Marnie
»You Freud, me Jane?« Die frigid-kleptomanische Sekretärin Marnie Edgar (mal blond, mal brünett, mal schwarz: ›Tippi‹ Hedren) und der helfersyndromisch-sadistische Verleger Mark Rutland (Sean Connery) in einem bresthaften Küchen-Psycho-Mutter-Tochter-Schmock (»Why don't you love me, Mama?«) voller naiver Pappkulissen, derber Farbdramaturgie (Rot! Rot! Rot!), grenzwertiger Darstellerleistungen und kläglicher Rückprojektionen. Der Begriff des »Seelenklempners« ist in diesem viktorianisch-triebhaften Thriller-Melo beinahe wörtlich zu verstehen: Mit ein paar einfachen therapeutischen Handgriffen (Assoziationsspiele, Vergewaltigung, Erinnerungsstimulation) gelingt es dem leidenschaftlichen Hobbypsychologen Mark, Marnies verstopften Mentaltraps gründlich durchzuspülen und ihre posttraumatische Belastungsstörung erfolgreich zu beheben. Trotz aller visuellen Pannen und erzählerischen Abgeschmacktheiten gewinnt »Marnie« eine geradezu krankhafte Intensität, denn Alfred Hitchcocks frustrierender amour fou zu seinem, für ihn unerreichbaren, in Anführungszeichen gesetzten Mannequin-Star quillt düster zwischen den Bildern und Dialogen hervor: »I've tracked you and caught you and by God I'm going to keep you.« So verwandelt sich ein triviales Hintertreppendrama in ein obsessives Trauer-Spiel: »I don't believe in luck.« – »What do you believe in?« – »Nothing.« Dazu schauert und schäumt ein vollfetter Score von Bernard Herrmann (der sein letzter für Hitchcock bleiben wird). A guilty pleasure – für alle Beteiligten.
R Alfred Hitchcock B Jay Presson Allen V Winston Graham K Robert Burks M Bernard Herrmann A Robert Boyle Ko Edith Head, Vincent Dee, Rita Riggs S George Tomasini P Alfred Hitchcock D ›Tippi‹ Hedren, Sean Connery, Diane Baker, Martin Gabel, Louise Latham | USA | 130 min | 1:1,85 | f | 22. Juli 1964
22.7.64
7.7.64
Der geteilte Himmel (Konrad Wolf, 1964)
»Den Himmel wenigstens können sie nicht zerteilen.« – »Doch, der Himmel teilt sich zuallererst.« Konrad Wolfs hochpathetische Romanze aus der Zeit der gerade noch offenen deutsch-deutschen Grenze beleuchtet in expressivem Schwarzweiß am Beispiel zweier Liebender aus einer namenlosen DDR-Großstadt die changierenden Gefühlszustände der Skeptischen und der Hoffnungsvollen, der Vergrübelten und der Empfindsamen, der Gehenden und der der Bleibenden. Der Film macht sich die sozialistische Religiosität seiner jungen Heldin (Renate Blume als Rita) bedingungslos zu eigen. Ihr frustriert vom politischen Glauben abfallender Geliebter (Eberhard Esche als Manfred), der am Ende in einem engen Zimmer in Westberlin sitzt, wird weniger desavouiert als bedauert: nichts bleibt ihm mehr »von diesem seltsamen Stoff Leben«. Der hohe Ton der Dialoge und Off-Kommentare (Drehbuch nach und von Christa Wolf) provoziert so manche nervliche Rückkopplung, aber mit seiner sachlich-symbolischen Szenographie (Alfred Hirschmeier) und seinen plakativ-poetischen Totalvision-Bildern (Werner Bergmann) sichert sich »Der geteilte Himmel« einen Platz unter den visuell stärksten Filmen des deutschen Nachkriegskinos.
R Konrad Wolf B Christa Wolf, Gerhard Wolf, Konrad Wolf, Willi Brückner, Kurt Barthel V Christa Wolf K Werner Bergmann M Hans-Dieter Hosalla A Alfred Hirschmeier S Helga Krause P Hans-Joachim Funk D Renate Blume, Eberhard Esche, Hans Hardt-Hardtloff, Hilmar Thate, Martin Flörchinger | DDR | 113 min | 1:2,35 | sw | 7. Juli 1964
R Konrad Wolf B Christa Wolf, Gerhard Wolf, Konrad Wolf, Willi Brückner, Kurt Barthel V Christa Wolf K Werner Bergmann M Hans-Dieter Hosalla A Alfred Hirschmeier S Helga Krause P Hans-Joachim Funk D Renate Blume, Eberhard Esche, Hans Hardt-Hardtloff, Hilmar Thate, Martin Flörchinger | DDR | 113 min | 1:2,35 | sw | 7. Juli 1964
6.7.64
A Hard Day’s Night (Richard Lester, 1964)
Yeah Yeah Yeah
»Are you a mod or a rocker?« – »I'm a mocker.« Einen fiktiven Tag lang begleitet die (pseudo-)dokumentarische Kamera (Gilbert Taylor) die fabulösen Vier, John, Paul, George & Ringo, deren Leben in erster Linie aus Sprücheklopfen und dem Weglaufen vor hysterischen Fans zu bestehen scheint. Musik wird zwischendurch gemacht – in den Atempausen. In seiner wilde Mischung aus Slapstick und Swinging London, aus Godard und Jukebox, aus ironisch-selbstreferentiellem Starkult und locker gefaketem cinéma vérité wächst Richard Lesters »A Hard Day’s Night« zu einem Meilenstein der (filmischen) Popkultur. Die aufgedrehte Zuversicht der frühen 1960er Jahre strahlt aus 24 Bildern pro Sekunde und wirkt über die Dekaden hinweg ansteckend – zwischen den kurzen Schnitten ist ganz gelegentlich jedoch auch der Zweifel zu verspüren, daß die Ungezwungenheit von Dauer sein würde: »Has success changed your life?« – »Yes.«
R Richard Lester B Alun Owen K Gilbert Taylor M The Beatles A Ray Simm S John Jympson P Walter Shenson D John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr, Wilfrid Brambell | UK | 87 min | 1:1,75 | sw | 6. Juli 1964
»Are you a mod or a rocker?« – »I'm a mocker.« Einen fiktiven Tag lang begleitet die (pseudo-)dokumentarische Kamera (Gilbert Taylor) die fabulösen Vier, John, Paul, George & Ringo, deren Leben in erster Linie aus Sprücheklopfen und dem Weglaufen vor hysterischen Fans zu bestehen scheint. Musik wird zwischendurch gemacht – in den Atempausen. In seiner wilde Mischung aus Slapstick und Swinging London, aus Godard und Jukebox, aus ironisch-selbstreferentiellem Starkult und locker gefaketem cinéma vérité wächst Richard Lesters »A Hard Day’s Night« zu einem Meilenstein der (filmischen) Popkultur. Die aufgedrehte Zuversicht der frühen 1960er Jahre strahlt aus 24 Bildern pro Sekunde und wirkt über die Dekaden hinweg ansteckend – zwischen den kurzen Schnitten ist ganz gelegentlich jedoch auch der Zweifel zu verspüren, daß die Ungezwungenheit von Dauer sein würde: »Has success changed your life?« – »Yes.«
R Richard Lester B Alun Owen K Gilbert Taylor M The Beatles A Ray Simm S John Jympson P Walter Shenson D John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr, Wilfrid Brambell | UK | 87 min | 1:1,75 | sw | 6. Juli 1964
5.7.64
Bande à part (Jean-Luc Godard, 1964)
Die Außenseiterbande
Die bande à part sind drei: zwei pos(s)enhafte Typen (Frey und Brasseur) und ein Schulmädchen à l’air demodé (Karina) auf der Jagd nach dem Glück, das ein Zungenkuß sein kann, ein Ballett zur Musik der Zeit, ein Louvre-Besuch (in 9 Minuten 43 Sekunden) oder ein Kleiderschrank voller Franc-Scheine. Das Geld verspricht Freiheit – Freiheit vom Winter in der Stadt, vom drögen Englisch-Kurs, von der schwarzweißen Tristesse der Banlieu –, es verspricht eine Zukunft in den heißen Ländern, eine Leben in Breitwand und Farbe. Der Weg dorthin führt (in Coutards lockeren Bildern und zu Legrands rummeliger Musik) über einen nicht besonders raffinierten Plan und ein paar gutplazierte Ohrfeigen zu einem bewaffnet-maskierten Überfall. Der knallige Schluß reduziert die ménage à trois gewaltsam auf eine vielversprechende Zweierkiste … Den Godard von »Bande à part« sollte man nicht allzu ernst nehmen: Der will doch nur (an)spielen – und ein bißchen angeben, so wie die coolen Jungs mit ihrer Knarre. PS: Die versprochene Fortsetzung des Abenteuers hat JLG der Welt bisher leider vorenthalten.
R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard V Dolores Hitchens K Raoul Coutard M Michel Legrand S Agnès Guillemot, Françoise Collin P Philippe Dussart D Anna Karina, Samy Frey, Claude Brasseur, Louisa Colpeyn, Ernest Menzer | F | 95 min | 1:1,37 | sw | 5. Juli 1964
Die bande à part sind drei: zwei pos(s)enhafte Typen (Frey und Brasseur) und ein Schulmädchen à l’air demodé (Karina) auf der Jagd nach dem Glück, das ein Zungenkuß sein kann, ein Ballett zur Musik der Zeit, ein Louvre-Besuch (in 9 Minuten 43 Sekunden) oder ein Kleiderschrank voller Franc-Scheine. Das Geld verspricht Freiheit – Freiheit vom Winter in der Stadt, vom drögen Englisch-Kurs, von der schwarzweißen Tristesse der Banlieu –, es verspricht eine Zukunft in den heißen Ländern, eine Leben in Breitwand und Farbe. Der Weg dorthin führt (in Coutards lockeren Bildern und zu Legrands rummeliger Musik) über einen nicht besonders raffinierten Plan und ein paar gutplazierte Ohrfeigen zu einem bewaffnet-maskierten Überfall. Der knallige Schluß reduziert die ménage à trois gewaltsam auf eine vielversprechende Zweierkiste … Den Godard von »Bande à part« sollte man nicht allzu ernst nehmen: Der will doch nur (an)spielen – und ein bißchen angeben, so wie die coolen Jungs mit ihrer Knarre. PS: Die versprochene Fortsetzung des Abenteuers hat JLG der Welt bisher leider vorenthalten.
R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard V Dolores Hitchens K Raoul Coutard M Michel Legrand S Agnès Guillemot, Françoise Collin P Philippe Dussart D Anna Karina, Samy Frey, Claude Brasseur, Louisa Colpeyn, Ernest Menzer | F | 95 min | 1:1,37 | sw | 5. Juli 1964
2.7.64
Das Ungeheuer von London-City (Edwin Zbonek, 1964)
Das Leben imitiert die Kunst, die das Leben imitiert: Der Schauspieler Richard Sand (Hansjörg Felmy in zerzauster Mr.-Hyde-Maske) spielt auf der Bühne den historischen Jack the Ripper, dessen Verbrechen wiederum auf den Straßen Londons Nacht für Nacht kopiert werden; wegen des blutigen Nachahmungseffektes fordern Politiker die Absetzung des Horror-Stücks, während sich der Spielleiter über lebens-, besser gesagt: todesechte Werbung freut … Unter dem Bryan-Edgar-Wallace-Label schustern Regisseur Edwin Zbonek und Autor Robert A. Stemmle (neben seiner Filmarbeit auch Herausgeber des »Neuen Pitaval«) eine holprige Schlitzerposse zusammen: Die einigermaßen groteske Figur des regsamen Mörders in Schlapphut und Pelerinenkragen sorgt zwar für einen gewissen Unterhaltungswert, das eigentliche Thema des Films – die gegenseitigen Beeinflussungen von Realität und medialem Abbild, von Authentizität und Fiktion – verschwimmt jedoch flusig im dichten Bühnennebel.
R Edwin Zbonek B Robert A. Stemmle, Bryan Edgar Wallace K Siegfried Hold M Martin Böttcher A Hans-Jürgen Kiebach, Ernst Schomer S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Hansjörg Felmy, Marianne Koch, Dietmar Schönherr, Hans Nielsen, Fritz Tillmann | BRD | 89 min | 1:2,35 | sw | 2. Juli 1964
R Edwin Zbonek B Robert A. Stemmle, Bryan Edgar Wallace K Siegfried Hold M Martin Böttcher A Hans-Jürgen Kiebach, Ernst Schomer S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Hansjörg Felmy, Marianne Koch, Dietmar Schönherr, Hans Nielsen, Fritz Tillmann | BRD | 89 min | 1:2,35 | sw | 2. Juli 1964
Labels:
Bryan Edgar Wallace,
Bühne,
Felmy,
Krimi,
London,
Serienmörder,
Stemmle,
Zbonek
1.7.64
Murder Ahoy (George Pollock, 1964)
Mörder ahoi!
Miss Marple wird zu Wasser gelassen und ermittelt (in höchst fashionabler Marine-Uniform) an Bord des Schulschiffes ›H.M.S. Battledore‹, wo sie (mit Recht, wie sich zeigen wird) einen Schnupftabakkiller und allerhand trübe Geschäftemacherei vermutet. Wie immer, wenn die energische alte Dame (von den zuständigen Behörden ungebeten) die Ermittlung in einer Mordsache übernimmt, so gibt es auch auf See weitere Tote zu beklagen, bevor sie den Täter unter Einsatz ihres reifen Lebens stellen kann. Mit kauziger Grandezza absolviert Margaret Rutherford in »Murder Ahoy« ihr letztes Marple-Engagement; neben den üblichen Verdächtigen an ihrer Seite (Stringer Davis als »Bekannter« der Hobbydetektivin, Charles Tingwell als unterbelichteter Inspektor) spielt Lionel Jeffries einen ebenso inkompetenten wie sympathischen master and commander. PS: »Damn the torpedoes, full steam ahead!«
R George Pollock B David Pursall, Jack Seddon V Agatha Christie K Desmond Dickinson M Ron Goodwin A William C. Andrews S Ernest Walter P Lawrence P. Bachmann D Margaret Rutherford, Lionel Jeffries, Charles Tingwell, William Merwyn, Stringer Davis | UK | 93 min | 1:1,66 | sw | 1. Juli 1964
Miss Marple wird zu Wasser gelassen und ermittelt (in höchst fashionabler Marine-Uniform) an Bord des Schulschiffes ›H.M.S. Battledore‹, wo sie (mit Recht, wie sich zeigen wird) einen Schnupftabakkiller und allerhand trübe Geschäftemacherei vermutet. Wie immer, wenn die energische alte Dame (von den zuständigen Behörden ungebeten) die Ermittlung in einer Mordsache übernimmt, so gibt es auch auf See weitere Tote zu beklagen, bevor sie den Täter unter Einsatz ihres reifen Lebens stellen kann. Mit kauziger Grandezza absolviert Margaret Rutherford in »Murder Ahoy« ihr letztes Marple-Engagement; neben den üblichen Verdächtigen an ihrer Seite (Stringer Davis als »Bekannter« der Hobbydetektivin, Charles Tingwell als unterbelichteter Inspektor) spielt Lionel Jeffries einen ebenso inkompetenten wie sympathischen master and commander. PS: »Damn the torpedoes, full steam ahead!«
R George Pollock B David Pursall, Jack Seddon V Agatha Christie K Desmond Dickinson M Ron Goodwin A William C. Andrews S Ernest Walter P Lawrence P. Bachmann D Margaret Rutherford, Lionel Jeffries, Charles Tingwell, William Merwyn, Stringer Davis | UK | 93 min | 1:1,66 | sw | 1. Juli 1964
Labels:
Agatha Christie,
Hafen,
Komödie,
Krimi,
Miss Marple,
Pollock,
Rutherford,
Seefahrt
26.6.64
The Pawnbroker (Sidney Lumet, 1964)
Der Pfandleiher
»Everything that I loved was taken away from me, and ... I did not die.« Rod Steiger als menschlich gefrorener KZ-Überlebender Sol Nazerman: Der Betreiber einer Pfandleihe in Spanish Harlem sieht alltäglich dem Elend ins Gesicht – doch was sind die Wunden, die Schmerzen, die Narben der anderen gegen seine eigene Verletzung, die ihn zum lebenden Toten gemacht hat? New York wird zum grauen Spiegel der Gespenster, die Nazerman heimsuchen: Eine überfüllte U-Bahn gemahnt an den Transport ins Vernichtungslager, in einer Bandenkeilerei hallt das Echo wachmannschaftlicher Prügelorgien wider, der Verführungsversuch durch eine Prostituierte evoziert Bilder des SS-Bordells, in dem seine Frau geschändet wurde. Steiger, kein Darsteller, der für Subtilität oder underplay bekannt wäre, bleibt auch als seelisch Gelähmter ein Ausbund an explosiver schauspielerischer Energie, wodurch das Porträt eines Paralysierten zur vibrierenden Demonstration gerät. Ebenso ambivalent erscheint – neben dem von sanftem Lyrismus in pulsierende Hektik kippenden Score (Quincy Jones) – der Gegensatz zwischen der gestalterischen Überhöhung der im Studio gebauten Innenräume sowie den (mitunter recht kitschigen) Erinnerungssequenzen und dem ganz unmittelbaren filmischen Zugriff auf die urbane Realität, der an Meister der street photography wie William Klein oder Robert Frank denken läßt (Kamera: Boris Kaufman). Zur Vergegenwärtigung der biographischen Zerrissenheit seiner Titelfigur kontrastiert Regisseur Sidney Lumet peinigende Nähe und eisige Distanzierung, die inszenatorischen Doppelbelichtungen von Faktizität und Mystifikation machen »The Pawnbroker« zu einem Beispiel für etwas, das man vielleicht »abstrakten Naturalismus« nennen könnte.
R Sidney Lumet B Morton Fine, David Friedkin V Edward Lewis Wallant K Boris Kaufman M Quincy Jones A Richard Sylbert S Ralph Rosenblum P Philip Langner, Roger Lewis D Rod Steiger, Geraldine Fitzgerald, Brock Peters, Jaime Sánchez, Thelma Oliver | USA | 116 min | 1:1,85 | sw | 26. Juni 1964
»Everything that I loved was taken away from me, and ... I did not die.« Rod Steiger als menschlich gefrorener KZ-Überlebender Sol Nazerman: Der Betreiber einer Pfandleihe in Spanish Harlem sieht alltäglich dem Elend ins Gesicht – doch was sind die Wunden, die Schmerzen, die Narben der anderen gegen seine eigene Verletzung, die ihn zum lebenden Toten gemacht hat? New York wird zum grauen Spiegel der Gespenster, die Nazerman heimsuchen: Eine überfüllte U-Bahn gemahnt an den Transport ins Vernichtungslager, in einer Bandenkeilerei hallt das Echo wachmannschaftlicher Prügelorgien wider, der Verführungsversuch durch eine Prostituierte evoziert Bilder des SS-Bordells, in dem seine Frau geschändet wurde. Steiger, kein Darsteller, der für Subtilität oder underplay bekannt wäre, bleibt auch als seelisch Gelähmter ein Ausbund an explosiver schauspielerischer Energie, wodurch das Porträt eines Paralysierten zur vibrierenden Demonstration gerät. Ebenso ambivalent erscheint – neben dem von sanftem Lyrismus in pulsierende Hektik kippenden Score (Quincy Jones) – der Gegensatz zwischen der gestalterischen Überhöhung der im Studio gebauten Innenräume sowie den (mitunter recht kitschigen) Erinnerungssequenzen und dem ganz unmittelbaren filmischen Zugriff auf die urbane Realität, der an Meister der street photography wie William Klein oder Robert Frank denken läßt (Kamera: Boris Kaufman). Zur Vergegenwärtigung der biographischen Zerrissenheit seiner Titelfigur kontrastiert Regisseur Sidney Lumet peinigende Nähe und eisige Distanzierung, die inszenatorischen Doppelbelichtungen von Faktizität und Mystifikation machen »The Pawnbroker« zu einem Beispiel für etwas, das man vielleicht »abstrakten Naturalismus« nennen könnte.
R Sidney Lumet B Morton Fine, David Friedkin V Edward Lewis Wallant K Boris Kaufman M Quincy Jones A Richard Sylbert S Ralph Rosenblum P Philip Langner, Roger Lewis D Rod Steiger, Geraldine Fitzgerald, Brock Peters, Jaime Sánchez, Thelma Oliver | USA | 116 min | 1:1,85 | sw | 26. Juni 1964
Labels:
Drama,
Erinnerung,
Familie,
Gangster,
Geld,
Holocaust,
Konzentrationslager,
Lumet,
Nationalsozialismus,
New York,
Prostitution,
Steiger,
Tod
23.6.64
A Shot in the Dark (Blake Edwards, 1964)
Ein Schuß im Dunkeln
»You fell of the sofa, you stupid …« – »Everything I do is carefully planned, Madame.« Tatsächlich überlassen Blake Edwards und Peter Sellers nichts dem Zufall – jeder Moment ihrer clouseauesken Whodunit-Farce ist minutiös choreographiert. Mit starrem Entsetzen blickt die Kamera (Christopher Challis) auf die Spasmen des unaufhaltsamen Pariser Inspektors, der seine Ermittlung mit der stattlichen Bilanz von vierzehn Leichen und einem verrückt gewordenen Vorgesetzten (»Give me ten men like Clouseau and I could destroy the world.« – Herbert Lom) abschließt. Die Stiff-upper-lip-Inszenierung setzt wie im Vorgänger auf den Kontrast zwischen geschmackvoller Unmoral der oberen Zehntausend und achtbarem Aufklärungswahn des biederen Polizisten, verschiebt (und simplifiziert) das meisterhafte »Pink Panther«-Gleichgewicht von Romantik und Slapstick jedoch grundsätzlich zugunsten des (von Sellers zugegebenermaßen begnadet dargebotenen) Körperwitzes.
R Blake Edwards B Blake Edwards, William Peter Blatty V Harry Kurnitz, Marcel Achard K Christopher Challis M Henry Mancini A Michael Stringer S Ralph E. Winters P Blake Edwards D Peter Sellers, Elke Sommer, George Sanders, Herbert Lom, Tracy Reed | USA & UK | 101 min | 1:2,35 | f | 23. Juni 1964
»You fell of the sofa, you stupid …« – »Everything I do is carefully planned, Madame.« Tatsächlich überlassen Blake Edwards und Peter Sellers nichts dem Zufall – jeder Moment ihrer clouseauesken Whodunit-Farce ist minutiös choreographiert. Mit starrem Entsetzen blickt die Kamera (Christopher Challis) auf die Spasmen des unaufhaltsamen Pariser Inspektors, der seine Ermittlung mit der stattlichen Bilanz von vierzehn Leichen und einem verrückt gewordenen Vorgesetzten (»Give me ten men like Clouseau and I could destroy the world.« – Herbert Lom) abschließt. Die Stiff-upper-lip-Inszenierung setzt wie im Vorgänger auf den Kontrast zwischen geschmackvoller Unmoral der oberen Zehntausend und achtbarem Aufklärungswahn des biederen Polizisten, verschiebt (und simplifiziert) das meisterhafte »Pink Panther«-Gleichgewicht von Romantik und Slapstick jedoch grundsätzlich zugunsten des (von Sellers zugegebenermaßen begnadet dargebotenen) Körperwitzes.
R Blake Edwards B Blake Edwards, William Peter Blatty V Harry Kurnitz, Marcel Achard K Christopher Challis M Henry Mancini A Michael Stringer S Ralph E. Winters P Blake Edwards D Peter Sellers, Elke Sommer, George Sanders, Herbert Lom, Tracy Reed | USA & UK | 101 min | 1:2,35 | f | 23. Juni 1964
15.6.64
För att inte tala om alla dessa kvinnor (Ingmar Bergman, 1964)
Ach, diese Frauen
Ingmar Bergmans manieriert-bonbonbuntes Satyrspiel zum harten Schwarzweiß seiner »Kammerspiel-Trilogie«: Der Starkritiker (und Hobbykomponist) Cornelius will die Biographie des berühmten Cellisten Felix schreiben, dringt zum (unsichtbar bleibenden) Meister jedoch nicht vor – und verliert sich stattdessen in den Liebeshändeln und Ränkespielen des künstlerischen Hofstaates, der neben Impressario und Chauffeur einen siebenköpfigen Harem umfaßt. In ultrakünstlich-zuckerbäckerigen Kulissen (P. A. Lundgren) wird ein weitgehend blutleerer Retorten-Slapstick abgespult, eine ungalante Marivaudage, die als mokanter Racheakt an inkompetent-parasitären Kunstrichtern noch am ehesten nachzuvollziehen ist. Vor dem (meist starren) Auge von Sven Nykvists formal meisterlicher Kamera hampeln und chargieren die Akteure und Aktricen, daß die dünnen Wände wackeln. Für die provozierende Verweigerung von Ernst und Tiefgründigkeit gebührt Bergman (zumal nach einem so ernsten und tiefgründigen Werk wie »Tystnaden«) allerdings ein gewisser Respekt.
R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman, Erland Josephson K Sven Nykvist M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Ulla Ryghe P Allan Ekelund D Jarl Kulle, Bibi Andersson, Harriet Andersson, Eva Dahlbeck, Gertrud Fridh | S | 80 min | 1:1,37 | f | 15. Juni 1964
Ingmar Bergmans manieriert-bonbonbuntes Satyrspiel zum harten Schwarzweiß seiner »Kammerspiel-Trilogie«: Der Starkritiker (und Hobbykomponist) Cornelius will die Biographie des berühmten Cellisten Felix schreiben, dringt zum (unsichtbar bleibenden) Meister jedoch nicht vor – und verliert sich stattdessen in den Liebeshändeln und Ränkespielen des künstlerischen Hofstaates, der neben Impressario und Chauffeur einen siebenköpfigen Harem umfaßt. In ultrakünstlich-zuckerbäckerigen Kulissen (P. A. Lundgren) wird ein weitgehend blutleerer Retorten-Slapstick abgespult, eine ungalante Marivaudage, die als mokanter Racheakt an inkompetent-parasitären Kunstrichtern noch am ehesten nachzuvollziehen ist. Vor dem (meist starren) Auge von Sven Nykvists formal meisterlicher Kamera hampeln und chargieren die Akteure und Aktricen, daß die dünnen Wände wackeln. Für die provozierende Verweigerung von Ernst und Tiefgründigkeit gebührt Bergman (zumal nach einem so ernsten und tiefgründigen Werk wie »Tystnaden«) allerdings ein gewisser Respekt.
R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman, Erland Josephson K Sven Nykvist M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Ulla Ryghe P Allan Ekelund D Jarl Kulle, Bibi Andersson, Harriet Andersson, Eva Dahlbeck, Gertrud Fridh | S | 80 min | 1:1,37 | f | 15. Juni 1964
Labels:
Bibi Andersson,
Erotik,
Harriet Andersson,
Ingmar Bergman,
Jahrhundertwende,
Komödie,
Musik,
Villa
12.6.64
Tim Frazer jagt den geheimnisvollen Mister X (Ernst Hofbauer, 1964)
»J’ai péché.« Eine geheimnisvolle Mordserie erschüttert Antwerpen: Alle zehn Tage stirbt ein Hafenarbeiter durch einen Stilettstich in den Rücken. Der überforderte Inspektor Stoffels (Paul Löwinger) erhält Verstärkung aus London: Tim Frazer (Adrian Hoven) stellt fest, daß Opfer und Täter durch Mitgliedschaft in einer Bande von Rauschgiftschmugglern – beteiligt sind unter anderem eine frivole Schankwirtin, eine leopardige Barbesitzerin und der hinkende Konsul von Anatolien – miteinander verbunden sind … Die ausgedehnten Hafenanlagen Antwerpens und die winkligen Straßen der Altstadt bilden die atmosphärische Kulisse für eine (abgesehen von einigen expressiv beleuchteten Nachtszenen, ein paar überraschenden jump-cuts à la Godard sowie zwei visuell recht attraktiven Verfolgungsjagden auf eine Klappbrücke und durch die Röhre des Sint-Annatunnels unter der Schelde) eher behäbig inszenierte Krimiplotte (die mit Francis Durbridges »Tim Frazer«-Romanen nichts zu tun hat); mindestens ebensosehr wie für die Aufklärung der Bluttaten interessiert sich Ernst Hofbauer für weibliche Dekolletés, denen zu dekorativen Folterzwecken schon mal eine glühende Zigarette gefährlich naherückt. Eine gewisse Originalität beweist die Besetzung Ady Berbers: In den Edgar-Wallace- und Mabuse-Filmen auf die Rolle des debilen Schergen abonniert, darf sich der sympathische Wiener Koloß in diesem Falle einmal als tapferer Helfer der Gesetzeshüter beweisen.
R Ernst Hofbauer B Ernst Hofbauer K Raimund Herold M Heinz Neubrand A Hans Zehetner S Arnd Heyne P Josef Eckert D Adrian Hoven, Paul Löwinger, Corny Collins, Ellen Schwiers, Mady Rahl, Ady Berber | A & B | 87 min | 1:1,66 | sw | 12. Juni 1964
# 916 | 13. November 2014
R Ernst Hofbauer B Ernst Hofbauer K Raimund Herold M Heinz Neubrand A Hans Zehetner S Arnd Heyne P Josef Eckert D Adrian Hoven, Paul Löwinger, Corny Collins, Ellen Schwiers, Mady Rahl, Ady Berber | A & B | 87 min | 1:1,66 | sw | 12. Juni 1964
# 916 | 13. November 2014
Banco à Bangkok pour OSS 117 (André Hunebelle, 1964)
Heiße Hölle Bangkok
»L’avenir est une illusion. Le passé n’est qu’un souvenir. Seul le présent conte.« – OSS 117, der französische Smokingtaschen-Bond (in diesem Abenteuer verkörpert von Kerwin Mathews), ermittelt in Bangkok gegen einen gewissen Dr. Gunnar Sinn (Robert Hossein), Modearzt und Parapsychologe, der die Welt mittels eines verbesserten Pestvirus von Überbevölkerung und atomarem Wahnsinn befreien möchte. Guter Plan – aber der Film trödelt ziemlich gedankenlos vor sich hin. Pier Angeli als Lila Sinn (die gute Schwester des Bösen), der rasante, jazzig-thailandisierende Score von Michel Magne sowie eine (vor allem ausstattungsmäßig) angemessen abgedrehte Schlußsequenz heben »Banco à Bangkok« immerhin auf akzeptables Niveau.
R André Hunebelle B Pierre Foucaud, Michel Lebrun, André Hunebelle V Jean Bruce K Raymond Pierre Lemoigne M Michel Magne A René Moulaert S Jean Feyte P Paul Cadéac D Kerwin Mathews, Robert Hossein, Pier Angeli, Dominique Wilms, Gamil Ratib | F & I | 105 min | 1:2,35 | f | 12. Juni 1964
»L’avenir est une illusion. Le passé n’est qu’un souvenir. Seul le présent conte.« – OSS 117, der französische Smokingtaschen-Bond (in diesem Abenteuer verkörpert von Kerwin Mathews), ermittelt in Bangkok gegen einen gewissen Dr. Gunnar Sinn (Robert Hossein), Modearzt und Parapsychologe, der die Welt mittels eines verbesserten Pestvirus von Überbevölkerung und atomarem Wahnsinn befreien möchte. Guter Plan – aber der Film trödelt ziemlich gedankenlos vor sich hin. Pier Angeli als Lila Sinn (die gute Schwester des Bösen), der rasante, jazzig-thailandisierende Score von Michel Magne sowie eine (vor allem ausstattungsmäßig) angemessen abgedrehte Schlußsequenz heben »Banco à Bangkok« immerhin auf akzeptables Niveau.
R André Hunebelle B Pierre Foucaud, Michel Lebrun, André Hunebelle V Jean Bruce K Raymond Pierre Lemoigne M Michel Magne A René Moulaert S Jean Feyte P Paul Cadéac D Kerwin Mathews, Robert Hossein, Pier Angeli, Dominique Wilms, Gamil Ratib | F & I | 105 min | 1:2,35 | f | 12. Juni 1964
31.5.64
Nikutai no mon (Seijun Suzuki, 1964)
Gate of Flesh
Tokio, Sommer 1945 – inmitten des staubig-grauen Nachkriegschaos lebt (»leben« bedeutet hier eigentlich nur, nicht tot zu sein) eine Gang von fünf Prostituierten – eine in Rot, eine in Gelb, eine in Schwarz, eine in Lila, eine in Grün – nach der Regel: »Niemals Sex ohne Geld«. Wer das Gesetz mißachtet, wird von den anderen grausam-genüßlich bestraft. Als ein kriminell gewordener Kriegsheimkehrer in dieses menschenfeindliche Idyll stößt, wird die brutale weibliche Solidarität von Eifersucht zersetzt, aber auch so etwas wie (trügerische) Hoffnung blüht wieder in den Ruinen … Seijun Suzuki und sein Ausstatter Takeo Kimura lassen die zerbombte japanische Hauptstadt als surreale Sperrholzkulisse wiederauferstehen und verwandeln ihren Sado-Maso-Groschenroman in ein grellbuntes moralisches Schlammcatchen, wo unter anderem folgende Frage von bleibender Aktualität verhandelt wird: Essen wir, um uns verkaufen zu können, oder verkaufen wir uns, um essen zu können?
R Seijun Suzuki B Goro Tanada V Taijiro Tamura K Shigeyoshi Mine M Naozumi Yamamoto A Takeo Kimura S Akira Suzuki P Kaneo Iwai D Yumiko Nogawa, Jo Shishido, Kayo Matsuo, Satoko Kasai, Tamiko Ishii | JP | 90 min | 1:2,35 | f | 31. Mai 1964
Tokio, Sommer 1945 – inmitten des staubig-grauen Nachkriegschaos lebt (»leben« bedeutet hier eigentlich nur, nicht tot zu sein) eine Gang von fünf Prostituierten – eine in Rot, eine in Gelb, eine in Schwarz, eine in Lila, eine in Grün – nach der Regel: »Niemals Sex ohne Geld«. Wer das Gesetz mißachtet, wird von den anderen grausam-genüßlich bestraft. Als ein kriminell gewordener Kriegsheimkehrer in dieses menschenfeindliche Idyll stößt, wird die brutale weibliche Solidarität von Eifersucht zersetzt, aber auch so etwas wie (trügerische) Hoffnung blüht wieder in den Ruinen … Seijun Suzuki und sein Ausstatter Takeo Kimura lassen die zerbombte japanische Hauptstadt als surreale Sperrholzkulisse wiederauferstehen und verwandeln ihren Sado-Maso-Groschenroman in ein grellbuntes moralisches Schlammcatchen, wo unter anderem folgende Frage von bleibender Aktualität verhandelt wird: Essen wir, um uns verkaufen zu können, oder verkaufen wir uns, um essen zu können?
R Seijun Suzuki B Goro Tanada V Taijiro Tamura K Shigeyoshi Mine M Naozumi Yamamoto A Takeo Kimura S Akira Suzuki P Kaneo Iwai D Yumiko Nogawa, Jo Shishido, Kayo Matsuo, Satoko Kasai, Tamiko Ishii | JP | 90 min | 1:2,35 | f | 31. Mai 1964
27.5.64
La cripta e l’incubo (Camillo Mastrocinque, 1964)
Ein Toter hing am Glockenseil
Ein dunkles Familiengeheimnis, ein einsames Schloß, ein verlassenes Dorf, eine Glocke die vom Wind geläutet wird – auf der Familie von Karnstein liegt ein uralter Fluch: Vor Jahrhunderten wurde eine der ihren wegen Hexerei gekreuzigt; der Geist jener vermaledeiten Sheena aber blieb lebendig und sucht die nachfolgenden Generationen heim. Graf Ludwig (Christopher Lee) fürchtet um das Wohl seiner Tochter Laura, die unter dem Bann der nachtragenden Ahnin zu stehen scheint. Ein schwarzromantischer Gruselfilm über Besessenheit und Rache, über Schuld, die nicht vergeht, und Vergangenheit, die unheilvoll wiederkehrt. Laura, von Alpträumen gequält, findet Zuspruch bei Ljuba, einer zärtlichen Fremden, die eines Tages in ihr Leben tritt – und doch geht von ebendieser liebevollen Trösterin eine tödliche Bedrohung aus. Ein Historiker mit dem doppeldeutschen Namen Friedrich Klauss, ein Mann der Fakten und der Aufklärung, dem Okkulten dennoch nicht abhold, wird herbeigerufen, das Mysterium zu ergründen. Ein traumverlorenes Nachtstück über Grabsteine ohne Namen, über seherische Krüppel, über Bilder, unter deren sichtbarer Oberfläche die eigentlichen Bilder schimmern – Camillo Mastrocinques freie Bearbeitung einer Novelle von Sheridan Le Fanu deutet die Welt als Palimpsest, als Überlagerung von verborgenen, verdrängten, verhüllten Erinnerungen, Schicksalen, Wirklichkeiten, von unmerklich waltenden Kräften, die irgendwann, vielleicht, hoffentlich offenbar werden. »Per quanto la realtà possa essere brutta, è sempre meno impressionante dei fantasmi della paura«, behauptet der Realist: »Auch wenn die Wahrheit brutal sein kann, so ist sie doch weniger bedrohlich als die Gespenster der Angst.«
R Thomas Miller (= Camillo Mastrocinque) B Robert Bohr (= Tonino Valerii), Julian Berry (= Ernesto Gastaldi) V Sheridan Le Fanu K Julio Ortas M Herbert Buckman (= Carlo Savina) A Demos Filos (= Demofilo Fidani) S Herbert Markle P William Mulligan (= Mario Mariani) D Christopher Lee, Audry Amber (= Adriana Ambesi), Ursula Davis, José Campos, Vera Valmont | I & E | 82 min | 1:1,85 | sw | 27. Mai 1964
# 946 | 21. März 2015
Ein dunkles Familiengeheimnis, ein einsames Schloß, ein verlassenes Dorf, eine Glocke die vom Wind geläutet wird – auf der Familie von Karnstein liegt ein uralter Fluch: Vor Jahrhunderten wurde eine der ihren wegen Hexerei gekreuzigt; der Geist jener vermaledeiten Sheena aber blieb lebendig und sucht die nachfolgenden Generationen heim. Graf Ludwig (Christopher Lee) fürchtet um das Wohl seiner Tochter Laura, die unter dem Bann der nachtragenden Ahnin zu stehen scheint. Ein schwarzromantischer Gruselfilm über Besessenheit und Rache, über Schuld, die nicht vergeht, und Vergangenheit, die unheilvoll wiederkehrt. Laura, von Alpträumen gequält, findet Zuspruch bei Ljuba, einer zärtlichen Fremden, die eines Tages in ihr Leben tritt – und doch geht von ebendieser liebevollen Trösterin eine tödliche Bedrohung aus. Ein Historiker mit dem doppeldeutschen Namen Friedrich Klauss, ein Mann der Fakten und der Aufklärung, dem Okkulten dennoch nicht abhold, wird herbeigerufen, das Mysterium zu ergründen. Ein traumverlorenes Nachtstück über Grabsteine ohne Namen, über seherische Krüppel, über Bilder, unter deren sichtbarer Oberfläche die eigentlichen Bilder schimmern – Camillo Mastrocinques freie Bearbeitung einer Novelle von Sheridan Le Fanu deutet die Welt als Palimpsest, als Überlagerung von verborgenen, verdrängten, verhüllten Erinnerungen, Schicksalen, Wirklichkeiten, von unmerklich waltenden Kräften, die irgendwann, vielleicht, hoffentlich offenbar werden. »Per quanto la realtà possa essere brutta, è sempre meno impressionante dei fantasmi della paura«, behauptet der Realist: »Auch wenn die Wahrheit brutal sein kann, so ist sie doch weniger bedrohlich als die Gespenster der Angst.«
R Thomas Miller (= Camillo Mastrocinque) B Robert Bohr (= Tonino Valerii), Julian Berry (= Ernesto Gastaldi) V Sheridan Le Fanu K Julio Ortas M Herbert Buckman (= Carlo Savina) A Demos Filos (= Demofilo Fidani) S Herbert Markle P William Mulligan (= Mario Mariani) D Christopher Lee, Audry Amber (= Adriana Ambesi), Ursula Davis, José Campos, Vera Valmont | I & E | 82 min | 1:1,85 | sw | 27. Mai 1964
# 946 | 21. März 2015
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Horror,
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Rache,
Schloß,
Valerii
22.5.64
Nebelmörder (Eugen York, 1964)
Schon zweimal hat der brutale Killer bei Nacht und Nebel im Forst zugeschlagen. In beiden Fällen wurden Frauen mit einem Okuliermesser abgestochen. Trotz aller Bemühungen von Kommissar Hauser (Hansjörg Felmy), den Täter zu stellen, ereignet sich ein weiterer Mord in der ansonsten ruhigen Provinzstadt Hainburg. Neben einem vorbestraften Gewaltverbrecher und einem geistig minderbemittelten Gärtner geraten zwei Abiturienten in Verdacht: der leicht gehemmte Primus Erwin und sein blitzgescheiter Klassenkamerad Heinz Auer (Ralph Persson) … Zwar erinnert das (sehr sporadische) Auftreten des brutalen Schlitzers – mit Hut, Maske und bodenlangem Gummimantel – an vergleichbare Gestalten des italienischen Thrillers, doch Ästhetik, Erzählweise und Problembewußtsein von Eugen Yorks »Nebelmörder« sind ganz dem frühen bundesdeutschen Fernsehkrimi verpflichtet. Die Darstellung von aufblühender Jugendkultur (Scheunenpartys! Kleidertausch! Sex vor der Ehe!) und ratlos-besorgter Elterngeneration weist, wenn auch mit einiger Onkelhaftigkeit, immerhin auf die soziologischen Verwerfungen der späteren 1960er Jahre voraus.
R Eugen York B Walter Forster, Per Schwenzen K Günter Haase M Herbert Jarczyk A Karl Schneider S Walter Fredersdorf P Waldemar Schweitzer D Hansjörg Felmy, Ingmar Zeisberg, Ralph Persson, Jürgen Janza, Berta Drews | BRD | 90 min | 1:1,37 | sw | 22. Mai 1964
R Eugen York B Walter Forster, Per Schwenzen K Günter Haase M Herbert Jarczyk A Karl Schneider S Walter Fredersdorf P Waldemar Schweitzer D Hansjörg Felmy, Ingmar Zeisberg, Ralph Persson, Jürgen Janza, Berta Drews | BRD | 90 min | 1:1,37 | sw | 22. Mai 1964
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Felmy,
Gesellschaft,
Jugend,
Kleinstadt,
Krimi,
Mord,
Serienmörder,
York
9.5.64
The Pumpkin Eater (Jack Clayton, 1964)
Schlafzimmerstreit
Szenen einer Ehe in den Zeiten des Überflusses ... »My life is an empty place.« Diejenige, die das sagt, hat acht (!) Kindern von drei Vätern: Jo Armitage (Anne Bancroft), verheiratet mit Jake (Peter Finch), einem erfolgreichen Drehbuchautor, der jedem Rock hinterherläuft. »The Pumpkin Eater« (der Titel zitiert einen alten englischen Kinderreim: »Peter, Peter, pumpkin eater / Had a wife and couldn't keep her. / He put her in a pumpkin shell / And there he kept her very well«) verfolgt – von Harold Pinter nicht linear nacherzählt, sondern in erhellenden Rück- und Vorausblenden seziert – den Weg eines wohlhabenden Londoner Paares vom ersten Kennenlernen, durch Höhen und Tiefen, bis zur großen Krise (Höhepunkt: Jos theatralischer Nervenzusammenbruch im Kaufhaus Harrods), in der sich (für beide Partner) die Frage von Gehen oder Bleiben stellt. Regisseur Jack Clayton – der zuvor, mit jeweils großer formaler Finesse, eine düstere Sozialstudie und einen schauerromantischen Horrorfilm drehte – inszeniert die Beziehungsgeschichte der krankhaft fruchtbaren Frau und des zwanghaft fremdgängerischen Mannes im Stile eines extravaganten Naturalismus von bisweilen halluzinatorischer Qualität. Die Thematisierung zwischenmenschlicher Entfremdung, die satirische Verzerrung gesellschaftlicher Verhältnisse verraten Einflüsse von Antonioni und Fellini; Oswald Morris’ scharfsichtige Schwarzweißbilder, Georges Delerues elegischer Score, vor allem aber die außerordentlichen Leistungen der Schauspielerinnen und Schauspieler verleihen dieser ebenso originellen wie strapaziösen filmischen Betrachtung von Liebe und Sex, Bindungswunsch und Fluchtreflex, Normen und Neurosen ihre ganz eigentümliche Faszinationskraft.
R Jack Clayton B Harold Pinter V Penelope Mortimer K Oswald Morris M Georges Delerue A Edward Marshall S Jim Clark P James Woolf D Anne Bancroft, Peter Finch, James Mason, Janine Gray, Maggie Smith, Cedric Hardwicke | UK | 110 min | 1:1,85 | sw | 9. Mai 1964
# 1047 | 16. Februar 2017
Szenen einer Ehe in den Zeiten des Überflusses ... »My life is an empty place.« Diejenige, die das sagt, hat acht (!) Kindern von drei Vätern: Jo Armitage (Anne Bancroft), verheiratet mit Jake (Peter Finch), einem erfolgreichen Drehbuchautor, der jedem Rock hinterherläuft. »The Pumpkin Eater« (der Titel zitiert einen alten englischen Kinderreim: »Peter, Peter, pumpkin eater / Had a wife and couldn't keep her. / He put her in a pumpkin shell / And there he kept her very well«) verfolgt – von Harold Pinter nicht linear nacherzählt, sondern in erhellenden Rück- und Vorausblenden seziert – den Weg eines wohlhabenden Londoner Paares vom ersten Kennenlernen, durch Höhen und Tiefen, bis zur großen Krise (Höhepunkt: Jos theatralischer Nervenzusammenbruch im Kaufhaus Harrods), in der sich (für beide Partner) die Frage von Gehen oder Bleiben stellt. Regisseur Jack Clayton – der zuvor, mit jeweils großer formaler Finesse, eine düstere Sozialstudie und einen schauerromantischen Horrorfilm drehte – inszeniert die Beziehungsgeschichte der krankhaft fruchtbaren Frau und des zwanghaft fremdgängerischen Mannes im Stile eines extravaganten Naturalismus von bisweilen halluzinatorischer Qualität. Die Thematisierung zwischenmenschlicher Entfremdung, die satirische Verzerrung gesellschaftlicher Verhältnisse verraten Einflüsse von Antonioni und Fellini; Oswald Morris’ scharfsichtige Schwarzweißbilder, Georges Delerues elegischer Score, vor allem aber die außerordentlichen Leistungen der Schauspielerinnen und Schauspieler verleihen dieser ebenso originellen wie strapaziösen filmischen Betrachtung von Liebe und Sex, Bindungswunsch und Fluchtreflex, Normen und Neurosen ihre ganz eigentümliche Faszinationskraft.
R Jack Clayton B Harold Pinter V Penelope Mortimer K Oswald Morris M Georges Delerue A Edward Marshall S Jim Clark P James Woolf D Anne Bancroft, Peter Finch, James Mason, Janine Gray, Maggie Smith, Cedric Hardwicke | UK | 110 min | 1:1,85 | sw | 9. Mai 1964
# 1047 | 16. Februar 2017
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