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10.11.56

Un condamné à mort s’est echappé (Robert Bresson, 1956)

Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen

Mit einer Schrifttafel weist Robert Bresson zu Beginn des Films auf die Wahrhaftigkeit der Geschichte hin und erklärt, sie so wiederzugeben, wie sie ist, schmucklos, nüchtern: »Je la donne comme elle est, sans ornement.« Lyon, 1943: Fontaine (François Leterrier), wird als Häftling der Gestapo ins Gefängnis Montluc gebracht. Schon auf dem Transport unternimmt er einen Fluchtversuch, in der Zelle zielen sein Denken und Handeln ganz und gar auf das Entkommen. Begleitet von fernen Geräuschen – Zugrattern, Glockengeläut, Schüsse der Pelotons – und Fontaines nüchternen Kommentaren aus dem Off zeigt Bresson die immergleichen Abläufe des Haftalltags – Essensausgabe, Appell, Hofgang, Kübelreinigung –, die immergleichen Situationen – Zelle, Flur, Treppe, Waschraum –, die heimliche Solidarität der Gefangenen, die minutiösen Fluchtvorbereitungen des Protagonisten (Löffel und Rasierklinge als gegebene Werkzeuge, Stoff und Draht als vorgefundene Materialien) ausschließlich in halbnahen und nahen Kameraeinstellungen, in Groß- und Detailaufnahmen. Das permanente Enge der Kadrage, die konsequente Verweigerung der Übersicht schaffen – ohne Einsatz klassischer Spannungselemente – ein drückendes Klima der Unsicherheit, der Beklemmung, des Ausgeliefertsein, in dem Fontaines beharrliche (wenn auch kaum aussichtsreich scheinende) Aktivität zur Methode des Überlebens wird. Erst in der letzten Einstellung, nachdem der zum Tode Verurteilte (zusammen mit einem Kameraden) entflohen ist, öffnet sich das Bild, einmalig, zur Totale. Die Rückkehr in die Freiheit ist dabei kein Triumphzug, sondern ein Gang in die Nacht, in den Nebel.

R Robert Bresson B Robert Bresson V André Devigny K Léonce-Henri Burel M Wolfgang Amadeus Mozart A Pierre Charbonnier S Raymond Lamy P Alain Poiré, Jean Thuillier D François Leterrier, Charles Le Clainche, Roland Monod, Jack Ertaud, Maurice Beerblock | F | 101 min | 1:1,37 | sw | 10. November 1956

# 1125 | 11. Juni 2018

11.1.40

His Girl Friday (Howard Hawks, 1940)

Sein Mädchen für besondere Fälle

»They ain’t human!« – »I know, they’re newspaper men.« Walter Burns (Cary Grant), durchtriebener Herausgeber der Chicagoer ›Morning Post‹, hat zwei Probleme: Er braucht erstens einen Klasse-Reporter, der mitreißend über die bevorstehende Hinrichtung eines (zur Tatzeit vermutlich unzurechnungsfähigen) Mörders berichtet, und er hat zweitens genau einen Tag Zeit, um die erneute Eheschließung seiner Exfrau, der Klasse-Reporterin Hildy Johnson (Rosalind Russell), mit einem Versicherungsmann aus der Provinz zu verhindern … Der doppelte Handlungsdruck entfesselt eine mustergültige Screwball-Farce voller absurder Wendungen und – vor allem – ein unausgesetztes Dialog-Presto der Sonderklasse. Im rasenden Vorbeiflug der wohlgesetzten Worte verteilt Howard Hawks' turbulente Bearbeitung des Broadway-Klassikers »The Front Page« zudem kraftvolle Seitenhiebe auf gemütsarme Presseleute und ruchlose Politiker, die das eigene Interesse entschieden über das ihres Nächsten stellen. Bei aller Fragwürdigkeit des Nachrichtengeschäfts kann Hildy von der Droge Aktualität und ihren Dealern (natürlich!) nicht lassen, und so fällt ihr die Entscheidung zwischen einem braven Langweiler (»He looks like that fellow in the movies, you know, Ralph Bellamy.«) und dem attraktiven Lumpenhund Walter, der sein Leben unter das Motto »Im Journalismus und in der Liebe ist alles erlaubt.« gestellt hat, letzten Endes nicht allzu schwer.

R Howard Hawks B Charles Lederer V Ben Hecht, Charles MacArthur K Joseph Walker M Sidney Cutner, Felix Mills A Lionel Banks S Gene Havlick P Howard Hawks D Cary Grant, Rosalind Russell, Ralph Bellamy, John Qualen, Gene Lockhart | USA | 92 min | 1:1,37 | sw | 11. Januar 1940

# 988 | 5. März 2016