinge erschossen werden und Schnecken über die Beine lustgemordeter Mädchen kriechen. Daß Célestine letztlich per Heirat zum Mitglied der depravierten Gesellschaft aufsteigt, kann als kapitulative Resignation oder als konsequente Ausnutzung von Möglichkeiten begriffen werden. Indem Buñuel seine Adaption des zur Jahrhundertwende erschienenen Romans von Octave Mirbeau in die frühen 1930er Jahre verlegt, interpretiert er die herrschende bürgerliche Gesinnung, eine ungute Mischung aus selbstmitleidiger Verbitterung und mörderischer Aggression, als (eine) Triebkraft des heraufziehenden Faschismus.
R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière V Octave Mirbeau K Roger Fellous A Georges Wakhévitch S Louisette Hautecœur P Serge Silberman, Michel Safra D Jeanne Moreau, Georges Géret, Michel Piccoli, Françoise Lugagne, Jean Ozenne | F & I | 101 min | 1:2,35 | sw | 4. März 1964
# 1028 | 6. Oktober 2016
»J’aime l’armée, la religion, l’ordre, ma patrie surtout. Un bandit aimerait tout ça?« Célestine (Jeanne Moreau) reist mit der Bahn von Paris in die nordfranzösische Provinz, um bei der landadeligen Familie Monteil in Stellung zu gehen. Mit kühler, ironisch gefärbter Objektivität registriert die Bedienstete ihre neue Umgebung: Madame, frustriert und frigide, beargwöhnt Monsieur, der jedem Rock hinterherhechelt, unterdes der betagte Patriarch seinem Fetisch für Schnürstiefel frönt und der viril-sadistische Kutscher, voller Haß auf alles Fremde, chauvinistische Pamphlete verfaßt. Es ist eine bigotte, graue, feindselige, eine bei allem Sauberkeitsfimmel zutiefst schmutzige Welt, die Luis Buñuel durch die Augen der scharfblickenden Kammerzofe betrachtet, eine Welt, in der Schmetterlinge erschossen werden und Schnecken über die Beine lustgemordeter Mädchen kriechen. Daß Célestine letztlich per Heirat zum Mitglied der depravierten Gesellschaft aufsteigt, kann als kapitulative Resignation oder als konsequente Ausnutzung von Möglichkeiten begriffen werden. Indem Buñuel seine Adaption des zur Jahrhundertwende erschienenen Romans von Octave Mirbeau in die frühen 1930er Jahre verlegt, interpretiert er die herrschende bürgerliche Gesinnung, eine ungute Mischung aus selbstmitleidiger Verbitterung und mörderischer Aggression, als (eine) Triebkraft des heraufziehenden Faschismus.
R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière V Octave Mirbeau K Roger Fellous A Georges Wakhévitch S Louisette Hautecœur P Serge Silberman, Michel Safra D Jeanne Moreau, Georges Géret, Michel Piccoli, Françoise Lugagne, Jean Ozenne | F & I | 101 min | 1:2,35 | sw | 4. März 1964
# 1028 | 6. Oktober 2016
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1.3.64
Murder Most Foul (George Pollock, 1964)
Vier Frauen und ein Mord
»Murder most foul as in the best it is / But this most foul, strange and unnatural.« Miss Marple (Margaret Rutherford – who else?) als zwölfte Geschworene in einem Mordprozeß und (natürlich) klüger als der Rest der Jury: Daß der Angeklagte direkt neben der Strangulierten und einem großen Haufen Pfundnoten ertappt wurde, überzeugt die gewitzte Alte längstens nicht von dessen Schuld. Sie gräbt tiefer und stellt den wahren Täter, indem sie als Schauspielerin bei einer Wanderbühne anheuert, wo einstmals auch das Opfer auf den klapprigen Brettern stand, die angeblich die Welt bedeuten. Einmal mehr betrachtet George Pollock Mord nicht gerade »as one of the fine arts«, destilliert aber – vor allem Dank seiner exzentrischen Darsteller – gehobene Unterhaltung aus den Verwicklungen und Bluttaten rund um die kombinatorisch hochbegabte Seniorin.
R George Pollock B David Pursall, Jack Seddon V Agatha Christie K Desmond Dickinson M Ron Goodwin A Frank White S Ernest Walter P Ben Arbeid D Margaret Rutherford, Ron Moody, Charles Tingwell, Andrew Cruickshank, Dennis Price | UK | 90 min | 1:1,66 | sw | 1. März 1964
»Murder most foul as in the best it is / But this most foul, strange and unnatural.« Miss Marple (Margaret Rutherford – who else?) als zwölfte Geschworene in einem Mordprozeß und (natürlich) klüger als der Rest der Jury: Daß der Angeklagte direkt neben der Strangulierten und einem großen Haufen Pfundnoten ertappt wurde, überzeugt die gewitzte Alte längstens nicht von dessen Schuld. Sie gräbt tiefer und stellt den wahren Täter, indem sie als Schauspielerin bei einer Wanderbühne anheuert, wo einstmals auch das Opfer auf den klapprigen Brettern stand, die angeblich die Welt bedeuten. Einmal mehr betrachtet George Pollock Mord nicht gerade »as one of the fine arts«, destilliert aber – vor allem Dank seiner exzentrischen Darsteller – gehobene Unterhaltung aus den Verwicklungen und Bluttaten rund um die kombinatorisch hochbegabte Seniorin.
R George Pollock B David Pursall, Jack Seddon V Agatha Christie K Desmond Dickinson M Ron Goodwin A Frank White S Ernest Walter P Ben Arbeid D Margaret Rutherford, Ron Moody, Charles Tingwell, Andrew Cruickshank, Dennis Price | UK | 90 min | 1:1,66 | sw | 1. März 1964
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Rutherford
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