6.5.66

Der Mörder mit dem Seidenschal (Adrian Hoven 1966)

Als sie durch den Briefschlitz blickt, muß die neunjährige Halbwaise Claudia (Susanne Uhlen) die Er­mordung ihrer Mutter mit ansehen. Den Täter hat sie erkannt. Was dem Schurken nicht entgangen ist … Regisseur Adrian Hoven (der auch die Nebenrolle eines nicht unsympathischen Windhunds spielt) inszeniert eine doppelte, eigentlich eine doppelt-doppelte Verfolgungsjagd: Die Polizei sucht den flüchtigen Mörder und das ausgerissene Mädchen, der Mörder geht auf die Spur der kleinen Zeugin, die wiederum (beinahe zwanghaft) dem Mörder nachsetzt. Seidenschal-Killer Boris Garrett (Carl Möhner) ist ein unehrenhaft entlassener amerikanischer Besatzungssoldat, ein Schieber und gewerbsmäßiger Aufreißer, ein Relikt der verworrenen Nachkriegszeit. Auch die Stadt trägt die Erinnerung ans Gestern noch an und in sich: Bunkerruinen am Hafen und schäbige Straßen, verwohnte Zinshäuser und schwatzhafte alte Greißlerinnen. Hoven versieht seinen gelegentlich etwas zu betulich dargebotenen (Sex-and-)Crime-and-Money-Reißer mit viel Lokalkolorit: Die Hatz führt durch ein frostig-abweisendes Wien jenseits des Schmäh (Kaffeehäuser, Naschmarkt und Prater zeigen sich von ihrer grauesten Seite) und endet in der Kanalisation, so wie damals, als noch der philosophische Erzhalunke Harry Lime sein zitheruntermaltes Unwesen trieb. Indes liefert kein einheimischer Heurigenmusiker sondern der Berliner Cool-Jazzer Johannes Rediske den Soundtrack zur urbanen Pulp-Mär von Grausamkeit und Unschuld.

R Adrian Hoven B Adrian Hoven, Wolf Neumeister V Thea Tauentzien K Hans Jura, Bob Klebig M Johannes Rediske A Nino Borghi S Frederick Richards P Adrian Hoven, Pier A. Ciminneci D Carl Möhner, Susanne Uhlen, Folco Lulli, Harald Juhnke, Adrian Hoven | D & I | 82 min | 1:1,66 | sw | 6. Mai 1966

# 793 | 7. November 2013

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