29.6.61

Goodbye Again (Anatole Litvak, 1961)

Lieben Sie Brahms?

»Goodbye Again« erzählt aus dem Leben einer sehnsüchtigen Frau von 40 Jahren (Ingrid Bergman), die sich nicht traut, an die wahre Liebe in Gestalt eines stürmischen Mittzwanzigers (Anthony Perkins) zu glauben, und stattdessen an der Seite ihres alerten, flatterhaften longtime companion (Yves Montand) verbittern wird. Die Romanvorlage von Françoise Sagan (»Aimez-vous Brahms?«) berührt durch knappe, kühle Melancholie, Anatole Litvaks Adaption buchstabiert den tristen Pariser Dreier melodramatisch aus: feuchte Augen (Bergman), überspanntes Lachen (Perkins), demonstrative Dackelfalten (Montand). Auch wenn Alexandre Trauner (Bauten), Georges Auric (Musik), Armand Thirard (Kamera) und der supporting cast (unter anderem Jessie Royce Landis als spleenige Mutter – was sonst?) vorzügliche Arbeit leisten, ist das Ganze weniger als die Summe seiner Teile. »It’s farewell and goodbye again, my love.«

R Anatole Litvak B Samuel A. Taylor V Françoise Sagan K Armand Thirard M Georges Auric A Alexandre Trauner S Bert Bates P Anatole Litvak D Ingrid Bergman, Yves Montand, Anthony Perkins, Jessie Royce Landis, Pierre Dux | USA & F | 120 min | 1:1,66 | sw | 29. Juni 1961

28.6.61

The Ladies Man (Jerry Lewis, 1961)

Zu heiß gebadet | Ich bin noch zu haben 

»Boy, what a little imagination can do!« Schnöde verlassen von seiner hübschen jungen Braut, schwört der nette College-Absolvent Herbert H. (= Herbert) Heebert (Jerry Lewis) sowohl seiner Heimatstadt Milltown, New Jersey (»a very nervous little community«), als auch der Damenwelt ab und geht nach Westen. In Holly­wood, California, tritt der tief traumatisierte Mann eine Stelle als Mädchen für alles im boarding house der Ex-Operndiva Mrs. Wellenmellon an. Was Herbert Herbert zunächst nicht weiß: Die exklusiven Pension beherbergt ausschließ­lich hübsche junge Frauen … Auch in seinem Regie-Zweitling reiht Lewis eine (ziemlich) zusammenhanglose Folge von (mehr oder weniger) witzigen Szenen und körpersprachlichen Exzessen aneinander; und wie in »The Bellboy« steht eine überwältigende Architektur im Zentrum der Inszenierung: Ein mehrstöckiges Puppenhaus (mit Treppen und Galerien, mit Fahrstuhl und Dutzenden von plüschigen Salons), ein Märchenschloß der Kinophantasie (inklusive eines verbotenen Zimmers) übernimmt die eigentliche Hauptrolle, bietet Raum für schrullige Choreographien, gewährt hinreißende Ein-, Aus-, An- und Durchblicke (und verwandelt sich sogar in ein Live-Fernsehstudio). Lewis, an der Erkundung der Geschlechterordnung kaum interessiert (nicht einmal im Hinblick auf deren komödiantische Möglichkeiten), gesteht den Puppen seines Spiels bestenfalls karikatureske Persönlichkeit zu, wartet dafür mit einer gefühligen Schlußmoral auf: »Nice persons are needed everywhere.«

R Jerry Lewis B Jerry Lewis, Bill Richmond K W. Wallace Kelley M Walter Scharf A Hal Pereira, Ross Bellah S Stanley Johnson P Jerry Lewis D Jerry Lewis, Kathleen Freeman, Helen Traubel, Pat Stanley, George Raft | USA | 95 min | 1:1,85 | f | 28. Juni 1961

# 790 | 4. November 2013

25.6.61

L'année dernière à Marienbad (Alain Resnais, 1961)

Letztes Jahr in Marienbad

»Laissez-moi, je vous supplie!« Ein Trugschloß. Ein Irrgarten. Darin ein Dreieck: sie (›A‹) und zwei Männer (›X‹ & ›M‹). Der eine ist möglicherweise ihr Mann, dem anderen begegnete sie eventuell letztes Jahr in Marienbad und versprach gegebenenfalls, mit ihm fortzugehen. Kino als ein »Vielleicht« in endlosen Variationen, als verschnörkeltes Durchspielen von (Un-)Möglichkeiten, als Verschlüsselung einer (unbekannten) Botschaft, als kühles Rätsel ohne Lösung, als Labyrinth ohne Eingang und Ausgang. Kino ohne Trennung von Wirklichkeit, Traum und (Wunsch-)Vorstellung, ohne Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ohne Gewißheit, ohne Möglichkeit der Orientierung. Kino als verwinkelter Korridor durch Raum und Zeit, als mäandrierender Sound, als Puzzle der (behaupteten) Erinnerungen, als barockes Theater der Starre, der Posen, des Geheimnisses. Dies alles in gestochen scharfen, ultrafiktiven, bald fließend bewegten, bald zu Tode gefrorenen Dyaliscope-Bildern (Kamera: Sacha Vierny) über einem feierlichen, weit ausgelegten Orgeltonteppich (Musik: Francis Seyrig). Die beiden Alains – Resnais (Regie) und Robbe-Grillet (Buch) – spielen ein Spiel mit dem Zuschauer, das dieser nicht gewinnen kann – aber (wenn er sich nicht frustrieren läßt) gerade deshalb immer wieder zu spielen beginnt: ein Spiel um Leere und Fülle, Versuch und Irrtum, Erinnern und Vergessen, alles und nichts. »Auf den ersten Blick schien es unmöglich, sich darin verlieren zu können … auf den ersten Blick.«

R Alain Resnais B Alain Robbe-Grillet K Sacha Vierny M Francis Seyrig A Jacques Saulnier S Henri Colpi, Jasmine Chasney P Pierre Courau, Raymond Froment D Delphine Seyrig, Giorgio Albertazzi, Sacha Pitoëff | F & I | 94 min | 1:2,35 | sw | 25. Juni 1961

24.6.61

Die Ehe des Herrn Mississippi (Kurt Hoffmann, 1961)

»Die Welt muß geändert werden.« Angelegt als schwarze Komödie über die Abgründe des Idealismus, präsentiert (und konfrontiert) Friedrich Dürrenmatts freie Adaption des eigenen Schauspiels eine Reihe von bühnengestaltgewordenen Motiven: das himmlische (≈ gnadenlose) Gesetz, die irdische (≈ repressive) Gerechtigkeit, den edelmütigen (≈ einfältigen) Humanismus, den undogmatischen (≈ zynischen) Pragmatismus, den instinktiven (≈ amoralischen) Lebenswillen. Verkörpert werden diese ethischen und sozialen Prinzipien von einem Generalstaatsanwalt und einem Berufsrevolutionär (beide begannen ihre Karriere als Angestellte im Bordell), von einem Arzt und einem Politiker, sowie von einer Dame der Gesellschaft. Preziöse, mit spöttischer Distanz vorgetragene Dialoge, absurd zugespitzte Verwicklungen, plakative Kabaretteffekte, ein synthetisch-symbolischer Handlungsort (»Europa-City«) betonen lehrhafte Tendenz und allgemeine Gültigkeit der gesellschaftskritisch-misanthropischen Staatsposse, die mit dem Triumph des gesinnungslosen Machtbewußtseins endet. Kurt Hoffmanns Neigung zum Spieluhrenhaft-Gespreizten kommt der betonten Künstlichkeit des Stücks durchaus entgegen, die politische Erkenntnisschärfe geht jedoch in der zwischen Komplexität und Konfusion schlingernden Dramaturgie dieser satirisch-melodramatischen Farce weitgehend verloren.

R Kurt Hoffmann B Friedrich Dürrenmatt V Friedrich Dürrenmatt K Sven Nykvist M Hans-Martin Majewski A Otto Pischinger, Hertha Hareiter S Hermann Haller P Lazar Wechsler, Artur Brauner D O. E. Hasse, Johanna von Koczian, Charles Regnier, Martin Held, Hansjörg Felmy | CH & BRD | 95 min | 1:1,66 | sw | 24. Juni 1961

# 928 | 3. Januar 2015

20.5.61

Tschistjoje nebo (Grigori Tschuchrai, 1961)

Klarer Himmel

Geschichte einer Liebe in den Zeiten der roten Finsternis: Die schwärmerische Sascha (Nina Dobrischewa wirkt mitunter wie eine russische Giulietta Masina) verehrt das kühne Fliegeras Alexei (Jewgeni Urbanski). Der Große Vaterländische Krieg hat schon begonnen, als die beiden ein Paar werden. Ihnen bleiben nur wenige Tage des Glücks: Alexei kommt von einem Feindflug nicht zurück. Sascha fügt sich in ihr Witwenlos, bis der Totgeglaubte eines Tages vor der Tür steht. Der Heimkehrer ist zweifach gezeichnet: von einer tiefen Narbe quer durchs Gesicht und von der Schande, die deutsche Gefangenschaft überlebt zu haben. Im real-existierenden Stalinismus des Nachkriegs gilt Alexei als Verräter, der weder Pilot noch Kommunist sein darf. Erlösung bringt erst der Tod des Diktators. Die Wolken brechen auf. Das Eis schmilzt. Tauwetter … »Tschistjoje nebo«, eine expressiv fotografierte Schicksalssymphonie in Rückblenden, spart weder mit politischer Melodramatik noch mit visuellen Symbolismen. Vor allem im zweiten Teil des Films inszeniert Grigori Tschuchrai die Stalinsche Ära als ewigen Winter des Duckertums, dem Freude und Hoffnung nur mit größter Mühe abzutrotzen sind, als tristes Schattenreich der Willkür, wo zu Unrecht Angeklagte an ihre fiktive »Schuld« glauben, um den Verstand nicht zu verlieren. Auch wenn Alexei (der seine Rehabilitierung mit versteinerter Miene zur Kenntnis nimmt) sich wieder in die Lüfte erheben wird, zeigt Tschuchrai den Einzelnen nicht als Herrn und Helden der Geschichte sondern als deren Knecht und Opfer: Schrecken und Heil kommen und gehen wie die Jahreszeiten. Was bleibt, ist zuversichtlicher Fatalismus.

R Grigori Tschuchrai B Daniil Chabrowitski K Sergei Polujanow M Michail Siw A Boris Nemetschek S Marija Timofejewa P Mosfilm D Nina Dobrischewa, Jewgeni Urbanski, Natalja Kusmina, Witali Konjajew, Grigori Kulikow | SU | 110 min | 1:1,37 | f | 20. Mai 1961

13.4.61

Schwarzer Kies (Helmut Käutner, 1961)

»Früher war es ein Kuhstall, jetzt ist es ein Saustall.« Das Dorf Sohnen im Hunsrück: 250 bundesdeutsche Seelen, daneben die 6000 Mann eines amerikanischen Jagdbomber-Stützpunkts. Tagsüber wird der Untergrund für eine weitere Startbahn der Airbase geschüttet, nachts verschiebt man gestohlenen Kies oder vergnügt sich fraternisierend in der Atlantic Bar. Die Provinz, in der Helmut Käutner sein krawalliges Sittenbild – eine wirkungsvolle Mischung aus Noir-Melodram und B-Thriller mit Westernanklängen – ansiedelt, wird von den dunklen Wolken der Weltpolitik ebenso verschattet wie von Gier und Eigennutz, Stupfsinn und Einsamkeit der zusammengewürfelten Bewohnerschaft. Die Hauptrolle des desillusionierten Kraftfahrers Robert Neidhardt hat Käutner mit Helmut Wildt besetzt, einem kantigen, sinnlichen Typen, der deutschen Ausgabe eines Jeff Chandler (»Ten Seconds to Hell«) oder eines Yves Montand (»Le salair de la peur«); ihm gegenüber: Ingmar Zeisberg als Gattin eines US-Offiziers, deren Wunsch nach Sicherheit und Ruhe auf frustrierende Weise in Erfüllung gegangen ist. Träume von einem besseren Leben führen aus dieser Endstation, wo jeder nur seinen Schnitt machen will und das erste Bumslokal am Platze von einem Holocaust-Überlebenden betrieben wird, nicht hinaus: Unter dem Dröhnen der Düsenjäger, begleitet vom Getöse der Jukebox wird im schwarzen Kiesbett der neuen Piste nicht nur ein toter Hund begraben.

R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Walter Ulbrich K Heinz Pehlke M diverse A Gabriel Pellon S Klaus Dudenhöfer P Walter Ulbrich D Helmut Wildt, Ingmar Zeisberg, Anita Höfer, Hans Cossy, Wolfgang Büttner | BRD | 117 min | 1:1,66 | sw | 13. April 1961

# 985 | 4. Februar 2016

31.3.61

Pleins feux sur l’assassin (Georges Franju, 1961)

Der Mitternachtsmörder 

»Mais où sont les funérailles d’antan?« Als er fühlt, daß es mit ihm zu Ende geht, legt der alte comte de Kéraudren (Pierre Brasseur) das Gewand eines Malteser-Ritters an, setzt sich in seinen geheimen Wandschrank und stirbt. Hinter einer Spiegelscheibe verborgen, beobachtet der Tote das weitere Geschehen: Solange die Leiche des Grafen verschwunden ist, können die Hinterbliebenen (unter ihnen Jean-Louis Trintignant als vorwitziger Medizinstudent und Marianne Koch als herb-sinnliche deutsche Cousine) ihr Erbe nicht antreten; während der Wartezeit schrumpft der Kreis der Anwärter auf das gräfliche Vermögen erheblich … Es ist nicht der von Boileau-Narcejac nachlässig konstruierte Zehn-kleine-Negerlein-Krimi, der Georges Franju interessiert (keiner der zahlreichen Todesfälle zieht polizeiliche Ermittlungen nach sich!), es sind vielmehr die Kulisse eines spitztürmig-verwinkelten Märchenschlosses, das Gemisch aus nachtwandlerischem Schattentheater und makabrem Schicksalsspiel voller Stimmenhören und Vogelgeflatter, die »Pleins feux sur l’assassin« ein eigentümlich schwarzes (und schwarzhumoriges) Kolorit verleihen. Halluzinatorische Qualität entwickelt der Film, wenn die mittelalterliche Familienlegende vom eifersüchtigen Ritter und seinem ungetreuen Weib mittels moderner Technik als publikumswirksames son-et-lumière-Spektakel im Schloßhof nachinszeniert wird (die verhinderten Erben brauchen Geld!): Einst und Jetzt fließen wie im Traum zusammen, bis die Gegenwart tödlich aus der Vergangenheit hervorbricht …

R Georges Franju B Pierre Boileau, Thomas Narcejac, Robert Thomas, Georges Franju K Marcel Fradetal M Maurice Jarre A Roger Briaucourt S Gilbert Natot P Jules Borkon D Jean-Louis Trintignant, Marianne Koch, Philippe Leroy, Dany Saval, Pierre Brasseur | F | 95 min | 1:1,37 | sw | 31. März 1961

28.3.61

Die toten Augen von London (Alfred Vohrer, 1961)

»Ist es wahr, daß die Mortadella von Blinden gemacht wird?« fragte einst der Surrealist Benjamin Péret. »Die toten Augen von London« gibt hierauf keine Antwort – in Alfred Vohrers nebeldurchzogener erster Edgar-Wallace-Adaption beschäftigen sich die Blinden (unter ihnen Ady Berber, der österreichische Tor Johnson) nicht mit der Herstellung schmackhafter Wurstwaren sondern, im Auftrag geldgieriger Hintermänner, mit der gewinnbringenden Ersäufung reicher älterer Herren. Neben dem effektsicheren Regisseur geben auch Klaus Kinski (als dubioser Sekretär mit dunkler Vergangenheit und verspiegelter Sonnenbrille) sowie Kameramann Karl Löb, der wie kaum ein anderer deutscher Bildformulierer der 1960er Jahre das reißerische Helldunkel des Vulgärexpressionismus zu forcieren weiß, ihr erfreuliches Reihendebüt. Dazu: Karin Baal als blonde Unschuld, Wolfgang Lukschy als sinistrer Versicherungsmakler und der schrecklich integre Dieter Borsche als (sich selbst) wohlwollender Reverend.

R Alfred Vohrer B Trygve Larsen (= Egon Eis) V Edgar Wallace K Karl Löb M Heinz Funk A Matthias Matthies, Ellen Schmidt, Siegfried Mews S Ira Oberberg P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Karin Baal, Dieter Borsche, Wolfgang Lukschy, Klaus Kinski | BRD | 99 min | 1:1,66 | f | 28. März 1961

17.3.61

Les godelureaux (Claude Chabrol, 1961)

Speisekarte der Liebe

Eine hysterische Gesellschaftsfarce, eine absurde Rachekomödie, ein nutzloser Film über nutzlose Menschen … Es beginnt eines schönen Tages auf dem boulevard Saint-Germain. Arthur (Charles Belmont) und seine Bande kommen mit ihrem Oldtimer angerauscht und finden den angestammten Parkplatz vor dem café de Flore besetzt. Der dort unstatthaft abgestellte Sportwagen wird kurzerhand weggetragen. Dessen Besitzer Ronald (Jean-Claude Brialy) schwört – »bei Satan!« – Vergeltung für den erlittenen Insult. Die übermütige Ambroisine (Bernadette Lafont) dient ihm als Werkzeug … Claude Chabrol persifliert Robert Bressons moralische Erzählung »Les dames de bois de Boulogne« als nihilistische Groteske der besitzenden Klasse: Die indiskret-uncharmante Pariser Bourgeoisie erscheint als Hort des galoppierenden Stumpfsinns und der freudlosen Dekadenz. Die ›godelureaux‹ (≈ geckenhafte Verführer) sind traurige Spaßvögel, die Stinkbomben werfen, Juckpulver verstreuen, Wohltätigkeitsveranstaltungen aufmischen und vor allem: Gefühle manipuieren, unterminieren, destruieren. Immer wieder (etwa indem er eine neo-römische (Zerstörungs-)Orgie mit einem gutbürgerlichen Abendessen parallelschneidet) weist Chabrol darauf hin, daß fiebriger Nonkonformismus und biedere Konvention zwei Seiten einer banalen Medaille sind.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Paul Gégauff, Éric Ollivier V Éric Ollivier K Jean Rabier M Pierre Jansen A Charles Merangel S James Cuenet P Raymond Hakim, Robert Hakim D Jean-Claude Brialy, Bernadette Lafont, Charles Belmont, André Jocelyn, Jean Tissier | F & I | 99 min | 1:1,66 | sw | 17. März 1961

# 843 | 10. März 2014

Flucht nach Berlin (Will Tremper, 1961)

»Die deutsche Not« heißt ein Buch, in dem die Schriftstellerin Erika von Hornstein im Jahre 1960 Dutzende Biographien von DDR-Flüchtlingen vereint – eine einmalige Sammlung von Selbstaussagen, die ein eindringlich-differenziertes Bild vom Leben, besser gesagt: vom Nicht-mehr-leben-Können in der sogenannten »Zone« zeichnen. Zur gleichen Zeit, kurz vor dem Bau der Berliner Mauer, die das letzte Schlupfloch von Ost nach West verschließen wird, schleudert der flinke Dreigroschenreporter (»Deutschland, deine Sternchen«) und gegenwartsnahe Szenarist (»Die Halbstarken«) Will Tremper sein Regiedebüt auf die Leinwand, thematisiert darin (als einer der ganz wenigen Kinomacher seiner Zeit) die millionenfache Wanderung von einem Deutschland ins andere. Er tut dies anhand zweier, miteinander unselig verflochtener, Einzelschicksale: Bauer Güden (Narziss Sokatscheff) verweigert den Eintritt in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft seines Dorfes und haut ab; Genosse Baade (Christian Doermer), SED-Agitator der (Zwangs-)Kollektivierung, gerät wegen Güdens Flucht ins politische Zwielicht und setzt dem Abtrünnigen nach. Die dramatische Jagd führt – entlang von Autobahnen und Schienensträngen – ins undurchdringliche, beinahe mystisch wirkende Schilfdickicht am Berliner Grenzfluß Havel, wo es zum finalen Zweikampf kommt … Autorenfilmer Tremper, das ist sein Defizit und seine Stärke zugleich, schematisiert statt zu nuancieren, spitzt zu statt zu vertiefen, motzt auf statt abzuwägen; während (≈ indem) er wie eine Dampfwalze über den Acker der Geschichte schnauft, richtet er sein Augenmerk gleichermaßen auf ideologische Verblendung und opportunistisches Duckmäusertum, auf blinden Eigennutz und wohlstandssatten Stumpfsinn, kurz: auf das nationale Unglück, also: auf die deutsche Not. PS: »Es lebe die Freiheit!«

R Will Tremper B Will Tremper K Günter Haase, Gerd von Bonin M Peter Thomas S Will Tremper P Will Tremper, Michael Schwabacher D Christian Doermer, Narziss Sokatscheff, Susanne Korda | BRD | 103 min | 1:1,66 | sw | 17. März 1961

3.3.61

Lola (Jacques Demy, 1961)

Lola, das Mädchen aus dem Hafen

»C’est moi, c’est Lola!« La vie est une chanson oder: poetischer Realismus, schäumend überspült von der nouvelle vague. In Nantes (»Donne-moi la main …«) erwartet Lola (Anouk Aimée), die singende striptiseuse, sehnlichst die Heimkehr ihrer großen Liebe, erwartet Roland Cassard, der leicht blasierte Melancholiker, einen Wink des Schicksals, erwartet Frankie, der amerikanische Seemann, das (vielleicht nicht ganz so) flüchtige Vergnügen, das ein Hafen bieten kann, erwartet Cécile, die aufgeschlossene Vierzehnjährige, das Erwachsenwerden und seine verlockenden Geheimnisse, erwartet Céciles Mutter Madame Desnoyers (Elina Labourdette), die schon bessere Zeiten gesehen hat, die Rückkehr besserer Zeiten. Jacques Demy, der romantische Choreograph des französischen Kinos, phantasiert über Themen wie Treue und Erinnerung, erste Liebe und unvermeidlichen Abschied, verwebt – einfühlsam unterstützt von Michel Legrand (Musik) und Raoul Coutard (Kamera) – die Lebenslinien seiner Protagonisten zu einem zauberischen Muster, in dem sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft changierend zu überlagern scheinen. »Lola« mixt bedenkenlos Bressons lakonische Antipsychologie mit Ophüls’ barocker Üppigkeit, kreuzt die Überhöhungen des Hollywood-Musicals mit der Unmittelbarkeit der caméra-stylo, versammelt Matrosen und Schmuggler, Mütter und Söhne, Witwen und Töchter, Huren und Freier zu einem traumhaften Rondo auf dem Rummelplatz der Gefühle. »Pleure qui peut, rit qui veut.«

R Jacques Demy B Jacques Demy K Raoul Coutard M Michel Legrand A Bernard Evein S Anne-Marie Cotret, Monique Teisseire P Georges de Beauregard, Carlo Ponti D Anouk Aimée, Marc Michel, Alan Scott, Annie Duperoux, Elina Labourdette | F & I | 90 min | 1:2,35 | sw | 3. März 1961

9.2.61

Matka Joanna od aniołów (Jerzy Kawalerowicz, 1961)

Mutter Johanna von den Engeln

»Was sind das – Engel?« Ein einsames Kloster an der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit. Die Nonnen sind von Dämonen besessen – Mutter Oberin alleine von acht verschiedenen. Ein vergeistigter Pater, der in seinem obsessiven Drang Gutes zu tun dem Fanatismus der (inneren) Teufel nicht nachsteht, ist die letzte Hoffnung der heimgesuchten Schwestern auf Erlösung von dem Bösen. Doch die Liebe, die er in sich trägt, bringt nichts als Zerstörung … Das kalte Weiß der Nonnengewänder, das tiefe Schwarz der Priestermäntel, das stumpfe Grau der Landschaft und der Gemäuer – Jerzy Kawalerowicz, neben Wajda einer der Heroen der Polnischen Schule, entwirft in kargen grafischen Tableaus (Kamera: Jerzy Wójcik) eine hermetische Welt mit starrem Reglement, das kein Entkommen erlaubt. Die Protagonisten (die den Blick immer wieder direkt an den Zuschauer richten) ringen hilflos um Hingabe, Vernunft und Freiheit, doch sie bleiben gefangen in Furcht, Aberglaube und Repression. »Du gehst im Dunkel, und wie der schwarze Mantel der Nacht ist deine Unwissenheit.«

R Jerzy Kawalerowicz B Jerzy Kawalerowicz, Tadeusz Konwicki K Jerzy Wójcik M Adam Walacinski A Roman Mann, Tadeusz Wybult S Wiesława Otocka P Ludwik Hager D Lucyna Winnicka, Mieczysław Voit, Anna Ciepielewska, Maria Chwalibóg, Kazimierz Fabisiak | PL | 110 min | 1:1,37 | sw | 9. Februar 1961

3.2.61

Der grüne Bogenschütze (Jürgen Roland, 1961)

»Daraus kann man doch keinen Film machen – unmöglich! Ein Mörder mit ’nem Flitzebogen? Absurder Gedanke.« Der (von Eddi Arent in die Kamera gesprochene) erste Satz des Wallace-Films tut ironisch, trifft aber leider den Nagel auf den Kopf: Weder Regisseur (Jürgen Roland) noch Autor (Wolfgang Menge) haben Zielwasser getrunken, und so plätschert »Der grüne Bogenschütze« plan- und spannungslos dahin. Die Story um eine junge Frau (Karin Dor), die auf der Suche nach ihrer verschwundenen Mutter einem ebenso unleid- wie unheimlichen Onkel in die Quere kommt, verwurstelt sich im Gewirr uninteressanter Figuren – lediglich Gert Fröbe fasziniert in der Rolle des vierschrötigen, seelisch gepeinigten Fieslings Abel Bellamy, der wie ein Quasimodo im Nadelstreifen durch das Geschehen stampft.

R Jürgen Roland B Wolfgang Menge, Wolfgang Schnitzler V Edgar Wallace K Heinz Hölscher M Heinz Funk A Mathias Matthies, Ellen Schmidt S Herbert Taschner P Horst Wendlandt D Klausjürgen Wussow, Karin Dor, Gert Fröbe, Eddi Arent, Harry Wüstenhagen | BRD | 93 min | 1:1,66 | sw | 3. Februar 1961

24.1.61

La notte (Michelangelo Antonioni, 1961)

Die Nacht

Über reichverzierten Altbauten erhebt sich ein schlankes Hochhaus. Langsam gleitet die Kamera an der Fassade hinab. Die Scheiben spiegeln die Stadt. In großer Nähe so fern stehen sich das Gestern und das Heute gegenüber. Einige Stunden aus dem Leben des Mailänder Schriftstellers Giovanni und seiner Gattin Lidia (Marcello Mastroianni und Jeanne Moreau) – ein Besuch im Krankenhaus, ein Empfang beim Verleger, ein Ausflug in die Gegend von früher, eine Cocktailstunde im Nachtclub, eine Party bei reichen Leuten, ein Gang durch den Park. Zwischen ihnen nur Reste von Gemeinsamkeit, kaum mehr Erinnerungen, keine Erwartung von Zukunft. Es bleiben kultivierte Entfremdung, gleichgültige Ausbruchsversuche, erschöpftes Nebeneinander. Michelangelo Antonioni betrachtet einen Mann, der schreibt, um nichts sagen zu müssen, eine Frau, die davonläuft, um zu sich zu finden, einen Menschen, der stirbt, ein Mädchen, das spielt, eine Welt, die boomt, eine Gesellschaft, die im Regen verdurstet, eine Ehe, die vom Leben geschieden wird. Ein formvollendet trauriger Film über die Leere der Fülle, über das Alter der Jugend, über den Widerwillen der Liebe, über eine lange Nacht, auf die ein fahler Morgen folgt, über Parallelen, die sich auch im Unendlichen nicht treffen.

R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Ennio Flaiano, Tonino Guerra K Gianni Di Venanzo M Giorgio Gaslini A Piero Zuffi S Eraldo Da Roma P Emanuele Cassuto D Marcello Mastroianni, Jeanne Moreau, Monica Vitti, Bernhard Wicki, Rosy Mazzacurati | I & F | 122 min | 1:1,66 | sw | 24. Januar 1961

20.1.61

Le farceur (Philippe de Broca, 1961)

Wo bleibt die Moral, mein Herr?

Édouard (Jean-Pierre Cassel) flieht fröhlich hüpfend vor dem Ehemann einer Geliebten über die Dächer von Paris und landet erst im Vorgarten, dann im Schlafzimmer von Hélène (Anouk Aimée), der so hinreißenden wie gelangweilten Gattin eines faden Industriellen; sofort glaubt der (an-)mutige Filou – der zusammen mit Onkel, Bruder, Schwägerin, Neffen und (niedlichem) Hausmädchen in einer aus der Gegenwart gefallenen, mit allerhand verschlissenen Kulturgütern und liebenswertem Ramsch vollgestopften Villa Kunterbunt lebt –, in der kapriziösen Schönen die Frau seines Lebens gefunden zu haben … Philippe de Broca läßt in »Le farceur« – halb burleske Romanze, halb sentimentale Posse – die Kulturverschiedenheit zwischen prinzipiell hochgestimmtem Bohèmien und ewig fröstelnder Bourgeoise nur zart anklingen; ihm ist es nicht um Problematisierung von Gefühlen zu tun sondern um das Einhüllen der schnöden Realität in die Zuckerwatte filmischer Illusion: Das Leben als ausgelassenes Spiel von Liebe und Zufall, als Tanz zur Musicbox des Glücks – sollte die Melodie einmal verstummen, so wirft man eine Münze nach, und weiter geht's…

R Philippe de Broca B Philippe de Broca, Daniel Boulanger K Jean Penzer M Georges Delerue A Jacques Saulnier S Laurence Méry P Claude Chabrol, Roland Nonin D Jean-Pierre Cassel, Anouk Aimée, Geneviève Cluny, Georges Wilson, François Maistre | F | 88 min | 1:1,66 | sw | 20. Januar 1961