Frau ohne Gewissen
»I killed him for money and a woman. And I didn't get the money and I didn't get the woman.« Walter Neff (Fred MacMurray) ist ein sympathischer Typ, ein gewiefter Versicherungsagent, einer, der sich kein X für ein U vormachen läßt. Doch dann trifft er: sie. Sie heißt Phyllis Dietrichson (Barbara Stanwyck), sie ist die Frau eines wohlhabenden Klienten – sie trägt ein hypnotisierendes Fußkettchen, ihre Brüste dehnen die knappe Bluse wie Spitzsiebe, unter den falschblonden Haaren gärt das tiefe Verlangen nach mehr von allem. Und plötzlich ist Walter gar nicht mehr so nett: In Phyllis’ provozierenden Blicken spiegelt sich sein anderes, sein gieriges Selbst, in ihren tückischen Worten vernimmt er das schallende Echo der eigenen Niedertracht … Billy Wilder und Raymond Chandler schaffen (nach einer Erzählung von James M. Cain) einen, visuell wie psychologisch, atemberaubend schwarzen Straight-down-the-line-Thriller (mit der Betonung auf ›down‹), der den Zuschauer an der Seite des (right from the beginning) unrettbar verlorenen Ich-Erzählers (»Double Indemnity« ist Walters Mord- und Betrugsgeständnis an einen – von Edward G. Robinson verkörperten – väterlichen Freund und Kollegen) mitnimmt auf eine verwünscht-lustvolle Reise in den Untergang: »It's a one-way trip and the last stop is the cemetery.« Die tragische Ironie des Films kulminiert in der Überführung des negativen Helden durch den einzigen Menschen, der ihn wirklich liebt – so endet die bittere menschliche Komödie mit einer doppelten Abfindung: Enttäuschung und Tod. »Pretty, isn't it?«
R Billy Wilder B Raymond Chandler, Billy Wilder V James M. Cain K John F. Seitz M Miklós Rózsa A Hans Dreier, Hal Pereira S Doane Harrison P Joseph Sistrom D Fred MacMurray, Barbara Stanwyck, Edward G. Robinson, Porter Hall, Jean Heather | USA | 107 min | 1:1,37 | sw | 24. April 1944
20.3.44
Cover Girl (Charles Vidor, 1944)
Es tanzt die Göttin
»We’re a fine pair.« – »We’re a wonderful pair.« – »Aren’t we though.« Danny McGuire (Gene Kelly) und Rusty Parker (Rita Hayworth) sind ein Paar – oder sind sie es nicht? Er betreibt einen kleinen Nachtclub in Brooklyn, sie tanzt in seiner Truppe und träumt vom Broadway. Als der grauschläfige Verleger eines Hochglanzmagazins (Otto Kruger) Rusty zum »Cover Girl« kürt (weil sie ihn an den großen Schwarm seiner Jugendzeit erinnert), scheint ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung zu gehen: »A kind of an amazing thing happened last night.« Über Nacht wird das rothaarige Showgirl zum Stadtgespräch, ein namhafter Impressario rollt ihr den roten Teppich zum Ruhm aus – während für Danny (vorerst) nur ein Pas de deux mit dem eigenen Spiegelbild bleibt ... Um schnittige Songs von Jerome Kern und Ira Gershwin arrangiert Charles Vidor einen farbenfroh-ironisches Lehrstück von (un-)erfüllter Sehnsucht und (über-)mäßigem Erfolg (und von der Perle in der Auster).
R Charles Vidor B Virginia Van Upp K Rudolph Maté, Allen M. Davey M Jerome Kern A Lionel Banks, Cary Odell S Viola Lawrence P Arthur Schwartz D Rita Hayworth, Gene Kelly, Phil Silvers, Otto Kruger, Eve Arden | USA | 107 min | 1:1,37 | f | 20. März 1944
# 1145 | 13. Januar 2019
»We’re a fine pair.« – »We’re a wonderful pair.« – »Aren’t we though.« Danny McGuire (Gene Kelly) und Rusty Parker (Rita Hayworth) sind ein Paar – oder sind sie es nicht? Er betreibt einen kleinen Nachtclub in Brooklyn, sie tanzt in seiner Truppe und träumt vom Broadway. Als der grauschläfige Verleger eines Hochglanzmagazins (Otto Kruger) Rusty zum »Cover Girl« kürt (weil sie ihn an den großen Schwarm seiner Jugendzeit erinnert), scheint ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung zu gehen: »A kind of an amazing thing happened last night.« Über Nacht wird das rothaarige Showgirl zum Stadtgespräch, ein namhafter Impressario rollt ihr den roten Teppich zum Ruhm aus – während für Danny (vorerst) nur ein Pas de deux mit dem eigenen Spiegelbild bleibt ... Um schnittige Songs von Jerome Kern und Ira Gershwin arrangiert Charles Vidor einen farbenfroh-ironisches Lehrstück von (un-)erfüllter Sehnsucht und (über-)mäßigem Erfolg (und von der Perle in der Auster).
R Charles Vidor B Virginia Van Upp K Rudolph Maté, Allen M. Davey M Jerome Kern A Lionel Banks, Cary Odell S Viola Lawrence P Arthur Schwartz D Rita Hayworth, Gene Kelly, Phil Silvers, Otto Kruger, Eve Arden | USA | 107 min | 1:1,37 | f | 20. März 1944
# 1145 | 13. Januar 2019
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28.1.44
Die Feuerzangenbowle (Helmut Weiss, 1944)
Weil er privat erzogen wurde, Glanz und Elend einer echten »Penne« mithin nie kennenlernte, wird Erfolgsschriftsteller Dr. Johannes Pfeiffer (Heinz Rühmann) von einer nostalgisch-beduselten Herrenrunde zurück auf die Schulbank gezaubert: Bart ab, Haare gestutzt, Primanermütze auf den Kopf – und los geht die Reise in eine Vergangenheit, die es nie gab. Die demonstrativ lustigen Abenteuer, die Pfeiffer mit seinen überaus lausbübischen Klassenkameraden und den selten einfältigen Lehrerkarikaturen »Schnauz«, »Bömmel« und »Zeus« erlebt, sind an drolliger Harmlosigkeit kaum zu überbieten. Angesiedelt in einem illusionär-kleinstädtischen, beschaulich-verträumten Nirgendwo, schleichen sich nichtsdestoweniger die ideologischen Untertöne einer »neuen Zeit« in das selbsternannte »Loblied auf die Schule«: »Junge Bäume, die wachsen wollen, muß man anbinden, daß sie schön gerade wachsen, nicht nach allen Seiten ausschlagen – und genauso ist es mit den jungen Menschen.« Sagt Musterpädagoge Dr. Brett (!), der allseits respektierte »feine Kerl«. Nachdem er seine braven (noch dazu erklärtermaßen fiktiven) Tollheiten genüßlich ausgekostet hat, fügt sich der kleine Waghals Pfeiffer (»mit drei F«) denn auch wieder ins wunschlose Normalmaß: »Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir mit uns tragen, die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.« Amen. Zu deutsch: So sei es.
R Helmut Weiss B Heinrich Spoerl V Heinrich Spoerl K Ewald Daub M Werner Bochmann A Willi A. Herrmann S Helmuth Schönnenbeck P Heinz Rühmann D Heinz Rühmann, Karin Himboldt, Erich Ponto, Paul Henckels, Hans Leibelt | D | 94 min | 1:1,37 | sw | 28. Januar 1944
R Helmut Weiss B Heinrich Spoerl V Heinrich Spoerl K Ewald Daub M Werner Bochmann A Willi A. Herrmann S Helmuth Schönnenbeck P Heinz Rühmann D Heinz Rühmann, Karin Himboldt, Erich Ponto, Paul Henckels, Hans Leibelt | D | 94 min | 1:1,37 | sw | 28. Januar 1944
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19.1.44
The Lodger (John Brahm, 1944)
Scotland Yard greift ein
»Mine, too, are the problems of life and death.« Seit dem Herbst des Jahres 1888, als bei Nacht und Nebel in kurzer Abfolge etwa ein halbes Dutzend Prostituierte aufgeschlitzt wurden, fasziniert der Fall des Londoner Serienmörders ›Jack the Ripper‹ Kriminologen ebensosehr wie Historiker, Künstler und nicht zuletzt eine lustvoll schaudernde weltweite Öffentlichkeit – zumal die nie geklärte Identität des Killers bis heute Anlaß zu immer neuen Spekulationen gibt. Nachdem bereits Alfred Hitchcock, noch zu Stummfilmzeiten, den um diese mythische Figur der Moderne kreisenden Roman »The Lodger« der britischen Autorin Marie Belloc Lowndes auf die Leinwand gebracht hatte, liefert auch John Brahm seine kinematographische Fantasie über die historischen Vorfälle. In der Verkörperung durch Laird Cregar erscheint der legendäre Gewaltverbrecher als kultivierter Koloß mit traurigen Augen und sanfter Stimme, der davon besessen ist, das Böse aus der Schönheit herauszuschneiden, und mit seinen blutigen Taten den unverwundenen Tod des innigst geliebten Bruders rächt. »It’s such lovely women as you who drag men down!« sagt Mr. Slade, wie sich der Ripper bei seiner gutmütigen Vermieterin vorgestellt hat, zu deren Nichte Kitty, einer attraktiven Sängerin (Merle Oberon), die den geheimnisvollen Hausgenossen mit ihren Reizen bestrickt. Brahms Version des Geschehens, von Lucien Ballard in expressivem Helldunkel fotografiert, bereichert die mit Motiven des Horrorfilms ausgestaltete Thrillerhandlung um eine melancholische Reflexion über die unstillbare Sehnsucht nach Reinheit und Frieden: »Have you ever held your face close to the water? Deep water is dark and restful and ... full of peace.«
R John Brahm B Barré Lyndon V Marie Belloc Lowndes K Lucien Ballard M Hugo Friedhofer A James Basevi, John Ewing S J. Watson Webb Jr. P Robert Bassler D Laird Cregar, Merle Oberon, George Sanders, Sir Cedric Hardwicke, Sara Allgood | USA | 84 min | 1:1,37 | sw | 19. Januar 1944
# 1086 | 5. Dezember 2017
»Mine, too, are the problems of life and death.« Seit dem Herbst des Jahres 1888, als bei Nacht und Nebel in kurzer Abfolge etwa ein halbes Dutzend Prostituierte aufgeschlitzt wurden, fasziniert der Fall des Londoner Serienmörders ›Jack the Ripper‹ Kriminologen ebensosehr wie Historiker, Künstler und nicht zuletzt eine lustvoll schaudernde weltweite Öffentlichkeit – zumal die nie geklärte Identität des Killers bis heute Anlaß zu immer neuen Spekulationen gibt. Nachdem bereits Alfred Hitchcock, noch zu Stummfilmzeiten, den um diese mythische Figur der Moderne kreisenden Roman »The Lodger« der britischen Autorin Marie Belloc Lowndes auf die Leinwand gebracht hatte, liefert auch John Brahm seine kinematographische Fantasie über die historischen Vorfälle. In der Verkörperung durch Laird Cregar erscheint der legendäre Gewaltverbrecher als kultivierter Koloß mit traurigen Augen und sanfter Stimme, der davon besessen ist, das Böse aus der Schönheit herauszuschneiden, und mit seinen blutigen Taten den unverwundenen Tod des innigst geliebten Bruders rächt. »It’s such lovely women as you who drag men down!« sagt Mr. Slade, wie sich der Ripper bei seiner gutmütigen Vermieterin vorgestellt hat, zu deren Nichte Kitty, einer attraktiven Sängerin (Merle Oberon), die den geheimnisvollen Hausgenossen mit ihren Reizen bestrickt. Brahms Version des Geschehens, von Lucien Ballard in expressivem Helldunkel fotografiert, bereichert die mit Motiven des Horrorfilms ausgestaltete Thrillerhandlung um eine melancholische Reflexion über die unstillbare Sehnsucht nach Reinheit und Frieden: »Have you ever held your face close to the water? Deep water is dark and restful and ... full of peace.«
R John Brahm B Barré Lyndon V Marie Belloc Lowndes K Lucien Ballard M Hugo Friedhofer A James Basevi, John Ewing S J. Watson Webb Jr. P Robert Bassler D Laird Cregar, Merle Oberon, George Sanders, Sir Cedric Hardwicke, Sara Allgood | USA | 84 min | 1:1,37 | sw | 19. Januar 1944
# 1086 | 5. Dezember 2017
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8.12.43
Immensee (Veit Harlan, 1943)
»Ein deutsches Volkslied« verheißt der Untertitel, aber Veit Harlan wäre nicht Veit Harlan, würde er nicht die zarte Weise von Liebe, Treue und Verzicht zur volltönenden Schicksalsmelodie aufpumpen. »Immensee« ist der erste Teil eines (parallel produzierten) gefühlsschäumenden Agfacolor-Diptychons über empfindliche Dreiecksbeziehungen: In idyllischer norddeutscher Landschaft steht Elisabeth (Kristina Söderbaum) zwischen zwei Männern – Reinhart, einem angehenden Komponisten (liebenswert und flatterhaft: Carl Raddatz), und Erich, dem Erben eines stattlichen Gutshofes (gutherzig und ein bißchen dröge: Paul Klinger). Während ihr der eine gleich dutzendweise Liebeslieder zueignet, es mit dem »nur du allein« aber nicht allzu genau nimmt, versichert sie der andere in stummer Ergriffenheit seiner unverbrüchlichen Zuneigung. Es kommt, wie es zumeist kommt im großdeutschen Melodram: sie nimmt (unter Tränen) den Langweiler (weil der andere in der Welt herumstreunt), erkennt schließlich (als er ihrer entsagen will) die Tiefe der ehemännlichen Gefühle – und bleibt dem Gatten treu bis über seinen Tod hinaus. Als versierter Kitschier geizt Harlan zwar weder mit Symbolen (Ziervögel in Käfigen, Seerosen im Teich und auf Torten) noch mit dem Einsatz der heißgeliebten Engelschöre, in der künstlerischen Summe bleibt »Immensee« jedoch wesentlich ausgewogener (und erzählerisch konzentrierter) als sein Gegenstück, der unbeherrschte »Opfergang«.
R Veit Harlan B Veit Harlan, Alfred Braun V Theodor Storm K Bruno Mondi M Wolfgang Zeller A Erich Zander, Karl Machus S Friedrich Karl von Puttkammer P Veit Harlan D Kristina Söderbaum, Carl Raddatz, Paul Klinger, Carola Toelle, Max Gülstorff | D | 95 min | 1:1,37 | f | 8. Dezember 1943
R Veit Harlan B Veit Harlan, Alfred Braun V Theodor Storm K Bruno Mondi M Wolfgang Zeller A Erich Zander, Karl Machus S Friedrich Karl von Puttkammer P Veit Harlan D Kristina Söderbaum, Carl Raddatz, Paul Klinger, Carola Toelle, Max Gülstorff | D | 95 min | 1:1,37 | f | 8. Dezember 1943
13.10.43
L’éternel retour (Jean Delannoy, 1943)
Der ewige Bann
Das Drehbuch zu »L’eternel retour«, von Jean Cocteau seinem Freund Jean Marais auf den schönen Leib gedichtet, transponiert die uralte (wohl keltische) Legende der leidenschaftlichen, unglücklich endenden Liebe zwischen Tristan und Isolde in eine mythisch-irrealisierte Gegenwart. Zwar gibt es Automobile und Boote mit Dieselmotor, Kneipenschlägereien und moderne Badezimmer, dann aber wieder kommt ein Liebestrank zu seinem mirakulösen Recht, und der Held nähert sich zu Pferde einer malerischen Burg, ganz wie ein Ritter in sagenhafter Vorzeit. Der (sehr literarisch bleibende) amour fou zwischen Patrice (strahlend: Marais) und Nathalie (berückend: Madeleine Sologne), der Gemahlin seines Onkels Marc, wird von einer mißgünstigen Verwandtschaft argusaugenhaft beobachtet und genüßlich hintertrieben – bis der Tod die beiden schicksalhaft füreinander Bestimmten vereint. Jean Delannoy inszeniert die jungen Liebenden in edlen Bildern (Kamera: Roger Hubert) und romantischem Dekor (Ausstattung: Georges Wakhévitch) als zeitlos idealisiertes, zugleich hochmodisches Paar, als makellose, archetypische Stars, auf deren blondem Haar zauberische Spitzlichter tanzen, während die mediokren Neider (wie im Märchen) alt, häßlich oder zwergenhaft verwachsen daherkommen. Die von diesen (im Grunde zutiefst bedauernswerten) Widersachern repräsentierte Niedertracht mag im Hier und Jetzt triumphieren, doch – so die tröstende Botschaft des Films – sie findet ihre Grenze an den Pforten der Ewigkeit, deren Wächter nur die Reinen im Herzen passieren lassen.
R Jean Delannoy B Jean Cocteau K Roger Hubert M Georges Auric A Georges Wakhévitch S Suzanne Fauvel P André Paulvé D Madeleine Sologne, Jean Marais, Jean Murat, Junie Astor, Piéral | F | 107 min | 1:1,37 | sw | 13. Oktober 1943
Das Drehbuch zu »L’eternel retour«, von Jean Cocteau seinem Freund Jean Marais auf den schönen Leib gedichtet, transponiert die uralte (wohl keltische) Legende der leidenschaftlichen, unglücklich endenden Liebe zwischen Tristan und Isolde in eine mythisch-irrealisierte Gegenwart. Zwar gibt es Automobile und Boote mit Dieselmotor, Kneipenschlägereien und moderne Badezimmer, dann aber wieder kommt ein Liebestrank zu seinem mirakulösen Recht, und der Held nähert sich zu Pferde einer malerischen Burg, ganz wie ein Ritter in sagenhafter Vorzeit. Der (sehr literarisch bleibende) amour fou zwischen Patrice (strahlend: Marais) und Nathalie (berückend: Madeleine Sologne), der Gemahlin seines Onkels Marc, wird von einer mißgünstigen Verwandtschaft argusaugenhaft beobachtet und genüßlich hintertrieben – bis der Tod die beiden schicksalhaft füreinander Bestimmten vereint. Jean Delannoy inszeniert die jungen Liebenden in edlen Bildern (Kamera: Roger Hubert) und romantischem Dekor (Ausstattung: Georges Wakhévitch) als zeitlos idealisiertes, zugleich hochmodisches Paar, als makellose, archetypische Stars, auf deren blondem Haar zauberische Spitzlichter tanzen, während die mediokren Neider (wie im Märchen) alt, häßlich oder zwergenhaft verwachsen daherkommen. Die von diesen (im Grunde zutiefst bedauernswerten) Widersachern repräsentierte Niedertracht mag im Hier und Jetzt triumphieren, doch – so die tröstende Botschaft des Films – sie findet ihre Grenze an den Pforten der Ewigkeit, deren Wächter nur die Reinen im Herzen passieren lassen.
R Jean Delannoy B Jean Cocteau K Roger Hubert M Georges Auric A Georges Wakhévitch S Suzanne Fauvel P André Paulvé D Madeleine Sologne, Jean Marais, Jean Murat, Junie Astor, Piéral | F | 107 min | 1:1,37 | sw | 13. Oktober 1943
4.10.43
Großstadtmelodie (Wolfgang Liebeneiner, 1943)
»Ein Berlin-Film« annonciert der Untertitel, und in der Tat dient die dünn gezwirbelte Handlung vor allem als Aufhänger für vielerlei stimmungsvolle Großstadtimpressionen. Wolfgang Liebeneiner inszeniert den in sonniger Vorkriegszeit spielenden Film um seine Ehefrau Hilde Krahl in der Rolle einer ambitionierten Nachwuchsfotografin: Nachdem sie es mit einer zufällig geschossenen Reportageaufnahme aufs Titelblatt der ›Berliner Illustrirten Zeitung‹ brachte, beschließt Renate, die Enge ihres süddeutschen Heimatstädtchens zu verlassen, um berufliches (und privates) Glück in der großen Stadt zu suchen – und schwupp steht sie mit Tirolerhütchen mitten im Verkehrstrubel auf dem Potsdamer Platz: Straßenbahnen von links, Busse von rechts, Autos von überall. Die Metropole hat nicht auf die Neuzugängerin gewartet, gibt sich hektisch, kaltschnäuzig, abweisend, will erobert werden. Renate nimmt die Herausforderung an, trotzt allen Widerständen, setzt sich durch, indem sie, peu à peu, einen eigenen Blick auf die Stadt entwickelt. In der selbstverständlichen Anerkennung weiblicher Autonomie (ein Respekt, der beispielsweise die im Kino eher seltene Entwicklung einer gleichberechtigten Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau ermöglicht) bewahrt die Erzählung eine Ahnung von urbaner Modernität, indes sich die filmische Betrachtung Berlins weitgehend mit der Aneinanderreihung von Oberflächenreizen begnügt: Renates Auge (und das Objektiv der Kamera) sehen keinen komplexen Organismus sondern ein Potpourri poetischer Motive: Berlin am Wasser, Berlin bei Nacht und, immer wieder, (glückliche) Gesichter in der Menge: begeisterte Zuschauer beim Sechstagerennen, versonnene Arbeiter bei einem Fabrikkonzert der Philharmoniker, jubelnde Menschen bei einer Goebbels-Rede. Liebeneiners beschwingte Melodie der Großstadt ist völlig frei von Dissonanzen, damit letztlich auch frei von Realität – daß zum Zeitpunkt der Uraufführung bereits Zehntausende von jüdischen Berlinern deportiert worden sind, daß schon Dutzende von Bombenangriffen das Antlitz Berlins ramponiert haben, scheint eine gleichnamige Stadt in einem Paralleluniversum zu betreffen.
R Wolfgang Liebeneiner B Wolfgang Liebeneiner, Geza von Cziffra, Maria von der Busche K Walter Pindter, Leo de Laforgue, Richard Angst M Werner Bochmann, Michael Jary A Karl Weber S Marte Rau P Heinrich Jonen D Hilde Krahl, Werner Hinz, Karl John, Will Dohm, Paul Henckels | D | 108 min | 1:1,37 | sw | 4. Oktober 1943
R Wolfgang Liebeneiner B Wolfgang Liebeneiner, Geza von Cziffra, Maria von der Busche K Walter Pindter, Leo de Laforgue, Richard Angst M Werner Bochmann, Michael Jary A Karl Weber S Marte Rau P Heinrich Jonen D Hilde Krahl, Werner Hinz, Karl John, Will Dohm, Paul Henckels | D | 108 min | 1:1,37 | sw | 4. Oktober 1943
28.9.43
Le corbeau (Henri-Georges Clouzot, 1943)
Der Rabe
»Une petite ville, ici ou ailleurs …« Die kleine Stadt will schlafen geh’n … aber einer erlaubt es nicht. Die Lichter löschen aus … und »Le corbeau« läßt hunderte von anonymen Briefen über die friedlichen Mitbürger niederregnen. Es sind giftige Botschaften mit gemeinen Inkriminierungen: Ehebruch, Korruption, Drogensucht, Promiskuität, Diebstahl, verbotene Abtreibungen. Unschuldige werden in die Verzweiflung, Verdächtige durch die Gassen, Kranke in den Tod getrieben. Argwohn macht sich breit, jeder verdächtigt jeden, keiner kann sich sicher fühlen. Henri-George Clouzot malt schwarz in schwarz (Kamera: Nicolas Hayer) das Bild einer nur oberflächlich intakten Gesellschaft, einer Gesellschaft, deren Glieder einander nicht mehr über den Weg trauen, weil jeder einzelne sich persönlich (mit Grund) alles zutrauen würde. Zwei Ärzte, der misanthropische docteur Germain (Pierre Fresnay) und der alterszynische docteur Vorzet (Pierre Larquay), wollen Licht ins Dunkel der Affäre tragen. »Mais où est l’ombre? Où est la lumière?« In einer trostlosen Schlußpointe erweist sich, daß die Vernunft selbst das Ungeheuer gebar. Eh bien …
R Henri-Georges Clouzot B Henri-Georges Clouzot, Louis Chavance K Nicolas Hayer M Tony Aubin A Andrej Andrejew S Marguerite Beaugé P René Montis, Raoul Ploquin D Pierre Fresnay, Noël Roquevert, Pierre Larquey, Ginette Leclerc, Sylvie | F | 92 min | 1:1,37 | sw | 28. September 1943
»Une petite ville, ici ou ailleurs …« Die kleine Stadt will schlafen geh’n … aber einer erlaubt es nicht. Die Lichter löschen aus … und »Le corbeau« läßt hunderte von anonymen Briefen über die friedlichen Mitbürger niederregnen. Es sind giftige Botschaften mit gemeinen Inkriminierungen: Ehebruch, Korruption, Drogensucht, Promiskuität, Diebstahl, verbotene Abtreibungen. Unschuldige werden in die Verzweiflung, Verdächtige durch die Gassen, Kranke in den Tod getrieben. Argwohn macht sich breit, jeder verdächtigt jeden, keiner kann sich sicher fühlen. Henri-George Clouzot malt schwarz in schwarz (Kamera: Nicolas Hayer) das Bild einer nur oberflächlich intakten Gesellschaft, einer Gesellschaft, deren Glieder einander nicht mehr über den Weg trauen, weil jeder einzelne sich persönlich (mit Grund) alles zutrauen würde. Zwei Ärzte, der misanthropische docteur Germain (Pierre Fresnay) und der alterszynische docteur Vorzet (Pierre Larquay), wollen Licht ins Dunkel der Affäre tragen. »Mais où est l’ombre? Où est la lumière?« In einer trostlosen Schlußpointe erweist sich, daß die Vernunft selbst das Ungeheuer gebar. Eh bien …
R Henri-Georges Clouzot B Henri-Georges Clouzot, Louis Chavance K Nicolas Hayer M Tony Aubin A Andrej Andrejew S Marguerite Beaugé P René Montis, Raoul Ploquin D Pierre Fresnay, Noël Roquevert, Pierre Larquey, Ginette Leclerc, Sylvie | F | 92 min | 1:1,37 | sw | 28. September 1943
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11.8.43
Heaven Can Wait (Ernst Lubitsch, 1943)
Ein himmlischer Sünder
»I presume your funeral was satisfactory.« – »Well, there was a lot of crying, so I believe everybody had a good time.« Henry Van Cleve (Don Ameche), reich an Geld, an Grillen, an Gelüsten, suchte im Leben immer nur das eine: sein Vergnügen – ein charmanter, unbeschwerter, eskapistischer Bonvivant, der schon als Baby die Damen verrückt machte, der trotz der Ehe mit einer geradezu überirdischen Erscheinung (Gene Tierney als strahlender (Männer-)Traum) nicht von anderen Frauen lassen konnte, der noch als Greis der Faszination von Tanzmäusen erlag … Nach seinem (beschwingten) Tod, das ist ihm klar, fährt er billigermaßen zur Hölle (die aussieht wie das Foyer eines Revuetheaters oder die Vorstandsetage eines Unterhaltungskonzerns); der Teufel (ein spitzbärtiger Weltmann im Frack) lauscht interessiert der Biographie des reizenden Missetäters (112 Minuten Film für 70 Jahre einer federleichten Existenz) und weist ihn freundlich ab: »We don’t cater to your class of people here.« Ernst Lubitsch gibt sich so charmant, so unbeschwert, so eskapistisch wie sein vielgeliebter Held, folgt dem Strom einer schöngefärbten Erinnerung an knallbunt ausgemalte immergute Zeiten: Kino wie ein Walzer von Strauss, wie ein Menuett von Mozart, Kino als galante Technicoloratur ohne moralische, politische, gesellschaftliche Botschaft. Mit »Heaven Can Wait« empfiehlt sich Lubitsch als der freundliche Schöpfer einer besseren (illusionären) Welt: Bei ihm gelangt auch der reiche Mann in den Himmel – das Kamel (in diesem Falle die Kuh ›Mabel‹) muß draußen bleiben.
R Ernst Lubitsch B Samson Raphaelson V László Bús-Fekete K Edward Cronjager M Alfred Newman A James Basevi, Leland Fuller S Dorothy Spencer P Ernst Lubitsch D Don Ameche, Gene Tierney, Charles Coburn, Marjorie Main, Laird Cregar | USA | 112 min | 1:1,37 | f | 11. August 1943
»I presume your funeral was satisfactory.« – »Well, there was a lot of crying, so I believe everybody had a good time.« Henry Van Cleve (Don Ameche), reich an Geld, an Grillen, an Gelüsten, suchte im Leben immer nur das eine: sein Vergnügen – ein charmanter, unbeschwerter, eskapistischer Bonvivant, der schon als Baby die Damen verrückt machte, der trotz der Ehe mit einer geradezu überirdischen Erscheinung (Gene Tierney als strahlender (Männer-)Traum) nicht von anderen Frauen lassen konnte, der noch als Greis der Faszination von Tanzmäusen erlag … Nach seinem (beschwingten) Tod, das ist ihm klar, fährt er billigermaßen zur Hölle (die aussieht wie das Foyer eines Revuetheaters oder die Vorstandsetage eines Unterhaltungskonzerns); der Teufel (ein spitzbärtiger Weltmann im Frack) lauscht interessiert der Biographie des reizenden Missetäters (112 Minuten Film für 70 Jahre einer federleichten Existenz) und weist ihn freundlich ab: »We don’t cater to your class of people here.« Ernst Lubitsch gibt sich so charmant, so unbeschwert, so eskapistisch wie sein vielgeliebter Held, folgt dem Strom einer schöngefärbten Erinnerung an knallbunt ausgemalte immergute Zeiten: Kino wie ein Walzer von Strauss, wie ein Menuett von Mozart, Kino als galante Technicoloratur ohne moralische, politische, gesellschaftliche Botschaft. Mit »Heaven Can Wait« empfiehlt sich Lubitsch als der freundliche Schöpfer einer besseren (illusionären) Welt: Bei ihm gelangt auch der reiche Mann in den Himmel – das Kamel (in diesem Falle die Kuh ›Mabel‹) muß draußen bleiben.
R Ernst Lubitsch B Samson Raphaelson V László Bús-Fekete K Edward Cronjager M Alfred Newman A James Basevi, Leland Fuller S Dorothy Spencer P Ernst Lubitsch D Don Ameche, Gene Tierney, Charles Coburn, Marjorie Main, Laird Cregar | USA | 112 min | 1:1,37 | f | 11. August 1943
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25.6.43
Romanze in Moll (Helmut Käutner, 1943)
Ein Mann kommt spät nach Hause, leicht beschwipst, gut gelaunt, er hat beim Kartenspiel ein hübsches Sümmchen gewonnen. Seine Frau liegt schon im Bett, schläft, tief, sehr tief, sie hat sich vergiftet. Um das Leben der Frau zu retten, um die Ärzte bezahlen zu können, will ihr Mann, ein kleiner Bankangestellter, einige Dinge im Pfandhaus versetzen, wo er erfährt, daß es sich bei ihrem, von ihm für wertlos gehaltenen, Kaufhausschmuck um ein exorbitant teures Perlencollier handelt, erworben beim ersten Juwelier der Stadt … Die schimmernde Kette verbindet vier Personen zu einem delikaten Pariser Belle-Époque-Melodram – im Mittelpunkt: die ätherische, rätselhaft lächelnde Madeleine (Marianne Hoppe); um sie herum: ihr selbstgefällig-kleinkarierter Gemahl (Paul Dahlke), ein charmant-leichtfüßiger Komponist (Ferdinand Marian), dessen Muse und Geliebte sie wird, sowie ein aalglatt-possessiver Lebemann (Siegfried Breuer), der allen (einschließlich sich selber) das Verderben bringt. Helmut Käutner komponiert seine »Romanze in Moll« als wehmütige Kinodichtung zwischen Tag und Träumen, als helldunkles Arrangement voller visueller Nuancen und moralischer Zwischentöne: Über keinen wird der Stab gebrochen, nicht über die ungetreue Liebende, nicht über den blinden Gatten, nicht über den sorglosen Künstler; und noch der Schurke, der die Ehebrecherin erpreßt, wird ernstgenommen als bedauernswertes Opfer seiner zerstörerischen Triebe. Käutners ästhetischer Fatalismus erinnert an Marcel Carné, seine opulente Ironie an Max Ophüls, seine inszenatorische Sensibilität steht für sich und in der deutschen Filmgeschichte ziemlich allein auf weiter Flur. PS: »Haben wir wirklich ein Recht auf Glück?«
R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Willy Clever V Guy de Maupassant K Georg Bruckbauer M Lother Brühne, Werner Eisbrenner A Otto Erdmann, Franz F. Fürst S Anneliese Sponholz P Hermann Grund D Marianne Hoppe, Ferdinand Marian, Paul Dahlke, Siegfried Breuer, Anja Elkoff | D | 100 min | 1:1,37 | sw | 25. Juni 1943
R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Willy Clever V Guy de Maupassant K Georg Bruckbauer M Lother Brühne, Werner Eisbrenner A Otto Erdmann, Franz F. Fürst S Anneliese Sponholz P Hermann Grund D Marianne Hoppe, Ferdinand Marian, Paul Dahlke, Siegfried Breuer, Anja Elkoff | D | 100 min | 1:1,37 | sw | 25. Juni 1943
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Hoppe,
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Tod
The Leopard Man (Jacques Tourneur, 1943)
»Cats are funny, mister. They don’t want to hurt you, but if you scare them they go crazy.« Eine kleine Stadt in New Mexico: ein schwarzer Panther ist entlaufen, Angst geht um, eine junge Frau kommt zu Tode, die Ahnung wächst, daß etwas anderes durch die Straßen schleicht als das blutdürstige Raubtier. Geheimnisvoller Thriller, sachter Horrorfilm, finstere Romanze – nach einem Roman von Cornell Woolrich erzählt Jacques Torneur in kunstvollen Licht- und Schattenspielen von den geheimnisvollen Kräften, die das Leben antreiben wie einen leeren Ball, der auf der Spitze einer Fontäne tanzt. Elegant verknüpft das Drehbuch eine Vielzahl von Episoden und Figuren zu einem tödlichen Schicksalsreigen: eine glücklose Nachtclubsängerin und ihren ehrgeizigen Agenten, einen kreuzbraven Schausteller, eine taktvolle Wahrsagerin, einen nachdenklichen Museumsdirektor, das Mädchen, das von der Mutter ausgeschickt wird, Maismehl zu kaufen, die junge Frau, die auf dem Friedhof ihren heimlichen Verlobten treffen will, die Kastagnettentänzerin, die in der Nacht ihrem Liebhaber zu begegnen glaubt – allesamt Einsame, gebannt, gejagt, getrieben vom wilden Tier im Menschen: »I didn’t want to kill, but I had to.«
R Jacques Tourneur B Ardel Wray V Cornell Woolrich K Robert De Grasse M Roy Webb A Albert S. D'Agostino, Walter E. Keller S Mark Robson P Val Lewton D Dennis O'Keefe, Margo, Jean Brooks, James Bell, Abner Biberman | USA | 66 min | 1:1,37 | sw | 25. Juni 1943
# 1143 | 6. Januar 2019
R Jacques Tourneur B Ardel Wray V Cornell Woolrich K Robert De Grasse M Roy Webb A Albert S. D'Agostino, Walter E. Keller S Mark Robson P Val Lewton D Dennis O'Keefe, Margo, Jean Brooks, James Bell, Abner Biberman | USA | 66 min | 1:1,37 | sw | 25. Juni 1943
# 1143 | 6. Januar 2019
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23.6.43
Les anges du péché (Robert Bresson, 1943)
Das Hohelied der Liebe
Spiritueller film noir (et blanc) – von Robert Bresson dargeboten mit strenger gestalterischer Delikatesse und einem, vor allem gegen Ende des bewegenden Stücks, leise anklingenden Ton katholischer Gefühligkeit: Die junge Anne-Marie (Renée Faure) tritt als Novizin einem Orden bei, der vor allem ehemalige weibliche Strafgefangene in seine Reihen aufnimmt. Durchdrungen von der Mission, gefallene Seelen wiederaufzurichten, konzentriert die bis zum Hochmut und zum Ungehorsam glaubensstarke Schwester ihre ganze Energie auf die abweisende Thérèse (Jany Holt), die, nachdem sie – frisch aus dem Zuchthaus entlassen – einen Rachemord begangen hat, im Konvent nicht Heimat sondern Unterschlupf sucht. Zwar laufen im Hintergrund der Erzählung polizeiliche Ermittlungsarbeiten, aber der wahre suspense entwickelt sich aus der brisanten Beziehung der beiden Frauen, deren geistiger Kampf in einem Opfer und einer Errettung kulminiert … Neben Bressons schnörkelloser Regie und dem (bei aller emotionalen Aufwallung) immer beherrschten Spiel der Darstellerinnen sind es vor allem Philippe Agostinis raffiniert-einfache Licht- und Kameraführung sowie das kühl-poetische Szenenbild von René Renoux, die »Les anges du péché« zur (insbesondere visuell) bemerkenswerten Etüde über Schwarz und Weiß, Sünde und Unschuld, Feindschaft und Liebe, Stolz und Demut, Kloster und Gefängnis machen. PS: »Wenn du das Wort, durch das Gott dich einem anderen verbindet, vernommen hast, sind alle anderen Worte nur ein Echo dieses einzigen.« (Katharina von Siena)
R Robert Bresson B Robert Bresson, Jean Giraudoux K Phillipe Agostini M Jean-Jacques Grunenwald A René Redoux S Yvonne Martin P Roland Tual D Renée Faure, Jany Holt, Sylvie, Mila Parély, Marie-Hélène Dasté | F | 96 min | 1:1,37 | sw | 23. Juni 1943
Spiritueller film noir (et blanc) – von Robert Bresson dargeboten mit strenger gestalterischer Delikatesse und einem, vor allem gegen Ende des bewegenden Stücks, leise anklingenden Ton katholischer Gefühligkeit: Die junge Anne-Marie (Renée Faure) tritt als Novizin einem Orden bei, der vor allem ehemalige weibliche Strafgefangene in seine Reihen aufnimmt. Durchdrungen von der Mission, gefallene Seelen wiederaufzurichten, konzentriert die bis zum Hochmut und zum Ungehorsam glaubensstarke Schwester ihre ganze Energie auf die abweisende Thérèse (Jany Holt), die, nachdem sie – frisch aus dem Zuchthaus entlassen – einen Rachemord begangen hat, im Konvent nicht Heimat sondern Unterschlupf sucht. Zwar laufen im Hintergrund der Erzählung polizeiliche Ermittlungsarbeiten, aber der wahre suspense entwickelt sich aus der brisanten Beziehung der beiden Frauen, deren geistiger Kampf in einem Opfer und einer Errettung kulminiert … Neben Bressons schnörkelloser Regie und dem (bei aller emotionalen Aufwallung) immer beherrschten Spiel der Darstellerinnen sind es vor allem Philippe Agostinis raffiniert-einfache Licht- und Kameraführung sowie das kühl-poetische Szenenbild von René Renoux, die »Les anges du péché« zur (insbesondere visuell) bemerkenswerten Etüde über Schwarz und Weiß, Sünde und Unschuld, Feindschaft und Liebe, Stolz und Demut, Kloster und Gefängnis machen. PS: »Wenn du das Wort, durch das Gott dich einem anderen verbindet, vernommen hast, sind alle anderen Worte nur ein Echo dieses einzigen.« (Katharina von Siena)
R Robert Bresson B Robert Bresson, Jean Giraudoux K Phillipe Agostini M Jean-Jacques Grunenwald A René Redoux S Yvonne Martin P Roland Tual D Renée Faure, Jany Holt, Sylvie, Mila Parély, Marie-Hélène Dasté | F | 96 min | 1:1,37 | sw | 23. Juni 1943
10.6.43
The Life and Death of Colonel Blimp (Michael Powell & Emeric Pressburger, 1943)
Leben und Sterben des Colonel Blimp
»The Life and Death of Colonel Blimp« ist nichts weniger als der Versuch, Präliminarien und Geschichte des Zweiten Dreißigjährigen Krieges herunterzubrechen auf die Erzählung von der tief problematischen, letztlich aber unverbrüchlichen (Männer-)Freundschaft zwischen einem britischen und einem deutschen Offizier. Dreimal begegnen sich Clive Wynne-Candy (naiv-energisch: Roger Livesey) und Theodor Kretschmar-Schuldorff (nobel-elegisch: Adolf Wohlbrück): Im Jahre 1902, kurz nach dem Burenkrieg, verteidigen sie in einem Degenduell stellvertretend die Ehre ihrer Heimatländer; im Ersten Weltkrieg findet sich der Deutsche in britischer Gefangenschaft wieder; im Zweiten Weltkrieg bittet der Deutsche als Exilant um britisches Asyl … »Blimp« verleugnet zu keinem Zeitpunkt die gestalterische Inspiration durch eine Cartoon-Figur: In bisweilen fast schematisch wirkenden Szenerien bewegen sich karikaturhaft zugespitzte Charaktere – der einfach gestrickte, offenherzig-konservative Brite mit dem blindem Vertrauen in fair play und common sense sowie der geschliffene, musisch-soldatische Deutsche, der weiß, daß Ritterlichkeit in Zeiten des totalen Krieges nur mehr eine Illusion ist, daß Respekt vor überkommenen Geboten lebensgefährlich sein kann. Weibliche Wesen haben in diesem tragikomisch-sentimentalen Epos der Desillusion eine eher periphere Bedeutung, erscheinen in erster Linie als Idealbilder (mal resolut, mal durchgeistigt, mal kumpelhaft) – konsequenterweise werden alle drei Frauenrollen von einer einzigen Schauspielerin (Deborah Kerr) verkörpert. Natürlich ist »Blimp« auch und vor allem ein Werk der Propaganda, mit dem Powell (Engländer) und Pressburger (Ungar) – sowie ihr französischer Kameramann, ihr deutscher Bühnenbildner, ihr österreichischer Star – eine Nation von Sportsmännern (und -frauen) davon überzeugen wollen, daß ein Gegner, der die Regeln mißachtet, nicht allein mit gerechter Gesinnung zu schlagen ist; doch bei aller politisch-militärischen Stimmungsmache trifft jener Satz ins Schwarze, den David Thomson ein halbes Jahrhundert später über diesen Film schreiben wird: »In any war we hope to be on the side that made ›Blimp‹.«
R Michael Powell, Emeric Pressburger B Michael Powell, Emeric Pressburger K Georges Périnal M Allan Gray A Alfred Junge S John Seabourne P Michael Powell, Emeric Pressburger D Roger Livesey, Deborah Kerr, Anton Walbrook (= Adolf Wohlbrück), Roland Culver, James McKechnie | UK | 163 min | 1:1,37 | f | 10. Juni 1943
»The Life and Death of Colonel Blimp« ist nichts weniger als der Versuch, Präliminarien und Geschichte des Zweiten Dreißigjährigen Krieges herunterzubrechen auf die Erzählung von der tief problematischen, letztlich aber unverbrüchlichen (Männer-)Freundschaft zwischen einem britischen und einem deutschen Offizier. Dreimal begegnen sich Clive Wynne-Candy (naiv-energisch: Roger Livesey) und Theodor Kretschmar-Schuldorff (nobel-elegisch: Adolf Wohlbrück): Im Jahre 1902, kurz nach dem Burenkrieg, verteidigen sie in einem Degenduell stellvertretend die Ehre ihrer Heimatländer; im Ersten Weltkrieg findet sich der Deutsche in britischer Gefangenschaft wieder; im Zweiten Weltkrieg bittet der Deutsche als Exilant um britisches Asyl … »Blimp« verleugnet zu keinem Zeitpunkt die gestalterische Inspiration durch eine Cartoon-Figur: In bisweilen fast schematisch wirkenden Szenerien bewegen sich karikaturhaft zugespitzte Charaktere – der einfach gestrickte, offenherzig-konservative Brite mit dem blindem Vertrauen in fair play und common sense sowie der geschliffene, musisch-soldatische Deutsche, der weiß, daß Ritterlichkeit in Zeiten des totalen Krieges nur mehr eine Illusion ist, daß Respekt vor überkommenen Geboten lebensgefährlich sein kann. Weibliche Wesen haben in diesem tragikomisch-sentimentalen Epos der Desillusion eine eher periphere Bedeutung, erscheinen in erster Linie als Idealbilder (mal resolut, mal durchgeistigt, mal kumpelhaft) – konsequenterweise werden alle drei Frauenrollen von einer einzigen Schauspielerin (Deborah Kerr) verkörpert. Natürlich ist »Blimp« auch und vor allem ein Werk der Propaganda, mit dem Powell (Engländer) und Pressburger (Ungar) – sowie ihr französischer Kameramann, ihr deutscher Bühnenbildner, ihr österreichischer Star – eine Nation von Sportsmännern (und -frauen) davon überzeugen wollen, daß ein Gegner, der die Regeln mißachtet, nicht allein mit gerechter Gesinnung zu schlagen ist; doch bei aller politisch-militärischen Stimmungsmache trifft jener Satz ins Schwarze, den David Thomson ein halbes Jahrhundert später über diesen Film schreiben wird: »In any war we hope to be on the side that made ›Blimp‹.«
R Michael Powell, Emeric Pressburger B Michael Powell, Emeric Pressburger K Georges Périnal M Allan Gray A Alfred Junge S John Seabourne P Michael Powell, Emeric Pressburger D Roger Livesey, Deborah Kerr, Anton Walbrook (= Adolf Wohlbrück), Roland Culver, James McKechnie | UK | 163 min | 1:1,37 | f | 10. Juni 1943
16.5.43
Ossessione (Luchino Visconti, 1943)
Ossessione – Von Liebe besessen
Unter den Titeln der Ausblick durch die geteilte Frontscheibe eines Lastwagens: vorne die staubige Straße, links der breite Fluß, rechts das platte Land, über allem der nackte Himmel – eine eintönige Gegend, wie geschaffen für ein mörderisches Drama. Der Lastwagen hält an einer Trattoria mit Zapfstelle. Ein Vagabund steigt von der Ladefläche, argwöhnisch beäugt vom Wirt, einem brummigen Dickwanst. In der Küche trifft der Ankömmling auf die junge Gattin des Besitzers, die sich singend die Nägel lackiert, und schon ihr erster Blickwechsel ist ein gegenseitiges Verschlingen, Ausdruck einer Gier, die kommendes Unheil erahnen läßt. Luchino Visconti verlegt für seinen Debütfilm die Handlung von James M. Cains schwarzem Kriminalroman »The Postman Always Rings Twice« aus dem ländlichen Kalifornien der Depressionszeit in die Tristesse der oberitalienischen Poebene. Prekäre soziale Lage und personelle Konstellation – der attraktiv-willensschwache Drifter (Gino: Massimo Girotti), die frustriert-materialistische Frau (Giovanna: Clara Calamai), der begütert-ahnungslose Alte (Giuseppe: Juan da Landa) – gleichen einander, auch folgt der fatale Ablauf der Geschehnisse – leidenschaftliche Affäre, halbherziger Fluchtversuch, berechnender Mord – weitgehend der Vorlage; doch immer wieder bereichern Visconti und seine Koautoren den Plot um präzise Milieustudien – ein Tanzvergnügen im Gasthaus, das Getriebe eines Marktplatzes, ein volkstümlicher Gesangswettbewerb – und lassen eine Figur auftreten, die einen Ausweg aus dem Teufelskreis von Verlangen, Abhängigkeit, Enttäuschung aufzeigt: der »Spanier«, ein Straßenkünstler, der wie Gino am Rande der Gesellschaft lebt, bietet ein Beispiel für Uneigennützigkeit, Solidarität, Kameradschaft, ein Beispiel das allerdings im konkreten Fall den tödlichen Lauf der Dinge nicht aufhalten kann, sondern (günstigenfalls) Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Mario Alicata, Giuseppe De Santis, Gianni Puccini V James M. Cain K Domenico Scala, Aldo Tonti M Giuseppe Rosati A Gino Franzi S Mario Serandrei P Libero Solaroli D Clara Calamai, Massimo Girotti, Juan da Landa, Elio Marcuzzo, Dhia Cristiani | I | 140 min | 1:1,37 | sw | 16. Mai 1943
# 1156 | 19. April 2019
Unter den Titeln der Ausblick durch die geteilte Frontscheibe eines Lastwagens: vorne die staubige Straße, links der breite Fluß, rechts das platte Land, über allem der nackte Himmel – eine eintönige Gegend, wie geschaffen für ein mörderisches Drama. Der Lastwagen hält an einer Trattoria mit Zapfstelle. Ein Vagabund steigt von der Ladefläche, argwöhnisch beäugt vom Wirt, einem brummigen Dickwanst. In der Küche trifft der Ankömmling auf die junge Gattin des Besitzers, die sich singend die Nägel lackiert, und schon ihr erster Blickwechsel ist ein gegenseitiges Verschlingen, Ausdruck einer Gier, die kommendes Unheil erahnen läßt. Luchino Visconti verlegt für seinen Debütfilm die Handlung von James M. Cains schwarzem Kriminalroman »The Postman Always Rings Twice« aus dem ländlichen Kalifornien der Depressionszeit in die Tristesse der oberitalienischen Poebene. Prekäre soziale Lage und personelle Konstellation – der attraktiv-willensschwache Drifter (Gino: Massimo Girotti), die frustriert-materialistische Frau (Giovanna: Clara Calamai), der begütert-ahnungslose Alte (Giuseppe: Juan da Landa) – gleichen einander, auch folgt der fatale Ablauf der Geschehnisse – leidenschaftliche Affäre, halbherziger Fluchtversuch, berechnender Mord – weitgehend der Vorlage; doch immer wieder bereichern Visconti und seine Koautoren den Plot um präzise Milieustudien – ein Tanzvergnügen im Gasthaus, das Getriebe eines Marktplatzes, ein volkstümlicher Gesangswettbewerb – und lassen eine Figur auftreten, die einen Ausweg aus dem Teufelskreis von Verlangen, Abhängigkeit, Enttäuschung aufzeigt: der »Spanier«, ein Straßenkünstler, der wie Gino am Rande der Gesellschaft lebt, bietet ein Beispiel für Uneigennützigkeit, Solidarität, Kameradschaft, ein Beispiel das allerdings im konkreten Fall den tödlichen Lauf der Dinge nicht aufhalten kann, sondern (günstigenfalls) Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Mario Alicata, Giuseppe De Santis, Gianni Puccini V James M. Cain K Domenico Scala, Aldo Tonti M Giuseppe Rosati A Gino Franzi S Mario Serandrei P Libero Solaroli D Clara Calamai, Massimo Girotti, Juan da Landa, Elio Marcuzzo, Dhia Cristiani | I | 140 min | 1:1,37 | sw | 16. Mai 1943
# 1156 | 19. April 2019
30.4.43
I Walked with a Zombie (Jacques Tourneur, 1943)
Ich folgte einem Zombie
»The characters and events depicted in this photoplay are fictional. Any similarity to actual persons, living, dead, or possessed, is purely coincidental.« Von den Schlägen der Voodootrommeln untermaltes, schauerromantisches Familiendrama um Vernunft und Irrationalität, Natur und Dämonen, Liebe und Betrug, Nacht und Wahnsinn: Die vitale Pflegerin Betsy (»I walked with a zombie … sounds strange to say.«) reist auf die westindische Zuckerinsel Saint Sebastian, um die somnambule Frau des unglücklich-reservierten Plantagenbesitzers Paul (»There is no beauty here, only death and decay.«) zu betreuen – und wird mitsamt ihrem scheinbar gesunden Menschenverstand in einen Abgrund von Zauber und Intrige gerissen. Val Lewtons und Jacques Tourneurs dämmrig-schwüler, sinnlich-übersinnlicher Hokuspokus – ein karibischer Trivial-Wiedergänger des Brontë-Romans »Jane Eyre« – beschwört indes nicht nur familiäre Gespenster, sondern läßt in geheimnisvollem Chiaroscuro zudem die Phantome der ins Unterbewußtsein verbannten Geschichte von Ausbeutung und Sklaverei aus dem Dunkel treten. Ta-tam, ta-tam, ta-ta-ta-ta-ta-tam …
R Jacques Tourneur B Curt Siodmak, Ardel Wray K J. Roy Hunt M Roy Webb A Albert S. D’Agostino S Mark Robson P Val Lewton D Tom Conway, Frances Dee, James Ellison, Edith Barrett, Christine Gordon | USA | 69 min | 1:1,37 | sw | 30. April 1943
»The characters and events depicted in this photoplay are fictional. Any similarity to actual persons, living, dead, or possessed, is purely coincidental.« Von den Schlägen der Voodootrommeln untermaltes, schauerromantisches Familiendrama um Vernunft und Irrationalität, Natur und Dämonen, Liebe und Betrug, Nacht und Wahnsinn: Die vitale Pflegerin Betsy (»I walked with a zombie … sounds strange to say.«) reist auf die westindische Zuckerinsel Saint Sebastian, um die somnambule Frau des unglücklich-reservierten Plantagenbesitzers Paul (»There is no beauty here, only death and decay.«) zu betreuen – und wird mitsamt ihrem scheinbar gesunden Menschenverstand in einen Abgrund von Zauber und Intrige gerissen. Val Lewtons und Jacques Tourneurs dämmrig-schwüler, sinnlich-übersinnlicher Hokuspokus – ein karibischer Trivial-Wiedergänger des Brontë-Romans »Jane Eyre« – beschwört indes nicht nur familiäre Gespenster, sondern läßt in geheimnisvollem Chiaroscuro zudem die Phantome der ins Unterbewußtsein verbannten Geschichte von Ausbeutung und Sklaverei aus dem Dunkel treten. Ta-tam, ta-tam, ta-ta-ta-ta-ta-tam …
R Jacques Tourneur B Curt Siodmak, Ardel Wray K J. Roy Hunt M Roy Webb A Albert S. D’Agostino S Mark Robson P Val Lewton D Tom Conway, Frances Dee, James Ellison, Edith Barrett, Christine Gordon | USA | 69 min | 1:1,37 | sw | 30. April 1943
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