29.3.68

Madigan (Don Siegel, 1968)

Nur noch 72 Stunden

»If I asked for a warrant, you could show me one?« – »We left it downstairs with the doorman.« New York, wo es weder schick noch vornehm ist: Detective Madigan (Richard Widmark) und sein Partner wollen einen notorischen Straftäter (der sich als ziemlich irrer Mörder erweisen wird) zum Verhör abholen, lassen sich übertölpeln und um ihre Dienstpistolen erleichtern. 72 Stunden gibt ihnen ihr Boß, um den Flüchtigen zu fassen und die gestohlenen Waffen wiederzubeschaffen. Drei Tage lang, Freitag, Samstag, Sonntag, jagt Don Siegel seine Protagonisten kreuz und quer durch die verwilderten Viertel der Stadt, durch Nachtclubs und schmuddlige Absteigen, Kinos und drittklassige Trinkstuben, durch eine Welt, die bevölkert ist von Buchmachern, Säufern, Zuhältern, Flittchen, Junkies. Gleichzeitig entwirft »Madigan« ein illusionsloses Techniscope-Panorama der Polizeiarbeit, das die Hüter öffentlicher Sicherheit und Ordnung als Exponenten von Bigotterie, Korruption, Soziopathie zeigt: da ist der ach so korrekte Commissioner (Henry Fonda), der mit der Frau eines Kollegen schläft, da ist der joviale Chief Inspector, der sich hat sich kaufen lassen, um den Arsch seines ungeratenen Sohnes zu retten, da ist, nicht zuletzt, der Titelheld, ein semianarchistisch-obsessiver Cop, der seine sexuell unausgelastete Gattin buchstäblich in die Arme eines anderen legt, um zu erledigen, was zu erledigen ist. Ein ungemütliches Werk, dem eine überraschend drastische Auflösung das angemessen bittere Ende verpaßt. PS: »Human behavior patterns are very important in police work.«

R Donald Siegel B Abraham Polonsky, Henri Simoun (= Howard Rodman) V Richard Dougherty K Russell Metty M Don Costa A Alexander Golitzen, George C. Webb S Milton Shifman P Frank P. Rosenberg D Richard Widmark, Henry Fonda, Harry Guardino, James Whitmore, Inger Stevens | USA | 101 min | 1:2,35 | f | 29. März 1968

# 1142 | 6. Januar 2019

27.3.68

L’homme qui ment (Alain Robbe-Grillet, 1968)

Der Mann, der lügt

»Je vais vous raconter mon histoire … ou du moins je vais essayer.« Soldaten verfolgen einen Mann durch den Wald. Schüsse. Explosionen. Der Mann wird getroffen. Bricht zusammen. Stirbt. Erwacht. Steht auf. Läuft weiter. Der Mann erzählt seine Geschichte. Oder er versucht es zumindest: »Mon nom est Robin … Jean Robin.« Dem Kopf des Mannes (Jean-Louis Trintignant), seinen (inkonsistenten) Ausführungen entwächst ein fiktives (Erzähl-)Universums, dessen unauflösliche Widersprüche Alain Robbe-Grillet kinematokulinarisch zelebriert. Ein Mann kommt aus dem Wald. Gelangt in ein Dorf. Macht seine Aufwartung im Schloß. Auf dem Schloß warten drei Frauen auf die Heimkehr von Jean Robin: die Schwester, die Ehefrau, ein Dienstmädchen. »Il est mort! Mort! Mort!« heißt es über Jean Robin, von dem man glaubt, daß er eines schönen Tages zurückkommen werde. Der Mann aus dem Wald nennt sich Boris Varissa. Er berichtet von seinem Freund, von seinem Kampfgefährten Jean Robin. Der ein Held des Widerstandes gegen die Besatzer war. Der ein Kollaborateur war. Der fliehen konnte. Der erschossen wurde. Den man in eine Falle lockte. Der seine Kameraden verraten hat. Ein Mann erfindet eine wahre Geschichte. Ein Mann erfindet seine wahre Geschichte. Oder er versucht es zumindest. Immer wieder von neuem. Drei Frauen warten auf einen Mann. Sie spielen Blindekuh im Schloß. In der Bibliothek. Auf dem Speicher. Zwischen Büchern und Spiegeln. Zwischen alten Möbeln und leeren Bilderrahmen. Träumen die drei Frauen von einem Mann, der kommt, um ihnen seine wahren Geschichten zu erzählen? Geschichten von Tod und Überleben, von Heldentum und Verrat, von Geheimnis und Zweifel. Geschichten, die Hingabe fordern, Auslieferung, Unterwerfung. Geschichten von der zeremoniellen Gewalt eines sexuellen Rollenspiels. Geschichten wie Gefängnisse, wie unterirdische Höhlen ohne Ausgang. Die Welt Robins, Varissas, Robbe-Grillets, dieser Legendenwald der Gespenster und Vorahnungen, des Spechtklopfens und Glockengeläuts, der Rollenspiele und Anachronismen, des Stöhnens und Schreiens, ist nichts als eine Lüge, nichts als eine Erzählung, und eben darum ist diese Welt wahr. »Et maintenant je vais vous raconter ma vraie histoire … ou du moins je vais essayer.«

R Alain Robbe-Grillet B Alain Robbe-Grillet K Igor Luther A Anton Krajcovic S Bob Wade P Samy Halfon D Jean-Louis Trintignant, Zuzana Kocúriková, Sylvie Turbová, Sylvie Bréal, Ivan Mistrík | F & CSSR | 93 min | 1:1,66 | sw | 27. März 1968

# 830 | 21. Januar 2014

22.3.68

Les biches (Claude Cahbrol, 1968)

Zwei Freundinnen 

Eine wohlhabende Dame schreitet erhobenen Hauptes über den Pariser pont des Arts. Gönnerhaft wirft sie der unbemittelten jungen Straßenkünstlerin, die sich auf die Darstellung von Hirschkühen (»biches«) spezialisiert hat, einen 500-Franc-Schein hin. Bald schon werden die gegensätzlichen Frauen beste (?) Freundinnen (»biches«): Frédérique (blasiert-mondän: Stéphane Audran) nimmt Why (unbefangen-stolz: Jacqueline Sassard) mit in ihre luxuriöse Villa nach Saint-Tropez, wo der Architekten Paul (attraktiv-reserviert: Jean-Louis Trintignant) zwischen das Paar tritt ... Mit großer inszenatorischer Delikatesse entwickelt Claude Chabrol aus dem erotischen Dreiecksverhältnis ein quälerisches Spiel um Macht, Besitz und Genuß, ein beklemmendes Geflecht von Gier, Berechnung und (letztlich tödlicher) Rivalität, einen höhnischen Abgesang auf Freundschaft, Liebe und Glück: Die schöne Welt der Reichen ist nur eine betörende Fassade, hinter der sich die Deformation des indiskret-uncharmanten bourgeoisen Charakters und eine allgemeine Verarmung des Gefühls auftun.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Paul Gégauff K Jean Rabier M Pierre Jansen A Marc Berthier S Jacques Gaillard P André Génovès D Stéphane Audran, Jacqueline Sassard, Jean-Louis Trintigant, Henri Attal, Dominique Zardi | F & I | 99 min | 1:1,66 | f | 22. März 1968

# 998 | 6. Mai 2016

18.3.68

The Producers (Mel Brooks, 1968)

Frühling für Hitler

Entzückend vulgäre und politisch herzlich inkorrekte Klamotte über Showgeschäft und Nationalsozialismus – zwei Themen, die mehr miteinander zu tun haben, als man vielleicht denken mag: Ein hochstaplerischer Broadway-Produzent und ein ausgekochter Buchprüfer spekulieren auf großen Reibach, indem sie »Springtime for Hitler«, das schlechteste Musical aller Zeiten, herausbringen, um nach der unausweichlichen Pleite die überschüssigen Investor(inn)engelder einzusacken. Daß die Chose nicht ganz so glatt über die Bühne geht wie geplant, versteht sich angesichts des unberechenbaren New Yorker Publikumsgeschmacks beinahe von selbst. Zero Mostel und Gene Wilder sind ein mindestens so extraordinär-größenwahnsinniges Gespann wie der »Führer« und sein Schäferhund – und mit Song­zeilen wie »Don't be stupid, be a smarty, come and join the Nazi party« hat sich Mel Brooks seinen Klappstuhl auf dem Komödiantenolymp redlich verdient.

R Mel Brooks B Mel Brooks K Joseph Coffey M John Morris A Charles Rosen S Ralph Rosenblum P Sidney Glazier D Zero Mostel, Gene Wilder, Dick Shaw, Kenneth Mars, Estelle Einwood | USA | 88 min | 1:1,85 | f | 18. März 1968

14.3.68

Le pacha (Georges Lautner, 1968)

Der Bulle

Kommissar Joss (bullig-lakonisch: Jean Gabin) hat die Schnauze voll. Nach Jahrzehnten des ebenso harten wie vergeblichen Kampfes gegen Unrecht und Gewalt, emotional angefaßt von der Ermordung eines alten Freundes und Kollegen (der sich um einer hübschen jungen Frau willen in eine trübe Sache verwickelt hat) macht sich der Pariser Polizeibeamte kurz vor der Pensionierung daran, den Sumpf des Verbrechens endgültig trockenzulegen. Ohne Rücksicht auf Verluste (oder lästige Vorschriften) nimmt Joss das Gesetz selbst in die Hand und spielt rivalisierende Banden tödlich gegeneinander aus ... Nicht ohne bärbeißige Ironie schildert Georges Lautner (drehbuchtechnisch unterstützt von seinen Langzeitkomplizen Michel Audiard und Albert Simonin) den letzten Einsatz eines alten Schlachtrosses in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche. Neben dem unerschütterlichen Gabin glänzen in Nebenrollen: André Pousse als gewissenloser Gangster Quinquin, Robert Dalban als verführbarer Polyp, Maurice Garrel als kultivierter Hehler und, enfin et surtout, Serge Gainsbourg als er selbst in einer bemerkenswerten Gesangseinlage: »C’est le requiem pour un con. / Je l'ai composé spécialement pour toi / à ta mémoire de scélérat.«

R Georges Lautner B Michel Audiard, Georges Lautner, Albert Simonin V Jean Delion K Maurice Fellous M Serge Gainsbourg, Michel Colombier A Jean d’Eaubonne S Michelle David P Alain Poiré D Jean Gabin, Dany Carrel, André Pousse, Robert Dalban, Maurice Garrel | F & I | 82 min | 1:1,66 | f | 14. März 1968

# 1055 | 5. Juni 2017

Heroin (Heinz Thiel & Horst E. Brandt, 1968)

Drogenschmuggel bei der Deutschen Reichsbahn! Leichen am Bahndamm! Rauschgift in Tomatendosen! Alerte französische Geschäftsleute, die im Ostberliner Hotel Unter den Linden residieren, haben ihre Finger im Spiel, doch die eigentliche Spur führt über Budapest und Belgrad an die dalmatinische Küste. Zollkommissar Peter Zinn (Thälmann-Darsteller Günther Simon einmal mehr in der Rolle des aufrechten Kämpfers für sozialistische Gerechtigkeit) schlüpft in die Maske eines Zugkellners, um den Hintermännern und -frauen des tödlichen Deals (eine Stewardeß, ein Kammersänger, ein Frisör, dessen Schwester, ein Gastwirt) das Handwerk zu legen. Heinz Thiel (Defa-Spezialist für gediegene, bisweilen beachtliche Krimikost) und sein langjähriger Kameramann Horst E. Brandt können indes nicht verhindern, daß sich – ungeachtet internationaler Schauplätze und grenzübergreifender Verwicklungen – Momente von Spannung im grauen Fahndungsalltag eher selten einstellen.

R Heinz Thiel, Horst E. Brandt B Gerhard Bengsch K Horst E. Brandt M Helmut Nier A Paul Lehmann S Hildegard Konrad-Nöller P Martin Sonnabend D Günther Simon, Werner Dissel, Walter Jupé, Eva-Maria Hagen, Predrag Milinkovic | DDR | 85 min | 1:2,35 | sw | 14. März 1968

# 1011 | 2. August 2016

8.3.68

Engelchen oder Die Jungfrau von Bamberg (Marran Gosov, 1968)

»Ich bin jetzt 19. Ich bin fällig.« Die fesche Katja (Gila von Weitershausen) reist von Bamberg nach München, um sich erstmals flachlegen zu lassen – was auch in Zeiten der sexuellen Revolution gar nicht so einfach ist, wie es klingt. Zwar findet sie Aufnahme in eine vielversprechende Männer-WG, doch ihr jungfräulicher Zustand löst nicht eben Begeisterung aus: »Und das soll ich jetzt machen? Du, da biste bei mir aufm falschen Dampfer.« Schließlich klappt es doch noch, und das Fräulein kann befreit in die Provinz zurückkehren … Marran Gosovs zartfühlend-skurrile Erotik-Komödie bezaubert durch ihre liebenswürdige Schwabinger Stimmungsmalerei, durch ihre Freude am abschweifenden Herumschnuppern, durch ihre närrische Einbildungskraft – etwa wenn sich Katja beim Musikhören das bukolische Idyll eines nackten Pärchens im Englischen Garten herbeiphantasiert und sich in ihrem Wunschtraum unversehens von einer mähenden Schafherde umringt sieht. Kino ist laut François Truffaut die Kunst, hübsche Frauen hübsche Dinge tun zu lassen. »Engelchen« ist mindestens so hübsch wie seine kokette Hauptdarstellerin, die sich (und dem Publikum) voller Lust und Laune eine vergnügliche Zeit bereitet.

R Marran Gosov B Franz Geiger, Marran Gosov K Werner Kurz M Jacques Loussier A Peter Scharff S Gudrun Vöge, Enzio von Kühlmann-Stumm P Rob Houwer D Gila von Weitershausen, Dieter Augustin, Uli Koch, Hans Clarin, Gudrun Vöge | BRD | 81 min | 1:1,66 | f | 8. März 1968

22.2.68

Negresco**** – Eine tödliche Affäre (Klaus Lemke, 1968)

Der mittelmäßige Fotograf Roger (Gérard Blain) erhält in Berlin rein zufällig vage Hinweise auf ein möglicherweise profitables Geheimnis und folgt dessen mondäner Trägerin Laura Parrish (It-Lady Ira von Fürstenberg) durch teure Hotels und prächtige Villen, an die (sonnige) Côte d’Azur und weiter ins (tödliche) Engadin. In seinem zweiten Spiel-Film kokettiert Klaus Lemke wiederum schaulustig-eskapistisch mit bekannten Kinomotiven (verbotene Liebe, dunkle Geschäfte, undurchschaubare Ränke), schießt kolportagehafte Momentaufnahmen aus der großen, weiten Illustriertenwelt der reichen Männer und schönen Frauen, der flotten Boote und schnellen Schlitten, des heißen Geldes und gefährlichen (Zu-viel-)Wissens. Die flüchtig-spekulativen, nicht immer ganz scharfen Paparazzoblicke fügen sich kaum zu einer schlüssigen Story, reihen sich vielmehr assoziativ aneinander wie eine Folge von leicht verdruckten Bildern in einem Regenbogenblatt. Die berühmte Nizzaner Luxusabsteige, die dem Werk den wohlklingenden Titel leiht, und die exklusive Jet-Set-Hauptdarstellerin stehen emblematisch für jene mystische Society-Sphäre, die ein ehrgeiziger Arrivist zwar vorübergehend betreten aber in Wahrheit nicht erreichen kann.

R Klaus Lemke B Max Zihlmann, Klaus Lemke, Ingo Hermes K Michael Marszalek M Klaus Doldinger S Renate Willeg P Peter Berling D Gérard Blain, Ira von Fürstenberg, Paul Hubschmid, Serge Marquand, Ricky Cooper | BRD | 95 min | 1:1,66 | f | 22. Februar 1968

19.2.68

Vargtimmen (Ingmar Bergman, 1968)

Die Stunde des Wolfs 

Surrealistisches Nachtstück um die seltsamen Leiden einer Künstlerseele. »Die Stunde des Wolfs ist die Stunde zwischen Nacht und Morgen. Es ist die Stunde, in der die meisten Menschen sterben, in der der Schlaf am tiefsten ist, in der Alpträume Realität gewinnen. Es ist die Stunde, in der Dämonen ihre Macht entfalten, und es ist die Stunde, in der die meisten Kinder geboren werden.« Mit der fiktiven Rekonstruktion des sonderbaren Geschehens aus den nachgelassenen Papieren des verschwundenen Malers Johan Borg (Max von Sydow) und den Erzählungen seiner Frau Alma (Liv Ullmann) stellt sich Ingmar Bergman in die Tradition schwarzromantischer Spukphantasien à la E. T. A. Hoffmann (Kapellmeister Kreisler höchstselbst hat einen Auftritt), um ein dunkles Spektakel über Kreativität und Heimsuchung, Empathie und Besessenheit abrollen zu lassen. Die Einöde, in die sich das Ehepaar Borg zurückgezogen hat, wird plötzlich bevölkert von einer Reihe erst masken-, dann fratzenhafter Gestalten, die der Erinnerung und Imagination des Künstlers entspringen; auf einem Gruselschloß geraten Johan und Alma, die sich in ihren Mann so bedingungslos einfühlt, daß seine wahnhaft-sensibilisierte Wahrnehmung auch zu ihrer wird, in die Fänge dieser fellinesk-unheimlichen Gesellschaft von dekadenten Aristokraten und aufdringlichen Kulturbürgern: Sie erscheinen als Spiegelungen innerer und äußerer Realitäten – als Blutsauger des Kunst betriebs, als Gespenster der Vergangenheit, als Nachtmahre sexueller Obsessionen, als Totenvögel der Kreativität. In erbarmungslos hartem Schwarzweiß schaffen Bergman und sein Kameramann Sven Nykvist mit »Vargtimmen« ein vielschichtiges, gotisch-geisterhaftes Wechselspiel zwischen (seelischer) Inbesitznahme und (künstlerischer) Entäußerung, zwi­schen schöpferischer Explosion und depressiver Leere.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Lars Johan Werle A Marik Vos S Ulla Ryghe P Lars-Owe Carlberg D Max von Sydow, Liv Ullmann, Ingrid Thulin, Erland Josephson, Gertrud Fridh, Naima Wifstrand | S | 90 min | 1:1,37 | sw | 19. Februar 1968

18.1.68

Der Hund von Blackwood Castle (Alfred Vohrer, 1968)

Eine filmische Ode an die Berliner Pfaueninsel: das »preußische Paradies« als englische Idealszenerie und adäquate Edgar-Wallace-Kulisse. Inmitten der herbstlich-idyllischen Parklandschaft, zwischen nebligem Gehölz und hungrigem Sumpf, geschehen gräßliche Dinge: Diverse Spaziergänger (allesamt Gäste des rustikalen, von Lady Agathy Beverton (Agnes Windeck) (groß-)mütterlich geleiteten Gasthofes »Old Inn«) sterben an den Bissen einer mordgierigen Bestie. Zentrum des Schreckens: Blackwood Castle, das vom kürzlich verstorbenen Schloßherrn seiner lange negierten Tochter (Karin Baal) vermacht wurde. Nach dem Tod des Besitzers wird der alte, spinnverwebte Kasten unversehens von einer Schar zwielichtiger Interessenten (Hans Söhnker, Heinz Drache, Horst Tappert und andere) umlagert, die hinter den morschen Mauern schlummernde Reichtümer vermuten … Alfred Vohrer arrangiert ein gewitztes Katz-und-Maus-, besser gesagt: Hund-und-Mensch-Spiel, verrührt die hergebrachten Zutaten der Endlosserie zu einer amüsanten Thrillerfarce, antwortet auf jede Sinnfrage mit einem billigen Schaueffekt. Den Fall, der deutliche Anleihen bei Arthur Conan Doyles »The Hound of the Baskervilles« und bei Stanley Donens »Charade« nimmt, untersucht Scotland-Yard-Chef Sir John (Siegfried Schürenberg) höchstpersönlich, assistiert von seiner pfiffigen Assistentin Miss Finley (Ilse Pagé) – die Ermittler stoßen unter anderem auf einen gepolsterten Sarg für lebende Tote und Schachfiguren, die als Fernsteuerung dienen, auf schatzhütende Schlangen und einen ausgestopften Bären mit Funkanschluß …

R Alfred Vohrer B Axel Berg (= Herbert Reinecker) V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Wilhelm Vorwerg, Walter Kutz S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Heinz Drache, Horst Tappert, Karin Baal, Agnes Windeck, Siegfried Schürenberg | BRD | 92 min | 1:1,66 | f | 18. Januar 1968

21.12.67

Rheinsberg (Kurt Hoffmann, 1967)

Die Welt von gestern in einem Film von vorgestern. Kurt Hoffmann und Herbert Reinecker entkleiden Kurt Tucholskys ironisch-zärtliches ›Bilderbuch für Verliebte‹ von jeder kritischen Anzüglichkeit, konzentrieren sich stattdessen aufs illustrativ-episodische Abfeiern der guten alten Zeit. Die Kamera (Richard Angst) schlägt dabei die eine oder andere Kapriole, ein perlender Samstagabendsound (Hans-Martin Majewski) und diverse Schnittfrivolitäten mühen sich redlich, den befreiten Ton der späten 1960er Jahre zu treffen. Die Akteure bieten im besten Falle solides Kabarett, nur Cornelia Froboess (deren Talent deutsche Filmregisseure unverzeihlicherweise kaum je mit angemessenen Rollen zu würdigen wissen) leistet mehr: Ihre hochkultivierte Kodderschnauze hält die ganze Chose souverän zusammen.

R Kurt Hoffmann B Herbert Reinecker V Kurt Tucholsky K Richard Angst M Hans-Martin Majewski A Werner Schlichting S Gisela Haller P Heinz Angermeyer D Cornelia Froboess, Christian Wolff, Werner Hinz, Agnes Windeck, Ehmi Bessel | BRD | 88 min | 1:1,66 | f | 21. Dezember 1967

16.12.67

Playtime (Jacques Tati, 1967)

Tatis herrliche Zeiten

Monsieur Hulots aberwitzige Karussellfahrt um das kalte Herz der Moderne. Mit der gleichen künstlerischen Radikalität wie Stanley Kubrick (dessen »2001: A Space Odyssey« parallel entsteht) fegt Jacques Tati alle Regeln der klassischen Filmdramaturgie beiseite und stellt einen einzigartigen Monolithen in die Kinogeschichte. »Playtime« hat keinen Plot sondern ein Thema, vielmehr einen Betrachtungsgegenstand: die eloxierte Welt des Spätkapitalismus, den samtgrauen internationalen Stil des materialistischen Rationalismus. »Playtime« ist eine Art Neuauflage von »Modern Times« – aber während Charlie sich noch ganz anschaulich und geradezu rührend naiv im Räderwerk altertümlicher Maschinen verhakelte, liefert Tati seine Figuren einer allesverschlingenden Abstraktion des Daseins aus, einer minutiös durchgeplanten Abwesenheit von Lebensfreude, einer eisgrauen Unlust, die bestenfalls gelegentlich durch gezielte Subversion oder schlichte Ignoranz aufzubrechen ist. In locker miteinander verbundenen Szenen, mit einem unbestechlichen Auge für architektonische Grausamkeiten und einem feinen Ohr für absurde Alltagsgeräusche werden die anonymen Orte der zeitgenössischen Existenz, die Transitstationen des unpersönlichen Lebens durchdekliniert: der Flughafen, das Büro, das Apartment, das Hotel, die Straße, das Restaurant. Tatis choreographische Komik zeigt sich auf ihrem Höhe- und Endpunkt: ultraminimalistisch und supertotal zugleich. Mit anderen Worten: es ist so lustig, daß es nichts mehr zu lachen gibt

R Jacques Tati B Jacques Tati, Jacques Lagrange K Jean Badal, Andréas Winding M Francis Lemarque A Eugène Romand S Gérard Pollicand P Bernard Maurice D Jacques Tati, Barbara Dennek, Billy Kearns, Georges Montand, Reinhard Kolldehoff | F & I | 126 min | 1:1,85 (70 mm) | f | 16. Dezember 1967

15.12.67

Hoří, má panenko (Miloš Forman, 1967)

Der Feuerwehrball | Anuschka – Es brennt, mein Schatz

Ein glanzvoller Abend soll es werden, mit Mißwahl und Tombola und Auszeichung des verdienten ehemaligen Hauptmanns. Die Feuerwehr gibt ein Fest für das ganze Städtchen, und alles geht schief. Die zur Schönheitskonkurrenz ausgewählten (man könnte auch sagen: abkommandierten) jungen Frauen flüchten von der Bühne auf die Damentoilette, die Gewinne der Geschenkverlosung (unter anderem eine Torte, eine Flasche Cognac, eine Preßwurst) werden samt und sonders gestohlen, der greise Ehrengast (von dem alle außer ihm selbst wissen, daß er tödlich erkrankt ist) sieht sich über einen in der Nachbarschaft ausbrechenden Hausbrand schlichtweg vergessen – und nicht einmal ihrer eigentlichen Aufgabe zeigen sich die Feuerwehrleute gewachsen: angesichts der lodernden Flammen streiten sie vor allem darüber, ober der alte Mann, dessen Hof abbrennt, dem unaufhaltsamen Zerstörungswerk des Feuers zusehen sollte oder besser nicht. In ihren schmucken Uniformen, mit ihrem selbstgefälligen Befehlston, im stolzen Bewußtsein ihrer führenden Rolle erweisen sich die Angehörigen der Organisation als Musterbilder von Inkompetenz, Betriebsblindheit, Wichtigtuerei. Die Frage, ob Miloš Forman mit seiner kaleidoskopischen (vorzüglich besetzten) Typenkomödie lediglich allzumenschliche Schwächen karikieren will, oder er ob er die parabolische Spiegelung real-existierender Herrschafts- und Lebensverhältnisse im Sinn hat, mag jeder Betrachter getreu seines Klassenstandpunkts beantworten.

R Miloš Forman B Miloš Forman, Jaroslav Papoušek, Ivan Passer K Miroslav Ondříček M Karel Mareš A Karel Černý S Miroslav Hájek P Vladimír Bor, Jiří Šebor, Carlo Ponti D Jan Vostrčil, Josef Šebánek, František Debelka, Josef Kolb, Jan Stöckl | CS & I | 73 min | 1:1,37 | f | 15. Dezember 1967

# 1174 | 18. August 2019

6.12.67

Théâtre de Monsieur & Madame Kabal (Walerian Borowczyk, 1967)

Jeux de massacre oder Schmetterlinge weinen nicht. Ein Film »dessiné pour les adultes« – ohne faßliche Handlung, ohne erkennbaren Sinn; stattdessen rudimentäre Figuren (Madame: eine roboterhafte Xanthippe mit mächtigem Vorbau / Monsieur: ein abgebrochener Riese mit Hang zu knusprigen Mädchen), die ein absurdes Beziehungstheater aufführen, ein mechanisches Endspiel der Gefühle. Walerian Borowczyk, polnisch-französicher Plakatgrafiker und Trickfilmer, gibt mit seinen »Bruchstücken einer Ehe« nicht nur den sardonischen Dada-Disney, er kreiert ein ganz persönliches Genre, das man vielleicht »Antimation« nennen könnte: eine Synthese aus abstrahierender Illustrationskunst und unsentimentaler Betrachtung der Welt. Mit frostigem Witz entlarven die Kabals menschliche Zwangshandlungen in einem (von unkontrollierbaren Um- und Zuständen) völlig verzeichneten Alltag.

R Walerian Borowczyk B Walerian Borowczyk K Guy Durban, Francis Pronier M Avenir de Monfred S Claude Blondel P Jacques Forgeot | F | 80 min | 1:1,37 | f | 6. Dezember 1967

5.12.67

Billion Dollar Brain (Ken Russell, 1967)

Das Milliarden-Dollar-Gehirn

»Billion Dollar Brain« setzt den absurden Schlußpunkt unter die Harry-Palmer-Trilogie und funktioniert dabei in gewisser Weise als Kommentar auf die ins Kraut schießenden Bond-Phantasien der Ära (wozu auch der schicke Maurice-Binder-Titel paßt): Palmer (einmal mehr einmalig: Michael Caine) wird (von unbekannter Seite) mit dem Transport einiger mysteriöser Hühnereier von London nach Helsinki betraut und so in die Pläne des fanatisch-antikommunistisch-texanischen Ölmilliardärs General Midwinter (durchgeknallt: Ed Begley) verwickelt, der fest von der Verseuchung der amerikanischen Ostküste durch die Roten überzeugt ist und im Rahmen seines ganz persönlichen »Kreuzzugs für die Freiheit« mit Privattruppen in die Sowjetunion einzumarschieren gedenkt … Mit von der Partie: Karl Malden (als zwielichtig-eigennütziger Büttel des Bösen) Oskar Homolka (als gutmütig-gefährlicher russischer Bär) und die absolut wundervolle Françoise Dorléac (als lasziv-letale Doppelagentin). Ken »third-rate cliché« Russell dreht inszenatorisch irgendwann völlig ab (besser gesagt: auf), um sich in poppigen Riefenstahl- und Eisenstein-Parodien zu ergehen – die überspannte Spionage-Groteske verwandelt die genrepersiflierenden Elemente in pure Subversion, brilliert als entlarvender Zerrspiegel zeithistorischer Realitäten, als opulentes Politmärchen aus dem Winter unseres (Miß-)Vergnügens.

R Ken Russell B John McGrath V Len Deighton K Billy Williams M Richard Rodney Bennett A Syd Cain S Alan Osbiston P Harry Saltzman D Michael Caine, Karl Malden, Ed Begley, Oskar Homolka, Françoise Dorléac | UK | 111 min | 1:2,35 | f | 5. Dezember 1967