4.9.64

Il deserto rosso (Michelangelo Antonioni, 1964)

Die rote Wüste

Giuliana (Monica Vitti) hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Einen Unfall mit nachfolgendem Schock nennt es ihr Mann, ein Ingenieur. Giuliana hat Schwierigkeiten, und sie hat Angst. Sie hat Schwierigkeiten, die Wirklichkeit als Wirklichkeit anzunehmen, sie hat Angst vor Straßen, vor Fabriken, vor Farben, vor Menschen. Nach dem sogenannten Unfall, in der Klinik, hat Giuliana gelernt, sich wieder einzugliedern. Giuliana gibt sich Mühe, die Welt so zu sehen, wie sie ist (besser gesagt: wie sie, einer allgemeinen Übereinkunft entsprechend, gesehen werden soll), doch immer wieder verliert sie den Boden unter den Füßen, immer wieder fällt sie aus der Realität in ein tiefes Loch der Desorientierung. Niemand bietet Giuliana Halt, nicht ihr Mann, nicht ihr Kind, nicht ihr Geliebter (Richard Harris): Die Körper sind getrennt, eins plus eins ergibt nicht zwei. Giuliana streift ziellos durch ihre Existenz, durch ihre Stadt, die eine einzige Industriezone ist: Ravenna gleicht einer Assemblage aus Rohrleitungen und Maschinen, aus Stahlkonstruktionen und Kontrollräumen, aus qualmenden Schornsteinen und ölschillernden Tümpeln. »Il deserto rosso« visualisiert (besser gesagt: ästhetisiert) Giulianas Anpassungsschwierigkeiten und Wahrnehmungsstörungen mittels Unschärfen und Nebelschleiern, durch suggestive Farbverfremdungen und elektronische Klänge – anders als Giulianas sachliche Umwelt betrachtet Michelangelo Antonioni die Protagonistin dabei nicht als Kranke, ist es doch gerade ihr vermeintlich gestörtes Empfinden, das die seltsam kaputte Schönheit einer menschengemachten Schöpfung offenbart. Und wie Vögel gelernt haben, um aufsteigende Giftschwaden einen großen Bogen zu fliegen, müssen Menschen lernen, sich an die von ihnen radikal veränderte Umwelt zu adaptieren und dort mit sich alleine zu sein.

R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Tonino Guerra K Carlo Di Palma M Giovanni Fusco, Vittorio Gelmetti A Piero Poletto S Eraldo Da Roma P Tonino Cervi D Monica Vitti, Richard Harris, Carlo Chionetti, Valerio Bartoleschi | I & F | 117 min | 1:1,85 | f | 4. September 1964

# 837 | 20. Februar 2014

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