29.1.55

Les diaboliques (Henri-Georges Clouzot, 1955)

Die Teuflischen

Die kalte, klaustrophobische Hölle, in der Henri-Georges Clouzot »Les diaboliques« ansiedelt, ist eine Privatschule in der Pariser Banlieue, ein verfluchter, grauer Kasten, wo ewiger November herrscht, wo den Zöglingen der stinkende Fisch von gestern serviert wird. Direktor Delassalle (Paul Meurisse) ist ein Sadist, der seine herzkranke Frau (Véra Clouzot) und seine aparte Geliebte (Simone Signoret) gleichermaßen lustvoll quält – bis die Frauen beschließen, das Scheusal zu töten: Delassalle wird sediert und sodann ersäuft wie eine Katze – doch wie eine Katze hat auch er mehr Leben als eins ... Der Horror des Films liegt weniger in Schock- oder Gruseleffekten, als vielmehr in der völligen Abwesenheit von Nächstenliebe sowie in der bodenlosen moralischen Schäbigkeit, von denen die beschriebene kleine, enge Welt (die wohl als Metapher der großen, weiten verstanden werden darf) beherrscht wird. Mit einem vorangestellten Motto beansprucht Clouzot für die schwarze Erzählung (nach einen Roman von Boileau und Narcejac) eine kathartische Wirkung, aber letztlich lassen seine boshafte Freude an genüßlich ausgebreiteten Gemeinheiten und sein diebische Vergnügen am kinematographischen Hakenschlagen das ethische Erkenntnisinteresse in den Hintergrund treten. Neben der zentralen Dreierkonstellation spielen Michel Serrault und Pierre Larquey (als armselige Schulmeister) sowie Charles Vanel (als insistierender Bulle im Ruhestand) prägnante Nebenrollen; Armand Thirard kleidet die Verkommenheit in vollkommene Bilder.

R Henri-Georges Clouzot B Henri-Georges Clouzot, Jérôme Géronimi V Pierre Boileau, Thomas Narcejac K Armand Thirard M Georges Van Parys A Léon Barsacq S Madeleine Gug P Henri-Georges Clouzot D Simone Signoret, Véra Clouzot, Paul Meurisse, Charles Vanel, Noël Roquevert | F | 114 min | 1:1,37 | sw | 29. Januar 1955

28.1.55

Ludwig II. – Glanz und Ende eines Königs (Helmut Käutner, 1955)


Fantastische Schlösser unter weißblauem Himmel, goldene Interieurs und samtrote Rosen: ein Technicolor-Märchen über einen Märchen-König. Ludwig (O. W. Fischer), impulsiv und voller Zuversicht, ein verspäteter absoluter Monarch, ein radikaler Romantiker, der in Bayern ein Reich der Musen errichten will, zerbricht an der schnöden Tagespolitik, die ihm einen Krieg abverlangt, wenn er ein Festspielhaus für Richard Wagner (Paul Bildt) plant, hadert mit Beamtenseelen, die ihn in einen Finanzrahmen pressen, wenn er die Ewigkeit der Kunst in den Blick nimmt. Oder verzweifelt Ludwig, weil er den einzigen Menschen, den er liebt, seine Cousine, die österreichische Kaiserin Elisabeth (Ruth Leuwerik), nicht haben kann? Vielleicht aber begehrt er dieses Wesen – so alleine, so unglücklich, wie er selbst – gerade deswegen so abgöttisch, da es als Objekt des Verlangens nie und nimmer in Frage kommt. Die Einsamkeit entpuppt sich als Ludwigs Schicksal, eine glanzvolle, eine elende Einsamkeit, in der es ihm, fernab von den Sachzwängen einer Zeit der militärischen Kraftmeierei und der Versachlichung aller Werte, bestimmt ist, das Gesamtkunstwerk eines jenseitigen Glücks, einer zweckfreien Schönheit zu träumen und, glorreich-traurig, zu leben … Helmut Käutner inszeniert eine farbenprächtige biographische Legende, eine opulente historische Fiktion, ein majestätisches Melodram der (Ohn-)Macht; Hein Heckroth, der schon fulminante Kinovisionen für Powell und Pressburger baute, gestaltet adäquate filmische Räume für eine Figur, die beinahe panisch in die Größe flieht, die ein ewiges Rätsel bleiben will – sich selbst und allen anderen.

R Helmut Käutner B Georg Hurdalek V Kadidja Wedekind K Douglas Slocombe M Richard Wagner A Hein Heckroth S Anneliese Schönnenbeck P Conrad von Molo, Wolfgang Reinhardt D O. W. Fischer, Ruth Leuwerik, Marianne Koch, Paul Bildt, Klaus Kinski, Robert Meyn | BRD | 114 min | 1:1,37 | f | 28. Januar 1955

# 870 | 29. Mai 2014

26.1.55

Pokolenie (Andrzej Wajda, 1955)

Eine Generation

Während Andrzej Wajda im volksdemokratischen Nachkriegspolen seinen Erstling dreht, liegt der ›Vater der Völker‹ gerade mal ein Jahr neben Lenin im Mausoleum auf dem Roten Platz – und so wehen denn durch »Pokolenie« noch dicke Schwaden stalinistischen Gesinnungsdampfes. Die Geschichte des hitzköpfigen Lumpenproletariers Stach aus den Slums von Warschau, der im Widerstand gegen die deutschen Besatzer zum vorbildlichen Kommunisten reift, wird mit viel heroischer Untersicht und schimmernden Glanzlichtern in den Augen erzählt. Alte Arbeiter dozieren über den Mann mit dem weißen Bart, der das Gesetz des Mehrwerts erkannt hat, und wenn ein Gerechter fällt, stehen fünf andere für ihn auf. Daß dieser Film aus der Polnischen (Vor-)Schule trotz gestanzter Charaktere und genormter Handlung über weite Strecken fesselt, verdankt er neben Wajdas inszenatorischer Prägnanz und den ruinösen Settings (die teils von der Wirklichkeit, teils vom Ausstatter Roman Mann geschaffen wurden) nicht zuletzt der Darstellungskraft von Tadeusz Łomnicki, der die zentrale Heldenfigur immer wieder zu brechen vermag und ihr mit seinem naiven Grinsen, seinen pubertären Posen, seiner jugendlichen Impulsivität etwas zutiefst Menschliches und Anrührendes verleiht.

R Andrzej Wajda B Bohdan Czesko V Bohdan Czesko K Jerzy Lipmann M Andrzej Markowski A Roman Mann S Czesław Raniszewski P Ignacy Taub D Tadeusz Łomnicki, Urszula Modrzyńska, Tadeusz Janczar, Janusz Paluszkiewicz, Roman Polański | PL | 83 min | 1:1,37 | sw | 26. Januar 1955

7.1.55

Bad Day at Black Rock (John Sturges, 1955)

Stadt in Angst

Moderner, sonnenheller Noir-Western in unwirtlichem CinemaScope und staubigem Eastmancolor: Spen­cer Tracy (als wortkarger einarmiger Kriegsveteran) kommt in eine gottverlassenes Kaff, wo die Züge seit Jahren nicht mehr nicht halten. Eigentlich will er nur die Tapferkeitsmedaille eines toten Kameraden an dessen Familie übergeben, aber der ungebetene Besuch des alten Mannes weckt schlafende Hunde (Robert Ryan, Lee Marvin, Ernest Borgnine), die schließlich im Rudel über den Fremden herfallen. Das Lüften ihres schmutzigen Geheimnisses können sie dennoch nicht verhindern – »denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werde.« Ein ranker, schlanker Wüstenthriller vom zuverlässigen John Sturges.

R John Sturges B Millard Kaufman, Don McGuire K William C. Mellor M André Previn A Malcolm Brown, Cedric Gibbons S Newell P. Kimlin P Dore Schary D Spencer Tracy, Robert Ryan, Anne Francis, Lee Marvin, Ernest Borgnine | USA | 81 min | 1:2,35 | f | 7. Januar 1955

30.12.54

Die goldene Pest (John Brahm, 1954)

»Hier scheint noch Krieg zu sein.« Ein Dorf in »stampfender, rollender Zeit«: Dossental (realiter: Baumholder bei Kaiserslautern) erlebt infolge des Ausbaus einer US-Army-Garnison Modernisierung, Kapitalisierung, Amerikanisierung im Schweinsgalopp. Die Felder der Umgebung werden zum Truppenübungsplatz, Wohnblocks für die Besatzungssoldaten schießen wie Pilze aus dem Boden, erlebnishungrige GIs bevölkern die Gemeinde, windige Geschäftemacher versprechen der besorgt-begierigen Bevölkerung allgemeinen Aufschwung und hohen Gewinn. Eine alte Dame (»Wir arbeiten hier alle wie narrisch«) verwandelt ihr Kolonialwarengeschäft in eine Souvenirbude, in Bauernhäusern etablieren sich Stundenhotels, alkoholische Mixgetränke und Coca Cola fließen in Strömen, ein mysteriöser Unternehmer mit Pelzkragen, Menjoubärtchen und Sonnenbrille (»Nennen Sie mich nicht Chef.« – »Jawohl, Herr Direktor.«) läßt mitten im Ort ein Zelt aufstellen, wo allabendlich Travestie, Schlammcatchen und »Dschäß« (»Suddenly, I feel so happy.«) auf dem Programm stehen. Die radikalen gesellschaftlichen Veränderungen werden mit den Augen eines Heimkehrers (unbestechlich: Ivan Desny) gesehen, der die Heimat nicht wiedererkennt: Korruption und Nepp sind die neuen Herren, der vormals beste Freund (fiebrig: Karlheinz Böhm) ist in Schiebereien und Drogenhandel verwickelt, nur die große Liebe von damals (lammfromm: Gertrud Kückelmann) erinnert noch an gute alten Zeiten. Regisseur John Brahm – aus Deutschland gebürtig, im Hollywooder Exil zum Spezialisten des Gothic Noir gereift – macht nicht begehrliche Nutznießer oder willige Mitläufer sondern anonyme Mächte für die Wohlstandsverwahrlosung verantwortlich. Schon der Titel des Films apostrophiert den Boom als eingeschleppte Krankheit (die mit einem reinigenden Feuer auszumerzen sei) – so bleibt die Analyse der Verhältnisse, bei aller Unterhaltsamkeit der Erzählung, entsprechend oberflächlich.

R John Brahm B Dieter Werner K Klaus von Rautenfeld M Hans Martin Majewski A Alf Bütow S Wolfgang Flaum, Walter Boos P Gerhard T. Buchholz D Ivan Desny, Karlheinz Böhm, Gertrud Kückelmann, Erich Ponto, Alexander Golling, Wilfried Seyfert | BRD | 93 min | 1:1,37 | f | 30. Dezember 1954

# 1091 | 5. Dezember 2017

Canaris (Alfred Weidenmann, 1954)

In der Tradition des großdeutschen Geniefilms sowie unter Ausblendung einiger wesentlicher historischer Fakten stilisieren Herbert Reinecker (Drehbuch) und Alfred Weidenmann (Regie) den Abwehrchef der Wehrmacht, Admiral Wilhelm Canaris, zum Verfechter der Wahrheit im Reich der Lüge, zum Kämpfer für den Frieden in Zeiten des Krieges. Es waren nicht alle schlecht, postuliert diese erzählerisch gewiefte Mischung aus Spionagereißer und Gewissensdrama, ein Film, der voll stolzer Inbrunst so tut, als könnte ein richtiges Leben im falschen gelingen. Charakterliche Zwiespältigkeiten leger beiseite schiebend, rückt »Canaris« die Titelfigur ins pathetische Licht des allzeit guten Gewissens – und O. E. Hasse versieht den aufrechten Mahner und Warner, den jovialen Hunde- und Menschenfreund mit dem stechenden Blick und der sonoren Stimme des überlegen-widerständigen Geistes: »Im Grunde wissen wir immer ganz genau, was wir tun müssen. Nur dieses bißchen Angst hindert uns daran, den richtigen Weg zu gehen.«

R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker, Erich Ebermayer K Franz Weihmayr M Siegfried Franz A Rolf Zehetbauer, Albrecht Hennings S Ilse Voigt P F. A. Mainz D O. E. Hasse, Barbara Rütting, Adrian Hoven, Martin Held, Wolfgang Preiss | BRD | 112 min | 1:1,37 | sw | 30. Dezember 1954

22.12.54

Huis clos (Jacqueline Audry, 1954)

Geschlossene Gesellschaft

Die erste Frage des Neuankömmlings gilt den Folterwerkzeugen. Der joviale Hausdiener kann darüber nur lachen (er lacht überhaupt recht viel): In der Hölle benötigt man keine komplizierten Instrumente zur Marter der Verdammten. Es reichen ein intimer, leicht überheizter Salon style Napoléon III, geschlossene Türen und (jetzt wird es infam): zwei Mitbewohner. »Three’s a crowd«, sagt eine englische Redensart, ein französischer Dramatiker-Philosoph postuliert: »L’enfer c’est les autres« – und sperrt zum Beweis dieser These einen großsprecherisch-feigen Revoluzzer, ein reiches Flittchen sowie eine sarkastische Lesbe zusammen, die sich das (Nach-)Leben gegenseitig, man ahnt es: zur Hölle machen, indem sie Eigensucht und Selbstbetrug, Gier und Schuld der anderen mitleidlos enthüllen. Jacqueline Audrys Leinwand-Adaption des parabolischen Sartre-Stücks funktioniert immer dann, wenn sie die drei armen Teufel streiten, höhnen, zetern, heulen läßt – sobald der Film jedoch das geschmacklose Unterweltgemach verläßt, um in Flashbacks Vergangenheit und Charakter der Delinquenten zu illustrieren, verlieren sich mit der klaustrophobischen Enge des Settings auch die kammerspielhafte Konzentration und die gallig-ironische Härte des Befundes über die (ausweglose) menschliche Grundsituation.

R Jacqueline Audry B Pierre Laroche V Jean-Paul Sartre K Robert Juillard M Joseph Kosma A Maurice Colasson S Marguerite Beaugé P Edmond Ténoudji D Arletty, Franck Villard, Gaby Sylvia, Yves Deniaud, Nicole Courcel | F | 95 min | 1:1,37 | sw | 22. Dezember 1954

5.11.54

Angst (Roberto Rossellini, 1954)

»Ich kann so nicht mehr weiter.« Ingrid Bergman spielt Irene Wagner: Direktorin eines Pharmaunternehmens, das sie geschickt durch Krieg und Nachkrieg führte, Gattin des gesetzten Chemikers Albert (ungerührt: Mathias Wieman), Mutter zweier Kinder, Geliebte eines blonden Komponisten (aalglatt: Kurt Kreuger) … Roberto Rossellini beginnt seine Adaption der Novelle von Stefan Zweig mit der langen Fahrt eines Mercedes-Cabriolets durch das abendliche München: Marienplatz und Kaufingerstraße, Asphalt und Neonschriften, Menschenmengen und Straßenbahnen – die Geschäftigkeit des Wirtschaftswunders wird von der thrilleresk erregten Musik unheilvoll aufgeladen. Es folgen ein Zank zwischen Irene und ihrem vorwurfsvollen Liebhaber und kurz darauf, vor dem stattlichen Anwesen der Fabrikantin, der unvermittelte Auftritt einer jungen Frau (offensiv: Renate Mannhardt), die Irene beschuldigt, ihr den Freund abspenstig gemacht zu haben, und sie, unter der Androhung, die Affäre auffliegen zu lassen, im weiteren Verlauf der Erzählung um immer größere Summen erpreßt. Rossellini beobachtet die scheinbar unausweichlich fortschreitende Verstrickung seiner Protagonistin (und Noch-Ehefrau) in ein Gespinst aus Schuld und Lüge, ihre zunehmende Nervosität, ihre sich zur Panik steigernde Angst, ihre suizidale Verzweiflung mit derselben stoischen Nüchternheit, die Albert (der stets »an den Grund der Dinge gehen« will), den mit allerlei giftigen Substanzen behandelten Versuchstieren im Laboratorium angedeihen läßt. Ein Film wie ein riskantes wissenschaftliches Experiment – akademisch-kühl und spannungsreich-provokant zugleich.

R Roberto Rossellini B Sergio Amidei, Franz Graf Treuberg V Stefan Zweig K Heinz Schnackertz, Carlo Carlini M Renzo Rossellini S Walter Boos P Jochen Genzow, Mario Del Papa D Ingrid Bergman, Mathias Wieman, Renate Mannhardt, Kurt Kreuger, Elise Aulinger | BRD & I | 83 min | 1:1,37 | f | 5. November 1954

# 1089 | 5. Dezember 2017

14.10.54

Emil und die Detektive (Robert A. Stemmle, 1954)

Die zweite deutsche Verfilmung des Klassikers von Erich Kästner (nach Gerhard Lamprechts und Billy Wilders Adaption von 1931): Wieder reist der Junge Emil Tischbein (Peter Finkbeiner) mit der Bahn von Neustadt nach Berlin; wieder stiehlt ihm der Bösewicht Grundeis (Kurt Meisel) die für Großmutter bestimmten 140 Mark aus der Innentasche des Jacketts; wieder findet sich eine Gruppe von mutigen Kindern zusammen, die den Verbrecher observiert, verfolgt, überführt. Der Schauplatz indes hat sich verändert, ist vom Luftkrieg schwer ramponiert. Notbauten säumen die Straßen, deren Asphaltdeckung allenthalben zerborsten ist; die Detektive schlagen ihr Hauptquartier in einem Symbol der Zerstörung und des Überlebenswillens der einstigen Metropole auf: in der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Die Lügengeschichten des Schurken über die sagenhafte Großstadt Berlin, in der hundertstöckige Hochhäuser stünden, wirken wie Hohn auf die todbringende Hybris, die diese Stätte unlängst noch beherrschte. Um so stärker betont Robert A. Stemmle in seiner Nachkriegsfassung von »Emil und die Detektive« das Element einer wiedererwachten moralischen und öffentlichen Ordnung. Nicht nur daß Emils alleinstehende Mutter einen Wachtmeister heiraten wird, um dem Knaben einen Vater zu geben; am Ende, nach erfolgreicher Arretierung des Spitzbuben, besucht die ganze Bande das Polizeisportfest im Olympiastadion. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.

R Robert A. Stemmle B Robert A. Stemmle V Erich Kästner K Kurt Schulz M Georg Haentzschel A Willi A. Herrmann, Heinrich Weidemann S Hermann Leitner P Kurt Ulrich D Peter Finkbeiner, Kurt Meisel, Margarete Haagen, Heli Finkenzeller, Wolfgang Lukschy | BRD | 96 min | 1:1,37 | f | 14. Oktober 1954

28.9.54

The Barefoot Contessa (Joseph L. Mankiewicz, 1954)

Die barfüßige Gräfin 

»Che sarà, sarà.« Aufstieg, Ruhm und Tod der barfüßigen Tänzerin/Schauspielerin/Gräfin Maria Vargas alias Maria D’Amata (Ava Gardner) – erzählt von einem beruflich und privat angeschlagenen Regisseur (Humphrey Bogart), einem immer schwitzenden PR-Mann (Edmond O’Brien) und einem impotenten italie­ni­schen Adligen (Rosanno Brazzi). Sonstige Personen der düster-farbstarken Cinderella-Variation: ein selbstherrlicher Filmproduzent, der reichste Mann Südamerikas, ein König im Exil. Orte des Geschehens: Madrid und Rom, London und Holly­wood, Monte Carlo und Rapallo; Hinterhöfe und Nachtclubs, Studios und Yachten, Casinos und ein Schloß am Meer. Die melodramatische Starbiographie beginnt dort, wo alles endet: auf dem Friedhof. Während die Titelheldin im Regen zu Grabe getragen wird, erinnern sich die männlichen Protagonisten an Stationen ihres Lebens. (Das multiperspektivische Erzählen in Flashbacks, einst von Herman J. Mankiewicz für »Citizen Kane« erfunden, machte sich dessen Bruder Joseph L. schon bei »All About Eve« erfolgreich zu eigen.) Die Handlung, halb süffige Illustriertenstory, halb tragisches Kunstmärchen, ganz aus dem Geist der Traumfabrik geboren, kontrastiert mit ge­schliffenen Dialogen, die Mankiewicz’ ungetrübten Blick auf eben diese Traumfabrik – ihren falschen Glanz, ihre mitleidlose Härte – verraten. »The Barefoot Contessa«, die Geschichte einer Frau, die einen Prinzen (die Liebe, das Leben) sucht und nur Männer (die nackten Tatsachen, den Tod) findet, betreibt, wenn man so will, desillusionierte Illusionsproduktion. PS: »A script would’ve made so much more sense than life does.«

R Joseph L. Mankiewicz B Joseph L. Mankiewicz K Jack Cardiff M Mario Nascimbene A Arrigo Equini S William Hornbeck P Joseph L. Mankiewicz D Humphrey Bogart, Ava Gardner, Edmond O’Brien, Rosanno Brazzi, Valentina Cortese | USA | 128 min | 1:1,37 | f | 28. September 1954

6.9.54

La strada (Federico Fellini, 1954)

Das Lied der Straße

»Alles, was auf dieser Welt ist, ist zu irgendetwas nütze.« Federico Fellinis postneorealistisches Roadmovie erzählt von frostiger Einsamkeit und ratloser Liebe, von der Geworfenheit in die Welt und der Sehnsucht nach Erlösung. Der Schauplatz Italien gleicht der Szenerie eines Beckett-Stückes – öde, staubig, armselig: Tote Bäume säumen einsame Landstraßen, elende Kinder bevölkern die Gassen der Dörfer, resignierte Mütter verkaufen ihre Töchter für 10.000 Lire an fahrendes Volk. Der tumbe Kraftprotz Zampanò (Anthony Quinn), der todestrunkener Narr Matto (Richard Basehart), die heilige Einfalt Gelsomina (Giulietta Masina) – sie bilden die melodramatische Trinität eines Films, der das menschliche Dasein parabolisch als schäbigen Wanderzirkus präsentiert: Entwurzelung, Entblößung und (innere) Armut bestimmen die Schicksale der Gaukler, Spieler und Seiltänzer, die Fellini (ein Jahr nach Bergmans wesensverwandtem »Gycklarnas afton«) auf die große (Lebens-)Reise schickt. Ob Zampanò (der immer glaubte, ganz allein und nur für sich sein zu können) durch das tiefe kreatürliche Elend, in das er am Schluß der Fabel stürzt, eine Läuterung seiner kaputten Seele erfahren wird, bleibt offen … Höhere Einsicht hin oder her, »La strada«, dieses subproletarische Lumpenmärchen, gewinnt, soviel ist gewiß, seine bleibende Wirkung vor allem aus Nino Rotas unvergänglich-tränenziehendem Sound: »Dii-di-di-da-daa« – wenn Gelsomina, mit zerbeulter Melone auf dem struppigem Haarschopf, diese Töne aus der lädierten Trompete preßt, bleibt wohl nur ein Glasauge trocken.

R Federico Fellini B Federico Fellini, Ennio Flaiano, Tullio Pinelli K Otello Martelli M Nino Rota A Mario Ravasco S Leo Cattozzo P Dino De Laurentiis, Carlo Ponti D Anthony Quinn, Giulietta Masina, Richard Basehart, Aldo Silvani, Marcella Rovere | I | 108 min | 1:1,37 | sw | 6. September 1954

3.9.54

Senso (Luchino Visconti, 1954)

Sehnsucht

Luchino Visconti beginnt seine Adaption der Novelle von Camillo Boito programmatisch mit einer Aufführung im Teatro La Fenice. An einem Abend des Frühjahrs 1866 – Venedig steht (noch) unter österreichischer Herrschaft – wird Giuseppe Verdis »Troubadour« gegeben. Wichtiger als das Geschehen auf der Bühne sind die Vorgänge im Zuschauerraum: unter die weiß uniformierten Offiziere der Besatzungsarmee mischen sich schwarz gekleidete Zivilisten, italienische Patrioten, die Flugblätter und Blumengebinde in den Farben der Tricolore zur Verteilung bringen. Grüne, weiße, rote Papiere und Blüten fliegen durch den goldgeschmückten Saal – ein Konfettiregen des Widerstandes. Die Vorstellung endet im Tumult. Bei dieser Gelegenheit (kurz vor Ausbruch des Dritten Unabhängigkeitskrieges) begegnet die nationalstolze Contessa Livia Serpieri (Alida Valli), Gattin eines opportunistischen Aristokraten und geheime Unterstützerin des Risorgimento, dem feschen k. k. Leutnant Franz Mahler (Farley Granger). Die anfängliche Antipathie zwischen der gestrengen Gräfin und dem leichtlebigen Schönling wandelt sich bald schon in unkontrollierbare Leidenschaft, doch die gefährliche Liaison bringt in den Partnern das jeweils Schlechteste zum Vorschein ... Visconti inszeniert – in erlesenen tableaux vivants und eruptiven Ausbrüchen von Farbe, Bewegung, Emotion – ein vornehm-ungezügeltes Melodram von opernhafter Stilisierung: abgrundtiefe Gefühle, theatralische Posen, malerische Szenerien, spätromantische Untergangsstimmung in Arien, Duetten, Chören. Wenn Livia ihre Ideale verrät, wenn Franz an seiner Charakterschwäche zerbricht, gehen nicht nur zwei Menschen zugrunde, dann fällt eine ganze (schöne schlimme) Welt ins Dunkel.

R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi D’Amico V Camillo Boito K G.R. Aldo, Robert Krasker M Anton Bruckner, Giuseppe Verdi A Ottavio Scotti S Mario Serandrei P Domenico Forges Davanzati D Alida Valli, Farley Granger, Heinz Moog, Massimo Girotti, Rina Morelli | I | 118 min | 1:1,37 | f | 3. September 1954

# 1099 | 1. März 2018

27.8.54

Bildnis einer Unbekannten (Helmut Käutner, 1954)

Eine sentimentale Komödie über Etikette und Skandal, über Malerei und Diplomatie, über Zauber und Wunder: Ein berühmter Künstler langweilt sich im Ballett, skizziert das Gesicht einer Unbekannten in der Nachbarloge, plaziert den Kopf später im Atelier auf einen hüllenlosen Körper; die unwissentlich Porträtierte ist die Frau eines Botschaftsattachés, und als das Aktgemälde anläßlich einer Wohltätigkeitsgala versteigert wird, kommt es zum gesellschaftlichen Eklat … »Selbst wenn ich für das Bild Modell gestanden hätte, wäre das denn so schlimm?« protestiert das ohnmächtige Opfer der Umstände, die aparte Nicole (Ruth Leuwerik), die früher als Chansonette Kolibri in einem Pariser Nachtclub auftrat (»Ich lag wie jede Nacht an deiner Seite, / doch ich war nicht in deinem Traum.«), die auch schon mal ein Glas Champagner zu viel trinkt, die das ganze sittliche Getue für »finstertes Mittelalter« hält. Nicoles rechtschaffen-bigotter Ehemann (Erich Schellow) kapituliert vor der Problematik der delikaten Situation, den verantwortlichen Nacktmaler (mit keckem Artistenbärtchen: O. W. Fischer) treibt zunächst das schlechte Gewissen, dann die wahre Liebe … Mit dem sogenannten richtigen Leben hat Helmut Käutners Film so viel zu tun wie Außenpolitik mit dem Weltfrieden, seine ironische Romanze ist ein köstlich falscher, beschwingt um sich selbst kreisender Kinotraum, ein irreales Licht- und Schattenspiel (Kamera: Werner Krien) in scheinbar realen Kulissen, eine kompromißlos weltferne Erzählung, so märchenhaft wie Schnee im August: »Der Tag war silberblau, / und uns zur Seite / ging wie ein Schattenbild das Glück.«

R Helmut Käutner B Hans Jacoby, Helmut Käutner K Werner Krien M Franz Grothe A Ludwig Reiber S Anneliese Schönnenbeck P Utz Utermann D Ruth Leuwerik, O. W. Fischer, Erich Schellow, Irene von Meyendorff, Albrecht Schoenhals | BRD | 108 min | 1:1,37 | sw | 27. August 1954

# 874 | 4. Juni 2014

Alarm im Zirkus (Gerhard Klein, 1954)

Ost-westliche Räuberpistole mit viel neorealistisch inspiriertem Berlin-Grau und noch mehr Werbung (vulgo: Propaganda) für die roten Sieger der Geschichte. Klaus und Max, zwei Jungs aus einfachen Verhältnissen, leben im amerikanischen Sektor und träumen vom Erfolg im Boxring – welche andere Zukunft böte der Kapitalismus seinen verlorenen Kindern? Die beiden werden in die üblen Machenschaften von Herrn Klott (Erwin Geschonneck) verwickelt, der nicht nur Klaus’ kleine, vaterlose Familie wegen Mietrückstands aus der düsteren Hinterhofwohnung setzen will, sondern auch einen gemeinen Pferdediebstahl plant: Stolze sozialistische Zirkusrösser sollen über die Grenze in eine Wildwest-Cowboy-Show verschleppt werden! Der Kalte Krieg hat die Stadt und den Film fest im Griff – dennoch setzen Gerhard Klein (Regie) und Wolfgang Kohlhaase (Buch) ihre intime Milljöh-Kenntnis und ihre tiefe Liebe zum (geteilten) Ort des Geschehens in lebendige Detailskizzen um. PS: Das Gute siegt nach Verfolgungsjagd über nachtglänzendes Pflaster und Schußwechsel in dramatisch beleuchteten Ruinen – um den jugendlichen Helden das Versprechen auf ein glückliches Morgen zu geben.

R Gerhard Klein B Wolfgang Kohlhaase, Hans Kubisch K Werner Bergmann M Günter Klück A Willy Schiller S Ursula Kahlbaum P Paul Ramacher D Hans Winter, Ernst-Georg Schwill, Erwin Geschonneck, Uwe-Jens Pape, Ulrich Thein | DDR | 83 min | 1:1,37 | sw | 27. August 1954

15.8.54

L'air de Paris (Marcel Carné, 1954)

Die Luft von Paris

Anderthalb Jahrzehnte nach »Le jour se lève« bringt Marcel Carné das Traumpaar des poetischen Realismus noch einmal zusammen: Jean Gabin und Arletty (»C’est peut-être pas la première fraîcheur«, wie sie bei einem gemeinsamen Blick in den Spiegel feststellt, »mais malgré tout c’est pas si mal.«) als mäßig erfolgreicher Boxtrainer Victor Le Garrec und dessen resignierte Ehefrau Blanche. Die Erzählung entwickelt sich nicht mehr ganz so poetisch wie einst und etwas weniger realistisch, der Ton klingt eine Spur trockener als früher, und die Fabel wirkt ein bißchen konstruierter: Der angegraute Coach trifft auf einen vielversprechenden jungen Mann (Roland Lesaffre), für den er ein starkes (nicht nur) professionelles Interesse entwickelt; seine Gattin sieht es erst mit spöttischem Verdruß, läßt dann ihrer (durchaus verständlichen) Eifersucht freien Lauf; der attraktive Nachwuchsboxer verliebt sich in eine feine Dame (Marie Daëms), steht somit vor der Entscheidung zwischen sportlicher Zukunft und Frau des Lebens … Immerhin nutzt Carné die im emotionalen Karree springende, kolportagehafte Story von »L’air (= ›die Luft‹, aber auch: ›das Aussehen‹ oder: ›die Melodie‹) de Paris« als Aufhänger für sorgfältige Milieuschilderungen – die Kamera (Roger Hubert) erkundet die kleinbürgerliche Enge hinter dem boulevard de Grenelle und die kalte Pracht auf der Île Saint-Louis, die tristen Massenquartiere der Nordafrikaner und die metropolitane Geschäftigkeit von Les Halles – sowie für die akkurate, sachlich-ironische Beschreibung einer in die Jahre gekommenen Ehe. PS: »L’amitié, c’est comme l’amour, c’est bien souvent à sens unique …«

R Marcel Carné B Marcel Carné, Jacques Sigurd V Jacques Viot K Roger Hubert M Maurice Thiriet A Paul Bertrand S Henri Rust P Robert Dorfmann, Cino Del Duca D Jean Gabin, Arletty, Roland Lesaffre, Marie Daëms, Maria Pia Casilio | F & I | 110 min | 1:1,37 | sw | 15. August 1954