22.5.62

Das Brot der frühen Jahre (Herbert Vesely, 1962)

Eigentlich ist alles klar: Walter Fendrich, Waschmaschinenmechaniker im Außendienst, immer nett, immer adrett, wird Ulla Wickweber, die attraktive Tochter seines Chefs, heiraten und am einträglichen Familiengeschäft beteiligt werden – Walters weiteres Leben ist praktisch schon gelebt: »Ich sehe mich in diesem Leben herumstehen, ich lächle, rede wie ein Zwillingsbruder, der lächeln und reden würde. Ich kaufe in diesem Leben, verkaufe, halte Kinder im Arm, die meine hätten sein sollen, ich halte Reden auf Betriebsfesten, drücke Hände.« Dann ein kurzer Moment, der alles in Frage stellt, ein alltägliches Ereignis, das alles verändert: Walter soll Hedwig Muller, ein hübsches Fräulein aus seiner Heimatstadt, vom Bahnhof abholen, ein junges Mädchen, das er kannte, als es noch viel jünger war – und Walter wechselt das Gleis, steigt um, vom falschen Leben in eines, das sich richtiger anfühlt. Herbert Veselys Adaption eines Textes von Heinrich Böll erzählt diese Geschichte einer Ein- und Umkehr nicht linear sondern zerfasert, zergliedert, zersprungen; das Thema – der fluchtartige Ausbruch eines Menschen, der immer Hunger litt, aus erbärmlichem Sattsein (≈ Geld) in unabdingbare Freiheit (≈ Brot) – wird in Variationen umkreist, in Reprisen vergegenwärtigt, in (gelegentlich etwas zu aparten) Bild-, Ton- und Gedankensplittern bespiegelt. Das konkrete Umfeld – die Stadt Berlin, ihre Staßen und Häuser, ihre Bahnen und Stationen, ihre Wohnungen und Cafés zwischen zertrümmertem Gestern und kühler Moderne – liefert den abstrakten Background für ein kaleidoskopisch-sprödes Beziehungsdrama, für ein jazzig-grafisches Gesellschaftsstück.

Das Brot der frühen Jahre | R Herbert Vesely B Herbert Vesely, Leo Ti (= Leo Tichat), Heinrich Böll V Heinrich Böll K Wolf Wirth M Attila Zoller S Christa Pohland P Hansjürgen Pohland D Christian Doermer, Vera Tschechowa, Karin Blanguernon, Tilo von Berlepsch | BRD | 88 min | 1: 1,37 | sw | 22. Mai 1962

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