16.9.49

Rotation (Wolfgang Staudte, 1949)

Wie konnte es soweit kommen? Berlin, April 1945. Ein Mann betrachtet die Wand seiner Gefängniszelle. In den Putz sind die Namen von Insassen geritzt, die hingerichtet wurden: Franzosen, Polen, Italiener, Holländer, Deutsche. Der Mann wird wohl der nächste sein, der stirbt. Zwanzig Jahre zuvor liebt der Mann eine Frau. Sie heiraten, obwohl die Zeiten schlecht sind. Sie bekommen einen Sohn. Hitler wird Reichskanzler. Der Mann bekommt Arbeit in einer Druckerei. Die Nazis sind ihm nicht sympathisch. Aber was hilft es? Eines Tage hängt das Führerbild über dem Eßtisch, steckt das Parteiabzeichen am Revers, werden die jüdischen Nachbarn abgeholt, fallen die Stadt, das Land, die Welt in Trümmer. Frei vom Gestus der Anklage porträtiert »Rotation« einen Menschen wie du und ich, einen, der sich um Politik nicht kümmern will, der wegsieht, der hinnimmt, der nachgibt – bis er, im Moment der Wahrheit, vor dem Resultat seines (un-)politischen Handelns steht: dem eigenen Sohn, der ihn verrät. Regisseur Wolfgang Staudte weiß, wovon er spricht; auch er hat im »Dritten Reich« Kompromisse gemacht, weil er leben, weil er überleben wollte, und so verhandelt er Schuldfragen, ohne ein vorschnelles Urteil zu fällen. In finsteren Bildern, die immer wieder von Gitterstäben zerschnitten werden, und mittels gekonnter filmerzählerischer Verknappungen der katastrophalen Weltgeschichte macht Staudte das Exemplarische eines individuellen Schicksals deutlich, wobei er bei aller Sachlichkeit der realistischen Darstellung große emotionale Wirkung erzeugt.

R Wolfgang Staudte B Wolfgang Staudte, Erwin Klein, Fritz Staudte K Bruno Mondi M H. W. Wiemann A Willy Schiller S Lilian Seng P Herbert Uhlich D Paul Esser, Irene Korb, Karl-Heinz Deickert, Reinhold Bernt, Werner Peters | D (O) | 84 min | 1:1,37 | sw | 16. September 1949

# 1023 | 26. August 2016

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