25.9.64

Die Festung (Alfred Weidenmann, 1964)

Rund 12 Millionen Deutsche mußten infolge des verlorenen Zweiten Weltkriegs ihre Heimat verlassen. Weder im westdeutschen noch im ostdeutschen Kino der Nachkriegszeit wurde diese unfreiwillige Völkerwanderung in einer Form thematisiert, die ihrer historischen Bedeutung entsprochen hätte … »Die Festung« (auch (un)bekannt unter dem reißerischen Titel »Verdammt zur Sünde«) ist einer der wenigen Filme, die das Schicksal von Vertriebenen schildern – allerdings nicht, wie man es erwarten dürfte, als realistisches Problemstück sondern als Mixtur aus naturalistischer Groteske und tragikomischem Gesellschaftsschwank. Hugo Starosta (fulminant: Martin Held), einst Gespannführer in Ostpreußen, haust mit seiner vielköpfigen Sippschaft in einer alten Burg, die hunderten von Flüchtlingen als Notunterkunft dient, vertrödelt dort saufend, spielend, paffend die Tage, meidet jede Verantwortung, wartet darauf, daß ihm sein persönliches Wirtschaftswunder in den Schoß fällt: ein Windbeutel, ein Maulheld, ein Schelm. Familiäre Entwicklungen – zwei Söhne verdingen sich auf dem Rummel, ein anderer landet im Erziehungsheim, die hübsche Tochter verkauft statt ihrer Arbeitskraft lieber ihre Reize, die zähe Oma (betörend: Tilla Durieux) spart eisern auf einen Sarg – sieht Hugo mit Gelassenheit, die Verhältnisse biegt, träumt, lügt er sich hin, wie er sie braucht, pocht dabei streitbar auf seine (vermeintlichen) Rechte. Regisseur Alfred Weidenmann deutet diesen Mikrokosmos nicht platt als soziales Gleichnis, beleuchtet vielmehr, mit Gespür für saftige Details und dramatische Verdichtung, einen denkwürdigen Einzelfall, der gleichwohl zum Exempel taugt: Nach der Entwurzelung kann es vielleicht eine neue Behausung geben, aber kein wirkliches Zuhause mehr, vielleicht wieder einen Alltag, aber wohl kaum noch Alltäglichkeit. Instinktiv mißtraut Starosta jeder Fiktion von Normalität, verweigert eine Betriebsamkeit, die schon einmal in die Katastrophe führte.

R Alfred Weidenmann B Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius V Henry Jaeger K Enzo Serafin M Gert Wilden A Herta Pischinger P Eberhard Klagemann D Martin Held, Else Knott, Hildegard Knef, Michael Ande, Christa Linder, Tilla Durieux | BRD | 104 min | 1:1,66 | sw | 25. September 1964

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