16.2.57

Det sjunde inseglet (Ingmar Bergman, 1957)

Das siebente Siegel

»Dies irae, dies illa / solvet saeclum in favilla.« Ein finster-groteskes Mittelalter als ferner Spiegel moderner Ängste und Zweifel: Ein grüblerischer Ritter (Max von Sydow) und sein neunmalkluger Knappe (Gunnar Björnstrand) kehren aus dem Heiligen Land zurück in ihre von der Pest heimgesuchte Heimat; der Tod erscheint, den Ritter zu holen, läßt sich aber zu einer Schachpartie beschwatzen (der Schnitter spielt Schwarz – was sonst?) und gewährt Aufschub, solange das Match nicht entschieden ist. Auf ihrem weiteren Weg erleben der traurige Herr und sein wackerer Begleiter die Gefangenschaft der Menschen in existentieller Furcht vor dem großen Nichts, eine Furcht, die sich als moralische Verwesung, religiöser Wahn oder oberflächliche Sinnenlust manifestiert. Nur in der Gesellschaft eines naiven Gauklers, seiner treuherzigen Frau und ihres kleinen Sohnes – eine sympathische Travestie der heiligen Familie! – findet der Ritter Momente von Ruhe und Frieden. Das Idyll mit Lauten spiel, frisch gemolkener Milch und wilden Erdbeeren ist freilich nicht von Dauer, denn gegen den Tod ist à la longue kein Spiel zu gewinnen… Ingmar Bergmans danse macabre nutzt die dunkle Epoche als Folie einer, in stilisierten Tableaus (Kamera: Gunnar Fischer) ausgemalten, Sinn-(= Gott-)suche, die einmal mehr ohne greifbares Ergebnis bleibt: Das Schweigen des Schöpfers schallt stumm durch die Tiefe der Zeit.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Lennart Wallén P Allan Ekelund D Max von Sydow, Gunnar Björnstrand, Nils Poppe, Bibi Andersson, Bengt Ekerot | S | 96 min | 1:1,37 | sw | 16. Februar 1957

15.2.57

Königin Luise (Wolfgang Liebeneiner, 1957)

Liebe und Leid einer Königin oder Ein Frauenschicksal aus bewegter Zeit. Preußen zu Beginn des 19. Jahrhunderts: ein kleiner (natürlich friedliebender) Staat zwischen rivalisierenden Giganten. Im Westen lauert der postrevolutionäre Heilsbringer aus Paris, im Osten brummt der russische Bär. Vergessen möchte man werden, übersehen von den globalen Gegenspielern – allein die Geschichte ist unerbittlich und verlangt eine Entscheidung. Friedrich Wilhelm III., der ältlich-schwache preußische Monarch (Dieter Borsche), zögert, zaudert, zweifelt, seine volkstümlich-mädchenhafte Gemahlin Luise (Ruth Leuwerik) ermuntert ihn zu handeln: »Tu doch ganz einfach das was dir dein Herz sagt. Das ist immer das Richtige.« Er tut es, doch es ist das Falsche. Napoleon marschiert durch bis an die Memel, den Zaren kümmert es nicht, Preußen geht perdu. Wolfgang Liebeneiner erzählt Historie im simplifizierdend-dekorativen Stil von Schokoladen-Sammelbildern, sein Werk erinnert, vor allem dank Rolf Zehetbauers kunstvoll abstrahierter Ausstattung, an ein erbauliches Kinderbuch aus Kaisers Zeiten: »Die Königin Luise in 50 Bildern für Jung und Alt« … Kurz vor ihrem dekorativen Filmtod, der sie zum elegischen Denkmal entschlafen läßt, wendet sich die Königin der Herzen direkt an das nachgeborene Publikum im Kinosaal: »Was wir durchgemacht haben, Krieg, Flüchtlinge, Auseinanderreißen des Landes, fremde Besatzung, das darf doch nie wieder geschehen. Ja, und wenn alle lernen und aufpassen und mithelfen, dann kann es auch nie wieder geschehen.« Wie schon Goethe sagte: »Doch rufen von drüben / Die Stimmen der Geister,
 / Die Stimmen der Meister: / Versäumt nicht zu üben, / Die Kräfte des Guten!«

R Wolfgang Liebeneiner B Georg Hurdalek K Werner Krien M Franz Grothe A Rolf Zehetbauer S Lisbeth Neumann P Utz Utermann D Ruth Leuwerik, Dieter Borsche, Bernhard Wicki, René Deltgen, Hans Nielsen | BRD | 105 min | 1:1,66 | f | 15. Februar 1957

# 869 | 25. Mai 2014

13.2.57

Funny Face (Stanley Donen, 1957)

Ein süßer Fratz

Zum ersten Mal ohne den irrealen Glanz von MGM, mithin auch ohne das Ingenium des Produzenten Arthur Freed im Hintergrund, sucht Musical-Regisseur Stanley Donen seinen Weg zwischen unverhohlenem Starkult und ironischer Zeitkritik. »Funny Face« erzählt von einem (nicht allzu) häßlichen Entlein, das sich unter den durchdringenden Blicken eines Mannes (und zu den Melodien von George Gershwin) in einen stolzen Schwan verwandelt – ein flüchtiges Märchen aus der Welt der Mode und der Modejournale, eine fast gegenstandslose Story, so durchsichtig wie Seidenvoile, so verweht wie eine Magazinseite im Wind der Zeit: Ein in Sack und Asche gehender New Yorker Blaustrumpf (Audrey Hepburn) wird von einem fashionablen Fotografen (Fred Astaire als Richard-Avedon-Surrogat) in Paris zum Gesicht bzw. zum Kleiderständer der Epoche stilisiert ... Die Romanze zwischen dem jungen Ding und dem alten Profi, der schon (fast) alle(s) gesehen hat, bleibt schwärmerische Behauptung; die antiintellektuellen Sottisen gegen Philosophen, denen das Hirn in die Hose fällt, bedienen (nicht unwitzig) landläufige Klischees; doch indem die Herstellung von Trends, von Idealen, von Bedürfnissen durch die Bewußtseinsindustrie (energisch verkörpert von Kay Thompson als ›Quality‹-Chefredakteurin) musikalisch und tänzerisch transparent gemacht wird, gewinnt der Film einen Hauch von oberflächlicher Tiefe: »Think pink!«

R Stanley Donen B Leonard Gershe K Ray June M George Gershwin A George W. Davis, Hal Pereira S Frank Bracht P Roger Edens D Audrey Hepburn, Fred Astaire, Kay Thompson, Michel Auclair, Robert Flemyng | USA | 103 min | 1:1,85 | f | 13. Februar 1957

8.2.57

Schlösser und Katen (Kurt Maetzig, 1957)

Auch Affirmation kann Kunst hervorbringen: Thälmann-Regisseur Kurt Maetzig und Stalin-Hymniker Kuba erzählen mit geballten Fäusten und epischem Atem den großen sozialistisch-realistischen Heimatroman der 1950er Jahre. Vom Kriegsende 45 über Bodenreform und beginnende (Zwangs-)Kollek­tivierung bis zum Juniaufstand 53 schildert »Schlösser und Katen« (durch die ideologische Brille aber ohne Brett vorm Kopf) die Geschichte eines mecklenburgischen Dorfes und die verschlungenen Schicksale seiner Bewohner. Der Kampf zwischen dem dunklen Gestern und dem lichten Morgen führt durch ein intrigantes Heute, in dem es von buckligen Knechten, verschlagenen Gutsinspektoren, unehelichen Töchtern und argwöhnischen Bauern nur so wimmelt. Daß am Ende das Alte dem Neuen weichen muß, damit alles gut und rot werde, versteht sich von selbst. Trotz alledem: erzählerisch sehr taugliche, handwerklich überzeugende Defa-Ware.

R Kurt Maetzig B Kuba (= Kurt Barthel), Kurt Maetzig K Otto Merz M Wilhelm Neef A Alfred Hirschmeier S Ruth Moegelin P Hans Mahlich D Raimund Schelcher, Erika Dunkelmann, Karla Runkehl, Erwin Geschonneck, Harry Hindemith | DDR | 204 min | 1:1,37 | sw | 8. Februar 1957

25.1.57

Salzburger Geschichten (Kurt Hoffmann, 1957)

Postkartenidyllische Ansichten von Stadt und Land Salzburg, luftig überbacken mit einem nockerlhaft aufgeschlagenen Fastnichts von Geschichte: der Privatgelehrte Dr. med. Dr. iur Dr. phil. Georg Rentmeister (eckig: Paul Hubschmid) verliebt sich in das vermeintliche Stubenmädchen Konstanze (goldig: Marianne Koch), das sich als veritable Comtesse erweist, die im eigenen, an internationale Festspielgäste vermieteten Schloß mit der ganzen adligen Familie Dienerschaft spielt, um dem komödienschreibenden Vater (kauzig: Richard Romanowsky) Inspirationen für ein neues Lustspiel zu verschaffen. Autor Erich Kästner unterläßt es, sein launiges Reiseromänchen aus dem Anschlußjahr 1938 nachträglich mit Relevanz zu beschweren, Regisseur Kurt Hoffmann vermeidet (beinahe) jeden Hinweis auf die reichsdeutsch-österreichische Zwischenkriegsrealität – entschieden harmloses (Heimat-)Kino als kleiner romantischer Grenzverkehr in immerwährend beschaulichen Zeiten.

R Kurt Hoffmann B Erich Kästner V Erich Kästner K Werner Krien M Franz Grothe A Ludwig Reiber S Eva Kroll P Georg Witt D Marianne Koch, Paul Hubschmid, Richard Romanowsky, Peter Mosbacher, Adrienne Gessner, Helmuth Lohner | BRD | 90 min | 1:1,66 | f | 25. Januar 1957

# 1166 | 21. Juli 2019

9.1.57

Crime of Passion

Das war Mord, Mr. Doyle

Ein straffer Thriller über das Scheitern einer Frau »in a world made by men and for men« … Als ambitionierte Journalistin hat Kathy Ferguson (Barbara Stanwyck) erreicht, was sie erreichen kann: eine tägliche Ratgeberkolumne bei der ›San Francisco Post‹ und große Popularität bei den Leser(inne)n. Der lustlose Chefredakteur erwartet von ihr freilich nicht mehr als »a regular dose of schmaltz«, und als der virile police lieutenant Bill Doyle (Sterling Hayden) aus Los Angeles in Erscheinung tritt, läuft die eingeschworene Junggesellin (»For marriage, I read life sentence.«) mit fliegenden Fahnen in den Ehestand über. Bald schon frustriert von der Dumpfheit des Vorstadtlebens (pokernde Männer, tratschende Frauen) und der dickfelligen Genügsamkeit ihres Gatten, sucht Kathy einen Ausweg aus dieser Hölle der Mittelmäßigkeit: In der Absicht, Bills Karriere zu befördern, knüpft sie Kontakt zu dessen Vorgesetztem, Inspektor Pope (Raymond Burr) … Auch wenn manches unverblümt ausgesprochen wird (»Don’t you have any vision?«), deutet Gerd Oswald persönliche Wechselbeziehungen – sexuelle Attraktion und intellektuelle Anziehung – zumeist nur diskret an und studiert, auf welche Art die animalischen Instinkte seiner Hauptfiguren – Kathy erscheint wie eine Raubkatze, Bill wie ein Bär, Pope wie ein Silberrücken – die Handlung an ein schlimmes Ende treiben: Mit einer gewaltsamen Tat provoziert Kathy einen Nachweis von Bills kriminalistischer Befähigung und damit die bittere Pointe des Films.

R Gerd Oswald B Jo Eisinger K Joseph LaShelle M Paul Dunlap A Leslie Thomas S Marjorie Fowler P Herman Cohen D Barbara Stanwyck, Sterling Hayden, Raymong Burr, Fay Wray, Royal Dano | USA | 85 min | 1:1,66 | sw | 9. Januar 1957

# 941 | 6. Februar 2015

7.12.56

Der Hauptmann von Köln (Slatan Dudow, 1956)

Köln, in den Jahren des Wirtschaftwunders. Die Neonreklamen blinken, aber der arbeitslose Kellner Hans Albert Hauptmann (Rolf Ludwig) kriecht auf dem Zahnfleisch. Als er bei einem verschwitzten Kameradschaftsabend ehemaliger Wehrmachtssoldaten mit einem gewissen Hauptmann Hans Albert verwechselt wird, schlüpft er, ohne lange zu fackeln, in die Rolle des totgeglaubten Offiziers. Während der echte Hauptmann (Erwin Geschonneck), der sich wegen einiger häßlicher Kriegsverbrechen totstellen mußte, als Untermieter bei seiner eigenen Witwe lebt, wird der falsche Hauptmann von den Herren (und Damen) der Bonner Republik empfangen wie ein verlorener Sohn – und macht steile Karriere: Personalchef bei der Montan AG, Bundestagsabgeordneter, Staatssekretär in spe … Schon in »Frauenschicksale« zeigte Defa-Regisseur Slátan Dudow ein Faible für die cartooneske Ausmalung westlicher Lebensform; »Der Hauptmann von Köln«, eine grelle Politfarce, ein antifaschistisches Graubuch in Agfacolor, bietet ihm Gelegenheit, seiner filmisch-satirischen Leidenschaft ausgiebig zu frönen. (Vielleicht etwas zu ausgiebig – ein wenig Straffung hätte dem Werk nicht geschadet.) Wo das Adenauer-Kino (wenn überhaupt) höchstens kabarettistische Anspielungen auf bestimmte Entwicklungen im eigenen Lande wagt, läßt Dudow in Oskar Pietschs phantastisch-realistischen Studiobauten ein naturgetreu überzeichnetes Panoptikum bundesdeutscher Typen aufmarschieren: klüngelnde Amtsträger und zielbewußte Wirtschaftkapitäne, willig-fordernde society girls und alte Kämpen, die explosive Morgenluft wittern. Ob es sich dabei um die tendenziöse Verzerrung bedauerlicher Einzelfälle oder um das schonungslose Abbild symptomatischer Erscheinungen handelt, mag der Betrachter, je nach Standpunkt, selbst entscheiden.

R Slátan Dudow B Michael Tschesno-Hell, Henryk Keisch, Slátan Dudow K Werner Bergmann, Helmut Bergmann M Wilhelm Neef A Oskar Pietsch S Lena Neumann P Adolf Fischer D Rolf Ludwig, Erwin Geschonneck, Christel Bodenstein, Kurt Steingraf, Marie-Luise Etzel | DDR | 118 min | 1:1,37 | f | 7. Dezember 1956

6.12.56

Hollywood or Bust (Frank Tashlin, 1956)

Alles um Anita

»Land of stardust and land of glamour / Vistavision and cinerama.« Eine Hommage an das Kino und seine Klischees: Während die Credits laufen, posiert eine blonde Pin-up-Walküre (Anita Ekberg) in wechselnden Kostümen standbildhaft vor diversen Tinseltown-Szenerien – Hotels, Palmen, Restaurants, Studiokulissen. So statuarisch wie das Opening gestaltet sich auch der weitere Verlauf des Werks, obschon der (dünne) Erzählfaden einer Reisebewegung quer durch die Vereinigten Staaten folgt. In New York gewinnen der eingefleischte Filmfan Malcolm Smith (Jerry Lewis) und das ausgekochte Schlitzohr Steve Wiley (Dean Martin) – der eine ehrlich, der andere betrügerisch – zu gleichen Teilen den Hauptpreis einer Lotterie: ein feuerrotes Cabriolet. Gemeinsam macht sich das ungleiche Paar auf den Weg nach Westen: Malcolm will (in Begleitung der wachsamen Dogge Mr. Bascomb) seiner Abgöttin Anita in Hollywood einen Besuch abstatten, wogegen Steve die Luxuskarosse unterwegs zu versilbern gedenkt, um Schulden zu begleichen ... Regisseur Frank Tashlin bedient sich einer Art Schnappschuß-Dramaturgie, die das touristisch-musikalische Roadmovie um Starkult, Glück(sspiel) und Freundschaft (dem keine weitere Martin-Lewis-Komödie folgen wird) in eine unterhaltsame Reihe von gag cartoons und comicstripkurzen Absurdramoletten zerlegt.

R Frank Tashlin B Erna Lazarus K Daniel Fapp M Walter Scharf A Hal Pereira, Henry Bumstead S Howard A. Smith P Hal B. Wallis D Dean Martin, Jerry Lewis, Pat Crowley, Maxie Rosenbloom, Anita Ekberg | USA | 95 min | 1:1,85 | f | 6. Dezember 1956

# 1072 | 3. September 2017

1.12.56

The Girl Can't Help It (Frank Tashlin, 1956)

Schlagerpiraten

»A story about music … and love … and marriage.« ›Fats‹ Murdock, ein crook, der sein Vermögen mit Spielautomaten machte (Edmond O’Brien), will heiraten – und zwar einen Star. Da die Auserwählte völlig unbekannt ist, beauftragt der Ganove den alkoholischen Agenten Tom Miller (Tom Ewell), sie zum Star zu machen, denn: »How can I marry a nobody?« Das Objekt der Verwandlung ist die sexbombige Platinblondine Jayne Mansfield (die aussieht (und spielt), als hätte der frühere Animationsregisseur Frank Tashlin sie direkt aus einem seiner Zeichentrickfilme importiert) – dabei wäre das Busenwunder viel lieber Ehefrau und Mutter, »but no one thinks I’m equipped for motherhood«. Tashlin nutzt die betont törichte Erzählung (»in the grandeur of CinemaScope and in gorgeous, lifelike colours of DeLuxe«) nicht nur als Trägerfolie für Auftritte von taufrischen Rock’n’Roll-Performern (Little Richard, Fats Domino, Eddie Cochran, Gene Vincent), sondern vor allem um sich über Teenager-Kultur, Sexsymbolismus sowie blinden Hunger nach Ruhm lustig zu machen – und um Spielfilmbilder in Cartoons zu verwandeln: Wenn Mansfield ihre ausladenden Formen eine Straße hinunterbewegt, schmilzt dem Eismann das Eis auf dem Wagen, schäumt dem Milchmann die Milch aus den Flaschen, zerplatzen dem Nachbarn die Brillengläser: »If she walks by, the men folks get engrossed / She can’t help it, the girl can’t help it.«

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Herbert Baker V Garson Kanin K Leon Shamroy M diverse A Leland Fuller, Lyle R. Wheeler S James B. Clark P Frank Tashlin D Tom Ewell, Jayne Mansfield, Edmond O’Brien, Julie London, Henry Jones | USA | 99 min | 1:2,35 | f | 1. Dezember 1956

10.11.56

Un condamné à mort s’est echappé (Robert Bresson, 1956)

Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen

Mit einer Schrifttafel weist Robert Bresson zu Beginn des Films auf die Wahrhaftigkeit der Geschichte hin und erklärt, sie so wiederzugeben, wie sie ist, schmucklos, nüchtern: »Je la donne comme elle est, sans ornement.« Lyon, 1943: Fontaine (François Leterrier), wird als Häftling der Gestapo ins Gefängnis Montluc gebracht. Schon auf dem Transport unternimmt er einen Fluchtversuch, in der Zelle zielen sein Denken und Handeln ganz und gar auf das Entkommen. Begleitet von fernen Geräuschen – Zugrattern, Glockengeläut, Schüsse der Pelotons – und Fontaines nüchternen Kommentaren aus dem Off zeigt Bresson die immergleichen Abläufe des Haftalltags – Essensausgabe, Appell, Hofgang, Kübelreinigung –, die immergleichen Situationen – Zelle, Flur, Treppe, Waschraum –, die heimliche Solidarität der Gefangenen, die minutiösen Fluchtvorbereitungen des Protagonisten (Löffel und Rasierklinge als gegebene Werkzeuge, Stoff und Draht als vorgefundene Materialien) ausschließlich in halbnahen und nahen Kameraeinstellungen, in Groß- und Detailaufnahmen. Das permanente Enge der Kadrage, die konsequente Verweigerung der Übersicht schaffen – ohne Einsatz klassischer Spannungselemente – ein drückendes Klima der Unsicherheit, der Beklemmung, des Ausgeliefertsein, in dem Fontaines beharrliche (wenn auch kaum aussichtsreich scheinende) Aktivität zur Methode des Überlebens wird. Erst in der letzten Einstellung, nachdem der zum Tode Verurteilte (zusammen mit einem Kameraden) entflohen ist, öffnet sich das Bild, einmalig, zur Totale. Die Rückkehr in die Freiheit ist dabei kein Triumphzug, sondern ein Gang in die Nacht, in den Nebel.

R Robert Bresson B Robert Bresson V André Devigny K Léonce-Henri Burel M Wolfgang Amadeus Mozart A Pierre Charbonnier S Raymond Lamy P Alain Poiré, Jean Thuillier D François Leterrier, Charles Le Clainche, Roland Monod, Jack Ertaud, Maurice Beerblock | F | 101 min | 1:1,37 | sw | 10. November 1956

# 1125 | 11. Juni 2018

29.10.56

Written on the Wind (Douglas Sirk, 1956)

In den Wind geschrieben

»Just like the dying leaves / our dreams we've calmly thrown away.« Hadley. So heißt die Stadt. So heißt das Unternehmen. So heißt die Familie. Hadley. Das ist die Welt in einer Nußschale. Besser gesagt: in einem Ölfaß. Öl. Der Stoff, aus dem die amerikanischen Träume sind. Und die Alpträume … Ein Sportwagen rast durch die Nacht. Ein Sturm fegt ums Herrenhaus. Ein Mann spielt verrückt. In der Bibliothek fällt ein Schuß. Das Ende eines Traums. Und eines Alptraums. Einst hatte Selfmade-Millionär Jasper Hadley einen Jungen aus einfachen Verhältnissen als Ziehkind aufgenommen, damit sein Sohn und seine Tochter den Kontakt zur Realität nicht verlören; Jahre später steht Mitch Wayne (Rock Hudson) mit beiden Beinen im Leben, während Kyle (Robert Stack) und seine Schwester Marylee (Dorothy Malone) sich dem Suff und der Lust, den falschen Hoffnungen und dem Selbstmitleid der Überpriveligierten hingeben. Der Auftritt der selbstbewußt-lässigen Lucy Moore (Lauren Bacall) löst – nach einem kurzen Scheinfrieden – endgültig die Katastrophe in dieser texanischen Tragödie aus. Reichtum und Mangel, Impotenz und Erotomanie, brennende Sehnsucht und heulender Verzicht – Douglas Sirk inszeniert das überlebensgroße Drama dieser, im Schatten riesiger Bohrtürme und gigantischer Tanks liegenden, luxuriösen Familienhölle mit seifenopernhafter Wirkungskraft und (gesellschafts-)kritischer Distanz, in expressiven Farben und schnörkellos komponierten Bildern. Hochglanz-Southern-Gothic von erster Qualität: »What's written on the wind / is written in my heart.«

R Douglas Sirk B George Zuckerman V Robert Wilder K Russell Metty M Frank Skinner A Alexander Golitzen, Robert Clatworthy S Russell F. Schoengarth P Albert Zugsmith D Rock Hudson, Lauren Bacall, Robert Stack, Dorothy Malone, Robert Keith | USA | 99 min | 1:2,0 | f | 29. Oktober 1956

# 938 | 3. Februar 2015

26.10.56

La traversée de Paris (Claude Autant-Lara, 1956)

Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris

»Dans chaque Français il y a un cochon qui sommeille … et dans chaque homme peut-être.« In einer Nacht während der deutschen Okkupation (Verdunklung!) schleppen zwei Männer – ein duckmäuserischer Schieber (Bourvil) und ein impulsiver Künstler (Jean Gabin) – ein schwarz geschlachtetes Schwein, verteilt auf vier Koffer, quer durch Paris. Während der eine mit dem Schleichhandel sein zweifelhaftes Auskommen findet, sucht der andere die Abwechslung, den Nervenkitzel, die Inspiration. Verfolgt von einer wachsenden Zahl herrenloser Köter, begegnen die beiden ungleichen, aber gleichermaßen abstoßend-sympathischen Transportarbeiter auf ihrem gefahrvollen Weg (vorbei an argwöhnischen Flics, uniformierten Patrouillen und betagten Nutten) einigen ehrwürdigen Vertretern der französischen Gesellschaft ihrer Zeit: Leisetretern und Pharisäern, Maulhelden und Nutznießern des Mangels – kurze Zusammentreffen, die grelle Schlaglichter in die Düsternis der Besetzungsmentalität werfen. Claude Autant-Lara inszeniert »La traversée de Paris« als schäbige Komödie voller unappetitlicher Momente (etwa wenn Bourvil Akkordeon spielen muß, um das Todesquieken der von Louis de Funès gepeinigten Sau zu übertönen), eine Komödie, die er nicht ohne Konsequenz in ein kümmerliches Drama umschlagen läßt, um zu guter (?) Letzt noch eine maliziöse Schlußpointe draufzusetzen. PS: »Die Pflastersteine auf der Straß’, / Die sollen jetzt sich spalten …«

R Claude Autant-Lara B Jean Aurenche, Pierre Bost V Marcel Aymé K Jacques Natteau M René Cloërec A Max Douy S Madeleine Gug P Henry Deutschmeister D Jean Gabin, Bourvil, Jeannette Batti, Louis de Funès, Robert Arnoux | F & I | 80 min | 1:1,37 | sw | 26. Oktober 1956

19.10.56

Der Meineidbauer (Rudolf Jugert, 1956)

»Das ist nicht mit zwei Worten zu erklären. Das ist ein Weg, den man da geht.« Schon die Titelsequenz läßt die dramatischen Brüche des (von Edgar G. Ulmer produzierten!) Films ahnen: Expressive Pinselschrift und kursive Fraktur stehen in leuchtendem Gelb vor lila bestrahltem Fels; dazu eine Musik (Friedrich Meyer), die unvermittelt zwischen einem unruhig treibenden Thrillerthema herrmannesker Prägung und traulicher Heile-Welt-Sinfonik wechselt. Rudolf Jugerts Anzengruber-Adaption verlegt den haßerfüllten Erbschaftsstreit um einen Bergbauernhof aus dem 19. Jahrhundert in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg: Matthias Ferner (Carl Wery), der ein Leben lang als erster Knecht die zweite Geige spielen mußte, unterschlägt das Testament des verunfallten Stiefbruders, in dem dieser den Hof seiner Geliebten Paula Roth (Heidemarie Hatheyer) und seinen beiden unehelichen Kinder vermacht; vor Gericht bezeugt Matthias mit einem Meineid, daß es die Verfügung nie gegeben habe – wird jedoch in Folge von einem armseligen Amtsdiener erpreßt, dem ein Beweis des Unrechts in die Finger gelangt … »Wer will bestreiten, daß ich ein Recht habe?« fragt empört der vom Bruder übergangene Matthias. »Ich will mein Recht!« beharrt die betrogene Paula, die zu keinem Kompromiß bereit ist. Heimat erscheint in diesem steinharten Heimatfilm kaum als friedliches Refugium, vielmehr als nächtliche Landschaft des Vorwurfs, des Ressentiments, der Verachtung, wo auch die Natur stets ihr Doppelgesicht zeigt: Der majestätisch ragende Berg ist zugleich lebensgefährlicher Abhang. Die Schuld treibt den unfrohen Schuldiger vor sich her, der Fluch der bösen Tat droht, sich fortzutragen in die nächste Generation, wird aber – das Genre fordert seinen sentimentalen Tribut – zuletzt aufgewogen von der Liebe: »Da kann man jetzt nichts mehr machen.«

R Rudolf Jugert B Erna Fentsch V Ludwig Anzengruber K Roger Hubert M Friedrich Meyer A Max Mellin S Lilian Seng P Edgar G. Ulmer D Carl Wery, Heidemarie Hatheyer, Christiane Hörbiger, Hans von Borsody, Joseph Offenbach, Attila Hörbiger | BRD | 104 min | 1:1,37 | f | 19. Oktober 1956

# 877 | 10. Juni 2014

15.10.56

Sorok perwij (Grigori Tschuchrai, 1956)

Der Einundvierzigste 

Ein Abenteuerfilm, eine Robinsonade, ein Melodram aus den Wirren des Russischen Bürgerkriegs. Marija ist Scharfschützin einer Einheit von Rotarmisten in der kasachischen Wüste. Vierzig Weißgardisten hat sie schon abgeknallt, als ihre Leute den gegnerischen Offizier Wadim gefangensetzen. Auf dem beschwerlichen Weg ins rote Hauptquartier kommt die ruppige Bolschewistin dem blauäugigen Zaristen näher, trägt dem feindlichen Schöngeist sogar ihre holprigen, aber tiefempfundenen Revolutionsverse vor. Bei der Überquerung des Aralsees gerät der Trupp in ein Unwetter. Das Paar strandet auf einer kleinen Insel, gelangt an einem märchenhaften Ort abseits von Zeit und Krieg. Für einen Moment pfeift die Liebe auf den Lauf der Geschichte, erobert sich eine kurze irreale Ewigkeit. Doch die Liaison zwischen dem Gestern und dem Morgen bleibt Episode, das unbarmherzige Heute bricht sich Bahn: Wadim wird Marias Einundvierzigster … Grigori Tschuchrai verzichtet fast völlig auf propagandistische Zuspitzung: Wadims Sehnsucht nach dem Frieden seiner Bibliothek, Marias Sehnsucht nach einer besseren Gesellschaft werden nicht ideologisch aufgewogen, der politische Gegensatz schafft in erster Linie die dramatische Situation. (Daß die (Protagonistin der) Zukunft ihr Glück zerstört, indem sie die (bzw. einen Vertreter der) Vergangenheit tötet, bleibt gleichwohl traurige Pointe der Erzählung.) Die hermetischen Künstlichkeit von »Sorok perwij« erinnert an die subversiven Gefühlsfilme Douglas Sirks; die poetischen Farbtableaus von Menschen in Sand und Meer (Kamera: Sergei Urussewski), die malerischen Visionen von Zärtlichkeit und Brutalität lassen die radikale, die tödliche Romantik einer Welt im historischen Umbruch sicht- und fühlbar werden.

R Grigori Tschuchrai B Grigori Kolutonow V Boris Lawrenjow K Sergei Urussewski M Nikolai Krjukow A Wladimir Kamski, Konstantin Stepanow S L. Lisenkowa P Mosfilm D Isolda Iswitskaja, Oleg Strischenow, Nikolai Krjutschkow | SU | 88 min | 1:1,37 | f | 15. Oktober 1956

10.10.56

Die Trapp-Familie (Wolfgang Liebeneiner, 1956)

»Vom Kloster zum Welterfolg« oder Der Klang der Musik. Wo Robert Wise im Fahrwasser von Rodgers und Hammerstein überlangen Salzburg-Camp abliefern wird, läßt Wolfgang Liebeneiner seinem Publikum treuösterreichischen Kitsch angedeihen: Ruth Leuwerik (die es, wie in fast jeder ihrer Rollen, schafft, einen Tick zu alt zu wirken) treibt als patent-naive Möchtegern-Nonne Maria dem verbohrten Ex-k.u.k.-Kapitän von Trapp (Hans Holt) die militärischen Flausen aus und bringt dessen vielköpfige Kinderschar auf volksmusikalischen Kurs. Der erfolgreichste Film des Adenauer-Kinos (27 Millionen Deutsche können nicht irren!) erzählt viel von Durchhalten in schwerer Zeit (in diesem Fall: die Jahre rund um den »Anschluß« von felix Austria an das Deutsche Reich) und von frohgemut-tapferer Kopf-hoch-Mentalität: »Wenn Gott eine Tür zuschlägt, öffnet er ein Fenster!« Liebeneiner inszeniert über weite Strecken heimatlich-kreuzbrav und restaurativ-wirkungssicher; wenn er aber gegen Ende des Films – die Trapps sind mittlerweile wegen Schwierigkeiten mit den Nazis in Amerika (genauer gesagt: auf Ellis Island) gelandet – zwei plutokratisch-kulturjüdische Broadway-Agenten (die Herren Samish und Petroff) auftreten läßt, kann er den Film-Professor von Goebbels’ Gnaden doch nicht ganz verleugnen …

R Wolfgang Liebeneiner B Georg Hurdalek V Maria Augusta Trapp K Werner Krien M Franz Grothe A Robert Herlth, Gottfried Will S Margot von Schlieffen P Ilse Kubaschewski D Ruth Leuwerik, Hans Holt, Maria Holst, Josef Meinrad, Friedrich Domin | BRD | 103 min | 1:1,37 | f | 10. Oktober 1956